Heute ist Montag, der 9.Oktober
2017. Das Wetter lässt sich heute wechselhaft an, jetzt, um 10 Uhr morgens, hat
es 9° Celsius, Wind und Wolken Regenschauer, das Blau am Himmel versteckt sich
grade. Ich habe heute zwei Termine im Kalender, zwei Arztbesuche, um genau zu
sein, und ich will versuchen, bei deren Erledigung so viel Bewegung zu machen,
wie nur möglich. Zunächst steht ein Besuch bei meinem Onkel Doktor an, beim
Gesprächstherapeuten Dr. M. Ohne ihn wäre ich, wie schon gesagt, mental nicht
so stark wie heute, und ich denke, die Latsch-Pause im Sommer war nicht nur der
Hitze geschuldet, sondern auch dem Verarbeitungsprozess, der zum Teil sehr
schmerzlich war, aber unbedingt notwendig. Viele Dinge kommen nun an ihren
Platz, wie bei einem Puzzle, und wie in einem Drama von Ibsen erscheint in der Rückschau
das Schlechte, was mir widerfahren ist, als die nötige Vorbereitung auf das Gute,
das mir gerade jetzt passiert. Es fällt mir ja tatsächlich schwer, mir die
Vergangenheit vorzustellen, ohne die Gegenwart als Entschädigung auffassen zu
müssen. Da kommen jetzt langsam die Dinge wieder ins Lot. Ich nehme das genauso
hin, wie ich die Nachteile hingenommen habe. Ich kann mich nicht besser
ausdrücken. Jedenfalls komme ich langsam mit der Vergangenheit klar. Ich ziehe
mich fertig an, verabschiede mich von meiner Frau und ziehe los.
Ich latsche runter zur
Straßenbahn. Ich habe nicht viel an, kann also ruhig schneller gehen, ohne zu
schwitzen. Ich habe zwar ein Reserve-Shirt mit, aber ich mag es nicht,
verschwitzt unter Menschen zu sitzen, es ist mir wahnsinnig peinlich, obwohl
ich nicht grade nach Schweiß stinke. Dennoch:
Es ist mir peinlich! Jedenfalls ist es mir jetzt Wurst, und steige in die Linie
41. Ich suche mir einen Platz, wo ich alleine sitzen kann. Ich stehe ja eh auf,
falls er von jemand Bedürftigen bedurft wird. Keine Angst.
Das Leid als inneren Schatz
wahrzunehmen, und nicht nur als schmerzlichen Schaden, das wäre mir ohne die
vielen Gespräche mit Dr. M. wohl nicht so eingefallen. Unergründlich, sind die
Wege des Herrn, heißt es, und das will ich gern glauben, denn, so abgeschmackt
das nun klingen mag, ich für meinen Teil habe tatsächlich über das Leid zum
Glauben gefunden, wie fast alle. Ich will aber hinzufügen, für die Ausübung meines
Glaubens, also um zu beten oder Gutes zu tun, brauche ich keine Mittelsmänner
jeglicher Couleur, keine bezahlte Hierarchie, kein Gebäude jedweden Namens.
Zumindest grob neutestamentarisch gesprochen, steht, zumindest in der Theorie,
Christus für das Christentum. Und Christus bedeutet ja schon per Namen christlich.
Das hieß zumindest in der Urzeit des Christentums Vergebung, Mitleid, Nächstenliebe.
Martyrium, wenn nötig. Freilich nur das eigene.
Auch wenn mir schmerzlich bewusst
ist, wie wenig Christliches im Namen Christi geschehen ist, aber das ist ja
schon der Unterschied. Aber salopp gesagt, Gott steht für das Gute. Ich denke,
auch für die anderen Auslegungen Gottes gilt das Prinzip des Guten, das muss ja
nicht unbedingt wie bei uns Vergebung bedeuten, manchmal sogar das Gegenteil. Gott
muss also, um wahr zu sein, zumindest für uns Menschen in viele verschiedene
Rollen schlüpfen, oder, anders gesagt, die Glaubensrichtungen sind ein Streit
um die verschiedenen Aspekte Gottes. Sie heißen eben Allah, Odin, Vishnu oder
Jesus, und sie sind selbstverständlich die Einzigen. Tatsächlich zählen viele
der völlig verschiedenen Häuser Gottes, ob aus Holz, Stein, Ziegel oder Marmor,
zu den schönsten Baudenkmälern der Menschen, sie werden von Millionen Menschen
aus verschiedensten Gründen aufgesucht, verehrt und bewundert, all die wundervollen
Moscheen, Pagoden und Synagogen, die Dome, Tempel und Schreine, bevölkert auch von
Millionen Gläubigen, die überall auf der
Erde vom großen Willen der Menschen kundtun, tiefen Glauben zu haben. Sie
stehen für das Beste im Menschen, und gleichzeitig für das Schlimmste. Das wird
wohl für immer ein Paradoxon bleiben. Oder vielleicht sogar eine unabdingbare
Voraussetzung fürs Mensch-Sein. Und so wie das Leid, werden auch die Liebe und
Hass verteilt, verdient oder verurteilt. Da bleibt auch die Lust nicht fern,
und mit ihr die Seuche. Da fehlt nicht viel mehr.
Ehrentafel, vergilbt
Arbeit und Buße und Strafe. Weisheit
und Narretei. Geburt, Tod. Jugend und Alter. Hier finden sich die gegensätzlichen
Parameter unserer Existenz wieder, ich hoffe, keinen vergessen zu haben. Alles
hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Die Welt ist voller Jammergestalten, traurige
Würste, die keine Ahnung davon haben, wie sie da hin gekommen sind, in den
Saft, worin sie schwimmen. Wie viel haben wir selbst zu verantworten, an unserem
Elend, wie vieles ist uns schuldlos zugefügt worden? Wäre es nicht unserer
Plicht, uns darüber klar zu werden, und damit klar zu kommen, ohne ständig die
Umwelt damit belästigen oder beschuldigen zu müssen? Wie kann es uns mit gutem
Willen gelingen, trotz erlittenen Unrechts selbst nicht unrecht zu handeln? In
der Laudongasse steige ich aus und latsche in die Kochgasse. Heute möchte ich
mit dem Onkel über meine Träume der letzten Zeit sprechen. Ich drücke auf die
Klingel, und mir wird aufgetan.
Einige Zeit später sitze ich friedlich
am Radetzkyplatz auf einer Parkbank, kaue mit Genuss an einem Hühner-Dürum mit
Salat. Kein Zwiebel, keine Chilis, keine Knoblauchsoße. Das Wetter ist einaml
mehr umgeschlagen, die Sonne scheint mir warm ins Gesicht. Ein älterer Mann im
Seidenhemd, die hellblaue Seidenkrawatte sitzt perfekt, stöckelt wie auf Eiern
über das bucklige Pflaster des Platzes an mir vorbei, in Richtung Bankomat, als
wären seine feinen, dünnen Schühchen den Kontakt mit der Außenwelt nicht so
gewohnt. Ich sehe förmlich den dicken Mercedes des Herrn, mit cremefarbener
Innenausstattung aus feinstem weißem Leder, die riesige Villa mit Hightech-Security
und geschultem Personal. Die Dame des Hauses sitzt derweil im Auto mit getönten
Scheiben, sie klammert sich an ihre handgemachte Tasche, und hofft, niemand
möge ans Fenster klopfen. All diese einfachen, ja, armen Menschen, die wecken
bei ihr wohl Erinnerungen an die eigene rurale Vergangenheit. Sie war jung und
brauchte das Geld. Egal. Ich mümmle munter meinen Snack fertig und bedanke mich
im Vorübergehen beim Standler fürs gute Essen. Bei der Kirche am Kolonitzplatz
ist ein Spielplatz für Kinder. Das ganze Areal ist flächendeckend eingezäunt, ja,
sogar eingekäfigt. Die ganzen
pädagogisch so wahnsinnig wertvollen Spielzeuge aus Plastik und Holz und Seil
und Gummireifen und die Kinder hinter Gittern erinnern mich fatal ans Affenhaus
im Wiener Zoo, wo Zwergseidenäffchen, Lemuren und Erdmännchen eine durchaus quirlige
Show bieten. Arme Kinder! Kein bißchen Grün bis auf die braunen Roßkastanien. Dafür
stehen eure Aufsichtspersonen mit brennenden Zigaretten daneben.
In der Lorbeergasse geht es dann
ans Eingemachte. Die Mundhygiene tut richtig weh. Ich versuche ständig, an
etwas anderes zu denken, an Urlaube in Thailand, an kranke alte Hunde, an japanische
Sadisten, vor allem aber denke ich an Charles Bukowski, wie er als Henry
Chinaski den halb kirren Postboten mimt. Ich versuche mir seinen Zahnstatus
vorzustellen, und ob Hank wohl jemals zur Mundhygiene gegangen war, und was er
wohl von einer solchen Situation hielte, wo einem eine Kaugummi kauende
50jährige mit spitzem Spezialmundwerk in Zahnfleisch und Zähnen rumstochert, daß
es nur so quietscht und Blut fließt, die aber nicht mal nach Frau riecht. So
ein verflucht intimer Moment, aber alles tut weh. Schade, aber sie hat keinen kalten
Schnaps zum Ausspülen.
Stattdessen muss ich mit einem
warm-salzigen Gschloder das Blut aus dem Mund spucken, aber es platscht
ordentlich was daneben, auf den schönen weißen Boden, wo es geronnen zu zartem Zinnober
bittere Klage erhebt. Dabei bieten die im Warteraum doch tatsächlich Sekt im
Kühler an. Und jetzt warmes Wasser? Na, danke! Aber es hilft nix, und jetzt ist
der Oberkiefer dran. Die gute Zahnfee nimmt mich wieder in den Schwitzkasten. Der
Gedanke an Henri Chinaski wirkt, ich schaffe es, kaum zu wimmern. Das entlockt
der guten Frau ein "Sehr tapfer!", immerhin. Ich nicke. Irgendwann
ist es vorbei. Ich zahle brav meine Rechnung und mach mich auf den Heimweg. Am
liebsten würde ich in der nächsten Eckkneipe ein eiskaltes Bier zischen, aber
ich darf ja eine Stunde lang nichts trinken. Hank lacht mich aus, ich weiß.
Aber er ist ja nicht in diesem Folterstuhl gesessen. Ich schon. Ich will nicht
riskieren, daß alles umsonst war. Tut mir leid Hank, auch wenn es mich schon reizt.
Ich gebe es ja zu.
Die Straßenbahnen am Schwedenplatz
und am Schottentor sind sämtlich gesteckt voll, und es dauert schier ewig, ehe
ich endlich in der Herbeckstraße aus dem 40er steige. Zunächst frage ich in der
syrischen Änderungsschneiderei beim netten Herrn mit Schnurrbart nach, was der Austausch von Reißverschlüssen
kostet. Der Schneider nickt freundlich und rechnet seufzend nach. Er hockt über einer
altmodischen Singer-Nähmaschine, sein alter Vater sitzt bei ihm in der Werkstatt.
Sie sitzen auf alten Kaffeehausstühlen und unterhalten sich bei rötlichem Tee auf Arabisch, inmitten von Bergen aus Klamotten, Garn, Nähzeug,
Nadeln und Kleiderbügeln wie in einer
Basar-Szene aus Aleppo.
Hundert Euro für zwei Stück Reißverschluss, plus eine
angerissene Innentasche wieder annähen, einen Dreißiger mehr. Ohne Putzerei. Ganz schön happig. Ich
sage ihm, ich müsse mir das noch überlegen. Ich möchte mir noch ein bißchen die
Beine vertreten und gehe die Straße rauf. Ich liebe diesen Abschnitt der Bim, wo
sie sich im Schritttempo wie die Grazer Märchengrottenbahn in drei engen Halbkurven
um die Ecken schlängeln muss, ehe sie bei der Endstation ankommt. Dann biege ich
rechts in die Eckpergasse ein, die in diesem Abschnitt übrigens genau 250
Schritte lang ist. Ich mache dann noch einen kleinen Umweg über die Pianisten-Gasse
und die Spitzergasse, ehe ich daheim bin. 6000 Schritte heute, immerhin.


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