DIE ALTE FRAU UND DIE BOMBE
Ein Ammenmärchen, völlig aus der
Luft gegriffen
Sie legte die
öffentlichen Geschmacksnerven mit einem Skalpell frei. Dann half sie dem Herrn
Professor, sich die Oberschenkelarterien frei zu präparieren. Als sich der alte
kranke Arzt dann beide Blutbahnen durchtrennte, war sie bald unendlich
geschockt, vom Gesichtsausdruck des Medikus, als der beobachtete, wie das Leben
ihm da aus dem Körper spritzte. Nach ein paar Minuten begann er, so komisch und laut zu sagen:
„Ich muss jetzt
sterben. Ich kann es nicht mehr hinausschieben. Aber ich habe solch
schreckliche Angst, dass es drüben immer
so weitergeht!“
JAERERSCHRIEESSCHONFASTRAUSSOLAUTWARERUNDVOLLERTODESPANIK,da musste sie ihm einfach eine dicke
Morphium-Dosis verpassen: Die dafür sorgte, dass der Prof. es sich nicht noch anders überlegen konnte. Aber die ganze
Sache landete ohnehin bei den völlig klaren Fällen, da musste sich die Frau gar
nicht darum kümmern, ob irgendjemand bei der Polizei oder den Versicherungen weiter
grub oder nicht. Der Professor war tot und aus. Er hatte es selbst so gewollt.
Sie hatte es ihm ja so gegönnt,
endlich zu sterben, dem charismatischen Herrn, mit seinen starken Händen, den graumelierten
Schläfen und stahlblauen Augen, ein Mann, von dem alle sagten, er sehe ja eigentlich
viel jünger aus als seine vertrocknete Sekretärin, tja, jede andere Überlegung
war danach überflüssig geworden. Als sie aber dann sah, wie entsetzlich sein
Inneres war, wie lächerlich er aussah, halbnackt, mit heruntergelassenen Hosen,
aber dennoch korrekt im schneeweißen Labor-Mantel. Krawatte um, ein schönes,
gestärktes Hemd, maßgeschneidert, natürlich, aber diese aufgeklappten
Hautfalten, mit den entsprechenden Gewebsschichten, Fett, Flachsen, das war,
wie sollte sie sagen, doch ein wenig zu
penetrant, in seiner ganzen pubertären Pracht. Könnte er sich nicht einen
halben Liter länger bei ihr aufhalten, das ging ja so schnell, mit dem
Auslaufen. Na, das muss ja eine Kurzschlusshandlung gewesen, Herr Professor!
Allein, was die Operationen am Oberschenkel gedauert haben! Denn das ging ja
bei ihm Null-Komma-Nichts, da bekamen die Kollegen Ohrensausen. Sie wusste das
alles ganz genau, war dreißig Jahre lang
seine Privatsekretärin gewesen. Dreißig Jahre lang hatte es keinerlei
Intimitäten unstatthafter Art von Seiten des Professors gegeben. Ebenso lang
sorgte sie dafür, dass auch Prof. Wildmann alleine blieb, der Name ist
natürlich geändert, klar, wegen der Wirkung auf ein breiteres Publikum, dem durch
eine kurze Zeitungsnotiz das Grauen auf den Tisch gekommen war, zwischen Erdebeermarmelade
und Edelsalami, aber erst Montag in
der Früh.
Der Herr Professor
war ja schließlich nur mit seiner ARBEIT verheiratet
gewesen, das wusste jeder. Da dem Gentleman, der zu vornehm gewesen war, diesen
Vampir zur Hölle zu schicken, etc. etc. Da war keine Zeit für irgendein
Privatleben geblieben, nicht einmal die Zeit, um aber alle bewunderten die
aufopferungswillige Frau, die in unverbrüchlicher Treue mit ihrem Fixstern
gemeinsam alterte. Wenn er doch
wenigstens nicht so unglücklich gewesen wäre, dabei! Immer arbeiten, immer
allein. Sogar im AUSLAND hatte er sie gebraucht, ohne je zu fragen, welches
Recht er da eigentlich verlangte. Haha! Das war die öffentliche Meinung
gewesen, alle mussten die geschockte Lady unterstützen und im Fonds kam da ganz
schön was zusammen. Selbstverständlich waren sie gerne dazu bereit gewesen, dass
die Sekretärin die Unterlagen mitnehmen durfte, um sie der Nachwelt zu
erhalten. (Es war dann eine chinesische Militärfirma, die sich bereit dazu
erklärte, in Peking die Internationale Gunnar Wildmann-Stiftung einzurichten,
die lediglich Chinesen zugänglich war. Was zuviel ist, ist zuviel.)
Die Beine des
Professors hatten am Schluss ausgesehen wie Selleriestangen, aus denen nasse
rote Spaghetti raushingen. Das Blut war von einer kirschartigen Farbintensität,
ja, passte geschmacklich ganz wundervoll zum Neonlicht und den Labor-Kacheln, so
blendend weiß und glänzend schwarz. Ja, es war doch ein schönes Bild geworden,
das sie mit ihrer Kamera eingefangen hatte, und viele weitere gute Bilder waren
gefolgt, aber diese Schätze teilte sie mit niemandem, solange sie noch leben
würde.
Die alte Frau kam
ganz gut zurecht, nachdem sie das alles verdaut hatte. Sie lebte nicht schlecht
von den Wissens-Erträgen vier langer Jahrzehnte selbstloser Arbeit. Niemals
hatte sie sich selbst geschont, niemals darauf bestanden, auch einmal früher
heim zu gehen, oder mal ins Kino, oder auch mal allein ausgehen, nein, der blöde
Arzt musste ja forschen, forschen, forschen.
MÄNNER! seufzte sie
da, drückte den Henkel des kleinen schwarzen Koffers fester. Keine fünf Minuten
noch war es her, da hatte sie noch ein letztes Mal vor dem Spiegel gestanden, sich
die Haare zurecht gemacht, dezente Schminke angelegt, schwarze Schuhe, ein
netter Tailleur, der ihrem rüstigen Alter durchaus entsprach, ein kleines
deutsches Hütchen auf den Haaren, streng aber hart, mit dünnen, schwarzen
Handschuhen aus Schweinsleder.
„Diese Idioten! Ich
sehe doch viel schöner als er!“.
Nun würde sie es
ihnen allen zeigen! Jetzt war Schluss, mit lustig!
Die Journalisten
die Pressefritzen die Schmierfinken hatten noch viel blödere Fragen gestellt,
als die Bullen, was ja ein echtes Armutszeugnis war. Na, jedenfalls hatte sie
dann von den Chinesen tatsächlich ihr Geld kassiert, wenn auch die fünf
Anwälte, die sie zwischen sich und ihre Geschäftspartner geschoben hatte, um
sich durch die Abgabe von Teilinformationen abzusichern, fast die Dreiviertel
der Summe schluckten. Aber, sie war frei in der Lage, ihren alten PLAN nun zu
verwirklichen. Damals, nach dem Krieg, da hatte sie sich durch
Schwarzmarktgeschäfte mit Margarine und Kohlenstaub vor dem Verhungern retten
können. Sie war... (lächelte die alte Dame da etwa? Ein Vorbeifahrender oder
Vorübergehender hätte es nicht sagen können, war das ein Schmunzeln, oder sich
ekeln?) so entschlossen gewesen.
Das Taxi kam endlich
um die Ecke gebogen, und rollte langsam auf Esther Glibierner zu. Als der Fahrer ausstieg, um die
Heckklappe zum Kofferraum zu öffnen, herrschte sie ihn an:
“Den Koffer gebe ich nicht aus der Hand!“
“Den Koffer gebe ich nicht aus der Hand!“
Der Taxler, er kam
aus dem Iran, ein freundlich wirkender Kerl, gut rasiert, nettes Jeans-Outfit,
Technik-Student vermutlich, der sich neben den Seminaren noch ein Taschengeld
dazuverdienen will, zuckte mit den Schultern. Offensichtlich war er alte
Piefke-Weiber gewöhnt, die bei seinem Anblick dachten, er könne sie mitten auf
der Zubringerstrasse aus dem Wagen stoßen, um mit ihrem kostbaren Gepäck
abzuhauen:
“Wie Sie wünschen!“.
Er stieg in den
Wagen.
„Wollen Sie zum
Flughafen?“
„Ja! Zur dritten Schalterhalle!“
Sie hatte es ja immerhin
zugelassen, dass ein Ausländer (merkwürdig,
der stank ja gar nicht, wie sie immer gedacht hatte) sie chauffierte.
Oder waren die Anderen
etwa bloß ganz andere Ausländer
gewesen? Egal. Der Professor war ja auch Österreicher, eigentlich! Vorsichtshalber
schnauzte sie den Taxifahrer an:
„Und halten Sie
sich bitte an die Verkehrsregeln! Ich will keine Schwierigkeiten! Ich muss
pünktlich meinen Flug erreichen!“
Was sollte das
schon wieder heißen? War die auf Tabletten, oder was, wunderte sich der
charmante Chauffeur. Und diesmal gab der junge Mann keine Antwort mehr nach
hinten. Er fuhr die Trennscheibe hoch und ließ den Motor an. Esther fühlte sich
ganz wohl, da hinten, abgetrennt von der Welt, hinter violett getönten
Scheiben, der weiße Stoffbezug der Sitzpolster war sogar noch wirklich weiß. Ein schöner, glänzender Quader war
das, schallsicher, die Strecke verging draußen, hier drin war sie sicher, und
warm, fast hätte sie sich gewünscht, die Fahrt möge doch ewig so weitergehen,
diese summende Stille, dieses Streifen an spürbarer Geschwindigkeit, die beinahe
durch das Metall drang, die Absolute Nähe zu schnell drehenden Reifen. Das wäre
ganz sicher, hatte ihr die Angestellte der Taxi-Gesellschaft am Telefon versprochen,
da könne nichts passieren, während sie mit ihrem Kugelschreiber lauter kleine
blaue Blitze und Pfeile auf ein Blatt Papier kritzelte, das mit winzigen Hieroglyphen
bereits großflächig bedeckt war. Glibirner am anderen Ende der Strippe,
jeglicher Empathie fremd, konnte nicht wissen, dass dem Mädchen nur deswegen so
langweilig war, weil es keinen Liebeskummer
hatte, ließ aber an ihrem Ton eisiger Pflichterinnerung erkennen, wer welchen Platz
im Universum einnahm.
„Ich will das schriftlich.“
Sie waren oft genug
dienstlich zum Flughafen chauffiert worden, von der Taxigesellschaft, da konnte
sie ein wenig Respekt, wenn nicht gar VIP-
Service verlangen. Schließlich hatte das ja immer alles der liebe Herr PROFESSOR
gezahlt! Esther verfolgte die Sache nicht länger im Geiste. Sie waren langsamer
geworden, jetzt bremste der Wagen, sachtem kamen sie zum Stillstand. Der Fahrer
stieg aus, kam ums Auto herum, öffnete der Dame die Türe, Manieren hatte er ja,
der dunkle Kerl, fand sie. Eigentlich fand sie ihn ja ganz niedlich, mit seiner
dicken, schwarzen, altmodischen Brille. Da sie den Fahrpreis auswendig kannte,
wartete sie erst gar nicht ab, ob er was sagte. Sie streckte ihm ein paar
Geldscheine hin:
„Stimmt so!“
„Vielen Dank“,
antwortete der Fahrer. „Und guten Flug!“
Diese dicken
schwarzen Haare erst! Esther lächelte, aber es blieb beim kläglichen Versuch:
“Ich fliege nämlich nach Amerika!“
“Ich fliege nämlich nach Amerika!“
Sie drehte sich um,
ging durch die automatische Schiebetür, die lautlos vor ihr auseinander glitt
wie ein Rotes Meer aus Plexiglas. Ihre Schritte führten sie quer über die
imposante Eingangshalle zu einer Damentoilette, in der Nähe des Express-Schalters
ihrer Airline. Wenn sie wollte, konnte sie ja wie eine resche Version von Miss
Marple durchgehen. Am Körper war noch nie kontrolliert worden, stets war sie
mit dem Professor und unter dem Schutz seines Quasi-Diplomaten-Status auf
Wegen, die nicht jedem zugänglich waren, direkt zum Flugzeug gebracht worden.
Ja, der Name des Professors wog noch Einiges, in dieser Welt. Schwerer
jedenfalls, als die achtundzwanzig flachen, rechteckigen Päckchen, die in
Schlaufen steckten und die zusätzlich alle fein säuberlich in Plastikfolie
eingewickelt waren. Sie stellte den Koffer auf das blinkende Chromgestell, das
wie eine Wartebank für Pygmäen in halber Höhe des Oberschenkels unter den
Waschbecken hindurch lief und eigentlich genau dafür gedacht war. Sie zog sich
sachte die Handschuhe aus. Ihre gepflegten Hände zitterten nicht ein bisschen,
als sie unter den Wasserhahn gehalten wurden. Der Strahl war perfekt
temperiert, von Photozellen klinisch unpersönlich ausgelöst worden, und für
eine bestimmte Zeit bemessen. Mit einem Klack hörte das Rauschen auf,
vergurgelte im Abflussrohr. Es war fast schon wie im Flugzeug. Esther blickte
in den Spiegel, nickte sich zu. Sogar die Heißluftdüse im Händetrockner wurde durch
Lichtreflexe ausgelöst. Das Wasser verdunstete schnell auf ihrer Haut. Sie zog
sich die Handschuhe wieder an. Sie nahm den Koffer, ging in die nächste Kabine
und schloss hinter sich ab. Der Klodeckel war schon zu, glücklicherweise musste
sie ihn nicht anfassen. Rasch öffnete sie ihren Mantel, schlüpfte heraus, hing
ihn an den Kleiderhaken, dessen drei Stummel von der Toilettentür in die Kabine
hineinragten. Es folgten die Jacke, ihr luftig geschnittenes, hellblaues Hemd
und ein Ruderleibchen. Sie schloss sie die beiden Miniaturschlösser auf, die
ihrerseits ein Kettchen sicherten und machte endlich den Koffer auf. Unter
einer harmlosen Schicht Damenwäsche lagen die Päckchen. Esther griff noch
einmal in den Koffer, und holte eine Art Leibriemen oder Anschnallweste heraus,
die sie selbst umgenäht hatte. Auf der Innenseite waren achtundzwanzig relativgroße
Schlaufen befestigt. Sie schob je ein Päckchen in die Schlaufen, stellte
sicher, dass alles richtig saß, und schnallte sich das ganze Ding um und
schnürte es sich so eng als möglich an den Körper. Anschließend zog sie das Hemd
drüber, welches nun nicht mehr ganz so lose vom Leibe abflatterte, faltete
dafür ihr elegantes Jackett zusammen, stopfte es in die Reisetasche. Als diese
Vorbereitungen klaglos abgelaufen waren, zog Esther unter der übrigen Wäsche
eine schreckliche, extrem geschmacklose und unförmig geschnittene Damenjacke
hervor, absurd geblümt und extra bauschig. Sie zog es an und schauderte.
„So ein arme- alte-
Leute- Zeug!“
Immerhin verdeckte
es ihre Volumenzunahme. Sie machte den Koffer zu, legte Kettchen und Schlösser in
eine Muschel aus rosa Klopapier, machte ein kleines Paket draus, ließ es in die
Muschel fallen und spülte nach. Sie vergewisserte sich, dass es zu keiner
Verstopfung der Toilette kam und trat aus der Toilette. An der Tür hing ein
Putzplan, auf dem durch unleserliche Paraphen vermerkt war, welche der vielen
abwechselnden Reinigungskräfte, die zu jeder vollen Stunde mit Fleiß, großem
Ehrgeiz und voller Freude für die sehr geschätzten Kunden die Räumlichkeit
betreuten, grade Dienst geschoben hatte. Glibirner konnte es nicht unterlassen,
nach den letzten Eintrag zu sehen, und ihn auf ihre Uhr zu sehen.
„Das ist aber
jemand spät dran! Tja!“
Sie verließ die
Toilette und bewegte sich zum Schalter, wo sie den Koffer mit einem resoluten
Geräusch auf der Gepäckablage der Ersten Klasse ab. Sie sagte in herrischem
Ton:
„Ich bin die
Privatsekretärin von Professor Wildmann und werde morgen in Orlando auf einer
Ehrenveranstaltung eine Laudatio auf ihn halten. Die Tickets sind auf den Namen
Glibirner reserviert.“
Das Fräulein in
Uniform blickte ehrfurchtsvoll zur alten Frau hoch.
Die
Privat-Sekretärin vom berühmten Professor!
Wenn sie das erst
ihren Kolleginnen erzählte! In der Tat erzählte dann am nächsten Abend ein Mann
seiner Frau, wie die Freundin eines Arbeitskollegen der Sekretärin eines
prominenten Selbstmörders Tickets ausgehändigt hatte, ein letzter, ersterbender
Rest an Einfluss hatte seine Schuldigkeit getan. Zaghaft streckte sich ein
schmales Gutscheinheft der Alten entgegen:
„Es tut mir ja so Leid um den Professor!“
„Eine Tragödie,
mein Kind, eine Tragödie!“
Das
Luftfahrtsmädchen kuckte Esther mit großen Augen an, nahm den Hörer des
Tischtelefons ab, der vor ihr stand, tippte ein paar schnelle Zahlen. Esther
konnte es schnurren hören. Beim vierten oder fünften Signal hob am anderen Ende
jemand ab. Die Hostess sprach ganz
mitfühlend ihren Namen und die Nummer ihres Schalters in die Muschel, wartete
die einsilbige Antwort ab, gab ihren dienstlichen Meldungs-Code durch und legte
auf.
“Sie werden in einer Minute abgeholt, Frau Glibirner. Es ist uns immer eine Freude, Ihnen behilflich zu sein. Angenehme Reise.“
“Sie werden in einer Minute abgeholt, Frau Glibirner. Es ist uns immer eine Freude, Ihnen behilflich zu sein. Angenehme Reise.“
Esther schnarrte
ein halbherziges „Danke.
Sie drehte sich
abrupt um. Bald darauf tauchte eine Art Golfwägelchen mit vier überdachten Plätzen
auf, das von einem sehr dicken Mann chauffiert wurde. Er hatte eine
zerknitterte graue Uniform an, sein nachlässig gebundener Schlips stand in
einem eigenartigen Winkel von der dritten Fettfalte seines enormen Bauches ab,
und seiner linken Hüfte versuchte ein fransig wirkender Schlüsselbund Autorität
zu vermitteln.
Der Angestellte
wuchtete sich aus dem Kart hoch.
„Ich sollse durch
de Kontrolln lotsen. Steigense hinten ein.“
Angeekelt nahm
Esther Platz, sehnte das Ende dieser ganzen Qual ärgerlich herbei.
Sie tuckerten
davon.
Am Kontrollpunkt
angelangt öffnete ein Uniformierter extra die Doppeltüre, um sie durchzulassen.
Der Dicke nahm den Koffer an sich,
stapfte zu den Zöllnern und sagte:
„ Iss’n Vip.
Handgepäck, sonst nix. Tickets sin okay.“
Der Zöllner nahm
den Koffer wortlos an sich, ließ ihn durch den Röntgen-Apparat laufen. Sein
Kollege blickte flüchtig auf den Schirm, sah die Unrisse von allen möglichen
Sachen, Reißverschlüsse, Kugelschreiber, eine Zahnbürste, Kosmetikartikel, ein
paar Klamotten. Nichts Besonderes. Er nickte. Sein Kollege nahm Esthers Koffer
an sich, drückte ihn zurück in die Patschhände des Dicken und sagte:
„Frau Glibirner ist uns bestens bekannt, Sie
können zum Abflugschalter fahren.“
Der Dicke murmelte
ein Dankeswort, schlurfte zum Wägelchen zurück und ließ es an. Der erste
Zöllner winkte sie mit der Grandezza eines römischen Parkplatzwächters
hindurch. Er salutierte sogar, als Esther in Augenhöhe an ihm vorüberrollte.
Die Flügel der Türe wurden hinter ihnen geräuschvoll verriegelt.
Es hatte geklappt.
In der Lounge
setzte sie sich an die Bar und bestellte einen Amaretto auf Eis. Unter dem
schreiend geschmacklosen Sakko konnte sie den Gurt fühlen. Das beruhigte, gab
ihr Sicherheit, ein starkes Gefühl. Jetzt konnte sie es sich leisten,
freundlich zu sein. Das Getränk ziemte ihr und schmeckte vorzüglich. Sie ließ
bald den nächsten kommen.
Eine halbe Stunde
später betrat sie leicht beschickert die Erste Klasse des Jumbojets. Sie fand
ihren Platz, verstaute den Handkoffer in der Gepäckablage und setzte sich. Nun
wirkte sie doch ein wenig nervös, aber sie beherrschte sich und lauschte dem
Stück von Franz Liszt, das über die Bordlautsprecher kam, blätterte ziellos
durch das Magazin, das ohne Knicke auf ihrem Sitz gelegen hatte. Die hinteren
Klassen des Flugzeugs füllten sich langsam, doch Esther achtete nicht weiter
auf die übrigen Fluggäste. Sie ließ sich von der Stewardess ein Glas Wasser
bringen, nahm unbemerkt eine halbe Schlaftablette zu sich, machte es sich
gemütlich und nickte kurz darauf ein.
Als sie wieder aufwachte,
war es finster und das Flugzeug mitten über dem Atlantik. Eine Blutwelle schoss
zu Esthers Herz, als sie realisierte, wo sie sich befand. Reflexartig tastete sie
ihre Leibesmitte ab, voller Vorangst … und da, ja! Immer noch waren die
Päckchen an ihren Leib geschmiegt. Nun konnte niemand sie mehr aufhalten! Sie
schüttelte den chemisch induzierten Schlaf langsam ab. Im Grunde war sie unter
der Schlappheit voller Vorfreude. Schließlich riss sie sich zusammen und
stakste auf die Toilette. Sie zerrte sich das hässliche Sakko vom Leibe,
knöpfte das Hemd auf und löste den Schlaufengurt. Mit zittrigen Fingern zuppelte
sie eines der kleinen Pakete aus der Schlinge, fetzte die dünne Kunststoffhülle
ab. Dann endlich sah sie das, wofür ihr Herz geschlagen hatte:
„GELD! GANZ VIEL GELD!“
Wahrlich, sie hatte
eine Million Euro in ihren Händen, war unterwegs nach Florida, ins deutsche
Rentnerparadies, wo sie unauffällig unter all den anderen blau und lila getönten
begüterten Witwen leben würde, reich bis an ihr, hoffentlich fernes, Ende.
Sie hüpfte ein
wenig in der beengten Kabine auf und ab, ganz das kleine Mädchen, das in der
Weimarer Zeit mit Hunger und Unsicherheit als Geschwisterchen aufwuchs.
„Ich habe mir das
alles verdient, nicht wahr, Mama?!“
Ihre Mutter konnte
keine Antwort geben, hätte aber die Skrupellosigkeit ihres alten Töchterchens
gutgeheißen. Hatte sie selbst nicht den alten Herrn Rosenthau an die Gestapo verraten,
um die herrliche Vierzimmerwohnung zu kriegen?
Alles war da,
niemand hatte sie bestohlen. Beglückt stopfte sich Esther knisternden Banknoten
in die Hosentaschen, schlang den Gürtel um ihre Hüften und zurrte ihn fest.
Diesmal aber ließ sie ihr Hemd bloß darüber hängen, stopfte das verhasste
Jackett in den Mülleimer. Hier im Halbdunkel des Jets würde ohnehin keiner auf
sie achten.
Sie verließ das Klo
und stolzierte zu ihrem weich gepolsterten Sitz zurück. Esther kostete ihren
Triumph aus. Sie bestellte sich Champagner und Lachsbrötchen, aß, trank nach
Herzenslust, wurde sogar gegen ihr Naturell jovial mit den Stewardessen, wie ein
reicher Genesender mit der Krankenschwester scherzt, die seine Bettpfanne
leert. Der Rest würde ohnehin bald verblassen.
Mutig geworden,
prostete sie sogar einem fremdländisch aussehenden Herrn zu, der zwei
Sitzreihen rechts von ihr saß. Ein fescher Mann. So elegant, und so jung! Auch
er hielt einen kleinen schwarzen Koffer in den Händen. Auch er wirkte völlig
gelöst und heiter, als habe er eine ähnlich glänzende Zukunft vor sich wie
Esther Glibirner. Da, er lächelte zurück, winkte sogar Esther zu. Wollte der
gar am Ende...? Kühn kippte sie den letzten Schluck Schampus aus. Schüttelte
ihr Haar, lächelte und trippelte zu ihm hin. Der Mann tätschelte in einer
einladenden Manier den Sitz neben sich. Esther nahm neben ihm Platz.
„Lieben Sie Amerika
auch so wie ich?“ fragte sie schelmisch.
„OH JA!“, sagte der Mann in einem gutturalen
Deutsch. „UND WIE!“.
Er legte den Koffer
auf seine Knie.
„Kucken Sie doch
mal!“
Die kleinen
Messingschlösser an Koffer schnappten auf, und er klappte den Deckel hoch.
Neugierig beugte sich Esther darüber.
Sie sah nichts als einen
Knopf, zwei Wecker, Drähte, Kupferspulen, Batterien und einen sehr großen Klumpen
Plastilin. Eine eigenartige Information wollte in ihr Hirn dringen, die
Konsequenz verirrte sich aber irgendwo im Niemandsland des Aufwachens.
„Ist das etwa…“
Der fesche junge
Mann nickte enthusiastisch und sagte:
„JA! Eine Bombe!“
Und er drückte auf den
Knopf.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen