Der Gemeine Katzenpanda

Samstag

Nummer 456



DIE  ALTE FRAU UND DIE BOMBE


Ein Ammenmärchen, völlig aus der Luft gegriffen




Sie legte die öffentlichen Geschmacksnerven mit einem Skalpell frei. Dann half sie dem Herrn Professor, sich die Oberschenkelarterien frei zu präparieren. Als sich der alte kranke Arzt dann beide Blutbahnen durchtrennte, war sie bald unendlich geschockt, vom Gesichtsausdruck des Medikus, als der beobachtete, wie das Leben ihm da aus dem Körper spritzte. Nach ein paar Minuten begann er, so komisch und laut zu sagen:
„Ich muss jetzt sterben. Ich kann es nicht mehr hinausschieben. Aber ich habe solch schreckliche Angst, dass es drüben immer so weitergeht!“
                                                                                              JAERERSCHRIEESSCHONFASTRAUSSOLAUTWARERUNDVOLLERTODESPANIK,da musste sie ihm einfach eine dicke Morphium-Dosis verpassen: Die dafür sorgte, dass der Prof. es sich nicht noch anders überlegen konnte. Aber die ganze Sache landete ohnehin bei den völlig klaren Fällen, da musste sich die Frau gar nicht darum kümmern, ob irgendjemand bei der Polizei oder den Versicherungen weiter grub oder nicht. Der Professor war tot und aus. Er hatte es selbst so gewollt. Sie hatte es ihm ja so gegönnt, endlich zu sterben, dem charismatischen Herrn, mit seinen starken Händen, den graumelierten Schläfen und stahlblauen Augen, ein Mann, von dem alle sagten, er sehe ja eigentlich viel jünger aus als seine vertrocknete Sekretärin, tja, jede andere Überlegung war danach überflüssig geworden. Als sie aber dann sah, wie entsetzlich sein Inneres war, wie lächerlich er aussah, halbnackt, mit heruntergelassenen Hosen, aber dennoch korrekt im schneeweißen Labor-Mantel. Krawatte um, ein schönes, gestärktes Hemd, maßgeschneidert, natürlich, aber diese aufgeklappten Hautfalten, mit den entsprechenden Gewebsschichten, Fett, Flachsen, das war, wie sollte sie sagen, doch ein wenig zu penetrant, in seiner ganzen pubertären Pracht. Könnte er sich nicht einen halben Liter länger bei ihr aufhalten, das ging ja so schnell, mit dem Auslaufen. Na, das muss ja eine Kurzschlusshandlung gewesen, Herr Professor! Allein, was die Operationen am Oberschenkel gedauert haben! Denn das ging ja bei ihm Null-Komma-Nichts, da bekamen die Kollegen Ohrensausen. Sie wusste das alles ganz genau,  war dreißig Jahre lang seine Privatsekretärin gewesen. Dreißig Jahre lang hatte es keinerlei Intimitäten unstatthafter Art von Seiten des Professors gegeben. Ebenso lang sorgte sie dafür, dass auch Prof. Wildmann alleine blieb, der Name ist natürlich geändert, klar, wegen der Wirkung auf ein breiteres Publikum, dem durch eine kurze Zeitungsnotiz das Grauen auf den Tisch gekommen war, zwischen Erdebeermarmelade und Edelsalami, aber erst Montag in der Früh.

Der Herr Professor war ja schließlich nur mit seiner ARBEIT verheiratet gewesen, das wusste jeder. Da dem Gentleman, der zu vornehm gewesen war, diesen Vampir zur Hölle zu schicken, etc. etc. Da war keine Zeit für irgendein Privatleben geblieben, nicht einmal die Zeit, um aber alle bewunderten die aufopferungswillige Frau, die in unverbrüchlicher Treue mit ihrem Fixstern gemeinsam alterte. Wenn er doch wenigstens nicht so unglücklich gewesen wäre, dabei! Immer arbeiten, immer allein. Sogar im AUSLAND hatte er sie gebraucht, ohne je zu fragen, welches Recht er da eigentlich verlangte. Haha! Das war die öffentliche Meinung gewesen, alle mussten die geschockte Lady unterstützen und im Fonds kam da ganz schön was zusammen. Selbstverständlich waren sie gerne dazu bereit gewesen, dass die Sekretärin die Unterlagen mitnehmen durfte, um sie der Nachwelt zu erhalten. (Es war dann eine chinesische Militärfirma, die sich bereit dazu erklärte, in Peking die Internationale Gunnar Wildmann-Stiftung einzurichten, die lediglich Chinesen zugänglich war. Was zuviel ist, ist zuviel.) 
Die Beine des Professors hatten am Schluss ausgesehen wie Selleriestangen, aus denen nasse rote Spaghetti raushingen. Das Blut war von einer kirschartigen Farbintensität, ja, passte geschmacklich ganz wundervoll zum Neonlicht und den Labor-Kacheln, so blendend weiß und glänzend schwarz. Ja, es war doch ein schönes Bild geworden, das sie mit ihrer Kamera eingefangen hatte, und viele weitere gute Bilder waren gefolgt, aber diese Schätze teilte sie mit niemandem, solange sie noch leben würde.
Die alte Frau kam ganz gut zurecht, nachdem sie das alles verdaut hatte. Sie lebte nicht schlecht von den Wissens-Erträgen vier langer Jahrzehnte selbstloser Arbeit. Niemals hatte sie sich selbst geschont, niemals darauf bestanden, auch einmal früher heim zu gehen, oder mal ins Kino, oder auch mal allein ausgehen, nein, der blöde Arzt musste ja forschen, forschen, forschen.
MÄNNER! seufzte sie da, drückte den Henkel des kleinen schwarzen Koffers fester. Keine fünf Minuten noch war es her, da hatte sie noch ein letztes Mal vor dem Spiegel gestanden, sich die Haare zurecht gemacht, dezente Schminke angelegt, schwarze Schuhe, ein netter Tailleur, der ihrem rüstigen Alter durchaus entsprach, ein kleines deutsches Hütchen auf den Haaren, streng aber hart, mit dünnen, schwarzen Handschuhen aus Schweinsleder.
„Diese Idioten! Ich sehe doch viel schöner als er!“.
Nun würde sie es ihnen allen zeigen! Jetzt war Schluss, mit lustig!
Die Journalisten die Pressefritzen die Schmierfinken hatten noch viel blödere Fragen gestellt, als die Bullen, was ja ein echtes Armutszeugnis war. Na, jedenfalls hatte sie dann von den Chinesen tatsächlich ihr Geld kassiert, wenn auch die fünf Anwälte, die sie zwischen sich und ihre Geschäftspartner geschoben hatte, um sich durch die Abgabe von Teilinformationen abzusichern, fast die Dreiviertel der Summe schluckten. Aber, sie war frei in der Lage, ihren alten PLAN nun zu verwirklichen. Damals, nach dem Krieg, da hatte sie sich durch Schwarzmarktgeschäfte mit Margarine und Kohlenstaub vor dem Verhungern retten können. Sie war... (lächelte die alte Dame da etwa? Ein Vorbeifahrender oder Vorübergehender hätte es nicht sagen können, war das ein Schmunzeln, oder sich ekeln?) so entschlossen gewesen.
Das Taxi kam endlich um die Ecke gebogen, und rollte langsam auf Esther Glibierner  zu. Als der Fahrer ausstieg, um die Heckklappe zum Kofferraum zu öffnen, herrschte sie ihn an:
“Den Koffer gebe ich nicht aus der Hand!“
Der Taxler, er kam aus dem Iran, ein freundlich wirkender Kerl, gut rasiert, nettes Jeans-Outfit, Technik-Student vermutlich, der sich neben den Seminaren noch ein Taschengeld dazuverdienen will, zuckte mit den Schultern. Offensichtlich war er alte Piefke-Weiber gewöhnt, die bei seinem Anblick dachten, er könne sie mitten auf der Zubringerstrasse aus dem Wagen stoßen, um mit ihrem kostbaren Gepäck abzuhauen:

“Wie Sie wünschen!“.
Er stieg in den Wagen.
„Wollen Sie zum Flughafen?“
„Ja! Zur dritten Schalterhalle!“
Sie hatte es ja immerhin zugelassen, dass ein Ausländer (merkwürdig, der stank ja gar nicht, wie sie immer gedacht hatte) sie chauffierte.
Oder waren die Anderen etwa bloß ganz andere Ausländer gewesen? Egal. Der Professor war ja auch Österreicher, eigentlich! Vorsichtshalber schnauzte sie den Taxifahrer an:
„Und halten Sie sich bitte an die Verkehrsregeln! Ich will keine Schwierigkeiten! Ich muss pünktlich meinen Flug erreichen!“
Was sollte das schon wieder heißen? War die auf Tabletten, oder was, wunderte sich der charmante Chauffeur. Und diesmal gab der junge Mann keine Antwort mehr nach hinten. Er fuhr die Trennscheibe hoch und ließ den Motor an. Esther fühlte sich ganz wohl, da hinten, abgetrennt von der Welt, hinter violett getönten Scheiben, der weiße Stoffbezug der Sitzpolster war sogar noch wirklich weiß. Ein schöner, glänzender Quader war das, schallsicher, die Strecke verging draußen, hier drin war sie sicher, und warm, fast hätte sie sich gewünscht, die Fahrt möge doch ewig so weitergehen, diese summende Stille, dieses Streifen an spürbarer Geschwindigkeit, die beinahe durch das Metall drang, die Absolute Nähe zu schnell drehenden Reifen. Das wäre ganz sicher, hatte ihr die Angestellte der Taxi-Gesellschaft am Telefon versprochen, da könne nichts passieren, während sie mit ihrem Kugelschreiber lauter kleine blaue Blitze und Pfeile auf ein Blatt Papier kritzelte, das mit winzigen Hieroglyphen bereits großflächig bedeckt war. Glibirner am anderen Ende der Strippe, jeglicher Empathie fremd, konnte nicht wissen, dass dem Mädchen nur deswegen so langweilig war, weil es keinen Liebeskummer hatte, ließ aber an ihrem Ton eisiger Pflichterinnerung erkennen, wer welchen Platz im Universum einnahm.
„Ich will das schriftlich.“
Sie waren oft genug dienstlich zum Flughafen chauffiert worden, von der Taxigesellschaft, da konnte sie ein wenig Respekt, wenn nicht gar VIP- Service verlangen. Schließlich hatte das ja immer alles der liebe Herr PROFESSOR gezahlt! Esther verfolgte die Sache nicht länger im Geiste. Sie waren langsamer geworden, jetzt bremste der Wagen, sachtem kamen sie zum Stillstand. Der Fahrer stieg aus, kam ums Auto herum, öffnete der Dame die Türe, Manieren hatte er ja, der dunkle Kerl, fand sie. Eigentlich fand sie ihn ja ganz niedlich, mit seiner dicken, schwarzen, altmodischen Brille. Da sie den Fahrpreis auswendig kannte, wartete sie erst gar nicht ab, ob er was sagte. Sie streckte ihm ein paar Geldscheine hin:
„Stimmt so!“
„Vielen Dank“, antwortete der Fahrer. „Und guten Flug!“
Diese dicken schwarzen Haare erst! Esther lächelte, aber es blieb beim kläglichen Versuch:
“Ich fliege nämlich nach Amerika!“
Sie drehte sich um, ging durch die automatische Schiebetür, die lautlos vor ihr auseinander glitt wie ein Rotes Meer aus Plexiglas. Ihre Schritte führten sie quer über die imposante Eingangshalle zu einer Damentoilette, in der Nähe des Express-Schalters ihrer Airline. Wenn sie wollte, konnte sie ja wie eine resche Version von Miss Marple durchgehen. Am Körper war noch nie kontrolliert worden, stets war sie mit dem Professor und unter dem Schutz seines Quasi-Diplomaten-Status auf Wegen, die nicht jedem zugänglich waren, direkt zum Flugzeug gebracht worden. Ja, der Name des Professors wog noch Einiges, in dieser Welt. Schwerer jedenfalls, als die achtundzwanzig flachen, rechteckigen Päckchen, die in Schlaufen steckten und die zusätzlich alle fein säuberlich in Plastikfolie eingewickelt waren. Sie stellte den Koffer auf das blinkende Chromgestell, das wie eine Wartebank für Pygmäen in halber Höhe des Oberschenkels unter den Waschbecken hindurch lief und eigentlich genau dafür gedacht war. Sie zog sich sachte die Handschuhe aus. Ihre gepflegten Hände zitterten nicht ein bisschen, als sie unter den Wasserhahn gehalten wurden. Der Strahl war perfekt temperiert, von Photozellen klinisch unpersönlich ausgelöst worden, und für eine bestimmte Zeit bemessen. Mit einem Klack hörte das Rauschen auf, vergurgelte im Abflussrohr. Es war fast schon wie im Flugzeug. Esther blickte in den Spiegel, nickte sich zu. Sogar die Heißluftdüse im Händetrockner wurde durch Lichtreflexe ausgelöst. Das Wasser verdunstete schnell auf ihrer Haut. Sie zog sich die Handschuhe wieder an. Sie nahm den Koffer, ging in die nächste Kabine und schloss hinter sich ab. Der Klodeckel war schon zu, glücklicherweise musste sie ihn nicht anfassen. Rasch öffnete sie ihren Mantel, schlüpfte heraus, hing ihn an den Kleiderhaken, dessen drei Stummel von der Toilettentür in die Kabine hineinragten. Es folgten die Jacke, ihr luftig geschnittenes, hellblaues Hemd und ein Ruderleibchen. Sie schloss sie die beiden Miniaturschlösser auf, die ihrerseits ein Kettchen sicherten und machte endlich den Koffer auf. Unter einer harmlosen Schicht Damenwäsche lagen die Päckchen. Esther griff noch einmal in den Koffer, und holte eine Art Leibriemen oder Anschnallweste heraus, die sie selbst umgenäht hatte. Auf der Innenseite waren achtundzwanzig relativgroße Schlaufen befestigt. Sie schob je ein Päckchen in die Schlaufen, stellte sicher, dass alles richtig saß, und schnallte sich das ganze Ding um und schnürte es sich so eng als möglich an den Körper. Anschließend zog sie das Hemd drüber, welches nun nicht mehr ganz so lose vom Leibe abflatterte, faltete dafür ihr elegantes Jackett zusammen, stopfte es in die Reisetasche. Als diese Vorbereitungen klaglos abgelaufen waren, zog Esther unter der übrigen Wäsche eine schreckliche, extrem geschmacklose und unförmig geschnittene Damenjacke hervor, absurd geblümt und extra bauschig. Sie zog es an und schauderte.
„So ein arme- alte- Leute- Zeug!“
Immerhin verdeckte es ihre Volumenzunahme. Sie machte den Koffer zu, legte Kettchen und Schlösser in eine Muschel aus rosa Klopapier, machte ein kleines Paket draus, ließ es in die Muschel fallen und spülte nach. Sie vergewisserte sich, dass es zu keiner Verstopfung der Toilette kam und trat aus der Toilette. An der Tür hing ein Putzplan, auf dem durch unleserliche Paraphen vermerkt war, welche der vielen abwechselnden Reinigungskräfte, die zu jeder vollen Stunde mit Fleiß, großem Ehrgeiz und voller Freude für die sehr geschätzten Kunden die Räumlichkeit betreuten, grade Dienst geschoben hatte. Glibirner konnte es nicht unterlassen, nach den letzten Eintrag zu sehen, und ihn auf ihre Uhr zu sehen.
„Das ist aber jemand spät dran! Tja!“
Sie verließ die Toilette und bewegte sich zum Schalter, wo sie den Koffer mit einem resoluten Geräusch auf der Gepäckablage der Ersten Klasse ab. Sie sagte in herrischem Ton:
„Ich bin die Privatsekretärin von Professor Wildmann und werde morgen in Orlando auf einer Ehrenveranstaltung eine Laudatio auf ihn halten. Die Tickets sind auf den Namen Glibirner reserviert.“
Das Fräulein in Uniform blickte ehrfurchtsvoll zur alten Frau hoch.
Die Privat-Sekretärin vom berühmten Professor! 
Wenn sie das erst ihren Kolleginnen erzählte! In der Tat erzählte dann am nächsten Abend ein Mann seiner Frau, wie die Freundin eines Arbeitskollegen der Sekretärin eines prominenten Selbstmörders Tickets ausgehändigt hatte, ein letzter, ersterbender Rest an Einfluss hatte seine Schuldigkeit getan. Zaghaft streckte sich ein schmales Gutscheinheft der Alten entgegen:
„Es tut mir ja so Leid um den Professor!“
„Eine Tragödie, mein Kind, eine Tragödie!“
Das Luftfahrtsmädchen kuckte Esther mit großen Augen an, nahm den Hörer des Tischtelefons ab, der vor ihr stand, tippte ein paar schnelle Zahlen. Esther konnte es schnurren hören. Beim vierten oder fünften Signal hob am anderen Ende jemand ab. Die Hostess  sprach ganz mitfühlend ihren Namen und die Nummer ihres Schalters in die Muschel, wartete die einsilbige Antwort ab, gab ihren dienstlichen Meldungs-Code durch und legte auf.
“Sie werden in einer Minute abgeholt, Frau Glibirner. Es ist uns immer eine Freude, Ihnen behilflich zu sein. Angenehme Reise.“
Esther schnarrte ein halbherziges „Danke.
Sie drehte sich abrupt um. Bald darauf tauchte eine Art Golfwägelchen mit vier überdachten Plätzen auf, das von einem sehr dicken Mann chauffiert wurde. Er hatte eine zerknitterte graue Uniform an, sein nachlässig gebundener Schlips stand in einem eigenartigen Winkel von der dritten Fettfalte seines enormen Bauches ab, und seiner linken Hüfte versuchte ein fransig wirkender Schlüsselbund Autorität zu vermitteln.
Der Angestellte wuchtete sich aus dem Kart hoch.
„Ich sollse durch de Kontrolln lotsen. Steigense hinten ein.“
Angeekelt nahm Esther Platz, sehnte das Ende dieser ganzen Qual ärgerlich herbei.
Sie tuckerten davon.
Am Kontrollpunkt angelangt öffnete ein Uniformierter extra die Doppeltüre, um sie durchzulassen. Der Dicke nahm den Koffer an sich,  stapfte zu den Zöllnern und sagte:
„ Iss’n Vip. Handgepäck, sonst nix. Tickets sin okay.“
Der Zöllner nahm den Koffer wortlos an sich, ließ ihn durch den Röntgen-Apparat laufen. Sein Kollege blickte flüchtig auf den Schirm, sah die Unrisse von allen möglichen Sachen, Reißverschlüsse, Kugelschreiber, eine Zahnbürste, Kosmetikartikel, ein paar Klamotten. Nichts Besonderes. Er nickte. Sein Kollege nahm Esthers Koffer an sich, drückte ihn zurück in die Patschhände des Dicken und sagte:
 „Frau Glibirner ist uns bestens bekannt, Sie können zum Abflugschalter fahren.“
Der Dicke murmelte ein Dankeswort, schlurfte zum Wägelchen zurück und ließ es an. Der erste Zöllner winkte sie mit der Grandezza eines römischen Parkplatzwächters hindurch. Er salutierte sogar, als Esther in Augenhöhe an ihm vorüberrollte. Die Flügel der Türe wurden hinter ihnen geräuschvoll verriegelt.
Es hatte geklappt.
In der Lounge setzte sie sich an die Bar und bestellte einen Amaretto auf Eis. Unter dem schreiend geschmacklosen Sakko konnte sie den Gurt fühlen. Das beruhigte, gab ihr Sicherheit, ein starkes Gefühl. Jetzt konnte sie es sich leisten, freundlich zu sein. Das Getränk ziemte ihr und schmeckte vorzüglich. Sie ließ bald den nächsten kommen.
Eine halbe Stunde später betrat sie leicht beschickert die Erste Klasse des Jumbojets. Sie fand ihren Platz, verstaute den Handkoffer in der Gepäckablage und setzte sich. Nun wirkte sie doch ein wenig nervös, aber sie beherrschte sich und lauschte dem Stück von Franz Liszt, das über die Bordlautsprecher kam, blätterte ziellos durch das Magazin, das ohne Knicke auf ihrem Sitz gelegen hatte. Die hinteren Klassen des Flugzeugs füllten sich langsam, doch Esther achtete nicht weiter auf die übrigen Fluggäste. Sie ließ sich von der Stewardess ein Glas Wasser bringen, nahm unbemerkt eine halbe Schlaftablette zu sich, machte es sich gemütlich und nickte kurz darauf ein.
Als sie wieder aufwachte, war es finster und das Flugzeug mitten über dem Atlantik. Eine Blutwelle schoss zu Esthers Herz, als sie realisierte, wo sie sich befand. Reflexartig tastete sie ihre Leibesmitte ab, voller Vorangst … und da, ja! Immer noch waren die Päckchen an ihren Leib geschmiegt. Nun konnte niemand sie mehr aufhalten! Sie schüttelte den chemisch induzierten Schlaf langsam ab. Im Grunde war sie unter der Schlappheit voller Vorfreude. Schließlich riss sie sich zusammen und stakste auf die Toilette. Sie zerrte sich das hässliche Sakko vom Leibe, knöpfte das Hemd auf und löste den Schlaufengurt. Mit zittrigen Fingern zuppelte sie eines der kleinen Pakete aus der Schlinge, fetzte die dünne Kunststoffhülle ab. Dann endlich sah sie das, wofür ihr Herz geschlagen hatte:
 „GELD! GANZ VIEL GELD!“
Wahrlich, sie hatte eine Million Euro in ihren Händen, war unterwegs nach Florida, ins deutsche Rentnerparadies, wo sie unauffällig unter all den anderen blau und lila getönten begüterten Witwen leben würde, reich bis an ihr, hoffentlich fernes, Ende.
Sie hüpfte ein wenig in der beengten Kabine auf und ab, ganz das kleine Mädchen, das in der Weimarer Zeit mit Hunger und Unsicherheit als Geschwisterchen aufwuchs.
„Ich habe mir das alles verdient, nicht wahr, Mama?!“
Ihre Mutter konnte keine Antwort geben, hätte aber die Skrupellosigkeit ihres alten Töchterchens gutgeheißen. Hatte sie selbst nicht den alten Herrn Rosenthau an die Gestapo verraten, um die herrliche Vierzimmerwohnung zu kriegen?
Alles war da, niemand hatte sie bestohlen. Beglückt stopfte sich Esther knisternden Banknoten in die Hosentaschen, schlang den Gürtel um ihre Hüften und zurrte ihn fest. Diesmal aber ließ sie ihr Hemd bloß darüber hängen, stopfte das verhasste Jackett in den Mülleimer. Hier im Halbdunkel des Jets würde ohnehin keiner auf sie achten.
Sie verließ das Klo und stolzierte zu ihrem weich gepolsterten Sitz zurück. Esther kostete ihren Triumph aus. Sie bestellte sich Champagner und Lachsbrötchen, aß, trank nach Herzenslust, wurde sogar gegen ihr Naturell jovial mit den Stewardessen, wie ein reicher Genesender mit der Krankenschwester scherzt, die seine Bettpfanne leert. Der Rest würde ohnehin bald verblassen.
Mutig geworden, prostete sie sogar einem fremdländisch aussehenden Herrn zu, der zwei Sitzreihen rechts von ihr saß. Ein fescher Mann. So elegant, und so jung! Auch er hielt einen kleinen schwarzen Koffer in den Händen. Auch er wirkte völlig gelöst und heiter, als habe er eine ähnlich glänzende Zukunft vor sich wie Esther Glibirner. Da, er lächelte zurück, winkte sogar Esther zu. Wollte der gar am Ende...? Kühn kippte sie den letzten Schluck Schampus aus. Schüttelte ihr Haar, lächelte und trippelte zu ihm hin. Der Mann tätschelte in einer einladenden Manier den Sitz neben sich. Esther nahm neben ihm Platz.
„Lieben Sie Amerika auch so wie ich?“ fragte sie schelmisch.
„OH  JA!“, sagte der Mann in einem gutturalen Deutsch. „UND WIE!“.
Er legte den Koffer auf seine Knie.
„Kucken Sie doch mal!“
Die kleinen Messingschlösser an Koffer schnappten auf, und er klappte den Deckel hoch. Neugierig beugte sich Esther darüber.
Sie sah nichts als einen Knopf, zwei Wecker, Drähte, Kupferspulen, Batterien und einen sehr großen Klumpen Plastilin. Eine eigenartige Information wollte in ihr Hirn dringen, die Konsequenz verirrte sich aber irgendwo im Niemandsland des Aufwachens.
„Ist das etwa…“            
Der fesche junge Mann nickte enthusiastisch und sagte:
„JA! Eine Bombe!“
Und er drückte auf den Knopf.

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