Der Gemeine Katzenpanda

Samstag

Nummer 452



DAS DING

Cum grano salis


 Er saß eines Abends am offenen Fenster. Das Jahr war schon weit fortgeschritten. Bald käme das Neue. Es war trotzdem warm draußen, viel zu warm. Ekelhaft warm. Er konnte die Stadt riechen. Unverschämtheit! Nicht mal richtig Winter wurde es mehr! Diese Penner! Seine luxuriöse Behausung lag im dreizehnten Stock eines exklusiven Apartmenthauses am Pfauen-Tau, dort, wo die City am teuersten ist. Die klotzigen Geschäfte in der Gegend waren schon seit Wochen brechend voll mit diesem abartig geschmacklosen Zeugs, das aber jede Menge kostete, von irgendwelchen zugekosten Meinungsforschern in Absprache mit irgendwelchen zugekoksten Meinungsmachern zu den aktuellen Les must auserkoren. Die Schaufenster wetteiferten um den Preis des Wuchers. Egal, ob jemand bei der Russenmafia sein musste, um sowas elegant zu finden: Protzige Zuhälter-Uhren, dicke Goldketten, Ringe, mit grossen Steine, eckige Schließen. Schnapsflaschen, Armbänder und Rasierpinsel aus schwerem Sterling-Silber, lauter klobiger Panzerknacker-Schmuck für zwei Dutzend ukrainischer Hurenhäuser, daneben abgefeimte Möchtegern-Metro-Klamotten androgynen Zuschnitts, die wohl irgendjemand elegant halten musste, wenn er oder sie den Preis zahlte. Sprit fressende Karossen und zentnerschwere Motorräder, Musikinstrumente, antike Statuen, Pflanzen-Arrangements für Kenner, Weine und Colliers für Millionäre, dekorativer Millionen-Krempel für die Dachterrassenvilla, seltene Wildtiere für Prominente. Dazwischen Tonnen über Tonnen sündteure High-End-Verbraucher-Elektronik- ob nun modernste, wüstentaugliche Profi-Fotoapparate, wahrhaft symphonische HIFI-Anlagen der Glenn Gould-Klasse, ob nun hochauflösende Kamera-Gadgets mit Matisse-Funktion. Im Ende doch nur geknebelte Boliden, die fortan als Kinderräder fungieren würden, weil sie das Technikverständnis jeden reichen Stümpers, der sich das Zeug überhaupt leisten konnte, garantiert überforderten. Wie konnte er sich als Teil einer Gesellschaft fühlen, die derart Maß und Ziel verloren hatte? Aber am Schlimmsten fand er den Riesenkasten halb gegenüber, am Witwensteinplatz, ein Warenhaus New Yorker Zuschnitts, genannt der Kaufrausch des Besten: Kitsch und Scheußlichkeiten, wohin das Auge fiel. Rosarote Pudel in Cowboy-Anzügen, Porzellan-Puppen in Kindergröße mit echtem Menschenhaar, riesige, Golfschläger in Edelmetall, nur noch Überdruss erregende, dämliche silbern gewirkte Plastik-Lorbeer-Kränze, umwickelt von Pseudo-Formel-Eins-Sieger-Schärpen, überall üppige Verkäuferinnen, die üppige Parfüms in üppigen Dosen versprühten, zynische Blondinen mit Pelz, Diamanten und Schoßtölen, überall Gold, Gold, Gold -  als Folie, Lametta, Christbaum-Kugeln, Schneeflocken, Sonne, Mond und Sterne, vom Glitzern wurde ihm schlecht. All das sinnlos teure Gelump, der hohle Prunk, die töricht nutzlosen Kinkerlitzchen. Dieses Ranschmeißen, dieser plumpe Versuch, Nähe und Behaglichkeit zu schaffen, nur um sich an sein Portemonnaie anzubiedern, dies schale Unterfangen, wie auf einem Dorffest jovial an seine Spendierhosen zu appellieren, diese verbissene, ungeheuer trostlos Fiktion eines Fests der Liebe.
Mit einem Wort, der Kapitalismus zeigte gerade vor Weihnachten seine hässlichste, gierigste und oberflächlichste Fratze. Er hasste Weihnachten. Er hasste die Menschen. Er sah sich um. Wozu sollte er jetzt noch mit der Rolltreppe in die berühmte Freßabteilung hochfahren? Wozu sich inmitten Bonvivants um Trüffel und Hirschbarke anstellen? Die ganzen Konsumzombies hatten ihm gründlich den Appetit verdorben. Es war alles so langweilig geworden, er hatte das alles satt. Er machte auf dem nächsten Absatz kehrt, kämpfte sich angewidert von der Enge, den Berührungen durchs manische Menschengewühl, diese Schweine, sie grinsten alle total daneben, als wären sie besoffen. Es gab nur noch die Peinlichkeit, als Kick, die öffentliche Blamage, die mediale Hinrichtung, das Pornobild für alle, da hatte der Philanthrop S. schon Recht. Endlich war er durch die Peristaltik der Menge zum Eingang gedrungen. Er riss die Arme hoch, drängte elegant durch die Türe, lies sich aufs Trottoir spülen, und stampfte trat mit klarer Absicht auf, wurde aber gleich wieder bedrängt:
Ein kümmerliches Trüppchen langhaariger pickliger Studenten warf, als dadaistischer Flash-Mob verkleidet, für ein paar Minuten ein winziges Körnchen Sand ins Getriebe. Die „jungen Leute“ eigneten sich verbotener Weise ein kleines Stück Bürgersteig an. Blank gefegt, mit dicker, blauer Seidenkordel eingegrenzt und gut vier Quadratmeter groß. Diese Fläche direkt vor diesem Moloch von international bekanntem Kaufhaus war eigentlich als Bühne für eine dieser Verkaufsaktionen auserkoren, wo ein abgetakelter, stadtbekannt versoffener und kokainsüchtiger Ex-Star ein paar lahmwitzige Worte an die ebenso doofen wie reichen Premium-Kunden richten sollte. Das war total degeneriert, und das wollte er partout nicht verpassen. Diese Schweine hatten ihn um die Attraktion betrogen! Er war an den miesen Studis vorbei gegangen, hatte entrüstet den Kopf und die Faust geschüttelt, ranziges Pack! Im Vorbeigehen steckte er einem der dort hockenden, stinkenden Öko-Kommunarden den Stummel seiner sündteuren Zigarre in die Dreadlocks. Das knusperte vielleicht! Roch richtig nach frischem Kakerlaken-Scheiterhaufen, wie damals, an der Ost-Front. Diese verpickelten Studenten skandierten aus hirnlosem Frontal-Protest irgendwelchen Schwachsinn, es hatte geklungen…ja…wie…wie….                                      schalaben schalamai schalamezomai.
Juden auch noch? Und links? Das war zu viel!
„IHR FREAKS!“ brüllte er. „IHR SEID JA BLOSS ZU FAUL ZUM ARBEITEN!“
Mit tiefer Befriedigung hatte er festgestellt, wie kurz darauf ein ruppiges Sonderkommando der Konzernzentrale die langhaarigen Männer und kurzhaarigen Frauen mit blank gewichsten Schlagstöcken und großen Spritzen voller heißem Öl vertrieb.
NEIN.
Er war kein Nazi. Er war bloß einer jener Ultra-National-Konservativen, nicht wahr, einer von denen, die es für dumm fanden, dass Frauen studierten und Ausländer deutsche Sozialhilfe kassierten. Ein kalvinistischer Sozial-Darwinist, der meinte, die Dummen wären faul und die Faulen nichts als dumm. Solche Wesen hätten jedoch keinerlei Rechte, maximal sollte der Staat es dulden, dass diese Schmarotzer sich ihre Almosen erbetteln. Natürlich, lächelte er in sich hinein, war das schwer vermittelbar, also musste der Staat für solche Idioten im Zweifel doch mit Steuermitteln aufkommen, das war ja sogar dessen christliche Pflicht, nicht wahr. Gut, dass ich in diesem Scheiß-Land keine Scheiß-Steuern zahle, sondern mein Scheiß-Vermögen verdiene. Er rieb sich die Hände.
Ich bin ja nicht blöd!
Diese Idioten!
Alle vier oder fünf Jahre gehen sie brav wählen und glauben, ihr Votum würde irgendetwas ändern! Diese lackierten Hampelmänner im Parlament, in den Regierungen, den Ämtern, den Behörden, Konzernen und so weiter. Die zucken und zappeln, salutieren und gehorchen, sogar ohne Strippenzieherei. Wie billig, ein paar Zehntausender im Monat, vielleicht einen Hunni, und diese Würstchen sind heilfroh, dass sie es sind, die uns assistieren. Zig-Tausend, die wir füttern müssen, aber Zig-Millionen, die dafür blechen dürfen.

Studenten!
Ja, die kannte er. Er war ja selbst einmal einer gewesen, vor langer Zeit, er hatte in Weichselzweig mit Turboantrieb Medizin studiert. Er war sehr tüchtig gewesen, schnell und schneller, eifrig und begeisterungsfähig, neuen Methoden in der Forschung gegenüber sehr aufgeschlossen. Es war eine allgemein anerkannte akademische Super-Super-Super Leistung, mit 29 Jahren habilitierter Professor zu sein, in so einem schwierigen Spezial-Gebiet dazu, wie der Mammographie. Schon während des Grundstudiums war der Neue Staat auf diesen tüchtigen, schneidigen jungen Mann aufmerksam geworden. Die Karriere einer lebenden Legende. Der Erfinder der Super-Spin-Maschine. Sogar die Probanden wirkten begeisterungsfähig, wenn das Ding erst einmal abgeschaltet wurde, nach einer halben Stunde, manchmal mussten sie sich aber viel länger freuen, bis endlich Erlösung kam. Ehm. Natürlich wurden sie abgelöst. Aber, das war am Ende doch keine so gute Lösung. Es war vor allem sein Doktor-Vater, Professor SS-Gruppenführer Fickler, der ihm das klar gemacht hatte. Nach einer Vorlesung war dieser an ihn herangetreten und gewartet, bis der junge Star alle Ex-Kommilitonen und künftige Hilfs-Assistenten mit seiner berühmten, knappen, fast aristokratischen Bewegung des linken Handgelenks aus dem Adimax gescheucht hatte, ehe Fickler zu ihm sagte:
„Viel zu viele überleben.“
„Das kann ich ändern!“
„Guter Junge.“
Der Todesbote klopfte ihm auf die Schulter.
„Was macht übrigens die… neue Versuchsreihe?“
„Sie will nicht mehr…verleugnet werden.“
„Halten Sie das für möglich?“
„Selbstverständlich nicht!“
„Na gut. Wie Sie das regeln, ist Ihre Sache. Sie erhalten natürlich sämtliche Vollmachten.“ Der distinguierte, schon etwas ältere Offizier griff mit seiner schmalen rechten Hand, die in einem schwarzen Saffian-Handschuh stak ins Innere der auf Maß geschneiderten schwarzen Uniform, die sich sehr vorteilhaft vom schneeweißen Ärztekittel abhob, zwinkerte seinem braven Schützling zu, you're only young, and you're gonna die, und zog endlich aus ein Briefkuvert heraus.
„Hier.“
Fickler überreichte es ihm.
Die Glocken der Sankt-Peretti-Kirche gegenüber der Alten Universität schlugen zwei Uhr Mittag. Der Jüngling machte das Kuvert auf und zog einen dreifach zusammengelegten, matt-weißen Bogen Bütten heraus. Er fühlte ein angenehmes Prickeln der Vorfreude in seiner Wirbelsäure und faltete das Blatt auf:


 



    Herrlin, den 24. November 1941






An alle Dienststellen!
Der Überbringer dieses Schreibens, Gruppenführer Kowalski, handelt in meinem Namen und in meinem Auftrag. Er spricht durch mich. Sein Auftrag ist von unschätzbarem Gewinn für das Reich. Daher bestimme ich:
Seinem Befehl ist unbedingt, überall und sofort Folge zu leisten.
Jede Hilfestellung ist ebenfalls umgehend zu leisten.
Jede Zuwiderhandlung wird mit dem Tod bestraft.













gez.
Gundalf Schmittler



„Sie wissen, was das heißt“, fragte der alte Mediziner seinen feschen, jungen Kollegen.
„Jawohl!“
Der Zögling zögerte keine Sekunde und sagte in einem sehr giftigen Ton, der immer lauter und schnarrender wurde:
„Schlagen Sie jetzt gefälligst die Hacken zusammen, Sie lahmarschiger alter Mann!
Der Nestor des Instituts sah ihn entgeistert an.
Da versetzte ihm der Jüngere einen wuchtigen Tritt ins Skrotum und brüllte:
„WACHE! FÜHREN SIE DIESEN VERRÄTER AB!“
Ein paar Jungs von der Ehrenwache krachten beim leeren Hörsaal hinein, sie trampelten mit ihren auf Hochglanz gewienerten Stiel-Stiefeln auf ihn zu, die Schäfte, nach denen sich die Menschen immer so verängstigt umblickten und die überall im Parkett winzige halbrunde Abdrücke hinterließen.
Zu seinen beschuhten Füssen krümmte sich der alte Mann.
Er trat ihm noch schnell in den Mund.
Blutspritzer besudelten das schöne, fette Leder seiner Stiefel.
Die jungen Soldaten stürzten entgeistert auf sie zu.
Der erste war einer jener so schönen blonden Athleten- Krieger, die er so verehrte.
„Was ist hier los?“
Der Unteroffizier sah seinen greisen Vorgesetzten dort liegen, zwei, drei Elfenbeinsplitter glänzten in einer kleinen Pfütze aus sehr dunklem Blut, das aus der übel verfärbten Nase floss. Der junge Soldat riss seine Falter-Pistole aus dem Halfter und richtete sie auf den Täter.
„SIND SIE WAHNSINNIG?“
Es war ein Oberschareführer.
Er seufzte.
„Ruhe“, befahl er dem Herrenmenschen, und hielt dem Unteroffizier den Brief hin.
Der stutzte, las, stutzte noch mal, ließ das Blatt fallen, knallte die Hacken zusammen, riss die flach aufgefächerte Hand ruckartig an den Schritt und brüllte:
„GIB SEIL!“
Der Alte blubberte noch ein paar Laute, aber sehr schnell fuhr der scharfe Absatz seines ehemaligen Schülers in seinen Handrücken, der dünne rote Rand des Abdrucks wirkte sehr dekorativ im schwarzen Ziegenleder. Dann wimmerte der Alte. Das hat ja geklungen wie kleine Ästchen, so leise hat das geknackt, oder wie eine Wachtelbrust, mein Gott, was für ein Suppenhuhn, dachte der Unteroffizier, aber er achtete nicht mehr auf das kleine Häufchen Asche dort auf dem Boden: Vor ihm war gerade eine neue Sonne aufgegangen.
Der blutjunge Offizier war ganz ruhig:
„Ich bin Professor Kowalski. Oberste Gruppenleitung. Entsprechender Heerwacht-Rang. Dieser Mann ist ein übler Verräter, ein Verbrecher. Bringen Sie ihn in die Turmstrasse und behandeln Sie ihn wie alle anderen. Haben Sie verstanden? Das ist ein Befehl.“
Der junge Wachhund machte Männchen.
Er entließ ihn mit einer Huld, die jetzt schon viel von seiner überlegenen Klasse verriet, eine neue, freie Rasse deren Aufblühen es noch abzuwarten galt, ohne falsche Moral, ohne Skrupel, ohne Gefühlsduselei.
Die Glocken führten ihren letzten Schlag.
Eifrige Soldaten verräumten die zerbrochenen Überreste eines längst untergegangenen Zeitalters, das noch nicht völlig durchdrungen gewesen war, vom puren schöpferischen Geist wahrer Wissenschaft. Diese wurde nun von keinem kleinlichen Allvater mehr behindert, sondern von einem wahren Demiurgen gefördert. Die Soldaten salutierten abermals.
„Ja, ja, schon gut.“
Das Muster der kleinen Bluttröpfchen, die der alte Fickler auf dem mit Büffelwachs blank gewienerten, Boden zurückgelassen hatte, als ihn die SS mit dem Gesicht nach unten hinaus schleiften, erinnerte den jungen Forscher flüchtig an eins jenes aztekischer Wort-Bänder, welche die Mauern der Todestempel zierten, aber er hatte diesen Gedanken rasch als zu abwegig empfunden.
„Nee, nee, das sind germanische Runen!“
Er trat auf dem Weg hinaus mitten in die größte der Blutlachen.
Merkte nichts davon, wie ihn ein winziges Bluttröpfchen ansprang, den Schuh hinauf glitt, die Hose hinauf, auf den Rock, bis es, ohne von seiner Kleidung aufgesogen zu werden, seinen Nacken erreichte und dort in die Haut sickerte. Es wäre ein gutes Zeiss-Mikroskop notwendig gewesen, um das dunkelrote Mal, das seine Haut langsam wie eine Tätowierung verfärbte, als schreckliche kleine Teufelsfratze zu erkennen.
Draußen auf dem Gang hatte ein dienstbarer Geist bereits einen Zettel angebracht, der die Fakultät samt allen Angehörigen darüber informierte: Per Order des Dekans, se. Spektabilität, Prof. Sandmann, hielte am morgigen Tage Professor Frank Kowalski, als neuer Instituts-Leiter der Frauenheilkunde ein Grundsatzreferat halten würde.
Es war der Weg der Revolution.
Er hatte keine Angst und keine Bedenken.
Er war richtig scharf drauf.
Er war im Kommen. Das nächste, was er tat, war zum Schneider seines ehemaligen Mentors zu gehen. Ohne Uniform bräuchte er sich gar nicht mehr blicken zu lassen.

Natürlich verloren sie den Krieg.
Schlag und Flucht, die Mann-bare Taktik der Feiglinge, hatte er sich in der Endphase der Katastrophe wie andre Hochbegabte und Schützenswerte flugs zu Eigen gemacht, und sie strategisch sehr klug umgesetzt. Sämtlichen Gefahren entging er rasch und nachhaltig. Bis die Waffen schwiegen. Auch nach dem Herrliner Großraum-Schaubild Gefallener Engel 1945 war Frank Kowalski bei aller Trauer gut weiter gekommen. Leute wie er wurden schließlich immer gebraucht! Jetzt galt es, die Bevölkerungsverluste erst mal wett zu machen! Für die Wiederbewaffnung! Das war er dem Westen schuldig! Dank seiner Praxis und der Hilfe alter Kameraden, konnte er neben seiner wichtigen ärztlichen und moralischen Tätigkeit eine weitere, bahnbrechende Fertilitäts-Theorie entwickeln, die er wie ein Gottesurteil empfangen hatte und für die er fürstlich entlohnt wurde. Seine Geschöpfe füllten ganze Stadien. s

Jahrzehnte waren ins Land gezogen. .
An diesem Abend war er besonders gut gelaunt gewesen, hatte sich eine gute Portion verbotener Genüsse zugeführt und saß jetzt auf seiner Wohnzimmergarnitur. Frank genoss auf dem neuesten Stand der Unterhaltungstechnik die jüngst gerühmte frische Bearbeitung seiner Lieblings-Operette. Er war nun selbst ein Nestor, seine Reichtümer waren in kleinen, fernen Ländern sicher deponiert. Aus sentimentaler Reminiszenz lebte er in Deutschland, obwohl er selbst meinte, dies wäre nicht mehr seine Heimat. Die beiden arabischen Stricher, denen er zuerst beim Vögeln zugeguckt (er hatte ja bereits Potenzprobleme) und die er danach angepisst hatte, waren längst weg.
Sogar die russische Haushälterin hatte frei. Er war ganz allein zuhause. Die Wohnung war erfüllt von den süßlichen Klängen des großen Komponisten Walter Schlüger, Frank aß dazu Pistazien und schnippte die leeren Schalen beim Fenster hinaus.
Es war geradezu eine kuriose Sache, als plötzlich eine der Schalen ihm vor die Füße rollte.
Er stutzte.
„Was zum ...“
Da, noch eine.
Er hatte es ganz genau gesehen, wie aus der Schwärze das kleine gelbe Boot herein segelte, mit einem sachten Geräusch auf den Boden fiel und noch ein paar Zentimeter über das Parkett glitt, ehe es genau bei seinen Zehenspitzen liegen blieb.
Wer erlaubte sich da dumme Scherze?
Doch kaum hatte er diesen Gedanken ausformuliert, als schon die nächste Pistazienschale herbei flog. Er stand auf, ging zum Fenster hinüber und lehnte sich hinaus.
Niemand zu sehen.
Nichts.
Er vermeinte hoch über ihm etwas zu hören, was an ein Paar großer lederner Schwingen erinnerte, so es das überhaupt geben kann, dachte er. Er streckte seinen dünnen Hals, sah nach oben, versuchte etwas zu erkennen. Sterne funkelten, ein einsames Flugzeug blinkte grün und rot, das weiche Licht der nächtlichen Großstadt flimmerte, aber sonst?
Doch dann kam noch etwas.
Es war ein infernalischer Gestank, ein Mief aus den Abgründen der Hölle, voller Tod und Verwesung, ein Miasma, das er schon lange nicht mehr gerochen hatte, das letzte Mal, als sie eines der vielen Massengräber öffnen mussten, um die zu langsam verrottenden Leichen zu verbrennen. Die grauen Knochen, die kleinen Kinderleichen, die Gesichtchen noch intakt, am mumifizierten Körper, die ganzen verzerrten Fratzen. Sturmführer Mittelberg fiel ihm wieder ein, der sich angesichts der Leichenberge in den Mund schoss und Kowalski mit frischem Gehirn besudelte.
Er kotzte beim Fenster hinaus.
Weit unter ihm klatschte es aufs Trottoir.
Ein Gefühl hatte sein Herz getroffen, das er noch nie verspürt hatte:
Angst.
Panik, Gedärme zusammenknotende Lähmung, Frevel defilierten im Stechschritt an ihm vorbei. Sein armes altes Herz, das schon während des Krieges und danach schwer an den ehemals üppigen Kokain-Injektionen gelitten hatte, die er doch gebraucht hatte, um viele, viele Stunden am Tag arbeiten zu können, es schmerzte, oh ja, war da ein übles Stechen! Der alte Arzt schleppte sich ans Telefon, um die Rettung anzurufen. Doch die Leitung war tot. Ach ja, da hat doch heute irgendein Bauarbeiter aus Versehen die Telefonleitungen des ganzen Quartiers gekappt. Na, der war seinen Job aber auch gleich los gewesen. Diese neuen Mobil-Dinger hingegen, die lehnte er ab. Viel zu frivol! Mittlerweile ging es ihm schon ein wenig besser. Er rappelte sich auf und stapfte langsam in die Küche. In seinem Schlafrock fühlte er beruhigend die Glasflasche mit den Glycerin-Tabletten. Er spülte gleich zwei davon mit einem tüchtigen Schluck Cognac hinunter. Ahh, das war schon viel besser.
„Muss wohl am Wetter liegen.“ murmelte er. „Der Gestank, na ja, vermutlich modert irgendwo auf dem Dach eine Katze oder Taube vor sich hin.“
Und die Pistazienschalen?
Wie waren die beim Fenster rein gekommen?
„Ach die, nun, Raben sind ja sehr intelligente Tiere, und frech noch dazu. Ja, ein Rabe wird's gewesen sein.“
Er lächelte, wieder ganz Herr der Situation.
Gleich morgen würde er die Hausverwaltung und den Kammerjäger informieren.
Er trank einen weiteren Schluck Schnaps, fühlte, wie der Alkohol und das Medikament wohltuende Wärme in seinem Körper erzeugten und wollte zurück ins Wohnzimmer, als er von dort ein seltsames Geräusch hörte. Seine erste Assoziation war die eines riesigen Gummi-Huhns gewesen, das, aus großer Höhe fallend, auf den Fenstersims knallt. Er konnte sogar das leise Zittern spüren, welches der schwere Aufprall durch die Mauern und den Boden laufen ließ. Und dann, wieder diese miasmatischen Wolken, die seinen Geist umnebelten und den Körper verzehrten.
„Mein Gott, was ist das“, dachte er, und wusste instinktiv, mit dem lieben Gott hatte das  nichts zu tun. Die Panik, die er gerade so eloquent weg argumentiert hatte, war wieder da. Seine Wohnung, die ein ganzes Stockwerk einnahm, hatte nur einen Ausgang. Ein Privatlift, der ihn, sanft nach unten schwebend, in Sicherheit bringen konnte. Doch dazu hätte er beim Wohnzimmer vorbei gemusst, was er sich nicht traute. Was tun? Noch war er mit seinem Latein nicht am Ende. Dann hörte er langsam watschelnde, plumpe Schritte, die so klangen, als wären sie das Gehen nicht gewohnt. Das Blut wich ihm aus dem Gesicht. Im Schlafzimmer war doch seine geliebte Falter-Pistole, die er all die Zeit aufbewahrt, gepflegt und benützt hatte, er war immer ein guter Schütze gewesen. Wenn er die erst hatte, konnte er sich doch gegen den Eindringling wehren, nicht wahr, wer oder was das auch immer sein mochte.
Er verließ die Küche, überquerte den Flur und hastete ins Schlafzimmer. Die stinkend tappigen Schritte näherten sich langsam. Er konnte durch das dicke Glas der Wand schemenhaft etwas erkennen, das sich durchs Wohnzimmer bewegte, da, nun warf diese große Masse auch noch den Ficus um, er hörte, wie der Keramiktopf zersplitterte. Mit zitternden Fingern fummelte er am Schränkchen, in dem er die Waffe eingeschlossen hatte. Er steckte den kleinen Schlüssel ins Schloss und wollte ihn gerade umdrehen, als von nebenan ein weiterer grauenerregender Laut erklang: Röchelnde Elefanten, abgestochene Walrosse, ein Nashorn, das im Morast versinkt, schmatzende Tode in der Cloaca Maxima, voller Wut und Tücke. Die Schlafzimmertüre war verschlossen, und das Ding war nicht darüber erfreut. Der Arzt zuckte so heftig zusammen, dass der Schlüssel im Schloss abbrach.
Zu seinem Entsetzen hörte er, wie sich die Schritte nun von der Türe entfernten, schon etwas flinker, diesmal, es war eine Frage von Sekunden, ehe sein Jäger hier wäre. Der Alte stürzte ins Badezimmer, machte die Tür hinter sich zu, schloss ab. Zum Glück waren die Türen aus dicker Eiche und die Schlösser aus edelstem Stahl, garantiert einbruchsicher. Unter dem Waschbecken verstaute die Putzfrau ihre Utensilien. Hastig wühlte er die Flaschen zur Seite, bis er endlich gefunden hatte, was er suchte.
„Ha! Die Chlor-Lösung! Die wird dir schön in den Augen brennen!“
Dann zog er sich in seine letzte Verteidigungsstellung zurück:
Anderthalb Meter über der Toilette führte ein Mauerschacht zu einer Öffnung, durch die er nach dem Baden oder Duschen mit einem Hebel die feuchte Luft entweichen lassen konnte. Sein Herz raste. Schon konnte er das Flappen der großen Füße hören, ja, nun fiel auch die Büste vom Sockel, gleich neben der Tür. Er stopfte sich die Flasche mit der scharfen Essenz in die Tasche des Schlafrocks, löschte das Licht, stieg auf die Toilette und kraxelte in den Schacht hinein. Er kroch bis zum hinteren Ende, wo er sich mit dem Rücken ans kühle Glas presste, die Flasche aufmachte und sie in Händen hielt wie eine sauer duftende Osterkerze. Die Schmerzen in der Brust waren fast unerträglich.
Dann kam wieder dieses entsetzliche Geräusch durch die geschlossene Türe hindurch. Aber diesmal würde sich das Ding nicht so leicht abschütteln lassen. Er verließ sich auf die Eiche. Ein Schlag erdröhnte. Dann nichts mehr. Doch die Türe fing an zu ächzen, als ob ein unglaubliches Gewicht sich dagegen lehnte. Schließlich konnte der Arzt hören, wie das Holz anfing zu splittern, ehe es in tausend Stücke zersprang. Er hatte einen völlig trockenen Mund und spürte, wie ihm die Kontrolle über die Körperfunktionen entglitt. Sein Schließmuskel versagte. Ein knarrender Trommelwirbel im Herzen. Der Gestank nahm ihm schier die Sinne. Als das Ding aber die Lampe anmachte und triumphierend grunzte, setzte das Herz des Alten für immer aus. Das Ding hielt ein. Es blubberte. Dann machte es eine majestätische Handbewegung. Die winzige Verfärbung in der Haut des Toten fing an zu pochen, glomm in der Finstern des Schachtes auf, pflückte sich aus dem welken weißen Fleisch, dann glitt es nach 666 Monaten wieder auf seinen Herrn und Meister zu.


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