DAS DING
Cum grano salis
Er
saß eines Abends am offenen Fenster. Das Jahr war schon weit fortgeschritten. Bald
käme das Neue. Es war trotzdem warm draußen, viel zu warm. Ekelhaft warm. Er
konnte die Stadt riechen. Unverschämtheit!
Nicht mal richtig Winter wurde es mehr! Diese Penner! Seine luxuriöse Behausung
lag im dreizehnten Stock eines exklusiven Apartmenthauses am Pfauen-Tau, dort, wo
die City am teuersten ist. Die klotzigen Geschäfte in der Gegend waren schon seit
Wochen brechend voll mit diesem abartig geschmacklosen Zeugs, das aber jede
Menge kostete, von irgendwelchen zugekosten Meinungsforschern in Absprache mit
irgendwelchen zugekoksten Meinungsmachern zu den aktuellen Les must auserkoren. Die Schaufenster wetteiferten um den Preis des
Wuchers. Egal, ob jemand bei der Russenmafia sein musste, um sowas elegant zu
finden: Protzige Zuhälter-Uhren, dicke Goldketten, Ringe, mit grossen Steine, eckige Schließen.
Schnapsflaschen, Armbänder und Rasierpinsel aus schwerem Sterling-Silber, lauter
klobiger Panzerknacker-Schmuck für zwei Dutzend ukrainischer Hurenhäuser, daneben
abgefeimte Möchtegern-Metro-Klamotten
androgynen Zuschnitts, die wohl irgendjemand
elegant halten musste, wenn er oder sie den
Preis zahlte. Sprit fressende Karossen und zentnerschwere Motorräder, Musikinstrumente,
antike Statuen, Pflanzen-Arrangements für Kenner, Weine und Colliers für
Millionäre, dekorativer Millionen-Krempel für die Dachterrassenvilla, seltene Wildtiere
für Prominente. Dazwischen Tonnen über Tonnen sündteure
High-End-Verbraucher-Elektronik- ob nun modernste, wüstentaugliche Profi-Fotoapparate, wahrhaft symphonische
HIFI-Anlagen der Glenn Gould-Klasse, ob nun hochauflösende Kamera-Gadgets mit Matisse-Funktion. Im Ende doch nur geknebelte
Boliden, die fortan als Kinderräder fungieren würden, weil sie das
Technikverständnis jeden reichen Stümpers, der sich das Zeug überhaupt leisten
konnte, garantiert überforderten. Wie konnte er sich als Teil einer
Gesellschaft fühlen, die derart Maß und Ziel verloren hatte? Aber am
Schlimmsten fand er den Riesenkasten halb gegenüber, am Witwensteinplatz, ein
Warenhaus New Yorker Zuschnitts, genannt der Kaufrausch des Besten: Kitsch und Scheußlichkeiten, wohin das Auge
fiel. Rosarote Pudel in Cowboy-Anzügen, Porzellan-Puppen in Kindergröße mit
echtem Menschenhaar, riesige, Golfschläger
in Edelmetall, nur noch Überdruss erregende, dämliche silbern gewirkte
Plastik-Lorbeer-Kränze, umwickelt von Pseudo-Formel-Eins-Sieger-Schärpen, überall
üppige Verkäuferinnen, die üppige Parfüms in üppigen Dosen versprühten, zynische
Blondinen mit Pelz, Diamanten und Schoßtölen, überall Gold, Gold, Gold - als Folie, Lametta, Christbaum-Kugeln, Schneeflocken,
Sonne, Mond und Sterne, vom Glitzern wurde ihm schlecht. All das sinnlos teure
Gelump, der hohle Prunk, die töricht nutzlosen Kinkerlitzchen. Dieses
Ranschmeißen, dieser plumpe Versuch, Nähe und Behaglichkeit zu schaffen, nur um
sich an sein Portemonnaie anzubiedern, dies schale Unterfangen, wie auf einem
Dorffest jovial an seine Spendierhosen zu appellieren, diese verbissene,
ungeheuer trostlos Fiktion eines Fests der Liebe.
Mit
einem Wort, der Kapitalismus zeigte gerade vor Weihnachten seine hässlichste,
gierigste und oberflächlichste Fratze. Er
hasste Weihnachten. Er hasste die
Menschen. Er sah sich um. Wozu sollte
er jetzt noch mit der Rolltreppe in die berühmte Freßabteilung hochfahren? Wozu
sich inmitten Bonvivants um Trüffel und Hirschbarke anstellen? Die ganzen
Konsumzombies hatten ihm gründlich den Appetit verdorben. Es war alles so
langweilig geworden, er hatte das alles satt. Er machte auf dem nächsten Absatz
kehrt, kämpfte sich angewidert von der Enge, den Berührungen durchs manische
Menschengewühl, diese Schweine, sie grinsten alle total daneben, als wären sie
besoffen. Es gab nur noch die Peinlichkeit, als Kick, die öffentliche Blamage,
die mediale Hinrichtung, das Pornobild für alle, da hatte der Philanthrop S.
schon Recht. Endlich war er durch die Peristaltik der Menge zum Eingang gedrungen.
Er riss die Arme hoch, drängte elegant durch die Türe, lies sich aufs Trottoir
spülen, und stampfte trat mit klarer Absicht auf, wurde aber gleich wieder
bedrängt:
Ein
kümmerliches Trüppchen langhaariger pickliger Studenten warf, als dadaistischer
Flash-Mob verkleidet, für ein paar Minuten ein winziges Körnchen Sand ins
Getriebe. Die „jungen Leute“ eigneten sich verbotener Weise ein kleines Stück
Bürgersteig an. Blank gefegt, mit dicker, blauer Seidenkordel eingegrenzt und gut
vier Quadratmeter groß. Diese Fläche direkt vor diesem Moloch von international
bekanntem Kaufhaus war eigentlich als Bühne für eine dieser Verkaufsaktionen auserkoren,
wo ein abgetakelter, stadtbekannt versoffener und kokainsüchtiger Ex-Star ein
paar lahmwitzige Worte an die ebenso doofen wie reichen Premium-Kunden richten
sollte. Das war total degeneriert, und das wollte er partout nicht verpassen. Diese Schweine hatten
ihn um die Attraktion betrogen! Er war an den miesen Studis vorbei gegangen,
hatte entrüstet den Kopf und die Faust geschüttelt, ranziges Pack! Im
Vorbeigehen steckte er einem der dort hockenden, stinkenden Öko-Kommunarden den
Stummel seiner sündteuren Zigarre in die Dreadlocks. Das knusperte vielleicht!
Roch richtig nach frischem Kakerlaken-Scheiterhaufen, wie damals, an der
Ost-Front. Diese verpickelten Studenten skandierten aus hirnlosem Frontal-Protest
irgendwelchen Schwachsinn, es hatte geklungen…ja…wie…wie…. schalaben schalamai
schalamezomai.
Juden
auch noch? Und links? Das war zu
viel!
„IHR
FREAKS!“ brüllte er. „IHR SEID JA BLOSS ZU FAUL ZUM ARBEITEN!“
Mit
tiefer Befriedigung hatte er festgestellt, wie kurz darauf ein ruppiges Sonderkommando
der Konzernzentrale die langhaarigen Männer und kurzhaarigen Frauen mit blank
gewichsten Schlagstöcken und großen Spritzen voller heißem Öl vertrieb.
NEIN.
Er
war kein Nazi. Er war bloß einer
jener Ultra-National-Konservativen, nicht wahr, einer von denen, die es für
dumm fanden, dass Frauen studierten und Ausländer deutsche Sozialhilfe
kassierten. Ein kalvinistischer Sozial-Darwinist, der meinte, die Dummen wären
faul und die Faulen nichts als dumm. Solche Wesen hätten jedoch keinerlei Rechte, maximal sollte der Staat es dulden, dass diese Schmarotzer sich ihre
Almosen erbetteln. Natürlich,
lächelte er in sich hinein, war das schwer vermittelbar, also musste der Staat
für solche Idioten im Zweifel doch mit Steuermitteln aufkommen, das war ja
sogar dessen christliche Pflicht,
nicht wahr. Gut, dass ich in diesem Scheiß-Land keine Scheiß-Steuern zahle,
sondern mein Scheiß-Vermögen verdiene. Er rieb sich die Hände.
Ich
bin ja nicht blöd!
Diese
Idioten!
Alle
vier oder fünf Jahre gehen sie brav wählen und glauben, ihr Votum würde irgendetwas
ändern! Diese lackierten Hampelmänner im Parlament, in den Regierungen, den
Ämtern, den Behörden, Konzernen und so weiter. Die zucken und zappeln, salutieren
und gehorchen, sogar ohne Strippenzieherei. Wie billig, ein paar Zehntausender
im Monat, vielleicht einen Hunni, und diese Würstchen sind heilfroh, dass sie es sind, die uns assistieren. Zig-Tausend,
die wir füttern müssen, aber Zig-Millionen, die dafür blechen dürfen.
Studenten!
Ja,
die kannte er. Er war ja selbst
einmal einer gewesen, vor langer Zeit, er hatte in Weichselzweig mit
Turboantrieb Medizin studiert. Er war sehr
tüchtig gewesen, schnell und schneller, eifrig und begeisterungsfähig, neuen
Methoden in der Forschung gegenüber sehr aufgeschlossen. Es war eine allgemein
anerkannte akademische Super-Super-Super Leistung, mit 29 Jahren habilitierter
Professor zu sein, in so einem schwierigen Spezial-Gebiet dazu, wie der
Mammographie. Schon während des Grundstudiums war der Neue Staat auf diesen
tüchtigen, schneidigen jungen Mann aufmerksam geworden. Die Karriere einer lebenden
Legende. Der Erfinder der Super-Spin-Maschine. Sogar die Probanden wirkten
begeisterungsfähig, wenn das Ding erst einmal abgeschaltet wurde, nach einer
halben Stunde, manchmal mussten sie sich aber viel länger freuen, bis endlich Erlösung
kam. Ehm. Natürlich wurden sie abgelöst. Aber, das war am Ende doch keine so gute
Lösung. Es war vor allem sein Doktor-Vater, Professor SS-Gruppenführer Fickler,
der ihm das klar gemacht hatte. Nach einer Vorlesung war dieser an ihn
herangetreten und gewartet, bis der junge Star alle Ex-Kommilitonen und künftige
Hilfs-Assistenten mit seiner berühmten, knappen, fast aristokratischen Bewegung des linken Handgelenks aus dem Adimax
gescheucht hatte, ehe Fickler zu ihm sagte:
„Viel
zu viele überleben.“
„Das
kann ich ändern!“
„Guter
Junge.“
Der
Todesbote klopfte ihm auf die Schulter.
„Was
macht übrigens die… neue Versuchsreihe?“
„Sie
will nicht mehr…verleugnet werden.“
„Halten
Sie das für möglich?“
„Selbstverständlich
nicht!“
„Na
gut. Wie Sie das regeln, ist Ihre Sache. Sie erhalten natürlich sämtliche
Vollmachten.“ Der distinguierte, schon etwas ältere Offizier griff mit seiner
schmalen rechten Hand, die in einem schwarzen Saffian-Handschuh stak ins Innere
der auf Maß geschneiderten schwarzen Uniform, die sich sehr vorteilhaft vom
schneeweißen Ärztekittel abhob, zwinkerte seinem braven Schützling zu, you're
only young, and you're gonna die, und zog endlich aus ein Briefkuvert
heraus.
„Hier.“
Fickler
überreichte es ihm.
Die
Glocken der Sankt-Peretti-Kirche gegenüber der Alten Universität schlugen zwei
Uhr Mittag. Der Jüngling machte das Kuvert auf und zog einen dreifach
zusammengelegten, matt-weißen Bogen Bütten heraus. Er fühlte ein angenehmes
Prickeln der Vorfreude in seiner Wirbelsäure und faltete das Blatt auf:
Herrlin, den 24. November 1941
An
alle Dienststellen!
Der
Überbringer dieses Schreibens, Gruppenführer Kowalski, handelt in meinem Namen
und in meinem Auftrag. Er spricht durch mich. Sein Auftrag ist von
unschätzbarem Gewinn für das Reich. Daher bestimme ich:
Seinem
Befehl ist unbedingt, überall und sofort Folge zu leisten.
Jede
Hilfestellung ist ebenfalls umgehend zu leisten.
Jede
Zuwiderhandlung wird mit dem Tod bestraft.
gez.
Gundalf
Schmittler
„Sie
wissen, was das heißt“, fragte der alte Mediziner seinen feschen, jungen
Kollegen.
„Jawohl!“
Der
Zögling zögerte keine Sekunde und sagte in einem sehr giftigen Ton, der immer
lauter und schnarrender wurde:
„Schlagen Sie jetzt
gefälligst die Hacken zusammen, Sie lahmarschiger alter Mann!“
Der
Nestor des Instituts sah ihn entgeistert an.
Da
versetzte ihm der Jüngere einen wuchtigen Tritt ins Skrotum und brüllte:
„WACHE!
FÜHREN SIE DIESEN VERRÄTER AB!“
Ein
paar Jungs von der Ehrenwache krachten beim leeren Hörsaal hinein, sie
trampelten mit ihren auf Hochglanz gewienerten Stiel-Stiefeln auf ihn zu, die Schäfte,
nach denen sich die Menschen immer so verängstigt umblickten und die überall im
Parkett winzige halbrunde Abdrücke hinterließen.
Zu
seinen beschuhten Füssen krümmte sich der alte Mann.
Er
trat ihm noch schnell in den Mund.
Blutspritzer
besudelten das schöne, fette Leder seiner Stiefel.
Die
jungen Soldaten stürzten entgeistert auf sie zu.
Der
erste war einer jener so schönen blonden Athleten- Krieger, die er so verehrte.
„Was ist hier los?“
Der
Unteroffizier sah seinen greisen Vorgesetzten dort liegen, zwei, drei
Elfenbeinsplitter glänzten in einer kleinen Pfütze aus sehr dunklem Blut, das
aus der übel verfärbten Nase floss. Der junge Soldat riss seine Falter-Pistole
aus dem Halfter und richtete sie auf den Täter.
„SIND
SIE WAHNSINNIG?“
Es
war ein Oberschareführer.
Er
seufzte.
„Ruhe“,
befahl er dem Herrenmenschen, und hielt dem Unteroffizier den Brief hin.
Der
stutzte, las, stutzte noch mal, ließ das Blatt fallen, knallte die Hacken
zusammen, riss die flach aufgefächerte Hand ruckartig an den Schritt und
brüllte:
„GIB
SEIL!“
Der
Alte blubberte noch ein paar Laute, aber sehr schnell fuhr der scharfe Absatz
seines ehemaligen Schülers in seinen Handrücken, der dünne rote Rand des
Abdrucks wirkte sehr dekorativ im schwarzen Ziegenleder. Dann wimmerte der Alte.
Das hat ja geklungen wie kleine Ästchen, so leise hat das geknackt, oder wie
eine Wachtelbrust, mein Gott, was für ein Suppenhuhn, dachte der Unteroffizier,
aber er achtete nicht mehr auf das kleine Häufchen Asche dort auf dem Boden: Vor
ihm war gerade eine neue Sonne aufgegangen.
Der
blutjunge Offizier war ganz ruhig:
„Ich
bin Professor Kowalski. Oberste Gruppenleitung. Entsprechender Heerwacht-Rang.
Dieser Mann ist ein übler Verräter, ein Verbrecher. Bringen Sie ihn in die
Turmstrasse und behandeln Sie ihn wie alle anderen. Haben Sie verstanden? Das
ist ein Befehl.“
Der
junge Wachhund machte Männchen.
Er
entließ ihn mit einer Huld, die jetzt schon viel von seiner überlegenen Klasse
verriet, eine neue, freie Rasse deren Aufblühen es noch abzuwarten galt, ohne
falsche Moral, ohne Skrupel, ohne Gefühlsduselei.
Die
Glocken führten ihren letzten Schlag.
Eifrige
Soldaten verräumten die zerbrochenen Überreste eines längst untergegangenen
Zeitalters, das noch nicht völlig durchdrungen gewesen war, vom puren schöpferischen
Geist wahrer Wissenschaft. Diese wurde nun von keinem kleinlichen Allvater mehr
behindert, sondern von einem wahren Demiurgen gefördert. Die Soldaten
salutierten abermals.
„Ja,
ja, schon gut.“
Das
Muster der kleinen Bluttröpfchen, die der alte Fickler auf dem mit Büffelwachs
blank gewienerten, Boden zurückgelassen hatte, als ihn die SS mit dem Gesicht
nach unten hinaus schleiften, erinnerte den jungen Forscher flüchtig an eins jenes
aztekischer Wort-Bänder, welche die Mauern der Todestempel zierten, aber er
hatte diesen Gedanken rasch als zu abwegig empfunden.
„Nee,
nee, das sind germanische Runen!“
Er
trat auf dem Weg hinaus mitten in die größte der Blutlachen.
Merkte
nichts davon, wie ihn ein winziges Bluttröpfchen ansprang, den Schuh
hinauf glitt, die Hose hinauf, auf den Rock, bis es, ohne von seiner Kleidung
aufgesogen zu werden, seinen Nacken erreichte und dort in die Haut sickerte. Es
wäre ein gutes Zeiss-Mikroskop notwendig gewesen, um das dunkelrote Mal, das seine
Haut langsam wie eine Tätowierung verfärbte, als schreckliche kleine
Teufelsfratze zu erkennen.
Draußen
auf dem Gang hatte ein dienstbarer Geist bereits einen Zettel angebracht, der
die Fakultät samt allen Angehörigen darüber informierte: Per Order des Dekans,
se. Spektabilität, Prof. Sandmann, hielte am morgigen Tage Professor Frank Kowalski,
als neuer Instituts-Leiter der Frauenheilkunde ein Grundsatzreferat halten
würde.
Es
war der Weg der Revolution.
Er
hatte keine Angst und keine Bedenken.
Er
war richtig scharf drauf.
Er
war im Kommen. Das nächste, was er tat, war zum Schneider seines ehemaligen
Mentors zu gehen. Ohne Uniform bräuchte er sich gar nicht mehr blicken zu
lassen.
Natürlich
verloren sie den Krieg.
Schlag
und Flucht, die Mann-bare Taktik der Feiglinge, hatte er sich in der Endphase
der Katastrophe wie andre Hochbegabte und Schützenswerte flugs zu Eigen
gemacht, und sie strategisch sehr klug umgesetzt. Sämtlichen Gefahren entging
er rasch und nachhaltig. Bis die Waffen schwiegen. Auch nach dem Herrliner
Großraum-Schaubild Gefallener Engel 1945
war Frank Kowalski bei aller Trauer gut weiter gekommen. Leute wie er wurden
schließlich immer gebraucht! Jetzt galt es, die Bevölkerungsverluste erst mal
wett zu machen! Für die Wiederbewaffnung! Das war er dem Westen schuldig! Dank
seiner Praxis und der Hilfe alter Kameraden, konnte er neben seiner wichtigen
ärztlichen und moralischen Tätigkeit eine weitere, bahnbrechende Fertilitäts-Theorie
entwickeln, die er wie ein Gottesurteil empfangen hatte und für die er fürstlich
entlohnt wurde. Seine Geschöpfe füllten ganze Stadien. s
Jahrzehnte
waren ins Land gezogen. .
An
diesem Abend war er besonders gut gelaunt gewesen, hatte sich eine gute Portion
verbotener Genüsse zugeführt und saß jetzt auf seiner Wohnzimmergarnitur. Frank
genoss auf dem neuesten Stand der Unterhaltungstechnik die jüngst gerühmte
frische Bearbeitung seiner Lieblings-Operette. Er war nun selbst ein Nestor,
seine Reichtümer waren in kleinen, fernen Ländern sicher deponiert. Aus
sentimentaler Reminiszenz lebte er in Deutschland, obwohl er selbst meinte,
dies wäre nicht mehr seine Heimat. Die beiden arabischen Stricher, denen er
zuerst beim Vögeln zugeguckt (er hatte ja bereits Potenzprobleme) und die er
danach angepisst hatte, waren längst weg.
Sogar
die russische Haushälterin hatte frei. Er war ganz allein zuhause. Die Wohnung
war erfüllt von den süßlichen Klängen des großen Komponisten Walter Schlüger,
Frank aß dazu Pistazien und schnippte die leeren Schalen beim Fenster hinaus.
Es
war geradezu eine kuriose Sache, als plötzlich eine der Schalen ihm vor die
Füße rollte.
Er
stutzte.
„Was
zum ...“
Da,
noch eine.
Er
hatte es ganz genau gesehen, wie aus der Schwärze das kleine gelbe Boot
herein segelte, mit einem sachten Geräusch auf den Boden fiel und noch ein paar
Zentimeter über das Parkett glitt, ehe es genau bei seinen Zehenspitzen liegen
blieb.
Wer
erlaubte sich da dumme Scherze?
Doch
kaum hatte er diesen Gedanken ausformuliert, als schon die nächste
Pistazienschale herbei flog. Er stand auf, ging zum Fenster hinüber und lehnte
sich hinaus.
Niemand
zu sehen.
Nichts.
Er
vermeinte hoch über ihm etwas zu hören, was an ein Paar großer lederner
Schwingen erinnerte, so es das überhaupt geben kann, dachte er. Er streckte
seinen dünnen Hals, sah nach oben, versuchte etwas zu erkennen. Sterne
funkelten, ein einsames Flugzeug blinkte grün und rot, das weiche Licht der
nächtlichen Großstadt flimmerte, aber sonst?
Doch
dann kam noch etwas.
Es
war ein infernalischer Gestank, ein Mief aus den Abgründen der Hölle, voller
Tod und Verwesung, ein Miasma, das er schon lange nicht mehr gerochen hatte,
das letzte Mal, als sie eines der vielen Massengräber öffnen mussten, um die zu
langsam verrottenden Leichen zu verbrennen. Die grauen Knochen, die kleinen
Kinderleichen, die Gesichtchen noch intakt, am mumifizierten Körper, die ganzen
verzerrten Fratzen. Sturmführer Mittelberg fiel ihm wieder ein, der sich
angesichts der Leichenberge in den Mund schoss und Kowalski mit frischem Gehirn
besudelte.
Er
kotzte beim Fenster hinaus.
Weit
unter ihm klatschte es aufs Trottoir.
Ein
Gefühl hatte sein Herz getroffen, das er noch nie verspürt hatte:
Angst.
Panik,
Gedärme zusammenknotende Lähmung, Frevel defilierten im Stechschritt an ihm
vorbei. Sein armes altes Herz, das schon während des Krieges und danach schwer
an den ehemals üppigen Kokain-Injektionen gelitten hatte, die er doch gebraucht
hatte, um viele, viele Stunden am Tag arbeiten zu können, es schmerzte, oh ja, war
da ein übles Stechen! Der alte Arzt schleppte sich ans Telefon, um die Rettung
anzurufen. Doch die Leitung war tot. Ach ja, da hat doch heute irgendein
Bauarbeiter aus Versehen die Telefonleitungen des ganzen Quartiers gekappt. Na,
der war seinen Job aber auch gleich
los gewesen. Diese neuen Mobil-Dinger hingegen, die lehnte er ab. Viel zu
frivol! Mittlerweile ging es ihm schon ein wenig besser. Er rappelte sich auf
und stapfte langsam in die Küche. In seinem Schlafrock fühlte er beruhigend die
Glasflasche mit den Glycerin-Tabletten. Er spülte gleich zwei davon mit einem
tüchtigen Schluck Cognac hinunter. Ahh, das war schon viel besser.
„Muss
wohl am Wetter liegen.“ murmelte er. „Der Gestank, na ja, vermutlich modert
irgendwo auf dem Dach eine Katze oder Taube vor sich hin.“
Und
die Pistazienschalen?
Wie
waren die beim Fenster rein gekommen?
„Ach
die, nun, Raben sind ja sehr intelligente Tiere, und frech noch dazu.
Ja, ein Rabe wird's gewesen sein.“
Er
lächelte, wieder ganz Herr der Situation.
Gleich
morgen würde er die Hausverwaltung und den Kammerjäger informieren.
Er
trank einen weiteren Schluck Schnaps, fühlte, wie der Alkohol und das
Medikament wohltuende Wärme in seinem Körper erzeugten und wollte zurück ins
Wohnzimmer, als er von dort ein seltsames Geräusch hörte. Seine erste
Assoziation war die eines riesigen Gummi-Huhns gewesen, das, aus großer Höhe
fallend, auf den Fenstersims knallt. Er konnte sogar das leise Zittern spüren,
welches der schwere Aufprall durch die Mauern und den Boden laufen ließ. Und
dann, wieder diese miasmatischen Wolken, die seinen Geist umnebelten und den Körper
verzehrten.
„Mein
Gott, was ist das“, dachte er, und wusste instinktiv, mit dem lieben Gott hatte
das nichts zu tun. Die Panik, die er
gerade so eloquent weg argumentiert hatte, war wieder da. Seine Wohnung, die
ein ganzes Stockwerk einnahm, hatte nur einen Ausgang. Ein Privatlift, der ihn,
sanft nach unten schwebend, in Sicherheit bringen konnte. Doch dazu hätte er
beim Wohnzimmer vorbei gemusst, was er sich nicht traute. Was tun? Noch war er
mit seinem Latein nicht am Ende. Dann hörte er langsam watschelnde, plumpe Schritte,
die so klangen, als wären sie das Gehen nicht gewohnt. Das Blut wich ihm aus
dem Gesicht. Im Schlafzimmer war doch seine geliebte Falter-Pistole, die er all
die Zeit aufbewahrt, gepflegt und benützt hatte, er war immer ein guter Schütze
gewesen. Wenn er die erst hatte, konnte er sich doch gegen den Eindringling
wehren, nicht wahr, wer oder was das auch immer sein mochte.
Er
verließ die Küche, überquerte den Flur und hastete ins Schlafzimmer. Die
stinkend tappigen Schritte näherten sich langsam. Er konnte durch das dicke
Glas der Wand schemenhaft etwas erkennen, das sich durchs Wohnzimmer bewegte,
da, nun warf diese große Masse auch noch den Ficus um, er hörte, wie der
Keramiktopf zersplitterte. Mit zitternden Fingern fummelte er am Schränkchen,
in dem er die Waffe eingeschlossen hatte. Er steckte den kleinen Schlüssel ins
Schloss und wollte ihn gerade umdrehen, als von nebenan ein weiterer grauenerregender
Laut erklang: Röchelnde Elefanten, abgestochene Walrosse, ein Nashorn, das im
Morast versinkt, schmatzende Tode in der Cloaca Maxima, voller Wut und Tücke.
Die Schlafzimmertüre war verschlossen, und das Ding war nicht darüber erfreut.
Der Arzt zuckte so heftig zusammen, dass der Schlüssel im Schloss abbrach.
Zu
seinem Entsetzen hörte er, wie sich die Schritte nun von der Türe entfernten,
schon etwas flinker, diesmal, es war eine Frage von Sekunden, ehe sein Jäger
hier wäre. Der Alte stürzte ins Badezimmer, machte die Tür hinter sich zu,
schloss ab. Zum Glück waren die Türen aus dicker Eiche und die Schlösser aus
edelstem Stahl, garantiert einbruchsicher. Unter dem Waschbecken verstaute die
Putzfrau ihre Utensilien. Hastig wühlte er die Flaschen zur Seite, bis er
endlich gefunden hatte, was er suchte.
„Ha!
Die Chlor-Lösung! Die wird dir schön in den Augen brennen!“
Dann
zog er sich in seine letzte Verteidigungsstellung zurück:
Anderthalb
Meter über der Toilette führte ein Mauerschacht zu einer Öffnung, durch die er
nach dem Baden oder Duschen mit einem Hebel die feuchte Luft entweichen lassen
konnte. Sein Herz raste. Schon konnte er das Flappen der großen Füße hören, ja,
nun fiel auch die Büste vom Sockel, gleich neben der Tür. Er stopfte sich die
Flasche mit der scharfen Essenz in die Tasche des Schlafrocks, löschte das
Licht, stieg auf die Toilette und kraxelte in den Schacht hinein. Er kroch bis
zum hinteren Ende, wo er sich mit dem Rücken ans kühle Glas presste, die
Flasche aufmachte und sie in Händen hielt wie eine sauer duftende Osterkerze.
Die Schmerzen in der Brust waren fast unerträglich.
Dann
kam wieder dieses entsetzliche Geräusch durch die geschlossene Türe hindurch.
Aber diesmal würde sich das Ding nicht so leicht abschütteln lassen. Er verließ
sich auf die Eiche. Ein Schlag erdröhnte. Dann nichts mehr. Doch die Türe fing
an zu ächzen, als ob ein unglaubliches Gewicht sich dagegen lehnte. Schließlich
konnte der Arzt hören, wie das Holz anfing zu splittern, ehe es in tausend
Stücke zersprang. Er hatte einen völlig trockenen Mund und spürte, wie ihm die Kontrolle
über die Körperfunktionen entglitt. Sein Schließmuskel versagte. Ein knarrender
Trommelwirbel im Herzen. Der Gestank nahm ihm schier die Sinne. Als das Ding
aber die Lampe anmachte und triumphierend grunzte, setzte das Herz des Alten für
immer aus. Das Ding hielt ein. Es blubberte. Dann machte es eine majestätische
Handbewegung. Die winzige Verfärbung in der Haut des Toten fing an zu pochen,
glomm in der Finstern des Schachtes auf, pflückte sich aus dem welken weißen
Fleisch, dann glitt es nach 666 Monaten wieder auf seinen Herrn und Meister zu.
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