IM TOMATEN-GHETTO
Ab imo pectore
Es
war einmal ein junger Mann, der lebte in der großen Stadt an der Spree. Ein kopfschüttelnder, feiner, älterer Beobachter
hätte ihn nun dabei gesehen, wie er die Straße entlang torkelte und vor einem
grau-braunen Mietshaus stehen blieb. Der junge Mann war so betrunken, wie es
nur jene sehr jungen Männer werden, die gerade anfangen, die Welt im Rausche zu
entdecken. Er fummelte in seinen Taschen herum, ehe er einen kleinen
Schlüsselbund fand, der ihm klimpernd aus den Händen fiel, als er zum ersten
Mal versuchte, das Schlüsselloch zu finden. Es war nicht gerade ein
kaiserlicher Eindruck, den er vermittelte, aber zumindest war er nicht
bedrohlich, eher feierlich. Endlich schloss er das Haustor auf und verschwand
im Inneren. Der distinguierte Herr hingegen, vermutlich ein Akademiker, der den
jüngeren noch eben so missbilligend beäugt hatte, lächelte plötzlich, als hätte
seine innere Stimme ihn daran erinnert, wie er selbst doch damals gewesen war,
und ging weiter seiner Wege, milde gestimmt.
Einen
Grund zur Feier hatte er ja gehabt, der Trunkene. Er hatte einen wichtigen
Entschluss gefasst! Er wohnte in einem jener abrissreifen Häuser aus den
Fünfziger Jahren, die - schnell, schnell, Wohnungen müssen her! - mit der
heißen Nadel gestrickt worden waren. Die Wände waren dünn, die Mieter arm, zwei
kleine Geschäfte, links ein bescheidenes China- Restaurant und rechts ein
Griechen-Laden, befanden sich im Parterre und kämpften ums Überleben. Die
Briefkästen, die wie traurige Wachteln an den Wänden hingen, waren allesamt verbogen, eingedellt,
verschmiert, Name war über Namen behelfsmäßig geklebt, geschrieben, geflüchtet,
die rosa Rostschutzfarbe an vielen Stellen abgeplatzt. Das Treppenhaus war
trübe beleuchtet, ungepflegt, bis hinauf in den fünften Stock, wo Sven, der
junge Mann hauste, konnte man den Küchenmief vom chinesischen Lokal riechen.
Aus
den undichten Türrahmen der Nachbarn drangen intimste Gerüche dazu: Kohl,
Zigaretten, billiges Parfüm, Waschmittel, nasses Hundefell, all das unterlegt von einem unterschwelligem
Kanalgestank, der von der Wurstigkeit der Hausverwaltung Bände sprach. Die
Heizung fiel im Winter immer wieder aus, im Sommer das Wasser, die Straßenader,
an der die Vorderfront des Hauses lag, ließ den Verkehr auch nachts nie ruhen.
Sven jedoch stapfte schon die Treppen hinauf, wie immer blieb sein Auge an den
krummen Namensschildern hängen, die den Eindruck machten, das Verbot
auszusprechen die Klingel zu drücken. Es machte ihm nichts mehr aus. Namen aus
aller Herren Länder waren da zu entziffern, aber kaum einheimische, manche von
Händen hingekrakelt, denen man ansah, daß sie nicht sehr oft zum Schreiben
benutzt wurden. Sven konnte zwar beschließen, seinen Verpflichtungen nicht
nachzukommen, aber vormachen konnte er sich nichts: Das schlechte Gewissen
bliebe.
Er
schleppte sich die letzten Meter voran, in seinen Ohren mischten sich die
mannigfaltigen Klänge des Hauses, dem er den Namen Emma gegeben hatte.
Emmas
Kakophonie, ihre Paukenschläge wütend zu gedroschener Wohnungstüren, das wüste
Gekreisch armenischer Frauen, die lüsternen Schreie intimen Verkehrs aus dem
Liebesnest zweier junger türkischer Rembetiko-Schwuler, das Gebell der Töle aus
dem dritten Stock, die Musik aus der Bude mit den schwarzen Kleinkriminellen,
die sich einbildeten, HipHop zu dürfen, die allgemeinen Dämpfe, denen Sven
immer wieder mal Hanfschwade beimengte, der Alkohol und die Hormone in seinem
Blut, all das vereinigte sich steigernd zu einem schwindelndem Wirbel, der so
stark in Sven hineinzwängte, bis er laut lachen musste, das Pochen seines
Herzens und das Rauschen in seinen Ohren ihn aus dem Körper hinausdrückten, und
irgend jemand anders ihn schließlich zu Bett brachte. Ehe er in einen tiefen,
traumlosen Schlaf fiel, sprach er noch den Zauberspruch aus:
„Mein
Fräulein!“
Pi-pa-Porno!
Ja,
ein Engel war sie, das Fräulein, das direkt über Sven wohnte. Sie war nach ihm
eingezogen, doch hatte er, der ständig über Büchern brütete, die neue Nachbarin
nicht anders wahrgenommen als durch das Getrampel, Geschiebe und Gepolter, das
nun mal mit jedem Einzug in eine neue Wohnung vom Plafond nach unten wirkte.
Das
ging ein paar Tage so weiter, ehe auch die letzte Umdrehung des Bohrers
verklungen, das letzte Möbel an seinen Platz gerückt, die letzte Kiste mit
Büchern und Geschirr ausgepackt war. Sven, der sich intensiv halbherzig seinem
frisch aufgenommenen Studium widmete, blieb nachts lange wach und stand morgens
früh auf. So war er in der Lage,
festzustellen, dass der Mensch über ihm, von dem er noch nichts wusste, um halb
neun die ersten vernehmbaren Bewegungen machte und gut anderthalb Stunden
später eilig die Stufen hinabklapperte. Aus der Leichtfüßigkeit des Geräusches
schloss er auf eine Frau. Er selbst ging am frühen Nachmittag auf die
Universität, wenn er nicht schwedische Kumpels besuchte, ging zu seinen
Seminare, wenn sie ihn nicht langweilten, und blieb oft bis 20 Uhr in der
Bibliothek seiner Fakultät, wo er am Laptop saß und chattete, um dem Lärm
zuhause zu entkommen.
Aber
es war wie mit der Liebe: Es gab keinen verlässlichen Schutz. Denn einen Monat
später hörte er sie zum ersten Mal singen. Sie hatte eine glockenhelle Stimme,
die eines Knaben, modulierte klar die Worte, die wie ein vergessenes Märchen
Svens Ohr erreichten, ihre Bedeutung
mehr gefühlt als verstanden. Sven verliebte sich in die Stimme. Dabei
war es ein großes Missverständnis. Das Mädchen war zu arm für einen
Radioapparat, und musste singen, weil sie Svens Winde nicht ertragen konnte.
Wie sei es hasste! Ständig furzte er vor sich hin, vor allem in der Nacht
konnte sie nicht schlafen, während er selig besoffen schnarchte. Zwar waren die
Wände nicht so dünn, dass sie Svens Dämpfe riechen konnte, aber allein schon
deren akustische Manifestationen quälten ihre empfindliche Künstlerseele.
Armer
Sven! Wie sollte er das alles wissen? Niemandem war klar, Sven machte eine seltene
Darmkrankheit zu schaffen. Eigentlich war es eine Hormonstörung, die Svens
Stoffwechsel dermaßen auf Turbo brachte, sodass seine Verdauung neun Mal so
schnell ablief als bei anderen Menschen. Das wirklich Revolutionäre an diesem
Morbus ist, seine nur sehr selten eindeutige Diagnostizierbarkeit. Immer wieder
schlüpft er durch die Maschen einer analfixierten Gesellschaft von Zahnkranken.
Gratulation der Flatulenz! Sie wissen, was ich meine. Schilderungen der
grotesken Art in Malerei und Dichtung finden sich allenthalben. Eitrige Armenkrankenhäuser,
schmatzend-lockende Löcher in Fleischwunden, freigelegte Rippenbalken, eine
Straßenbahn, die nicht mehr bremsen konnte, ein Unglück in der Kalkgrube, immer
stinkt es, in der Nähe von vielen Menschen. Kein Wunder, sind wir ja alles
üble, ungewaschene Wilde, Fleisch fressende Affen, Ziegenhändler, krätziges Gesindel eben, aber
alles ohne Kulturkritik, bitte. Keinerlei politische Absichten könnte der
Schlafende haben, wenn er eben mal einen fahren lässt, und dabei einer
nervös-dekadenten Künstlerin den Marsch bläst. Ha, das wäre ja noch besser! Da
könnte ein jeder Trucker kommen.
ES
LEBE DAS PROLETARIAT!
Revolution
beginnt in den Bäuchen der Menschheit. Wer nichts zu fressen hat, kann an
nichts anderes denken. Ach, Sie meinen, die Armen haben eben Pech gehabt?
Stimmt, ich habe ja noch ein Stück Torte im Kühlschrank, gleich neben dem
sündteuren Champagner. Und doch kam alles anders.
Sven hatte diese Kühnheit von seinem Urgroßonkel Peder geerbt, der als
verkappter Auswanderer 1859 auf einem Schiff nach Amerika fuhr, aber leider
wegen eines dummen Navigationsfehler des alkoholkranken Kapitäns
vermutlich in der Beringstraße samt
aller anderen Personen an Bord verreckte.
Es gibt auf jeden Fall keinen Augenzeugenbericht. Das Schiff ist verschwunden.
Das Tragische Ende von Onkel Peder, der gute Mann, einer der ersten schwedischen Realisten, der für einen
Roman vor Ort recherchieren wollte. Wie hätte er ahnen sollen, dass sich die
Suche nach der Wahrheit in eine Supernova der Authentizität verwandeln würde,
der im wahrsten Sinne die Worte wie Zähne aus dem Mund fallen, und nicht mal
mehr darüber schreiben können. Ähnlich konsequent glühte sich auch Sven durchs
Leben, und diese animalische Anziehungskraft der Säfte selbst turnte die kleine
Sängerin doch an. Sven wusste das noch nicht. Aber vermutlich kam das vom
Comics-Lesen. Die sind ja an allem Schuld! Die Comics, das TV und Rockmusik. Vor
allem die Musik!
Diese
Rockerbuben! Des Mädchens Oma hatte immer alles ganz genau gewusst: ROCKER SIND
DES TEUFELS! DAVID IST SATAN!! SAINT VITUS WYNDORF!!!
Sven
aber, in dessen Herz ein feuriger Keim emporwuchs, legte sich auf die Lauer:
Er
lauschte den Schritten der angebeteten Schönen, lugte aus dem Fenster, notierte
sich die Zeiten, wann sie das Haus verließ, und wiederkam, bangend, hoffend,
harrend, mit pochendem Gefühl. Er wusste, was er tat, war ein wenig bedenklich,
ja fast schon eine Obsession, aber er konnte und wollte nichts dagegen machen.
Wie schön sie doch war! Nebenbei
gewöhnte er sich einen geregelten Tagesablauf an, vorbei die Zeiten, als er nur
noch soff und rauchte wie ein Schlot, Mutters Kohle verheizte und dabei doch
keinen Schritt weiterkam, im Leben, obwohl er so tat, als ob.
„Nein,
sie wird meine Rettung sein!“, schwor
Sven sich, und wusste, er wäre ihr ein guter Mann. Wie Sie sehen, war Sven
nicht gerade ein Mann, der an sich oder der Integrität seiner Absichten Zweifel
hegte.
Sven
kicherte und legte eine Platte auf, ganz laut.
Das
Mädchen wurde ganz aufgeregt! Da waren sie wieder: Hawkwind! Lemmy warf sich
ein paar Trips ein, spülte eine Flasche Jim Beam hinterher und legte los, am
Bass. Ein richtiger Nazi-Hippie war das. Das Mädchen selbst war ja einem
anderen kulturellen Background entwichen, dem mit Bortschtsch und Pirogen.
Alles gute Kameraden, die Russen und die Schweden, die kannten sich schon
lange. Das waren alte Nachbarn, in Wirklichkeit. Und so schwebten beide
Nordlichter, niemand anderem verpflichtet, als dem Willen des Herrn, langsam
auf einander zu, auf golden gewebten Bahnen dünnen Lichts. Doch zwischen der
Kernschmelze und dem Eisprung war noch eine Kleinigkeit zu überdenken:
“WIE
QUATSCHE ICH SIE AM BESTEN AN?“
Noch
war keine Aufregung geboten, sondern Kühle. Eine Kleinigkeit für den Normannen!
Er war sich ziemlich sicher, es mit einer kleinen Russin zu tun zu haben, denn nur
einer der Namen auf den Briefkästen war ostslawisch. Wie hatte er gelächelt,
als ihm endlich einfiel, wie er das Mädchen ansprechen würde. Wie hatte er sich
auf ihr hübsches Gesicht gefreut, das eines Tages, auf einer
schwedisch-russischen Landhochzeit, mit den kessen Sommersprossen ganz nahe an
seinen Lippen sein würde, tanzend im Kreis, für immer sein. Ja, so würde es
gehen! Das war sein Grund gewesen, zu
feiern!
Sven
wachte mit einem mächtigen Brummschädel auf.
Langsam ließ er einen fahren, kratze sich am
Hodensack. Dann schwang er seine Beine über die Bettkante, brummelte ein paar
unverständliche Worte, schleppte sich in die Küche, öffnete den Kühlschrank,
und sah, es war alles gut. Sven gackerte, griff sich eine Flasche eiskalten
Wassers, und ließ den halben Inhalt durch seine gierig pumpende Kehle laufen.
Er schlurfte barfuss über den Terrazzoboden seiner billigen Behausung, stellte
sich an die Toilette und ließ einen Strahl grünlichen Morgenharns
hineinprasseln. Das tat gut.
Sven
sah mit verklebten Augen nach der Zeit.
„Halb
vier!“
An
diesem Tag war es schon zu spät, um den Plan durchzuführen. Aber es machte
nichts. Sven schwänzte die Uni und ging wieder ins Bett. Er stellte sich die
Hochzeitsnacht mit seiner Braut vor, onanierte dazu, dann schlief er wieder
ein. Am nächsten Tag war das Mädchen schon früh ins Konservatorium geradelt, wo
sie die Gelegenheit nutzte, ein paar Extra- Gesangs-Übungsstunden bei Walenska Blatewskaya zu
nehmen, eine berühmte, philanthropische Vokalistin, da konnten die zwei
internationalen Frauen einmal in der alten Muttersprache miteinander reden.
Frau Blatewskaya war für ihre spezielle Form der Larynx-Technik bekannt, und es hieß,
aus ihrem Nest schlüpft so manches Goldkehlchen. Sven war ebenfalls früh auf
den Beinen, um seine strategischen Stützkäufe zu unternehmen, ehe er auf die
Uni musste. Mittwochs begannen seine Seminare schon um zehn, waren aber um zwei
Uhr nachmittags schon wieder zu Ende. Sven klapperte die einschlägigen Läden in
der Gegend ab, kaufte dieses in der Belziger Straße ein und jenes am
Winterfeldplatz. Danach hetzte er nach Dahlem.
Am
Nachmittag machte sich das Mädchen wieder auf den Heimweg. Sie summte beim
Radfahren eine kleine Melodie und sah sich dabei vor einem großen, kritischen
Publikum, das sie frenetisch feierte, Madame Blatewskaya stolz in der ersten
Reihe.
Sie
fuhr glatt den ganzen Heimweg durch, ohne stehen zu bleiben, sie hatte die
grüne Welle, fühlte sich rundum wohl.
Sven
hatte schon eine ganze Zeit lang sich aus dem Fenster gebeugt und die große
Kreuzung unter ihm beobachtet. Als er seine Liebe entdeckte, die auf die grüne
Ampel zusurrte, machte er sich bereit für seinen Großen Sprung.
Das
Mädchen kam zuhause an, stieg vom Rad, schob es durch das Haustor in den Flur,
von da aus weiter, hinaus in den Hinterhof, wo sie es gewissenhaft mit einer
Spezialkette an einer Teppichstange vor Diebstahl sicher befestigte. Dann stieg
sie die Treppen hoch, hinauf, immer höher, bald, das wusste sie, wäre sie GANZ
OBEN angekommen. Sie wunderte sich, ob dieser seltsame Typ wieder am Guckloch
stehen würde, wenn sie an ihm vorbei die Stufen nach oben stieg, denn jemand
stand hinter der Türe, das konnte sie fühlen, obwohl es für sie keine Bedrohung darstellte.
„Er
hat ja einen guten Musikgeschmack!“.
Das
hatte ja einen gewissen Charme, eine gute Basis, für eine Sängerin.
„Wie
er wohl aussieht?“.
Sie
musste lächeln. Wie komisch das doch war; diese Kommunikation durch die Wände
hindurch, das Spiel mit der Klospülung, die Musik, die heraufschallte, wenn sie
mit ihren Gesangsübungen fertig war.
„Eigentlich
ist es ja fast schon romantisch!“ dachte sie
Sie
kam gerade auf dem letzten Treppenabsatz an, als die mittlere Türe aufging. Ein
großer, gut aussehender Wikinger stand im Rahmen, und lächelte selig.
Als
guter Euro-Payer sprach er sie auf Deutsch an:
„Herzlich
willkommen in der Hausgemeinschaft! Ich bin Sven!“
Sie
waren ja in Preußen. Linkisch präsentierte er eine Flasche mit schwedischem
Wodka und eine kleine Packung Russisch Brot von der kleinen
Spezialitäten-Konditorei um die Ecke.
Sie
lächelte, antwortete mit niedlichem, slawischem Akzent:
„Spassiba!
Ich heiße Ludmilla!“
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