Der Gemeine Katzenpanda

Samstag

Nummer 451



IM TOMATEN-GHETTO

Ab imo pectore


 Es war einmal ein junger Mann, der lebte in der großen Stadt an der Spree. Ein  kopfschüttelnder, feiner, älterer Beobachter hätte ihn nun dabei gesehen, wie er die Straße entlang torkelte und vor einem grau-braunen Mietshaus stehen blieb. Der junge Mann war so betrunken, wie es nur jene sehr jungen Männer werden, die gerade anfangen, die Welt im Rausche zu entdecken. Er fummelte in seinen Taschen herum, ehe er einen kleinen Schlüsselbund fand, der ihm klimpernd aus den Händen fiel, als er zum ersten Mal versuchte, das Schlüsselloch zu finden. Es war nicht gerade ein kaiserlicher Eindruck, den er vermittelte, aber zumindest war er nicht bedrohlich, eher feierlich. Endlich schloss er das Haustor auf und verschwand im Inneren. Der distinguierte Herr hingegen, vermutlich ein Akademiker, der den jüngeren noch eben so missbilligend beäugt hatte, lächelte plötzlich, als hätte seine innere Stimme ihn daran erinnert, wie er selbst doch damals gewesen war, und ging weiter seiner Wege, milde gestimmt.                                     
Einen Grund zur Feier hatte er ja gehabt, der Trunkene. Er hatte einen wichtigen Entschluss gefasst! Er wohnte in einem jener abrissreifen Häuser aus den Fünfziger Jahren, die - schnell, schnell, Wohnungen müssen her! - mit der heißen Nadel gestrickt worden waren. Die Wände waren dünn, die Mieter arm, zwei kleine Geschäfte, links ein bescheidenes China- Restaurant und rechts ein Griechen-Laden, befanden sich im Parterre und kämpften ums Überleben. Die Briefkästen, die wie traurige Wachteln an den Wänden hingen,  waren allesamt verbogen, eingedellt, verschmiert, Name war über Namen behelfsmäßig geklebt, geschrieben, geflüchtet, die rosa Rostschutzfarbe an vielen Stellen abgeplatzt. Das Treppenhaus war trübe beleuchtet, ungepflegt, bis hinauf in den fünften Stock, wo Sven, der junge Mann hauste, konnte man den Küchenmief vom chinesischen Lokal riechen.
Aus den undichten Türrahmen der Nachbarn drangen intimste Gerüche dazu: Kohl, Zigaretten, billiges Parfüm, Waschmittel, nasses Hundefell, all das  unterlegt von einem unterschwelligem Kanalgestank, der von der Wurstigkeit der Hausverwaltung Bände sprach. Die Heizung fiel im Winter immer wieder aus, im Sommer das Wasser, die Straßenader, an der die Vorderfront des Hauses lag, ließ den Verkehr auch nachts nie ruhen. Sven jedoch stapfte schon die Treppen hinauf, wie immer blieb sein Auge an den krummen Namensschildern hängen, die den Eindruck machten, das Verbot auszusprechen die Klingel zu drücken. Es machte ihm nichts mehr aus. Namen aus aller Herren Länder waren da zu entziffern, aber kaum einheimische, manche von Händen hingekrakelt, denen man ansah, daß sie nicht sehr oft zum Schreiben benutzt wurden. Sven konnte zwar beschließen, seinen Verpflichtungen nicht nachzukommen, aber vormachen konnte er sich nichts: Das schlechte Gewissen bliebe.
Er schleppte sich die letzten Meter voran, in seinen Ohren mischten sich die mannigfaltigen Klänge des Hauses, dem er den Namen Emma gegeben hatte.
Emmas Kakophonie, ihre Paukenschläge wütend zu gedroschener Wohnungstüren, das wüste Gekreisch armenischer Frauen, die lüsternen Schreie intimen Verkehrs aus dem Liebesnest zweier junger türkischer Rembetiko-Schwuler, das Gebell der Töle aus dem dritten Stock, die Musik aus der Bude mit den schwarzen Kleinkriminellen, die sich einbildeten, HipHop zu dürfen, die allgemeinen Dämpfe, denen Sven immer wieder mal Hanfschwade beimengte, der Alkohol und die Hormone in seinem Blut, all das vereinigte sich steigernd zu einem schwindelndem Wirbel, der so stark in Sven hineinzwängte, bis er laut lachen musste, das Pochen seines Herzens und das Rauschen in seinen Ohren ihn aus dem Körper hinausdrückten, und irgend jemand anders ihn schließlich zu Bett brachte. Ehe er in einen tiefen, traumlosen Schlaf fiel, sprach er noch den Zauberspruch aus:
„Mein Fräulein!“
Pi-pa-Porno!
Ja, ein Engel war sie, das Fräulein, das direkt über Sven wohnte. Sie war nach ihm eingezogen, doch hatte er, der ständig über Büchern brütete, die neue Nachbarin nicht anders wahrgenommen als durch das Getrampel, Geschiebe und Gepolter, das nun mal mit jedem Einzug in eine neue Wohnung vom Plafond nach unten wirkte.
Das ging ein paar Tage so weiter, ehe auch die letzte Umdrehung des Bohrers verklungen, das letzte Möbel an seinen Platz gerückt, die letzte Kiste mit Büchern und Geschirr ausgepackt war. Sven, der sich intensiv halbherzig seinem frisch aufgenommenen Studium widmete, blieb nachts lange wach und stand morgens früh auf.  So war er in der Lage, festzustellen, dass der Mensch über ihm, von dem er noch nichts wusste, um halb neun die ersten vernehmbaren Bewegungen machte und gut anderthalb Stunden später eilig die Stufen hinabklapperte. Aus der Leichtfüßigkeit des Geräusches schloss er auf eine Frau. Er selbst ging am frühen Nachmittag auf die Universität, wenn er nicht schwedische Kumpels besuchte, ging zu seinen Seminare, wenn sie ihn nicht langweilten, und blieb oft bis 20 Uhr in der Bibliothek seiner Fakultät, wo er am Laptop saß und chattete, um dem Lärm zuhause zu entkommen.
Aber es war wie mit der Liebe: Es gab keinen verlässlichen Schutz. Denn einen Monat später hörte er sie zum ersten Mal singen. Sie hatte eine glockenhelle Stimme, die eines Knaben, modulierte klar die Worte, die wie ein vergessenes Märchen Svens Ohr erreichten, ihre Bedeutung  mehr gefühlt als verstanden. Sven verliebte sich in die Stimme. Dabei war es ein großes Missverständnis. Das Mädchen war zu arm für einen Radioapparat, und musste singen, weil sie Svens Winde nicht ertragen konnte. Wie sei es hasste! Ständig furzte er vor sich hin, vor allem in der Nacht konnte sie nicht schlafen, während er selig besoffen schnarchte. Zwar waren die Wände nicht so dünn, dass sie Svens Dämpfe riechen konnte, aber allein schon deren akustische Manifestationen quälten ihre empfindliche Künstlerseele. 
Armer Sven! Wie sollte er das alles wissen? Niemandem war klar, Sven machte eine seltene Darmkrankheit zu schaffen. Eigentlich war es eine Hormonstörung, die Svens Stoffwechsel dermaßen auf Turbo brachte, sodass seine Verdauung neun Mal so schnell ablief als bei anderen Menschen. Das wirklich Revolutionäre an diesem Morbus ist, seine nur sehr selten eindeutige Diagnostizierbarkeit. Immer wieder schlüpft er durch die Maschen einer analfixierten Gesellschaft von Zahnkranken. Gratulation der Flatulenz! Sie wissen, was ich meine. Schilderungen der grotesken Art in Malerei und Dichtung finden sich allenthalben. Eitrige Armenkrankenhäuser, schmatzend-lockende Löcher in Fleischwunden, freigelegte Rippenbalken, eine Straßenbahn, die nicht mehr bremsen konnte, ein Unglück in der Kalkgrube, immer stinkt es, in der Nähe von vielen Menschen. Kein Wunder, sind wir ja alles üble, ungewaschene Wilde, Fleisch fressende Affen,  Ziegenhändler, krätziges Gesindel eben, aber alles ohne Kulturkritik, bitte. Keinerlei politische Absichten könnte der Schlafende haben, wenn er eben mal einen fahren lässt, und dabei einer nervös-dekadenten Künstlerin den Marsch bläst. Ha, das wäre ja noch besser! Da könnte ein jeder Trucker kommen.
ES LEBE DAS PROLETARIAT!
Revolution beginnt in den Bäuchen der Menschheit. Wer nichts zu fressen hat, kann an nichts anderes denken. Ach, Sie meinen, die Armen haben eben Pech gehabt? Stimmt, ich habe ja noch ein Stück Torte im Kühlschrank, gleich neben dem sündteuren Champagner. Und doch kam alles anders.
 Sven hatte diese Kühnheit  von seinem Urgroßonkel Peder geerbt, der als verkappter Auswanderer 1859 auf einem Schiff nach Amerika fuhr, aber leider wegen eines dummen Navigationsfehler des alkoholkranken Kapitäns vermutlich  in der Beringstraße samt aller anderen Personen an Bord verreckte.  Es gibt auf jeden Fall keinen Augenzeugenbericht. Das Schiff ist verschwunden. Das Tragische Ende von Onkel Peder, der gute Mann, einer der  ersten schwedischen Realisten, der für einen Roman vor Ort recherchieren wollte. Wie hätte er ahnen sollen, dass sich die Suche nach der Wahrheit in eine Supernova der Authentizität verwandeln würde, der im wahrsten Sinne die Worte wie Zähne aus dem Mund fallen, und nicht mal mehr darüber schreiben können. Ähnlich konsequent glühte sich auch Sven durchs Leben, und diese animalische Anziehungskraft der Säfte selbst turnte die kleine Sängerin doch an. Sven wusste das noch nicht. Aber vermutlich kam das vom Comics-Lesen. Die sind ja an allem Schuld! Die Comics, das TV und Rockmusik. Vor allem die Musik!
Diese Rockerbuben! Des Mädchens Oma hatte immer alles ganz genau gewusst: ROCKER SIND DES TEUFELS! DAVID IST SATAN!! SAINT VITUS WYNDORF!!!
Sven aber, in dessen Herz ein feuriger Keim emporwuchs, legte sich auf die Lauer:
Er lauschte den Schritten der angebeteten Schönen, lugte aus dem Fenster, notierte sich die Zeiten, wann sie das Haus verließ, und wiederkam, bangend, hoffend, harrend, mit pochendem Gefühl. Er wusste, was er tat, war ein wenig bedenklich, ja fast schon eine Obsession, aber er konnte und wollte nichts dagegen machen. Wie schön sie doch war! Nebenbei gewöhnte er sich einen geregelten Tagesablauf an, vorbei die Zeiten, als er nur noch soff und rauchte wie ein Schlot, Mutters Kohle verheizte und dabei doch keinen Schritt weiterkam, im Leben, obwohl er so tat, als ob.
„Nein, sie wird meine Rettung sein!“, schwor Sven sich, und wusste, er wäre ihr ein guter Mann. Wie Sie sehen, war Sven nicht gerade ein Mann, der an sich oder der Integrität seiner Absichten Zweifel hegte.
Sven kicherte und legte eine Platte auf, ganz laut.
Das Mädchen wurde ganz aufgeregt! Da waren sie wieder: Hawkwind! Lemmy warf sich ein paar Trips ein, spülte eine Flasche Jim Beam hinterher und legte los, am Bass. Ein richtiger Nazi-Hippie war das. Das Mädchen selbst war ja einem anderen kulturellen Background entwichen, dem mit Bortschtsch und Pirogen. Alles gute Kameraden, die Russen und die Schweden, die kannten sich schon lange. Das waren alte Nachbarn, in Wirklichkeit. Und so schwebten beide Nordlichter, niemand anderem verpflichtet, als dem Willen des Herrn, langsam auf einander zu, auf golden gewebten Bahnen dünnen Lichts. Doch zwischen der Kernschmelze und dem Eisprung war noch eine Kleinigkeit zu überdenken:
“WIE QUATSCHE ICH SIE AM BESTEN AN?“
Noch war keine Aufregung geboten, sondern Kühle. Eine Kleinigkeit für den Normannen! Er war sich ziemlich sicher, es mit einer kleinen Russin zu tun zu haben, denn nur einer der Namen auf den Briefkästen war ostslawisch. Wie hatte er gelächelt, als ihm endlich einfiel, wie er das Mädchen ansprechen würde. Wie hatte er sich auf ihr hübsches Gesicht gefreut, das eines Tages, auf einer schwedisch-russischen Landhochzeit, mit den kessen Sommersprossen ganz nahe an seinen Lippen sein würde, tanzend im Kreis, für immer sein. Ja, so würde es gehen!  Das war sein Grund gewesen, zu feiern!
Sven wachte mit einem mächtigen Brummschädel auf.
Langsam ließ er einen fahren, kratze sich am Hodensack. Dann schwang er seine Beine über die Bettkante, brummelte ein paar unverständliche Worte, schleppte sich in die Küche, öffnete den Kühlschrank, und sah, es war alles gut. Sven gackerte, griff sich eine Flasche eiskalten Wassers, und ließ den halben Inhalt durch seine gierig pumpende Kehle laufen. Er schlurfte barfuss über den Terrazzoboden seiner billigen Behausung, stellte sich an die Toilette und ließ einen Strahl grünlichen Morgenharns hineinprasseln. Das tat gut.
Sven sah mit verklebten Augen nach der Zeit.
„Halb vier!“
An diesem Tag war es schon zu spät, um den Plan durchzuführen. Aber es machte nichts. Sven schwänzte die Uni und ging wieder ins Bett. Er stellte sich die Hochzeitsnacht mit seiner Braut vor, onanierte dazu, dann schlief er wieder ein. Am nächsten Tag war das Mädchen schon früh ins Konservatorium geradelt, wo sie die Gelegenheit nutzte, ein paar Extra- Gesangs-Übungsstunden bei Walenska Blatewskaya zu nehmen, eine berühmte, philanthropische Vokalistin, da konnten die zwei internationalen Frauen einmal in der alten Muttersprache miteinander reden. Frau Blatewskaya war für ihre spezielle Form der Larynx-Technik bekannt, und es hieß, aus ihrem Nest schlüpft so manches Goldkehlchen. Sven war ebenfalls früh auf den Beinen, um seine strategischen Stützkäufe zu unternehmen, ehe er auf die Uni musste. Mittwochs begannen seine Seminare schon um zehn, waren aber um zwei Uhr nachmittags schon wieder zu Ende. Sven klapperte die einschlägigen Läden in der Gegend ab, kaufte dieses in der Belziger Straße ein und jenes am Winterfeldplatz. Danach hetzte er nach Dahlem.
Am Nachmittag machte sich das Mädchen wieder auf den Heimweg. Sie summte beim Radfahren eine kleine Melodie und sah sich dabei vor einem großen, kritischen Publikum, das sie frenetisch feierte, Madame Blatewskaya stolz in der ersten Reihe.
Sie fuhr glatt den ganzen Heimweg durch, ohne stehen zu bleiben, sie hatte die grüne Welle, fühlte sich rundum wohl.
Sven hatte schon eine ganze Zeit lang sich aus dem Fenster gebeugt und die große Kreuzung unter ihm beobachtet. Als er seine Liebe entdeckte, die auf die grüne Ampel zusurrte, machte er sich bereit für seinen Großen Sprung.
Das Mädchen kam zuhause an, stieg vom Rad, schob es durch das Haustor in den Flur, von da aus weiter, hinaus in den Hinterhof, wo sie es gewissenhaft mit einer Spezialkette an einer Teppichstange vor Diebstahl sicher befestigte. Dann stieg sie die Treppen hoch, hinauf, immer höher, bald, das wusste sie, wäre sie GANZ OBEN angekommen. Sie wunderte sich, ob dieser seltsame Typ wieder am Guckloch stehen würde, wenn sie an ihm vorbei die Stufen nach oben stieg, denn jemand stand hinter der Türe, das konnte sie fühlen, obwohl es für sie  keine Bedrohung darstellte.
„Er hat ja einen guten Musikgeschmack!“.
Das hatte ja einen gewissen Charme, eine gute Basis, für eine Sängerin.
„Wie er wohl aussieht?“.
Sie musste lächeln. Wie komisch das doch war; diese Kommunikation durch die Wände hindurch, das Spiel mit der Klospülung, die Musik, die heraufschallte, wenn sie mit ihren Gesangsübungen fertig war.
„Eigentlich ist es ja fast schon romantisch!“ dachte sie
Sie kam gerade auf dem letzten Treppenabsatz an, als die mittlere Türe aufging. Ein großer, gut aussehender Wikinger stand im Rahmen, und lächelte selig.
Als guter Euro-Payer sprach er sie auf Deutsch an:
„Herzlich willkommen in der Hausgemeinschaft! Ich bin Sven!“
Sie waren ja in Preußen. Linkisch präsentierte er eine Flasche mit schwedischem Wodka und eine kleine Packung Russisch Brot von der kleinen Spezialitäten-Konditorei um die Ecke.
Sie lächelte, antwortete mit niedlichem, slawischem Akzent:
„Spassiba! Ich heiße Ludmilla!“

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