Der Gemeine Katzenpanda

Samstag

Nummer 450



ENZYKLEOPARDIE


Nichts als die reine Wahrheit


Schon eigenartig. Was für Wellen manche Menschen aussenden Die einen fühlen sich an wie Katzenstreu, lieblos ins Gesicht gerieben, die anderen sind weich, engelsgleiche Partikel. Opa zum Beispiel, der sitzt auf dem Klo. Draußen liegt Schnee. Er raucht Zigarre und fühlt sich rundherum wohl. Das zarte Raunen im Rückenmark. Er hat es gerade gespürt. Da! Schon wieder. Der alte Mann lächelt. Es fängt an zu wirken. Opa hat Säure geschluckt. Das ist gut so. Dann braucht er weniger Medikamente. Dafür sieht er jetzt öfters die Heilige Jungfrau. Alles ist möglich, jeder Ausgang offen. Wellenträger, Wellentäter, Wellenberge und Wellentäler. Goagrasbier-Solo-Samstag-Abende inklusive. Andere sind bei Langemarck singend ins Maschinengewehrfeuer gelaufen, Welle auf Welle. Da hat es Opa besser. Er betätigt die Spülung. Es sind ja nur Töne. Der Kopf macht Musik draus. Das Wasser rauscht. Ein wunderbares Geräusch, so ganzheitlich, so frisch und immer voller Kraft. Passt gut zu Vollmond. Ganz nah dran riecht es pfeffrig wie verbranntes Heu, wie teuflisch gute Weihnachtsgeschenke. Der alte Mann bewegt sich zurück zu seinem Bett. Er kriecht hinein und liegt da, kuschelig eingepackt, er genießt das Feuerwerk vor seinen geschlossenen Augen.
 Es ist fast so wie damals:
Das Telefon klingelt. Und klingelt. Und klingelt. Nicht.
Also hält der Opa auch weiterhin stumme Zwiesprache mit der Frau, die er sein Leben lang geliebt hat, ohne von ihr wiedergeliebt zu werden. Und Opa ist sozusagen gar kein richtiger Opa, er hat ja schließlich keine Engel oder Enkel. In eigenartig formulierter Keuschheit lebt er nun seit Ewigkeiten, hat als noch junger Mann geschworen, sich nur wegen der Fleischeslust nie wieder zum Idioten zu machen, kein einziges Mal mehr das Kasperlekostüm anzuziehen, bloß um eine hübsche Frau rumkriegen zu können. Wenn es hingegen um gegenseitige Sympathie ging, war er stets dabei. Es ist bloß sehr selten passiert. Opa hat deswegen frühzeitig, ja schon derart frühzeitig seine Unabhängigkeit von der Frau per se, also von ihrer als Liebesgabe verklärten Vagina, in Angriff genommen, dass ein Wort wie Emanzipation allerhöchstens in der Fachsprache von Religionswissenschaftern vorkam und mit Frauen noch nichts zu tun hatte. Opa ist ebenfalls aus Prinzip nicht zu den Huren gegangen. Für Sex Geld bezahlen? Wie absurd, wie krank, wie gemein, aus einer Grundbedingung des Lebens einen verhandelbaren Luxus zu machen. Wie kümmerlich, Geschäfte mit Gefühlen zu machen. Opa denkt wie konnte alles bloß so schief gehen? Opa ist bis heute nicht draufgekommen. Die Lieblosigkeit ist geblieben. Opa ist genervt: Das macht mich krank. Ich kann das nicht verstehen! Ich will es nicht so durchgehen lassen! Vorbei die naiven Partyzeiten, (age/sex/location?) als wir uns noch eingebildet haben, wir könnten gesellschaftlich irgendetwas an Veränderung erreichen. Etwas erreichen, statt bloß aus das Nicht-Vorhandensein der Möglichkeiten hinzuweisen, jene Rolle, die uns erst später zugefallen ist. Wie sagten wir damals? Sie haben uns den Underground weggenommen und versucht, ihn uns als Mainstream zurück zu verkaufen. Eine schnelllebige Zeit fraß ihre Kinder im Turbobooster des noch nie Dagewesenen. Drogen? Techno? Schneller Sex? Darauf hatten auch die zahlenden Zaungäste zertifizierten Anspruch! Die Hi-Hats zischen wie Schlangen, im Hintergrund drängen jedoch hic et nunc die dogmatischen Effekte gut durchdachter Beats, sie werden dich, widerwillig oder nicht, einfangen, anschließend deinen Geist hinwegfegen und dich in eine willenlos bewegungswillige Trancemaschine verwandeln, eh’ du dich’s versiehst.
Yeah, man!
Was hat Opa nicht alles versucht! Mitte Dreißig erkennt er, so überhaupt keinen Durchblick mehr zu haben, wie Frauen eigentlich ticken, weil er derart unrationales Verhalten nicht nachvollziehen kann, dass er dazu übergeht, zu verstummen. Seit zehn Jahren liebt er ein Mädchen, das eigentlich nichts von ihm wissen will. Die Welt, in der er lebt, ist völlig aus den Fugen geraten: Katastrophenmeldungen stehen Spalier. Ein Weltkrieg gegen unsichtbare Gegner, Erdbeben, Fluten, Verwüstungen und sonstige Umweltdesaster. Eine weltweite Wirtschaftskrise, „Globalisierung“ genannt, zieht Menschen Boden unter Füßen weg. Hundert Millionen Arbeitslose allein im Westen der Welt. Massen verelenden, rutschen ab in überwunden geglaubte prä-industrielle Not. Gleichzeitig propagiert die Werbung in den endlos vor sich hin dudelnden TV-Geräten immer schrillere Slogans, präsentiert Leuten, die ohnehin kein Geld haben, eine bunte Warenwelt für offenbar bessere Menschen, eine Welt ohne Gerichtsvollzieher und muskelbepackte Schuldeneintreiber. Was für ein fataler Irrtum.
Hemmungsloser Sozial-Darwinismus bricht aus. Sämtliche, lange und sorgsam gehüteten, humanistische Normen werden eiligst entsorgt, erst kommt schließlich das Fressen, dann die Moral. Opa ist schockiert von der Neuen Primitivität seiner Zeitgenossen, wie der geizgeile Zeitgeist sich selbst ein Etikett, pardon, auf Neusprech Label gibt wie einen Ehrentitel; von der exhibitionistischen Lust der Talk-Shows, in denen „Gäste“, meist randständige Existenzen, sich einem frohlockenden Publikum derselben Unterschicht preisgeben. Der junge Opa ist angewidert von der geistigen Verslumung einer degenerierten Gesellschaft, in der Kinder als großes Unglück angesehen werden und Banken ihre Schützlinge in herausgeputzte Schuldenfallen locken. Er ist fassungslos angesichts der Diktatur des Mittelmäßigen, er ist angeekelt vom malignen Narzissmus, der jede zwischenmenschliche Kommunikation durchzieht, von der Dummheit und der Perversion, vom Egoismus und der Brutalität in allen Lebensbereichen. Er ist voller Verachtung für korrupte Politiker, die ihm sowie allen anderen täglich neue Lügen vorsetzen und auch in der Krise ständig blöde grinsen. Er ist mit Ekel angefüllt vor den Konzernbossen, die für den zehnten Milliardengewinn en Suite ihrer Firmen Schwindel erregende Boni kassieren, an die Aktionäre Rekorddividenden ausschütten und mit dem gleichen Federstrich ein paar tausend Arbeitsplätze zwecks Gewinnoptimierung streichen. Aber das ist ja wohl bitte deren gutes kapitalistisches Recht, nicht wahr? Soll doch der Staat für die anderen Typen aufkommen. Har, har, har.
Der Konsument ist ohnehin nur zahlender Arsch, der düpiert werden muss, was das Zeug hält. Was soll er denn sonst machen, der gute König Kunde? Streiken? Den Anbieter wechseln? Autark werden?
Har, har, har.
Da lachen ja die Hühner! So ein Mumpitz! Millionen Kinder haben in ihrem Leben ja noch nie eine Kuh gesehen! Für die kommt tatsächlich Milch eben aus der Flasche, der Tüte, dem Tetrapack. Wie schön! Und solange sich das nicht ändert, werden die Konzerne auch morgen noch Millionen schröpfen. Opas Lebenserfahrung, soweit vorhanden, macht ihm klar, dass der einzige Sinn, den es im Leben eines Menschen geben kann, der ist, den der Mensch sich selbst aufgrund simpelster sittlicher Richtlinien gibt. Da Ideale ideal bleiben, bleibt nur die Wahrheit. Alles andere ist präsokratische Sophisterei.
Terrorismus hingegen ist das neue Zauberwort, mithilfe dessen sich jeder Spuk bannen lässt. Die Situation gleicht über weite Strecken dem absurden Plot eines, zugegebenermaßen meisterhaften, Science-Fiction-Zeichentrickfilms aus der Mitte der Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts vor der Zahlenwende. Allerdings endet der Zeichentrickfilm original in einem nuklearen Brandopfer, aus dem es nur mithilfe eines Kunstgriffes in die Zaubertricklade für ein paar wenige Freunde des Gottes aus der Maschine ein Entrinnen gibt, denn im Zeichentrickfilm gelingt ja alles immer. Aber sonst? Opa denkt gelegentlich daran, Politiker zu werden. Lässt es aber lieber bleiben. Der Wahn ist kollektiv, ich kann ihn nicht alleine steuern, gibt er unumwunden zu. Sorgfältig schält er Kartoffeln, schneidet weißes Fleisch, grünes Gemüse. Gewissenhaft wird Knoblauch gehäutet, Käse gerieben, werden Chilischoten zermalmt. Früher mal, da sangen Sänger Songs über Hawaii, wo es zwar kein Bier gab, aber schöne und kaffeebraune Frauen.
Vielleicht war es aber auch Haiti und Jamaika oder gar Tahiti, weit weg genug für mich wär’s ja allemal. Opa denkt wieder und wieder darüber nach. Er redet lärmend, er schimpft, er widerspricht, nörgelt. Auswanderungs- und sonstige Fluchtpläne prägen diese Phase von Opas Existenz. Aber es gibt kein Entkommen, so bleiben ihm nur „Arbeitsaufenthalte“ auf diversen Mittelmeerinseln. Die kleine Flucht, selbst finanziert. Und die Erfahrungen, unvergesslich! Zufrieden registriert er, wie schnell das heiße Öl die Poren des zu Garenden verschließt. An manchen Tagen muss ich einfach alleine sein, es geht nicht anders, in diesem ausgärenden Zustand halte ich keine Menschen aus, und ich darf sie nicht missbrauchen. Opa erinnert sich an einen alten, längst verflossenen Freund, den er einmal, in einer solchen Phase, doch zu sich nach Hause eingeladen hatte, weil er sich in einem schwachen Moment (Liebeskummer) vor dem Alleinsein fürchtete, und der ihm binnen weniger Minuten völlig auf die Nerven gegangen war. Trotz Opas Grundeinstellung hatte er einige Zeit gebraucht, um sich auf seinen Kumpel als ein sentientes Wesen einzulassen, und dabei die ganze Zeit gehofft, der Freund würde diese seine Entgleisung nicht spüren. Gesundes Essen ist gut und gesund! Das Grünzeug immer al dente, wer will schon zerkochte Broccoli mümmeln. Oder gar Brokkòli, mit dieser typischen bundesdeutschen Betonung auf dem zweiten O. Von Pasta und Öl immer nur die allerbeste Ware, teuer konnte es ja sein, er verbrauchte nicht viel auf einmal davon. Trennkost ein Zauberwort. Opa, zügiger Zeuge seiner Zeiten, registriert in einem Archiv penibel jeden Übergriff der Mächtigen auf die Schwachen. Ein wahres Horrorszenario sammelt sich an. Nach einigen Jahren bedrückt ihn seine Sammlung derart, dass er sie an einem Ostersonntag verbrennt. Er beginnt, stattdessen eine Liste aufmunternder Ereignisse anzulegen und ist fürderhin begeistert. Er wird zum Prediger des Positiven Denkens. Einem Vexierbild gleich ändert sich sein Leben. Wenn auch nicht äußerlich, aber darauf war es noch nie wirklich angekommen.
Opa stellt sich als junger Mann bei der alljährlichen Siegesparade in die Ehrengasse der Applaudierenden, würgt jedoch, wie unter Krämpfen geschüttelt, beim Defilieren der Garde nur ein krächzendes „ICH BIN BEEINDRUCKT!! ICH BIN BEEINDRUCKT!!“ hervor, wobei sich jeder Anwesende infolge der lautmalerischen Interpretation an einen früheren deutschen Politiker österreichischer Abstammung erinnert fühlen musste. Die Militärpolizei vermöbelte Opa gründlich, ehe er in den Kasernenknast geschmissen wurde. 48 Stunden Ordnungshaft wegen öffentlicher Trunkenheit, brummte ihm ein nach eignen Standards milder Militärrichter brummend auf, es wäre ja allen klar, dass kein nüchterner Mensch solch einen kruden Vergleich ziehen könne, sonst müsste Opa an die Wand gestellt werden. Mehr hatte der nicht gebraucht, um als Zivilist für immer in einer sarkastischen Grundhaltung zu verharren.
Opa erinnert sich auch an sich selbst, ein Knabe von neun oder zehn Jahren, so verzweifelt über die Missachtung, die ihm das stiefväterliche Zuhause spüren ließ, dass er auf dem Schulweg, wenn ihm Menschen entgegenkamen, zu einer aufgeschnappten Melodie in einem vermeintlich schmissigen Tone Matrosenlieder vortrug, deren Texte er in Comicheften gelesen hatte, um ein wenig Aufmerksamkeit, vielleicht sogar Respekt zu erheischen.            Ik möcht mal n' Hamburger Veermaster sehn!  Schmissig, das war eines der Worte, das er seinen besten Freunden, den Büchern, abgeschaut und im Lexikon nachgeschlagen hatte. Und die Rohlinge, die immer mit den Türen schlagen müssen, die ihre Internorm 3-Fenster prinzipiell zudreschen, diese Arschlöcher, die nicht in der Lage sind, zu gehen anstatt zu trampeln, dass die Decke wackelt, diese Schwachköpfe denken möglicherweise nicht einmal drüber nach, ob sie mit ihrem groben Tun andere Mitmenschen belästigen. Allen ist alles andere Wurst. Das Leben, durch einen Zerstäuber gepresst. Opa murmelt einen Fluch, betätigt die Spülung ein zweites Mal und geht zurück ins Bett
Aus der zweiten Hälfte seines langen Lebens stammen selbst gedrehte Videofilme, die den Künstler und seine Freunde in alltäglichen Situationen zeigen, Spaziergänge etwa, Einkäufe, Wurstessen, Fußballspielen, Radfahren, Abwaschen, Hinfallen, Neckereien, alltägliche Situationen eben, ehe die Berühmtheit einsetzt. Der Geheimtipp, Opas Lebenswette. Immer wieder völlig pleite sitzt Opa anno dazumal auf seinem Hosenboden, und wenn er es sich recht besieht, hat sich für ihn bis heute nicht viel daran geändert.
Er streckt sich im Bett aus. Bloß, dass Opa damals noch jung ist, stark, und des Willens, noch nicht aufzustecken, sondern zu warten, bis er dem Sirenengesang wirklicher Liebe begegnet. Arm, begabt und voller Sehnsucht; Herz, was willst du mehr, um zu einem großartigen Schriftsetzer zu geraten? Opa zuckt mit den Schultern und denkt, vielleicht ein bisschen Liebe? Ein bisschen weniger materielle Sorgen? Aber er ist sich da seiner Sache nicht mehr so sicher. Das Einzige, was er weiß, ist: Im Endeffekt kann ich gleich Abwursten. Ungeordneter Rückzug. Opa ist fast amüsiert: Ich versuche, das einfache Leben eines ehrlichen Mannes zu führen und fühle mich dabei wie der letzte König von Karthago. Opa schläft ein.

SATOR
AREPO
TENET
OPERA
ROTAS

Eine dralle Parade. Opa staunt. Und lass dich nicht dabei ertappen! Aber, wobei denn?       Opa wird jetzt leicht geschwätzig. Ja, was soll ich Ihnen sagen? Ihr Name ist Kalypso, und sie lebte alleine? Sieben Jahre Gefangenschaft, ich setze morgen meine Segel? Ciao bella, cari saluti, Ulisse. So ist es höchstens in der Literatur passiert. Was heißt höchstens, das heißt: Na, wenigstens in der Literatur ist es passiert, Opa! Doch der packt die Gitarre aus. Eben erst hat er wieder ein kleines, quadratisches Stück dünnen Kartons zerkaut und geschluckt. So ist er halt. Immer für eine Überraschung gut, Freund der Tiere und kleinen Kinder, witzig und gutmütig. Warum hat den nie eine genommen? Opa kennt diese Frage und kann nach wie vor nur verständnislos drüber lächeln. Er versteht es ja auch nicht so recht, außer, na, ja, weil er sich die Eine eben so in den Kopf gesetzt und damals die Herausforderung angenommen hatte, er würde sich an ihr noch sämtliche Zähne ausbeißen! Nach wie vor aber knackt Opa seine Bierflaschen mit den Beißerchen. Er spuckt die verbogenen Deckel treffsicher in den Papierkorb. Ich habe dich nie beißen wollen, mein Kätzchen, ich hab immer nur an dir herumknabbern wollen und an dir saugen, schüchtern und verhalten wie ein moderner Kaspar Hauser. Ich wollte nie mit dir kämpfen, ich wollte dich immer nur lieb haben dürfen, nichts anderes. Opa weint jetzt bittere Tränen. Aber er weiß auch, sie bringen Erleichterung, und wenn er dann erschöpft einschläft, träumt er von ihr. Immer nur von ihr. IHR IHR IHR. Armer Opa. Am nächsten Tag hat er dann immer Kummer und trotzdem einen krachenden Magen. Seiner Trauer trägt er Rechnung, indem er über sich selbst sachte hustend lahm grient (halb, als wolle er seine großartige Geste noch überhöhen, halb, weil er sich selbst beim Übertreiben ertappt) und literweise kalten Pfefferminztee bechert, ohne was zu essen. Aber jetzt ist die Musik vorbei und hohles Pathos schleicht sich auf siechen Sohlen herbei. Opa muss sich zusammenreißen und denkt plötzlich an den Apostel Johannes. Dessen Offenbarung war ja auch kein Zuckerschlecken, wenn auch ein gutes Ende verheißend. Und schwere Brocken an ewigem Schuldbewusstsein fallen von Opas Schultern wie laut polternde Bergschuhe.
Opa wacht vom Geräusch auf. Er fühlt sich mit einem magischen Satz um Jahrzehnte jünger. Er springt aus dem Bett, stülpt sich seine dicken blauen Haussocken mit Anti-Rusch-Noppen über die verfrorenen Füße und trabt hurtig in die Küche. Ewige Rituale werden zärtlich zelebriert: Ein Glas frisch gepresster Saft aus drei Blutorangen, ein doppelter Espresso mit heißer Milch, zwei Zuckerwürfeln und einem Schuss kochendes Wasser. Eine Banane, zwei Kiwi, dazu ein Brot mit Diät-Leberaufstrich oder mit Schonkost-Extrawurst. Mittags nichts, am frühen Abend abwechselnd Reis, Pasta oder Fleisch, immer mit frischem Gemüse. Er ist trotzdem schon den ganzen Winter über verkühlt. Opa versteht auch das nicht. Es muss wohl an dem Virus liegen, der vor einigen Jahren aus einem Labor entwischt ist und der seitdem immer wieder mutiert. Nicht tödlich, aber lästig chronisch. Die Verantwortlichen dafür wurden ebenfalls nie belangt.
Opa setzt sich mit der Tageszeitung an den Schreibtisch und frühstückt.
Katastrophenmeldungen stehen Spalier. Kriege, Armut, Erdbeben, Tsunamis.
Opa schüttelt den Kopf:
„Es hat sich nichts verändert.“
Nach dem Kaffee und dem Orangensaft verspürt Opa wieder einen gewissen Drang. Er sucht sich eine hübsche, bauchige Zigarre und schmaucht sie an, ehe er aufs Klo geht.
„Aber Gott sei Dank hab’ ich damals genug Drogen gefressen.“
And the Beat goes on…

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