ENZYKLEOPARDIE
Nichts als die reine Wahrheit
Schon
eigenartig. Was für Wellen manche Menschen aussenden Die einen fühlen sich an
wie Katzenstreu, lieblos ins Gesicht gerieben, die anderen sind weich,
engelsgleiche Partikel. Opa zum Beispiel, der sitzt auf dem Klo. Draußen liegt
Schnee. Er raucht Zigarre und fühlt sich rundherum wohl. Das zarte Raunen im
Rückenmark. Er hat es gerade gespürt. Da! Schon wieder. Der alte Mann lächelt.
Es fängt an zu wirken. Opa hat Säure geschluckt. Das ist gut so. Dann braucht
er weniger Medikamente. Dafür sieht er jetzt öfters die Heilige Jungfrau. Alles
ist möglich, jeder Ausgang offen. Wellenträger, Wellentäter, Wellenberge und
Wellentäler. Goagrasbier-Solo-Samstag-Abende inklusive. Andere sind bei
Langemarck singend ins Maschinengewehrfeuer gelaufen, Welle auf Welle. Da hat
es Opa besser. Er betätigt die Spülung. Es sind ja nur Töne. Der Kopf macht
Musik draus. Das Wasser rauscht. Ein wunderbares Geräusch, so ganzheitlich, so
frisch und immer voller Kraft. Passt gut zu Vollmond. Ganz nah dran riecht es pfeffrig
wie verbranntes Heu, wie teuflisch gute Weihnachtsgeschenke. Der alte Mann
bewegt sich zurück zu seinem Bett. Er kriecht hinein und liegt da, kuschelig
eingepackt, er genießt das Feuerwerk vor seinen geschlossenen Augen.
Es ist fast so wie damals:
Das
Telefon klingelt. Und klingelt. Und klingelt. Nicht.
Also
hält der Opa auch weiterhin stumme Zwiesprache mit der Frau, die er sein Leben
lang geliebt hat, ohne von ihr wiedergeliebt zu werden. Und Opa ist sozusagen
gar kein richtiger Opa, er hat ja schließlich keine Engel oder Enkel. In
eigenartig formulierter Keuschheit lebt er nun seit Ewigkeiten, hat als noch
junger Mann geschworen, sich nur wegen der Fleischeslust nie wieder zum Idioten
zu machen, kein einziges Mal mehr das Kasperlekostüm anzuziehen, bloß um eine hübsche
Frau rumkriegen zu können. Wenn es hingegen um gegenseitige Sympathie ging, war
er stets dabei. Es ist bloß sehr selten passiert. Opa hat deswegen frühzeitig,
ja schon derart frühzeitig seine Unabhängigkeit von der Frau per se, also von
ihrer als Liebesgabe verklärten Vagina, in Angriff genommen, dass ein Wort wie
Emanzipation allerhöchstens in der Fachsprache von Religionswissenschaftern
vorkam und mit Frauen noch nichts zu tun hatte. Opa ist ebenfalls aus Prinzip
nicht zu den Huren gegangen. Für Sex Geld bezahlen? Wie absurd, wie krank, wie
gemein, aus einer Grundbedingung des Lebens einen verhandelbaren Luxus zu
machen. Wie kümmerlich, Geschäfte mit Gefühlen zu machen. Opa denkt wie konnte
alles bloß so schief gehen? Opa ist bis heute nicht draufgekommen. Die
Lieblosigkeit ist geblieben. Opa ist genervt: Das macht mich krank. Ich kann
das nicht verstehen! Ich will es nicht so durchgehen lassen! Vorbei die naiven
Partyzeiten, (age/sex/location?) als wir uns noch eingebildet haben, wir
könnten gesellschaftlich irgendetwas an Veränderung erreichen. Etwas erreichen, statt bloß aus das
Nicht-Vorhandensein der Möglichkeiten hinzuweisen, jene Rolle, die uns erst
später zugefallen ist. Wie sagten wir damals? Sie haben uns den Underground
weggenommen und versucht, ihn uns als Mainstream zurück zu verkaufen. Eine
schnelllebige Zeit fraß ihre Kinder im Turbobooster des noch nie Dagewesenen. Drogen?
Techno? Schneller Sex? Darauf hatten auch die zahlenden Zaungäste zertifizierten
Anspruch! Die Hi-Hats zischen wie Schlangen, im Hintergrund drängen jedoch hic et nunc die dogmatischen Effekte gut
durchdachter Beats, sie werden dich, widerwillig oder nicht, einfangen,
anschließend deinen Geist hinwegfegen und dich in eine willenlos bewegungswillige
Trancemaschine verwandeln, eh’ du dich’s versiehst.
Yeah,
man!
Was
hat Opa nicht alles versucht! Mitte Dreißig erkennt er, so überhaupt keinen
Durchblick mehr zu haben, wie Frauen eigentlich ticken, weil er derart
unrationales Verhalten nicht nachvollziehen kann, dass er dazu übergeht, zu
verstummen. Seit zehn Jahren liebt er ein Mädchen, das eigentlich nichts von
ihm wissen will. Die Welt, in der er lebt, ist völlig aus den Fugen geraten:
Katastrophenmeldungen stehen Spalier. Ein Weltkrieg gegen unsichtbare Gegner,
Erdbeben, Fluten, Verwüstungen und sonstige Umweltdesaster. Eine weltweite
Wirtschaftskrise, „Globalisierung“ genannt, zieht Menschen Boden unter Füßen
weg. Hundert Millionen Arbeitslose allein im Westen der Welt. Massen
verelenden, rutschen ab in überwunden geglaubte prä-industrielle Not.
Gleichzeitig propagiert die Werbung in den endlos vor sich hin dudelnden
TV-Geräten immer schrillere Slogans, präsentiert Leuten, die ohnehin kein Geld haben,
eine bunte Warenwelt für offenbar bessere Menschen, eine Welt ohne
Gerichtsvollzieher und muskelbepackte Schuldeneintreiber. Was für ein fataler
Irrtum.
Hemmungsloser
Sozial-Darwinismus bricht aus. Sämtliche, lange und sorgsam gehüteten, humanistische
Normen werden eiligst entsorgt, erst kommt schließlich das Fressen, dann die
Moral. Opa ist schockiert von der Neuen Primitivität seiner Zeitgenossen, wie
der geizgeile Zeitgeist sich selbst ein Etikett, pardon, auf Neusprech Label gibt wie einen Ehrentitel; von der
exhibitionistischen Lust der Talk-Shows, in denen „Gäste“, meist randständige
Existenzen, sich einem frohlockenden Publikum derselben Unterschicht
preisgeben. Der junge Opa ist angewidert von der geistigen Verslumung einer
degenerierten Gesellschaft, in der Kinder als großes Unglück angesehen werden
und Banken ihre Schützlinge in herausgeputzte Schuldenfallen locken. Er ist fassungslos
angesichts der Diktatur des Mittelmäßigen, er ist angeekelt vom malignen
Narzissmus, der jede zwischenmenschliche Kommunikation durchzieht, von der
Dummheit und der Perversion, vom Egoismus und der Brutalität in allen
Lebensbereichen. Er ist voller Verachtung für korrupte Politiker, die ihm sowie
allen anderen täglich neue Lügen vorsetzen und auch in der Krise ständig blöde grinsen.
Er ist mit Ekel angefüllt vor den Konzernbossen, die für den zehnten Milliardengewinn
en Suite ihrer Firmen Schwindel erregende Boni kassieren, an die Aktionäre Rekorddividenden
ausschütten und mit dem gleichen Federstrich ein paar tausend Arbeitsplätze
zwecks Gewinnoptimierung streichen. Aber das ist ja wohl bitte deren gutes
kapitalistisches Recht, nicht wahr? Soll doch der Staat für die anderen Typen
aufkommen. Har, har, har.
Der
Konsument ist ohnehin nur zahlender Arsch, der düpiert werden muss, was das
Zeug hält. Was soll er denn sonst machen, der gute König Kunde? Streiken? Den
Anbieter wechseln? Autark werden?
Har,
har, har.
Da
lachen ja die Hühner! So ein Mumpitz! Millionen Kinder haben in ihrem Leben ja
noch nie eine Kuh gesehen! Für die
kommt tatsächlich Milch eben aus der Flasche, der Tüte, dem Tetrapack. Wie
schön! Und solange sich das nicht ändert, werden die Konzerne auch morgen noch
Millionen schröpfen. Opas Lebenserfahrung, soweit vorhanden, macht ihm klar,
dass der einzige Sinn, den es im Leben eines Menschen geben kann, der ist, den
der Mensch sich selbst aufgrund simpelster sittlicher Richtlinien gibt. Da
Ideale ideal bleiben, bleibt nur die Wahrheit. Alles andere ist präsokratische
Sophisterei.
Terrorismus
hingegen ist das neue Zauberwort, mithilfe dessen sich jeder Spuk bannen lässt.
Die Situation gleicht über weite Strecken dem absurden Plot eines,
zugegebenermaßen meisterhaften, Science-Fiction-Zeichentrickfilms aus der Mitte
der Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts vor der Zahlenwende. Allerdings
endet der Zeichentrickfilm original in einem nuklearen Brandopfer, aus dem es nur
mithilfe eines Kunstgriffes in die Zaubertricklade für ein paar wenige Freunde
des Gottes aus der Maschine ein Entrinnen gibt, denn im Zeichentrickfilm
gelingt ja alles immer. Aber sonst? Opa denkt gelegentlich daran, Politiker zu
werden. Lässt es aber lieber bleiben. Der Wahn ist kollektiv, ich kann ihn
nicht alleine steuern, gibt er unumwunden zu. Sorgfältig schält er Kartoffeln,
schneidet weißes Fleisch, grünes Gemüse. Gewissenhaft wird Knoblauch gehäutet,
Käse gerieben, werden Chilischoten zermalmt. Früher mal, da sangen Sänger Songs
über Hawaii, wo es zwar kein Bier gab, aber schöne und kaffeebraune Frauen.
Vielleicht
war es aber auch Haiti und Jamaika oder gar Tahiti, weit weg genug für mich wär’s
ja allemal. Opa denkt wieder und wieder darüber nach. Er redet lärmend, er
schimpft, er widerspricht, nörgelt. Auswanderungs- und sonstige Fluchtpläne
prägen diese Phase von Opas Existenz. Aber es gibt kein Entkommen, so bleiben
ihm nur „Arbeitsaufenthalte“ auf diversen Mittelmeerinseln. Die kleine Flucht,
selbst finanziert. Und die Erfahrungen, unvergesslich! Zufrieden registriert
er, wie schnell das heiße Öl die Poren des zu Garenden verschließt. An manchen
Tagen muss ich einfach alleine sein, es geht nicht anders, in diesem
ausgärenden Zustand halte ich keine Menschen aus, und ich darf sie nicht
missbrauchen. Opa erinnert sich an einen alten, längst verflossenen Freund, den
er einmal, in einer solchen Phase, doch zu sich nach Hause eingeladen hatte,
weil er sich in einem schwachen Moment (Liebeskummer) vor dem Alleinsein
fürchtete, und der ihm binnen weniger Minuten völlig auf die Nerven gegangen
war. Trotz Opas Grundeinstellung hatte er einige Zeit gebraucht, um sich auf
seinen Kumpel als ein sentientes Wesen einzulassen, und dabei die ganze Zeit
gehofft, der Freund würde diese seine Entgleisung nicht spüren. Gesundes Essen
ist gut und gesund! Das Grünzeug immer al
dente, wer will schon zerkochte Broccoli mümmeln. Oder gar Brokkòli, mit dieser typischen bundesdeutschen
Betonung auf dem zweiten O. Von Pasta und Öl immer nur die allerbeste Ware,
teuer konnte es ja sein, er verbrauchte nicht viel auf einmal davon. Trennkost
ein Zauberwort. Opa, zügiger Zeuge seiner Zeiten, registriert in einem Archiv
penibel jeden Übergriff der Mächtigen auf die Schwachen. Ein wahres
Horrorszenario sammelt sich an. Nach einigen Jahren bedrückt ihn seine Sammlung
derart, dass er sie an einem Ostersonntag verbrennt. Er beginnt, stattdessen eine
Liste aufmunternder Ereignisse anzulegen und ist fürderhin begeistert. Er wird
zum Prediger des Positiven Denkens. Einem Vexierbild gleich ändert sich sein
Leben. Wenn auch nicht äußerlich, aber darauf war es noch nie wirklich
angekommen.
Opa
stellt sich als junger Mann bei der alljährlichen Siegesparade in die
Ehrengasse der Applaudierenden, würgt jedoch, wie unter Krämpfen geschüttelt,
beim Defilieren der Garde nur ein krächzendes „ICH BIN BEEINDRUCKT!! ICH BIN BEEINDRUCKT!!“ hervor, wobei sich jeder
Anwesende infolge der lautmalerischen Interpretation an einen früheren
deutschen Politiker österreichischer Abstammung erinnert fühlen musste. Die
Militärpolizei vermöbelte Opa gründlich, ehe er in den Kasernenknast geschmissen
wurde. 48 Stunden Ordnungshaft wegen öffentlicher Trunkenheit, brummte ihm ein
nach eignen Standards milder Militärrichter brummend auf, es wäre ja allen
klar, dass kein nüchterner Mensch solch einen kruden Vergleich ziehen könne,
sonst müsste Opa an die Wand gestellt werden. Mehr hatte der nicht gebraucht,
um als Zivilist für immer in einer sarkastischen Grundhaltung zu verharren.
Opa
erinnert sich auch an sich selbst, ein Knabe von neun oder zehn Jahren, so
verzweifelt über die Missachtung, die ihm das stiefväterliche Zuhause spüren
ließ, dass er auf dem Schulweg, wenn ihm Menschen entgegenkamen, zu einer
aufgeschnappten Melodie in einem vermeintlich schmissigen Tone Matrosenlieder
vortrug, deren Texte er in Comicheften gelesen hatte, um ein wenig Aufmerksamkeit,
vielleicht sogar Respekt zu erheischen. Ik möcht mal n' Hamburger Veermaster sehn! Schmissig, das war eines der Worte, das er
seinen besten Freunden, den Büchern, abgeschaut und im Lexikon nachgeschlagen hatte.
Und die Rohlinge, die immer mit den Türen schlagen müssen, die ihre Internorm
3-Fenster prinzipiell zudreschen, diese Arschlöcher, die nicht in der Lage
sind, zu gehen anstatt zu trampeln, dass die Decke wackelt, diese Schwachköpfe
denken möglicherweise nicht einmal drüber nach, ob sie mit ihrem groben Tun andere
Mitmenschen belästigen. Allen ist alles andere Wurst. Das Leben, durch einen
Zerstäuber gepresst. Opa murmelt einen Fluch, betätigt die Spülung ein zweites
Mal und geht zurück ins Bett
Aus
der zweiten Hälfte seines langen Lebens stammen selbst gedrehte Videofilme, die
den Künstler und seine Freunde in alltäglichen Situationen zeigen, Spaziergänge
etwa, Einkäufe, Wurstessen, Fußballspielen, Radfahren, Abwaschen, Hinfallen,
Neckereien, alltägliche Situationen eben, ehe die Berühmtheit einsetzt. Der
Geheimtipp, Opas Lebenswette. Immer wieder völlig pleite sitzt Opa anno dazumal
auf seinem Hosenboden, und wenn er es sich recht besieht, hat sich für ihn bis
heute nicht viel daran geändert.
Er
streckt sich im Bett aus. Bloß, dass Opa damals noch jung ist, stark, und des
Willens, noch nicht aufzustecken, sondern zu warten, bis er dem Sirenengesang
wirklicher Liebe begegnet. Arm, begabt und voller Sehnsucht; Herz, was willst
du mehr, um zu einem großartigen Schriftsetzer zu geraten? Opa zuckt mit den
Schultern und denkt, vielleicht ein bisschen Liebe? Ein bisschen weniger
materielle Sorgen? Aber er ist sich da seiner Sache nicht mehr so sicher. Das
Einzige, was er weiß, ist: Im Endeffekt kann ich gleich Abwursten. Ungeordneter
Rückzug. Opa ist fast amüsiert: Ich versuche, das einfache Leben eines
ehrlichen Mannes zu führen und fühle mich dabei wie der letzte König von
Karthago. Opa schläft ein.
SATOR
AREPO
TENET
OPERA
ROTAS
Eine
dralle Parade. Opa staunt. Und lass dich nicht dabei ertappen! Aber, wobei denn? Opa wird jetzt leicht geschwätzig. Ja,
was soll ich Ihnen sagen? Ihr Name ist Kalypso, und sie lebte alleine? Sieben
Jahre Gefangenschaft, ich setze morgen meine Segel? Ciao bella, cari saluti,
Ulisse. So ist es höchstens in der Literatur passiert. Was heißt höchstens, das
heißt: Na, wenigstens in der Literatur
ist es passiert, Opa! Doch der packt die Gitarre aus. Eben erst hat er wieder
ein kleines, quadratisches Stück dünnen Kartons zerkaut und geschluckt. So ist
er halt. Immer für eine Überraschung gut, Freund der Tiere und kleinen Kinder,
witzig und gutmütig. Warum hat den nie eine genommen? Opa kennt diese Frage und
kann nach wie vor nur verständnislos drüber lächeln. Er versteht es ja auch
nicht so recht, außer, na, ja, weil er sich die Eine eben so in den Kopf
gesetzt und damals die Herausforderung angenommen hatte, er würde sich an ihr noch
sämtliche Zähne ausbeißen! Nach wie vor aber knackt Opa seine Bierflaschen mit
den Beißerchen. Er spuckt die verbogenen Deckel treffsicher in den Papierkorb. Ich
habe dich nie beißen wollen, mein Kätzchen, ich hab immer nur an dir
herumknabbern wollen und an dir saugen, schüchtern und verhalten wie ein moderner
Kaspar Hauser. Ich wollte nie mit dir kämpfen, ich wollte dich immer nur lieb
haben dürfen, nichts anderes. Opa weint jetzt bittere Tränen. Aber er weiß
auch, sie bringen Erleichterung, und wenn er dann erschöpft einschläft, träumt
er von ihr. Immer nur von ihr. IHR IHR IHR. Armer Opa. Am nächsten Tag hat er
dann immer Kummer und trotzdem einen krachenden Magen. Seiner Trauer trägt er
Rechnung, indem er über sich selbst sachte hustend lahm grient (halb, als wolle
er seine großartige Geste noch überhöhen, halb, weil er sich selbst beim Übertreiben
ertappt) und literweise kalten Pfefferminztee bechert, ohne was zu essen. Aber
jetzt ist die Musik vorbei und hohles Pathos schleicht sich auf siechen Sohlen
herbei. Opa muss sich zusammenreißen und denkt plötzlich an den Apostel
Johannes. Dessen Offenbarung war ja auch kein Zuckerschlecken, wenn auch ein
gutes Ende verheißend. Und schwere Brocken an ewigem Schuldbewusstsein fallen
von Opas Schultern wie laut polternde Bergschuhe.
Opa
wacht vom Geräusch auf. Er fühlt sich mit einem magischen Satz um Jahrzehnte
jünger. Er springt aus dem Bett, stülpt sich seine dicken blauen Haussocken mit
Anti-Rusch-Noppen über die verfrorenen Füße und trabt hurtig in die Küche. Ewige
Rituale werden zärtlich zelebriert: Ein Glas frisch gepresster Saft aus drei
Blutorangen, ein doppelter Espresso mit heißer Milch, zwei Zuckerwürfeln und
einem Schuss kochendes Wasser. Eine Banane, zwei Kiwi, dazu ein Brot mit
Diät-Leberaufstrich oder mit Schonkost-Extrawurst. Mittags nichts, am frühen
Abend abwechselnd Reis, Pasta oder Fleisch, immer mit frischem Gemüse. Er ist trotzdem
schon den ganzen Winter über verkühlt. Opa versteht auch das nicht. Es muss
wohl an dem Virus liegen, der vor einigen Jahren aus einem Labor entwischt ist
und der seitdem immer wieder mutiert. Nicht tödlich, aber lästig chronisch. Die
Verantwortlichen dafür wurden ebenfalls nie belangt.
Opa
setzt sich mit der Tageszeitung an den Schreibtisch und frühstückt.
Katastrophenmeldungen
stehen Spalier. Kriege, Armut, Erdbeben, Tsunamis.
Opa
schüttelt den Kopf:
„Es
hat sich nichts verändert.“
Nach
dem Kaffee und dem Orangensaft verspürt Opa wieder einen gewissen Drang. Er
sucht sich eine hübsche, bauchige Zigarre und schmaucht sie an, ehe er aufs Klo
geht.
„Aber
Gott sei Dank hab’ ich damals genug Drogen gefressen.“
And the Beat goes on…
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