BIERFRÜHSTÜCK MIT HINDERNISSEN
Es war der 28.12.2013. Nach
langer Zeit gönnte ich mir wieder ein Bierfrühstück. Genauer genommen, Bierfrühstück
mit MDMA. Die Gelegenheit hatte sich mir geboten, weil meine Frau mit ihrer
besten Freundin auf einer Wanderung irgendwo in Niederösterreich unterwegs war.
Nach fünfzehn Jahren Drogenabstinenz hatten sich im Laufe des verklingenden
Jahres einige chemische Leckereien in meinem Besitz eingefunden und hatten im
Eisfach meines Kühlschranks ihrer Bestimmung geharrt.
Warum ich so lange Zeit abstinent
gewesen war, tut hier nichts zur Sache. Nennen wir es den Versuch, etwas
Klarheit in mein Hirn zu bringen, auf der Suche nach einem wie auch immer
gearteten "Erfolg im Leben". Jetzt, nach all der Klarheit, hatte ich
erkannt: Das Eine hat mit dem Andren nichts zu tun. Denn trotz Abstinenz war
mir nicht viel gelungen, was allgemein als Erfolg betrachtet wird. In jedem Job
die üblichen Idiotien, die an einem Arbeitsplatz unangebracht sind, überall
dieser menschliche Faktor der Intrige, des Neids, der Tratschereien, der
unzufriedenen Chefs, die ihren privaten Frust an ihren Mitarbeitern auslassen,
der dummen Weiber mit ihren Eifersüchteleien, nirgends Professionalität im
Sinne einer sauberen Trennung von Arbeit und Privatleben.
Je länger ich nüchtern war, umso
deutlicher stach mir ins Auge, wie krank und unglücklich die meisten Menschen
doch sind, egal, ob sie mit einem protzigen SUV auf der Ringstraße paradieren,
oder ein Mistwägelchen vor sich her schieben. Vielleicht hat das mit dem
allgemeinen Abfall vom Glauben zu tun, mit dieser pandemischen Apostasie,
unausgesprochen wie sie eben bleibt, und der Erkenntnis, daß weder
Konsumentenkredite noch Swinger-Clubs auf die Dauer befriedigen können. In
diesem Sinne konnte und kann ich die Wühlarbeit der Linken, mit ihrem Faible
für Abtreibung, Anarchie und Atheismus auch nur als einen Schuß ins Knie
bewerten, der niemanden wirklich irgend eine Befreiung gebracht hat- auch die
"68er" haben geglaubt, den menschlichen Faktor außer Acht lassen zu
können. Die Linken sind Nihilisten, denn eine neue Metaebene haben auch sie
nicht hervorgebracht, sie haben nur Bewährtes zertrümmert, ohne allgemein
anerkannten Ersatz liefern zu können, weil ihr Wille zur Vision ideologisch
determiniert ist und keinen Widerspruch duldet, bezeugt von Dutzenden Millionen
Leichen von Wilna bis Wladiwostok, von Peking bis Phnom Penh.
Noch bevor ich das erste
Winterbier öffnete, erledigte ich meine Aufgaben im Haushalt, ging einkaufen,
löhnte auf der Bank meine Telefonrechnung und meine Krankenversicherung, saugte
Staub, brachte den Müll runter, wusch ab, machte das Bett, nahm die trockne
Wäsche vom Ständer, legte sie fein säuberlich zusammen und verstaute die
Klamotten im Schrank. Natürlich machte ich mir Gedanken, wie mir der Stuff
einfahren würde, daher befolgte ich die alte Weisheit von Set und Setting auf
das allerpenibelste. Auch ein Käsebrot mit einem Apfel gehörten zu den
Vorbereitungen- schließlich sollen ja Medikamente nicht auf nüchternem Magen
eingenommen werden. Mut ja, Tollkühnheit nicht: Die letzten fünfzehn Jahre
waren nicht umsonst vergangen…
Ich löste ein halbes Gramm der
grauweißen Kristalle in einem Whiskeyglas in Wasser auf und erkannte beim
Schlucken sofort den altbekannten, ekelerregenden bitteren Geschmack des MDMAs.
Als nächste nahm ich zwei Vitamin C-Kapseln zu mir, um mein Immunsystem von
vorneherein ein klein wenig zu schützen. Bald danach rumorte es im Magen und
die Darmperistaltik schickte mich aufs Klo. Ich machte mein Wursti und spürte
bereits, wie die Substanz anschob. Zufrieden mit der Welt und der Droge ließ
ich meinen Kothaufen in der Kanalisation verschwinden, machte mich in die Küche
und das zweite Bier auf. Gutes MDMA und gutes Kokain wirken über das Serotonin
auch auf das Darmnervensystem, was sich eben in flottem Stuhlgange
manifestiert. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und grinste blöde.
Was würde ich mit dem Tag
anfangen? Solo-Party, oder doch mit Kumpeln durch die Gegend rumpeln? Nur
keinen Stress, Alter, nur keinen Stress. Prost, Alterchen! Da wurde mir auch
klar, mhmhmh, Bierfrühstück mit MDMA, das kann nicht lange ein Bierfrühstück
bleiben, da die Kombination von Alkohol mit anderen psychotropen Substanzen
keine besonders kluge ist, da die Wirkungen gegensätzlich sind und dazu neigen,
einander zu neutralisieren. Das will niemand! Ich ging ein zweites Mal aufs
Klo. Meine Bewegungen wurden langsam, aber sicher fahrig, meine Backenmuskeln
spannten ein wenig, das Herz klopfte munterer als sonst, und mein Über-Ich zog
sich langsam aber sicher zurück in seine Sphäre der Gebote und Verbote, deren Herrschaft
zumindest einzudämmen ja der Plan des Drogenkonsums darstellt, der Drang nach
willkürlichem Außerkraftsetzen von Normen und Moral, der Wunsch nach
reversiblem Kontrollverlust.
Dennoch wusste ich, im Gegensatz
zum Wunsch in der Vergangenheit, daß ich mich nicht mehr im Drogenrausch
verlieren konnte, wollte und würde wie früher, daß ich viel mehr als früher,
nun tatsächlich von Moral und Ethik erfüllt war, daß meine Erfahrung über mich
selbst lächelte, sicher im Bewusstsein, es ist besser, die Probleme, die
Montags auf mich warten, klar im Kopf und nicht mit Pott-Drogen-Depressionen
anzugehen, sicher ein von Schmerzen diktiertes Verhalten, vielleicht zum Preis
einer weiteren kleinen Verholzung in meiner Seele, die wieder ein wenig
Naivität verloren hatte.
Ist diese Abgeklärtheit aber nicht
auch eine Kapitulationserklärung des Anstands und der Nächstenliebe, schmeckt
sie nicht nach einer Frucht des Zynismus, klingt sie nicht nach der beklemmend
traurigen Erkenntnis, daß Gutgläubigkeit von der Realität des Lebens bestraft
wird? Nein.
Sie ist nur ein
Selbstschutzmechanismus, den gutgläubige Menschen entwickeln, wenn sie
gutgläubig bleiben wollen. Daher muss grade der Gutgläubige ein dickes Fell
entwickeln, und im Leben viele Watschen kassieren. Aber wie jeder Gläubige,
wird er auf seine Weise das Gute glaubwürdig vertreten, und seiner wird sein
der Gotteslohn. Was für ein Rasierklingenritt dies erst in der Erziehung darstellen
mag, dachte ich, und zerdrückte auf dem Handspiegel ein kleines Kokssteinchen.
Aus reinem Gefallen hatte ich das Drittelgramm an mich genommen, einem Freund
zuliebe, der weniger koksen wollte. Einem Kind die eigenen Erfahrungen nicht
durch vorwarnen ersparen dürfen, ohne es gleichzeitig zu demoralisieren...
SNORT!
War es nur noch eine Frage der
Zeit, ehe allgemein zugängliches Wissen im Internet, wieder unterdrückt werden
konnte, in dem das alleinige Wissen um gewisse Dinge zum qualifizierten
kriminellen Missbrauch des Wissens durch den Wissenden erklärt wurde? Die
Umkehrung des Beweisprinzips. Anklage ohne Beweis, hieße das. Strafe für
Interesse. Gefängnis für Recherche. Tod für Kritik. Das kennen wir doch von
woher? Na denn, Prost! Trotz aller Vorsätze knackte ich Bier Nr.3.
Der einzige mögliche moralische,
weil wirkliche Grund für mich, Gras-Guerilla zu werden, wäre der, mit den
Erlösen staatliche Alimente-Forderungen an junge Männer katholischen Glaubens für
deren uneheliche Kinder zu bezahlen. Was ja gute Vaterschaft nicht ausschließt. Wahlweise, Gewinne nach Eigenbedarf,
Entstehungskosten etc. an diverse Pro-Life-NGOs und kirchliche
Missions-Hilfswerke per Postanweisung zukommen zum lassen, gegen die
Entleerung der Kirchen.
Fröhlich gestimmt rülpste ich und
machte mich daran, einen Pur-Ofen zu bauen. Die Sonne lachte durchs Fenster,
die Kohlmeisen pickten an ihren Knödeln, die borkigen, weißlich-fahlen Birken
streckten ihre kahlen Kronen in den taghellen Azur des leergefegten
Dezember-Himmels. Ich blickte aus dem Fenster und vermeinte kurz, wirklich
hineinzugehören, in diese Landschaft, mit den chromblitzenden Kaminen und
Balkongeländern der drei grotesk deplatzierten Möchtegern-Designer-Wohnungen,
aufgepflanzt auf abgetragenen Dachstühlen, Bobo-Nester auf den Klippen unseres
Kleine-Leute-Wohnblocks, dort, schräg links von mir, dieser Dächer-Landschaft, mit
den Krähen, den Pappeln, dem Flak-Turm, zugehörig zu sein, dieser trügerischen
Travestie von Vorfrühling, voller Sorge ob eventuell frühzeitig gelegter
Meisen-Eier. SNORT! Die zweite Koksladung fegte durch meinen Riechkolben wie ein Atompilz aus Kren
und Kohlensäure.Schön langsam wirkte auch das
MDMA ziemlich heftig, sodaß ich kurzerhand zum Spielball meiner Körperchemie
wurde, und die Selbstkontrolle zunehmend in die Bredouille geriet. Aber das war
ja das Motiv für mein Selbstexperiment: kontrollierter Kontrollverlust!
Aber das Wissen um die
Vergänglichkeit der Wirkung dämpfte die induzierte Euphorie ein wenig, vielleicht
lag es aber auch an den 20 Kilos, die ich seit dem letzten Drogenrausch vor
fünfzehn Jahren zugelegt hatte. Ich war aber damit durchaus zufrieden, und der
ehemals unbändige Drang, mir mehr und mehr von dem Zeug rein zu pfeifen, der
war vollständig verschwunden. Die Erkenntnis der ersten Stunde war, daß Drogen
im Endeffekt nur was für Leute sind, die genügend Zeit und Geld dafür haben,
ihre Verantwortung an der Garderobe abgeben können und zu einem guten
Psychotherapeuten gehen können. Wir anderen sollten am besten die Finger davon
lassen.
Ein paar Minuten später musste
ich meine Meinung revidieren, da ich das MDMA sehr wohl spürte, wesentlich mehr
als die Koksbröseln, die ich konsumiert hatte. Das ganze hatte also mehr mit
der Gehirnchemie zu tun, als mit einer Gewichts-Wirkungs-Relation, wie etwa bei
Alkohol oder THC.
Währenddessen war die trügerische
Wintersonne weitergewandert, und ihr Windschatten ergraute unter dem Krächzen
der Krähen. Mir wurde bewusst, wie sehr ich es bedauerte, kein richtiger Schriftsteller
geworden zu sein, kein Star der Literatur, stattdessen zur grauen Masse jener
zu gehören, die ein mittelmäßiges Leben führen und spätestens beim Tod ihrer
eigenen Enkel endgültig in den Abgrund des Vergessens stürzen werden. Für jeden
Stern müssen Millionen Ameisen verglühen, scheint es. Auch Millionären passiert
das, aber ihr Weg in den Abgrund ist zumindest mit Wohlstand und allerlei
Ablenkungen abgefedert. Mit einer gläubigen Lebensführung hat das aber auch
nichts zu tun, fand ich. Komisch auch, das offensichtlich nur Armut, Leid,
Krankheit zum Königsweg in ein zufriedenes Jenseits gehören, daß alles, was
Spaß macht, in Wirklichkeit traurige Sünde ist, die keinen Wert hat. Sind wir
in Wirklichkeit je über das Stadium der Stoa als Möglichkeit hinweggekommen?
Welchen Sinn haben denn die großen Monotheismen, als die Sinnlosigkeit des
Daseins als solche zu erkennen und im Kollektiv zu ertragen, mit der Hoffnung
auf einen wie auch immer gearteten Gotteslohn im Jenseits der jeweiligen
Couleur?
Ich stand auf, ging ins Bad und
spülte das Kokain hinunter. Schöne Gedanken während eines Drogenrausches, fand
ich, irgendwie unpassend, für diese eskapistisch angelegte Veranstaltung. Egal.
Mens sana in corpore sana! Das konnte doch nur die Antwort sein! Nur
kranke Gehirne haben kranke Gedanken! Dann war es mit meiner Selbstkontrolle
vorbei. Ich war nur noch high. Ich legte mich ins Bett und schloß die
Augen…Lichtbögen tanzen auf der Innenseite meiner Augenlider…wohin nur mit all
dem aufkeimenden Mitteilungsbedürfnis? Zurück in die Matrix! In der ich meinen
Platz in der Gesellschaft zu suchen habe. Es fiel mir immer schwerer, klare
Gedanken zu fassen und genoß diesen Zustand sogar ein wenig. Einer der wenigen
war, daß sämtliche Spitzenpolitiker der Welt eigentlich eine Drogentherapie
unter Aufsicht durchlaufen müssten, vor einer Screening-Kommission, die dann
binden drüber befinden müsste, ob die Damen und Herren charakterlich überhaupt
in der Lage sind, über das Wohl und Wehe ihre Völker frei von finsteren Absichten
entscheiden zu können.
Kurz darauf hatte die Welle ihren
Scheitelpunkt erreicht und ebbte langsam wieder ab. In ein paar Stunden wäre ich
wieder nüchtern, und morgen wieder bereit,weiter zu wursteln wie bisher.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen