Der Gemeine Katzenpanda

Samstag

Nummer 449



BIERFRÜHSTÜCK MIT HINDERNISSEN

Es war der 28.12.2013. Nach langer Zeit gönnte ich mir wieder ein Bierfrühstück. Genauer genommen, Bierfrühstück mit MDMA. Die Gelegenheit hatte sich mir geboten, weil meine Frau mit ihrer besten Freundin auf einer Wanderung irgendwo in Niederösterreich unterwegs war. Nach fünfzehn Jahren Drogenabstinenz hatten sich im Laufe des verklingenden Jahres einige chemische Leckereien in meinem Besitz eingefunden und hatten im Eisfach meines Kühlschranks ihrer Bestimmung geharrt. 

Warum ich so lange Zeit abstinent gewesen war, tut hier nichts zur Sache. Nennen wir es den Versuch, etwas Klarheit in mein Hirn zu bringen, auf der Suche nach einem wie auch immer gearteten "Erfolg im Leben". Jetzt, nach all der Klarheit, hatte ich erkannt: Das Eine hat mit dem Andren nichts zu tun. Denn trotz Abstinenz war mir nicht viel gelungen, was allgemein als Erfolg betrachtet wird. In jedem Job die üblichen Idiotien, die an einem Arbeitsplatz unangebracht sind, überall dieser menschliche Faktor der Intrige, des Neids, der Tratschereien, der unzufriedenen Chefs, die ihren privaten Frust an ihren Mitarbeitern auslassen, der dummen Weiber mit ihren Eifersüchteleien, nirgends Professionalität im Sinne einer sauberen Trennung von Arbeit und Privatleben. 

Je länger ich nüchtern war, umso deutlicher stach mir ins Auge, wie krank und unglücklich die meisten Menschen doch sind, egal, ob sie mit einem protzigen SUV auf der Ringstraße paradieren, oder ein Mistwägelchen vor sich her schieben. Vielleicht hat das mit dem allgemeinen Abfall vom Glauben zu tun, mit dieser pandemischen Apostasie, unausgesprochen wie sie eben bleibt, und der Erkenntnis, daß weder Konsumentenkredite noch Swinger-Clubs auf die Dauer befriedigen können. In diesem Sinne konnte und kann ich die Wühlarbeit der Linken, mit ihrem Faible für Abtreibung, Anarchie und Atheismus auch nur als einen Schuß ins Knie bewerten, der niemanden wirklich irgend eine Befreiung gebracht hat- auch die "68er" haben geglaubt, den menschlichen Faktor außer Acht lassen zu können. Die Linken sind Nihilisten, denn eine neue Metaebene haben auch sie nicht hervorgebracht, sie haben nur Bewährtes zertrümmert, ohne allgemein anerkannten Ersatz liefern zu können, weil ihr Wille zur Vision ideologisch determiniert ist und keinen Widerspruch duldet, bezeugt von Dutzenden Millionen Leichen von Wilna bis Wladiwostok, von Peking bis Phnom Penh.
Noch bevor ich das erste Winterbier öffnete, erledigte ich meine Aufgaben im Haushalt, ging einkaufen, löhnte auf der Bank meine Telefonrechnung und meine Krankenversicherung, saugte Staub, brachte den Müll runter, wusch ab, machte das Bett, nahm die trockne Wäsche vom Ständer, legte sie fein säuberlich zusammen und verstaute die Klamotten im Schrank. Natürlich machte ich mir Gedanken, wie mir der Stuff einfahren würde, daher befolgte ich die alte Weisheit von Set und Setting auf das allerpenibelste. Auch ein Käsebrot mit einem Apfel gehörten zu den Vorbereitungen- schließlich sollen ja Medikamente nicht auf nüchternem Magen eingenommen werden. Mut ja, Tollkühnheit nicht: Die letzten fünfzehn Jahre waren nicht umsonst vergangen…

Ich löste ein halbes Gramm der grauweißen Kristalle in einem Whiskeyglas in Wasser auf und erkannte beim Schlucken sofort den altbekannten, ekelerregenden bitteren Geschmack des MDMAs. Als nächste nahm ich zwei Vitamin C-Kapseln zu mir, um mein Immunsystem von vorneherein ein klein wenig zu schützen. Bald danach rumorte es im Magen und die Darmperistaltik schickte mich aufs Klo. Ich machte mein Wursti und spürte bereits, wie die Substanz anschob. Zufrieden mit der Welt und der Droge ließ ich meinen Kothaufen in der Kanalisation verschwinden, machte mich in die Küche und das zweite Bier auf. Gutes MDMA und gutes Kokain wirken über das Serotonin auch auf das Darmnervensystem, was sich eben in flottem Stuhlgange manifestiert. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und grinste blöde. 

Was würde ich mit dem Tag anfangen? Solo-Party, oder doch mit Kumpeln durch die Gegend rumpeln? Nur keinen Stress, Alter, nur keinen Stress. Prost, Alterchen! Da wurde mir auch klar, mhmhmh, Bierfrühstück mit MDMA, das kann nicht lange ein Bierfrühstück bleiben, da die Kombination von Alkohol mit anderen psychotropen Substanzen keine besonders kluge ist, da die Wirkungen gegensätzlich sind und dazu neigen, einander zu neutralisieren. Das will niemand! Ich ging ein zweites Mal aufs Klo. Meine Bewegungen wurden langsam, aber sicher fahrig, meine Backenmuskeln spannten ein wenig, das Herz klopfte munterer als sonst, und mein Über-Ich zog sich langsam aber sicher zurück in seine Sphäre der Gebote und Verbote, deren Herrschaft zumindest einzudämmen ja der Plan des Drogenkonsums darstellt, der Drang nach willkürlichem Außerkraftsetzen von Normen und Moral, der Wunsch nach reversiblem Kontrollverlust. 

Dennoch wusste ich, im Gegensatz zum Wunsch in der Vergangenheit, daß ich mich nicht mehr im Drogenrausch verlieren konnte, wollte und würde wie früher, daß ich viel mehr als früher, nun tatsächlich von Moral und Ethik erfüllt war, daß meine Erfahrung über mich selbst lächelte, sicher im Bewusstsein, es ist besser, die Probleme, die Montags auf mich warten, klar im Kopf und nicht mit Pott-Drogen-Depressionen anzugehen, sicher ein von Schmerzen diktiertes Verhalten, vielleicht zum Preis einer weiteren kleinen Verholzung in meiner Seele, die wieder ein wenig Naivität verloren hatte.
Ist diese Abgeklärtheit aber nicht auch eine Kapitulationserklärung des Anstands und der Nächstenliebe, schmeckt sie nicht nach einer Frucht des Zynismus, klingt sie nicht nach der beklemmend traurigen Erkenntnis, daß Gutgläubigkeit von der Realität des Lebens bestraft wird? Nein.
Sie ist nur ein Selbstschutzmechanismus, den gutgläubige Menschen entwickeln, wenn sie gutgläubig bleiben wollen. Daher muss grade der Gutgläubige ein dickes Fell entwickeln, und im Leben viele Watschen kassieren. Aber wie jeder Gläubige, wird er auf seine Weise das Gute glaubwürdig vertreten, und seiner wird sein der Gotteslohn. Was für ein Rasierklingenritt dies erst in der Erziehung darstellen mag, dachte ich, und zerdrückte auf dem Handspiegel ein kleines Kokssteinchen. Aus reinem Gefallen hatte ich das Drittelgramm an mich genommen, einem Freund zuliebe, der weniger koksen wollte. Einem Kind die eigenen Erfahrungen nicht durch vorwarnen ersparen dürfen, ohne es gleichzeitig zu demoralisieren... SNORT! 

War es nur noch eine Frage der Zeit, ehe allgemein zugängliches Wissen im Internet, wieder unterdrückt werden konnte, in dem das alleinige Wissen um gewisse Dinge zum qualifizierten kriminellen Missbrauch des Wissens durch den Wissenden erklärt wurde? Die Umkehrung des Beweisprinzips. Anklage ohne Beweis, hieße das. Strafe für Interesse. Gefängnis für Recherche. Tod für Kritik. Das kennen wir doch von woher? Na denn, Prost! Trotz aller Vorsätze knackte ich Bier Nr.3. 

Der einzige mögliche moralische, weil wirkliche Grund für mich, Gras-Guerilla zu werden, wäre der, mit den Erlösen staatliche Alimente-Forderungen an junge Männer katholischen Glaubens für deren uneheliche Kinder zu bezahlen. Was ja gute Vaterschaft nicht ausschließt. Wahlweise, Gewinne nach Eigenbedarf, Entstehungskosten etc. an diverse Pro-Life-NGOs und kirchliche Missions-Hilfswerke per Postanweisung zukommen zum lassen, gegen die Entleerung der Kirchen. 

Fröhlich gestimmt rülpste ich und machte mich daran, einen Pur-Ofen zu bauen. Die Sonne lachte durchs Fenster, die Kohlmeisen pickten an ihren Knödeln, die borkigen, weißlich-fahlen Birken streckten ihre kahlen Kronen in den taghellen Azur des leergefegten Dezember-Himmels. Ich blickte aus dem Fenster und vermeinte kurz, wirklich hineinzugehören, in diese Landschaft, mit den chromblitzenden Kaminen und Balkongeländern der drei grotesk deplatzierten Möchtegern-Designer-Wohnungen, aufgepflanzt auf abgetragenen Dachstühlen, Bobo-Nester auf den Klippen unseres Kleine-Leute-Wohnblocks, dort, schräg links von mir, dieser Dächer-Landschaft, mit den Krähen, den Pappeln, dem Flak-Turm, zugehörig zu sein, dieser trügerischen Travestie von Vorfrühling, voller Sorge ob eventuell frühzeitig gelegter Meisen-Eier. SNORT! Die zweite Koksladung fegte durch meinen Riechkolben wie ein Atompilz aus Kren und Kohlensäure.Schön langsam wirkte auch das MDMA ziemlich heftig, sodaß ich kurzerhand zum Spielball meiner Körperchemie wurde, und die Selbstkontrolle zunehmend in die Bredouille geriet. Aber das war ja das Motiv für mein Selbstexperiment: kontrollierter Kontrollverlust! 

Aber das Wissen um die Vergänglichkeit der Wirkung dämpfte die induzierte Euphorie ein wenig, vielleicht lag es aber auch an den 20 Kilos, die ich seit dem letzten Drogenrausch vor fünfzehn Jahren zugelegt hatte. Ich war aber damit durchaus zufrieden, und der ehemals unbändige Drang, mir mehr und mehr von dem Zeug rein zu pfeifen, der war vollständig verschwunden. Die Erkenntnis der ersten Stunde war, daß Drogen im Endeffekt nur was für Leute sind, die genügend Zeit und Geld dafür haben, ihre Verantwortung an der Garderobe abgeben können und zu einem guten Psychotherapeuten gehen können. Wir anderen sollten am besten die Finger davon lassen. 

Ein paar Minuten später musste ich meine Meinung revidieren, da ich das MDMA sehr wohl spürte, wesentlich mehr als die Koksbröseln, die ich konsumiert hatte. Das ganze hatte also mehr mit der Gehirnchemie zu tun, als mit einer Gewichts-Wirkungs-Relation, wie etwa bei Alkohol oder THC.
Währenddessen war die trügerische Wintersonne weitergewandert, und ihr Windschatten ergraute unter dem Krächzen der Krähen. Mir wurde bewusst, wie sehr ich es bedauerte, kein richtiger Schriftsteller geworden zu sein, kein Star der Literatur, stattdessen zur grauen Masse jener zu gehören, die ein mittelmäßiges Leben führen und spätestens beim Tod ihrer eigenen Enkel endgültig in den Abgrund des Vergessens stürzen werden. Für jeden Stern müssen Millionen Ameisen verglühen, scheint es. Auch Millionären passiert das, aber ihr Weg in den Abgrund ist zumindest mit Wohlstand und allerlei Ablenkungen abgefedert. Mit einer gläubigen Lebensführung hat das aber auch nichts zu tun, fand ich. Komisch auch, das offensichtlich nur Armut, Leid, Krankheit zum Königsweg in ein zufriedenes Jenseits gehören, daß alles, was Spaß macht, in Wirklichkeit traurige Sünde ist, die keinen Wert hat. Sind wir in Wirklichkeit je über das Stadium der Stoa als Möglichkeit hinweggekommen? Welchen Sinn haben denn die großen Monotheismen, als die Sinnlosigkeit des Daseins als solche zu erkennen und im Kollektiv zu ertragen, mit der Hoffnung auf einen wie auch immer gearteten Gotteslohn im Jenseits der jeweiligen Couleur? 

Ich stand auf, ging ins Bad und spülte das Kokain hinunter. Schöne Gedanken während eines Drogenrausches, fand ich, irgendwie unpassend, für diese eskapistisch angelegte Veranstaltung. Egal.
Mens sana in corpore sana! Das konnte doch nur die Antwort sein! Nur kranke Gehirne haben kranke Gedanken! Dann war es mit meiner Selbstkontrolle vorbei. Ich war nur noch high. Ich legte mich ins Bett und schloß die Augen…Lichtbögen tanzen auf der Innenseite meiner Augenlider…wohin nur mit all dem aufkeimenden Mitteilungsbedürfnis? Zurück in die Matrix! In der ich meinen Platz in der Gesellschaft zu suchen habe. Es fiel mir immer schwerer, klare Gedanken zu fassen und genoß diesen Zustand sogar ein wenig. Einer der wenigen war, daß sämtliche Spitzenpolitiker der Welt eigentlich eine Drogentherapie unter Aufsicht durchlaufen müssten, vor einer Screening-Kommission, die dann binden drüber befinden müsste, ob die Damen und Herren charakterlich überhaupt in der Lage sind, über das Wohl und Wehe ihre Völker frei von finsteren Absichten entscheiden zu können.
Kurz darauf hatte die Welle ihren Scheitelpunkt erreicht und ebbte langsam wieder ab. In ein paar Stunden wäre ich wieder nüchtern, und morgen wieder bereit,weiter zu wursteln wie bisher.





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