Der Gemeine Katzenpanda

Donnerstag

Nummer 460

Hier die zu erwartende Relativierungs-Literatur der "progressiven Liberalen"...


http://derstandard.at/2000028566464/Eine-schreckliche-Geschichte

http://derstandard.at/2000028641188/Koeln-und-die-Fluechtlinge-Ekelhaft-dekonstruktiv

http://kurier.at/meinung/kolumnen/knecht/es-gibt-nicht-einmal-ein-wort-dafuer/173.632.872


letzterer Artikel wird von mir nach §283 StGB Verhetzung Absatz 2 geklagt...

(1) Wer öffentlich auf eine Weise, die geeignet ist, die öffentliche Ordnung zu gefährden, oder wer für eine breite Öffentlichkeit wahrnehmbar zu Gewalt gegen eine Kirche oder Religionsgesellschaft oder eine andere nach den Kriterien der Rasse, der Hautfarbe, der Sprache, der Religion oder Weltanschauung, der Staatsangehörigkeit, der Abstammung oder nationalen oder ethnischen Herkunft, des Geschlechts, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Ausrichtung definierte Gruppe von Personen oder gegen ein Mitglied einer solchen Gruppe ausdrücklich wegen dessen Zugehörigkeit zu dieser Gruppe auffordert oder aufreizt, ist mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren zu bestrafen.
(2) Ebenso ist zu bestrafen, wer für eine breite Öffentlichkeit wahrnehmbar gegen eine in Abs. 1 bezeichnete Gruppe hetzt oder sie in einer die Menschenwürde verletzenden Weise beschimpft und dadurch verächtlich zu machen sucht.

Mittwoch

Nummer 459

Diese Frau hat fürchterliche Angst, und das sieht man. Die Kölner OBin empfiehlt deutschen Frauen, sich vor muslimischen Männern zu verstecken, um sie nicht zur Vergewaltigung zu animieren. Weiterhin sollen aber Millionen dieser Menschen nach Europa kommen, egal, was komme, das habe nichts mit den Flüchtlingen zu tun. Ich glaube, die Frau sollte sofort zurücktreten. Das schaffen wir. 

                                                       Die Fratze der Kapitulation

Dienstag

Nummer 458

Ein entsetzlicher Jahresanfang für alle, die sich ein friedliches Feiern erhofft hatten. Meiner ANsicht nach war das in Köln ein Terror-Angriff. Und am Schlimmsten die Relativierungen durch die üblichen Verdächtigen, die ja alles Besser wissen, als wir Normalsterblichen. Abgesehen davon ist das ein Medienskandal ohnegleichen, wie lange es gedauert hat, um überhaupt in die Medien zu kommen. War es das mit der Willkommenskultur? Stellen sich bald wieder LEute an den Westbahninger, und halten ihre Taferln in die Höhe? 

http://derstandard.at/2000028523248/Immer-mehr-Anzeigen-wegen-Uebergriffen-in-Koeln-deutscher-Justizminister-spricht

http://www.aliceschwarzer.de/artikel/das-sind-die-folgen-der-falschen-toleranz-331143

http://derstandard.at/2000028502118/Entsetzen-nach-Uebergriffen-auf-Frauen-Krisentreffen-in-Koeln?ref=rec

Bin überzeugt, die Grünen werden in D und A an dieser Frage endgültig zerbrechen. Entweder Feminismus, oder Migration, Menschenrechte oder Steinzeit. Beides gleichzeitig, eins für die einen, eins für die andren, wie auch immer trennbar, aus welchen Motiven auch immer, was sich die Ideologen des Massengangbangs ohne Zustimmung auch aus den wunden Fingern saugen mögen, das geht nicht zusammen. Das ist unmenschlich und verlogen. Dagegen werden wir uns zu wehren wissen. An den Wahlurnen nämlich. Und nur dort. Und das ist auch gut so. 

Allen Opfern mein tiefstes Mitempfinden... :(

Montag

Nummer 457

Herrlich! Das Jahr beginnt, wie es geendet hat: Mit politischen Katastrophen, hinter denen fast ausschließlich die USA stehen, bzw. ihre Abstiegspolitik auf Kosten der anderen. Wie immer muss die EU dafür bezahlen, der US-Pudel zu sein. Sanktionen gegen Russland, Sanktionen gegen den Iran, dubiose auserlegte "Spenden" der EU für die lupenreine Demokratie Ukraine, Mastdarmakrobatik gegenüber dem Herrn Erdogan, der Hitler öffentlich lobt, und die verruchten Saudis, die mit ihrem Ölpreisdumping und Kopfabhacken ebenfalls eine lupenreine, nachhaltig wirtschaftende Dem.. äh Diktatur nach dem US-Geschmack darstellen und unliebsame religiöse Minderheiten wie die Houthis im Jemen nach US-Vorbild einfach mit Waffengewalt (notabene: die Waffen kommen von "uns", dem Westen) ausrotten. 2016 wird für die Europäer ein Epochenjahr wie 1945. Und ich vermute, es wird mit ähnlichen Verheerungen einhergehen wie damals. Die Demokratie im Sinne des Wortes geht dabei flöten, sie wird durch eine Neo-Feudalisierung ersetzt, in der wir nur noch als Konsumenten einen Wert haben, sonst nichts. Man muss nur schauen, wie viele Sprösslinge von "Stars" angebetet werden wie ihre Eltern und in lichtetste Höhen versetzt werden, meist ohne einen Funken Talent oder Charisma. Das Proletariat macht da munter mit, weil es von Haus aus geistig eher minderbemittelt oder ohne Interesse ist, und überall mitmacht, wo billigste Unterhaltung und Kornspenden geboten werden, während das gebildete Bürgertum ebenso ausgerottet wird wie im Russland der 20er Jahre, bloß ohne Genickschuss. Die NWO setzt sich bereits durch, und wir haben verloren. Ich denke, es werden Pflöcke eingeschlagen, die gute 200 Jahre halten werden. Revolutionen wird es nicht geben. Und ich halte es für möglich, daß der nächste US-Präsident einen Atomschlag anordnen wird, um zu beweisen, wie "tough" er/sie doch sein kann.

Samstag

Nummer 456



DIE  ALTE FRAU UND DIE BOMBE


Ein Ammenmärchen, völlig aus der Luft gegriffen




Sie legte die öffentlichen Geschmacksnerven mit einem Skalpell frei. Dann half sie dem Herrn Professor, sich die Oberschenkelarterien frei zu präparieren. Als sich der alte kranke Arzt dann beide Blutbahnen durchtrennte, war sie bald unendlich geschockt, vom Gesichtsausdruck des Medikus, als der beobachtete, wie das Leben ihm da aus dem Körper spritzte. Nach ein paar Minuten begann er, so komisch und laut zu sagen:
„Ich muss jetzt sterben. Ich kann es nicht mehr hinausschieben. Aber ich habe solch schreckliche Angst, dass es drüben immer so weitergeht!“
                                                                                              JAERERSCHRIEESSCHONFASTRAUSSOLAUTWARERUNDVOLLERTODESPANIK,da musste sie ihm einfach eine dicke Morphium-Dosis verpassen: Die dafür sorgte, dass der Prof. es sich nicht noch anders überlegen konnte. Aber die ganze Sache landete ohnehin bei den völlig klaren Fällen, da musste sich die Frau gar nicht darum kümmern, ob irgendjemand bei der Polizei oder den Versicherungen weiter grub oder nicht. Der Professor war tot und aus. Er hatte es selbst so gewollt. Sie hatte es ihm ja so gegönnt, endlich zu sterben, dem charismatischen Herrn, mit seinen starken Händen, den graumelierten Schläfen und stahlblauen Augen, ein Mann, von dem alle sagten, er sehe ja eigentlich viel jünger aus als seine vertrocknete Sekretärin, tja, jede andere Überlegung war danach überflüssig geworden. Als sie aber dann sah, wie entsetzlich sein Inneres war, wie lächerlich er aussah, halbnackt, mit heruntergelassenen Hosen, aber dennoch korrekt im schneeweißen Labor-Mantel. Krawatte um, ein schönes, gestärktes Hemd, maßgeschneidert, natürlich, aber diese aufgeklappten Hautfalten, mit den entsprechenden Gewebsschichten, Fett, Flachsen, das war, wie sollte sie sagen, doch ein wenig zu penetrant, in seiner ganzen pubertären Pracht. Könnte er sich nicht einen halben Liter länger bei ihr aufhalten, das ging ja so schnell, mit dem Auslaufen. Na, das muss ja eine Kurzschlusshandlung gewesen, Herr Professor! Allein, was die Operationen am Oberschenkel gedauert haben! Denn das ging ja bei ihm Null-Komma-Nichts, da bekamen die Kollegen Ohrensausen. Sie wusste das alles ganz genau,  war dreißig Jahre lang seine Privatsekretärin gewesen. Dreißig Jahre lang hatte es keinerlei Intimitäten unstatthafter Art von Seiten des Professors gegeben. Ebenso lang sorgte sie dafür, dass auch Prof. Wildmann alleine blieb, der Name ist natürlich geändert, klar, wegen der Wirkung auf ein breiteres Publikum, dem durch eine kurze Zeitungsnotiz das Grauen auf den Tisch gekommen war, zwischen Erdebeermarmelade und Edelsalami, aber erst Montag in der Früh.

Der Herr Professor war ja schließlich nur mit seiner ARBEIT verheiratet gewesen, das wusste jeder. Da dem Gentleman, der zu vornehm gewesen war, diesen Vampir zur Hölle zu schicken, etc. etc. Da war keine Zeit für irgendein Privatleben geblieben, nicht einmal die Zeit, um aber alle bewunderten die aufopferungswillige Frau, die in unverbrüchlicher Treue mit ihrem Fixstern gemeinsam alterte. Wenn er doch wenigstens nicht so unglücklich gewesen wäre, dabei! Immer arbeiten, immer allein. Sogar im AUSLAND hatte er sie gebraucht, ohne je zu fragen, welches Recht er da eigentlich verlangte. Haha! Das war die öffentliche Meinung gewesen, alle mussten die geschockte Lady unterstützen und im Fonds kam da ganz schön was zusammen. Selbstverständlich waren sie gerne dazu bereit gewesen, dass die Sekretärin die Unterlagen mitnehmen durfte, um sie der Nachwelt zu erhalten. (Es war dann eine chinesische Militärfirma, die sich bereit dazu erklärte, in Peking die Internationale Gunnar Wildmann-Stiftung einzurichten, die lediglich Chinesen zugänglich war. Was zuviel ist, ist zuviel.) 
Die Beine des Professors hatten am Schluss ausgesehen wie Selleriestangen, aus denen nasse rote Spaghetti raushingen. Das Blut war von einer kirschartigen Farbintensität, ja, passte geschmacklich ganz wundervoll zum Neonlicht und den Labor-Kacheln, so blendend weiß und glänzend schwarz. Ja, es war doch ein schönes Bild geworden, das sie mit ihrer Kamera eingefangen hatte, und viele weitere gute Bilder waren gefolgt, aber diese Schätze teilte sie mit niemandem, solange sie noch leben würde.
Die alte Frau kam ganz gut zurecht, nachdem sie das alles verdaut hatte. Sie lebte nicht schlecht von den Wissens-Erträgen vier langer Jahrzehnte selbstloser Arbeit. Niemals hatte sie sich selbst geschont, niemals darauf bestanden, auch einmal früher heim zu gehen, oder mal ins Kino, oder auch mal allein ausgehen, nein, der blöde Arzt musste ja forschen, forschen, forschen.
MÄNNER! seufzte sie da, drückte den Henkel des kleinen schwarzen Koffers fester. Keine fünf Minuten noch war es her, da hatte sie noch ein letztes Mal vor dem Spiegel gestanden, sich die Haare zurecht gemacht, dezente Schminke angelegt, schwarze Schuhe, ein netter Tailleur, der ihrem rüstigen Alter durchaus entsprach, ein kleines deutsches Hütchen auf den Haaren, streng aber hart, mit dünnen, schwarzen Handschuhen aus Schweinsleder.
„Diese Idioten! Ich sehe doch viel schöner als er!“.
Nun würde sie es ihnen allen zeigen! Jetzt war Schluss, mit lustig!
Die Journalisten die Pressefritzen die Schmierfinken hatten noch viel blödere Fragen gestellt, als die Bullen, was ja ein echtes Armutszeugnis war. Na, jedenfalls hatte sie dann von den Chinesen tatsächlich ihr Geld kassiert, wenn auch die fünf Anwälte, die sie zwischen sich und ihre Geschäftspartner geschoben hatte, um sich durch die Abgabe von Teilinformationen abzusichern, fast die Dreiviertel der Summe schluckten. Aber, sie war frei in der Lage, ihren alten PLAN nun zu verwirklichen. Damals, nach dem Krieg, da hatte sie sich durch Schwarzmarktgeschäfte mit Margarine und Kohlenstaub vor dem Verhungern retten können. Sie war... (lächelte die alte Dame da etwa? Ein Vorbeifahrender oder Vorübergehender hätte es nicht sagen können, war das ein Schmunzeln, oder sich ekeln?) so entschlossen gewesen.
Das Taxi kam endlich um die Ecke gebogen, und rollte langsam auf Esther Glibierner  zu. Als der Fahrer ausstieg, um die Heckklappe zum Kofferraum zu öffnen, herrschte sie ihn an:
“Den Koffer gebe ich nicht aus der Hand!“
Der Taxler, er kam aus dem Iran, ein freundlich wirkender Kerl, gut rasiert, nettes Jeans-Outfit, Technik-Student vermutlich, der sich neben den Seminaren noch ein Taschengeld dazuverdienen will, zuckte mit den Schultern. Offensichtlich war er alte Piefke-Weiber gewöhnt, die bei seinem Anblick dachten, er könne sie mitten auf der Zubringerstrasse aus dem Wagen stoßen, um mit ihrem kostbaren Gepäck abzuhauen:

“Wie Sie wünschen!“.
Er stieg in den Wagen.
„Wollen Sie zum Flughafen?“
„Ja! Zur dritten Schalterhalle!“
Sie hatte es ja immerhin zugelassen, dass ein Ausländer (merkwürdig, der stank ja gar nicht, wie sie immer gedacht hatte) sie chauffierte.
Oder waren die Anderen etwa bloß ganz andere Ausländer gewesen? Egal. Der Professor war ja auch Österreicher, eigentlich! Vorsichtshalber schnauzte sie den Taxifahrer an:
„Und halten Sie sich bitte an die Verkehrsregeln! Ich will keine Schwierigkeiten! Ich muss pünktlich meinen Flug erreichen!“
Was sollte das schon wieder heißen? War die auf Tabletten, oder was, wunderte sich der charmante Chauffeur. Und diesmal gab der junge Mann keine Antwort mehr nach hinten. Er fuhr die Trennscheibe hoch und ließ den Motor an. Esther fühlte sich ganz wohl, da hinten, abgetrennt von der Welt, hinter violett getönten Scheiben, der weiße Stoffbezug der Sitzpolster war sogar noch wirklich weiß. Ein schöner, glänzender Quader war das, schallsicher, die Strecke verging draußen, hier drin war sie sicher, und warm, fast hätte sie sich gewünscht, die Fahrt möge doch ewig so weitergehen, diese summende Stille, dieses Streifen an spürbarer Geschwindigkeit, die beinahe durch das Metall drang, die Absolute Nähe zu schnell drehenden Reifen. Das wäre ganz sicher, hatte ihr die Angestellte der Taxi-Gesellschaft am Telefon versprochen, da könne nichts passieren, während sie mit ihrem Kugelschreiber lauter kleine blaue Blitze und Pfeile auf ein Blatt Papier kritzelte, das mit winzigen Hieroglyphen bereits großflächig bedeckt war. Glibirner am anderen Ende der Strippe, jeglicher Empathie fremd, konnte nicht wissen, dass dem Mädchen nur deswegen so langweilig war, weil es keinen Liebeskummer hatte, ließ aber an ihrem Ton eisiger Pflichterinnerung erkennen, wer welchen Platz im Universum einnahm.
„Ich will das schriftlich.“
Sie waren oft genug dienstlich zum Flughafen chauffiert worden, von der Taxigesellschaft, da konnte sie ein wenig Respekt, wenn nicht gar VIP- Service verlangen. Schließlich hatte das ja immer alles der liebe Herr PROFESSOR gezahlt! Esther verfolgte die Sache nicht länger im Geiste. Sie waren langsamer geworden, jetzt bremste der Wagen, sachtem kamen sie zum Stillstand. Der Fahrer stieg aus, kam ums Auto herum, öffnete der Dame die Türe, Manieren hatte er ja, der dunkle Kerl, fand sie. Eigentlich fand sie ihn ja ganz niedlich, mit seiner dicken, schwarzen, altmodischen Brille. Da sie den Fahrpreis auswendig kannte, wartete sie erst gar nicht ab, ob er was sagte. Sie streckte ihm ein paar Geldscheine hin:
„Stimmt so!“
„Vielen Dank“, antwortete der Fahrer. „Und guten Flug!“
Diese dicken schwarzen Haare erst! Esther lächelte, aber es blieb beim kläglichen Versuch:
“Ich fliege nämlich nach Amerika!“
Sie drehte sich um, ging durch die automatische Schiebetür, die lautlos vor ihr auseinander glitt wie ein Rotes Meer aus Plexiglas. Ihre Schritte führten sie quer über die imposante Eingangshalle zu einer Damentoilette, in der Nähe des Express-Schalters ihrer Airline. Wenn sie wollte, konnte sie ja wie eine resche Version von Miss Marple durchgehen. Am Körper war noch nie kontrolliert worden, stets war sie mit dem Professor und unter dem Schutz seines Quasi-Diplomaten-Status auf Wegen, die nicht jedem zugänglich waren, direkt zum Flugzeug gebracht worden. Ja, der Name des Professors wog noch Einiges, in dieser Welt. Schwerer jedenfalls, als die achtundzwanzig flachen, rechteckigen Päckchen, die in Schlaufen steckten und die zusätzlich alle fein säuberlich in Plastikfolie eingewickelt waren. Sie stellte den Koffer auf das blinkende Chromgestell, das wie eine Wartebank für Pygmäen in halber Höhe des Oberschenkels unter den Waschbecken hindurch lief und eigentlich genau dafür gedacht war. Sie zog sich sachte die Handschuhe aus. Ihre gepflegten Hände zitterten nicht ein bisschen, als sie unter den Wasserhahn gehalten wurden. Der Strahl war perfekt temperiert, von Photozellen klinisch unpersönlich ausgelöst worden, und für eine bestimmte Zeit bemessen. Mit einem Klack hörte das Rauschen auf, vergurgelte im Abflussrohr. Es war fast schon wie im Flugzeug. Esther blickte in den Spiegel, nickte sich zu. Sogar die Heißluftdüse im Händetrockner wurde durch Lichtreflexe ausgelöst. Das Wasser verdunstete schnell auf ihrer Haut. Sie zog sich die Handschuhe wieder an. Sie nahm den Koffer, ging in die nächste Kabine und schloss hinter sich ab. Der Klodeckel war schon zu, glücklicherweise musste sie ihn nicht anfassen. Rasch öffnete sie ihren Mantel, schlüpfte heraus, hing ihn an den Kleiderhaken, dessen drei Stummel von der Toilettentür in die Kabine hineinragten. Es folgten die Jacke, ihr luftig geschnittenes, hellblaues Hemd und ein Ruderleibchen. Sie schloss sie die beiden Miniaturschlösser auf, die ihrerseits ein Kettchen sicherten und machte endlich den Koffer auf. Unter einer harmlosen Schicht Damenwäsche lagen die Päckchen. Esther griff noch einmal in den Koffer, und holte eine Art Leibriemen oder Anschnallweste heraus, die sie selbst umgenäht hatte. Auf der Innenseite waren achtundzwanzig relativgroße Schlaufen befestigt. Sie schob je ein Päckchen in die Schlaufen, stellte sicher, dass alles richtig saß, und schnallte sich das ganze Ding um und schnürte es sich so eng als möglich an den Körper. Anschließend zog sie das Hemd drüber, welches nun nicht mehr ganz so lose vom Leibe abflatterte, faltete dafür ihr elegantes Jackett zusammen, stopfte es in die Reisetasche. Als diese Vorbereitungen klaglos abgelaufen waren, zog Esther unter der übrigen Wäsche eine schreckliche, extrem geschmacklose und unförmig geschnittene Damenjacke hervor, absurd geblümt und extra bauschig. Sie zog es an und schauderte.
„So ein arme- alte- Leute- Zeug!“
Immerhin verdeckte es ihre Volumenzunahme. Sie machte den Koffer zu, legte Kettchen und Schlösser in eine Muschel aus rosa Klopapier, machte ein kleines Paket draus, ließ es in die Muschel fallen und spülte nach. Sie vergewisserte sich, dass es zu keiner Verstopfung der Toilette kam und trat aus der Toilette. An der Tür hing ein Putzplan, auf dem durch unleserliche Paraphen vermerkt war, welche der vielen abwechselnden Reinigungskräfte, die zu jeder vollen Stunde mit Fleiß, großem Ehrgeiz und voller Freude für die sehr geschätzten Kunden die Räumlichkeit betreuten, grade Dienst geschoben hatte. Glibirner konnte es nicht unterlassen, nach den letzten Eintrag zu sehen, und ihn auf ihre Uhr zu sehen.
„Das ist aber jemand spät dran! Tja!“
Sie verließ die Toilette und bewegte sich zum Schalter, wo sie den Koffer mit einem resoluten Geräusch auf der Gepäckablage der Ersten Klasse ab. Sie sagte in herrischem Ton:
„Ich bin die Privatsekretärin von Professor Wildmann und werde morgen in Orlando auf einer Ehrenveranstaltung eine Laudatio auf ihn halten. Die Tickets sind auf den Namen Glibirner reserviert.“
Das Fräulein in Uniform blickte ehrfurchtsvoll zur alten Frau hoch.
Die Privat-Sekretärin vom berühmten Professor! 
Wenn sie das erst ihren Kolleginnen erzählte! In der Tat erzählte dann am nächsten Abend ein Mann seiner Frau, wie die Freundin eines Arbeitskollegen der Sekretärin eines prominenten Selbstmörders Tickets ausgehändigt hatte, ein letzter, ersterbender Rest an Einfluss hatte seine Schuldigkeit getan. Zaghaft streckte sich ein schmales Gutscheinheft der Alten entgegen:
„Es tut mir ja so Leid um den Professor!“
„Eine Tragödie, mein Kind, eine Tragödie!“
Das Luftfahrtsmädchen kuckte Esther mit großen Augen an, nahm den Hörer des Tischtelefons ab, der vor ihr stand, tippte ein paar schnelle Zahlen. Esther konnte es schnurren hören. Beim vierten oder fünften Signal hob am anderen Ende jemand ab. Die Hostess  sprach ganz mitfühlend ihren Namen und die Nummer ihres Schalters in die Muschel, wartete die einsilbige Antwort ab, gab ihren dienstlichen Meldungs-Code durch und legte auf.
“Sie werden in einer Minute abgeholt, Frau Glibirner. Es ist uns immer eine Freude, Ihnen behilflich zu sein. Angenehme Reise.“
Esther schnarrte ein halbherziges „Danke.
Sie drehte sich abrupt um. Bald darauf tauchte eine Art Golfwägelchen mit vier überdachten Plätzen auf, das von einem sehr dicken Mann chauffiert wurde. Er hatte eine zerknitterte graue Uniform an, sein nachlässig gebundener Schlips stand in einem eigenartigen Winkel von der dritten Fettfalte seines enormen Bauches ab, und seiner linken Hüfte versuchte ein fransig wirkender Schlüsselbund Autorität zu vermitteln.
Der Angestellte wuchtete sich aus dem Kart hoch.
„Ich sollse durch de Kontrolln lotsen. Steigense hinten ein.“
Angeekelt nahm Esther Platz, sehnte das Ende dieser ganzen Qual ärgerlich herbei.
Sie tuckerten davon.
Am Kontrollpunkt angelangt öffnete ein Uniformierter extra die Doppeltüre, um sie durchzulassen. Der Dicke nahm den Koffer an sich,  stapfte zu den Zöllnern und sagte:
„ Iss’n Vip. Handgepäck, sonst nix. Tickets sin okay.“
Der Zöllner nahm den Koffer wortlos an sich, ließ ihn durch den Röntgen-Apparat laufen. Sein Kollege blickte flüchtig auf den Schirm, sah die Unrisse von allen möglichen Sachen, Reißverschlüsse, Kugelschreiber, eine Zahnbürste, Kosmetikartikel, ein paar Klamotten. Nichts Besonderes. Er nickte. Sein Kollege nahm Esthers Koffer an sich, drückte ihn zurück in die Patschhände des Dicken und sagte:
 „Frau Glibirner ist uns bestens bekannt, Sie können zum Abflugschalter fahren.“
Der Dicke murmelte ein Dankeswort, schlurfte zum Wägelchen zurück und ließ es an. Der erste Zöllner winkte sie mit der Grandezza eines römischen Parkplatzwächters hindurch. Er salutierte sogar, als Esther in Augenhöhe an ihm vorüberrollte. Die Flügel der Türe wurden hinter ihnen geräuschvoll verriegelt.
Es hatte geklappt.
In der Lounge setzte sie sich an die Bar und bestellte einen Amaretto auf Eis. Unter dem schreiend geschmacklosen Sakko konnte sie den Gurt fühlen. Das beruhigte, gab ihr Sicherheit, ein starkes Gefühl. Jetzt konnte sie es sich leisten, freundlich zu sein. Das Getränk ziemte ihr und schmeckte vorzüglich. Sie ließ bald den nächsten kommen.
Eine halbe Stunde später betrat sie leicht beschickert die Erste Klasse des Jumbojets. Sie fand ihren Platz, verstaute den Handkoffer in der Gepäckablage und setzte sich. Nun wirkte sie doch ein wenig nervös, aber sie beherrschte sich und lauschte dem Stück von Franz Liszt, das über die Bordlautsprecher kam, blätterte ziellos durch das Magazin, das ohne Knicke auf ihrem Sitz gelegen hatte. Die hinteren Klassen des Flugzeugs füllten sich langsam, doch Esther achtete nicht weiter auf die übrigen Fluggäste. Sie ließ sich von der Stewardess ein Glas Wasser bringen, nahm unbemerkt eine halbe Schlaftablette zu sich, machte es sich gemütlich und nickte kurz darauf ein.
Als sie wieder aufwachte, war es finster und das Flugzeug mitten über dem Atlantik. Eine Blutwelle schoss zu Esthers Herz, als sie realisierte, wo sie sich befand. Reflexartig tastete sie ihre Leibesmitte ab, voller Vorangst … und da, ja! Immer noch waren die Päckchen an ihren Leib geschmiegt. Nun konnte niemand sie mehr aufhalten! Sie schüttelte den chemisch induzierten Schlaf langsam ab. Im Grunde war sie unter der Schlappheit voller Vorfreude. Schließlich riss sie sich zusammen und stakste auf die Toilette. Sie zerrte sich das hässliche Sakko vom Leibe, knöpfte das Hemd auf und löste den Schlaufengurt. Mit zittrigen Fingern zuppelte sie eines der kleinen Pakete aus der Schlinge, fetzte die dünne Kunststoffhülle ab. Dann endlich sah sie das, wofür ihr Herz geschlagen hatte:
 „GELD! GANZ VIEL GELD!“
Wahrlich, sie hatte eine Million Euro in ihren Händen, war unterwegs nach Florida, ins deutsche Rentnerparadies, wo sie unauffällig unter all den anderen blau und lila getönten begüterten Witwen leben würde, reich bis an ihr, hoffentlich fernes, Ende.
Sie hüpfte ein wenig in der beengten Kabine auf und ab, ganz das kleine Mädchen, das in der Weimarer Zeit mit Hunger und Unsicherheit als Geschwisterchen aufwuchs.
„Ich habe mir das alles verdient, nicht wahr, Mama?!“
Ihre Mutter konnte keine Antwort geben, hätte aber die Skrupellosigkeit ihres alten Töchterchens gutgeheißen. Hatte sie selbst nicht den alten Herrn Rosenthau an die Gestapo verraten, um die herrliche Vierzimmerwohnung zu kriegen?
Alles war da, niemand hatte sie bestohlen. Beglückt stopfte sich Esther knisternden Banknoten in die Hosentaschen, schlang den Gürtel um ihre Hüften und zurrte ihn fest. Diesmal aber ließ sie ihr Hemd bloß darüber hängen, stopfte das verhasste Jackett in den Mülleimer. Hier im Halbdunkel des Jets würde ohnehin keiner auf sie achten.
Sie verließ das Klo und stolzierte zu ihrem weich gepolsterten Sitz zurück. Esther kostete ihren Triumph aus. Sie bestellte sich Champagner und Lachsbrötchen, aß, trank nach Herzenslust, wurde sogar gegen ihr Naturell jovial mit den Stewardessen, wie ein reicher Genesender mit der Krankenschwester scherzt, die seine Bettpfanne leert. Der Rest würde ohnehin bald verblassen.
Mutig geworden, prostete sie sogar einem fremdländisch aussehenden Herrn zu, der zwei Sitzreihen rechts von ihr saß. Ein fescher Mann. So elegant, und so jung! Auch er hielt einen kleinen schwarzen Koffer in den Händen. Auch er wirkte völlig gelöst und heiter, als habe er eine ähnlich glänzende Zukunft vor sich wie Esther Glibirner. Da, er lächelte zurück, winkte sogar Esther zu. Wollte der gar am Ende...? Kühn kippte sie den letzten Schluck Schampus aus. Schüttelte ihr Haar, lächelte und trippelte zu ihm hin. Der Mann tätschelte in einer einladenden Manier den Sitz neben sich. Esther nahm neben ihm Platz.
„Lieben Sie Amerika auch so wie ich?“ fragte sie schelmisch.
„OH  JA!“, sagte der Mann in einem gutturalen Deutsch. „UND WIE!“.
Er legte den Koffer auf seine Knie.
„Kucken Sie doch mal!“
Die kleinen Messingschlösser an Koffer schnappten auf, und er klappte den Deckel hoch. Neugierig beugte sich Esther darüber.
Sie sah nichts als einen Knopf, zwei Wecker, Drähte, Kupferspulen, Batterien und einen sehr großen Klumpen Plastilin. Eine eigenartige Information wollte in ihr Hirn dringen, die Konsequenz verirrte sich aber irgendwo im Niemandsland des Aufwachens.
„Ist das etwa…“            
Der fesche junge Mann nickte enthusiastisch und sagte:
„JA! Eine Bombe!“
Und er drückte auf den Knopf.

Nummer 455



KEINE TIERE AUF DER STRASSE



 Alles verschwindet. Edel-Salbei. Zu große Abstände. Ja darf der denn das? Opium geben,  den Söhnen von Vereinsbrüdern? Das Brot lag ihm schwer im Magen. Netter Tee, warmer Tee, mit Milch, Halbfett, BIO. Mjam, mjam. Der Jongleur. Er hob den Stock im Takt. Dann war alle Vorsicht dahin. Er nahm das faulige Gemüse und bewarf damit sein träges Publikum. Kein Krieg im Pfirsichstaat? Da lachen ja die Hühner! Drei Kerne im Gewande. Eine Sau, so eine richtige Sau. Es füllt den Darm mit Gas. Die Meute stopfte sich nun hastig voll. Sie würden immer alles kaufen. Sogar letztklassige Ware. Je nachdem. Hellblonde. Sie. Sondern. Nach dem. Aber. Sehr charmant. Was genau, konnte ich nicht sagen, allen beweisen wollen. Er seine beschissenen TOUREN der vergangenen Nächte bitter bereute. Die. Geld geben. Immer.
Bezahlen dafür, anderen zusehen zu dürfen, wie sie an sich glauben, das ist einer der besten Sätze, die ich je gelesen habe. Danke, Kim!
Der Rest der Garden hat sich schon längst ergeben.
Wussten nichts mehr.
Das Herz schlug umsonst.
Die müde Schießbude füllte sich mit Leben.
Tod im Atombunker.
Gnome rollten kleine Bälle durch Wagenwände, in Münder und Nasenlöcher.
Staun-Ende. Sonst sonntags. Jade Rapunzel. Amber rumpelt, ins Tal der Wale. In der Höhle der Dichters roch es, die Luft war dicht. Größeres Glück konnte der Narr nicht geben, kannte er doch keines. Gestohlener Satz. Gras brennt in den armen Augen.
Siebenhundertzweiundfünfzig Stolpersteine auf dem Weg ins Etappenziel. Rallye mit Nachwehen, amputierten Illusionen, doch siehe! Plötzlich wuchsen neue, kräftige Triebe aus den Stümpfen, wurden Hoffnungen geboren, wo Hoffnungen Wunden geschlagen hatten. Eine tolle Sache, was? Der Fahrer konzentrierte sich, drängte die Musik auf die Seite, den Lärm in die Stille, lauschte auf das sachte Klopfen im Zylinderkopf. Er hatte noch nie verstanden, wie Menschen in Wartesituationen einfach stundenlang ins Leere starren konnten. Warum nicht lesen, den Schein von Interesse wahren, wenn sie am Leben waren? Selbst der galligste Automatenkaffee hatte mehr Esprit als diese toten Fliegen auf den Fluren. War alles bloß ein Geheimnis, eine Portion Traubenzucker in einer Welt voll Langeweile und toter Träume? Zum Glück war er nicht allein. Im Keller der Fremden stapelte sich der Mist, gleich daneben der Mut, klein und still wie eine Maus. War es Mitleid gewesen, als er den greisen Griechen-König erschlagen hatte? War es Egoismus? Er schüttelte den Kopf.
„Nein, keines von beiden, außerdem sind sie dasselbe.“
Er stand fest zu seinen Entschlüssen. Keine Aussagen mehr, die nur fast waren. Er johlte an der Bushaltestelle los, ein durch geknallter Barbar. Ein seltsamer Souverän, das mussten sie ihm lassen. Er jonglierte mit Silben, Salbei und silbernen Salben. Zinkender Zocker. Die Königin kam vorbei, begutachtete das Fingerspiel des Eulenspiegels, lud ihn zu sich nach Hause ein, wo sie ihm aus alten Büchern vorlas. Sie bemühte sich sehr, kreativ zu sein. Wenn sie diese Schlacht gewann, könnte er sogar hingerichtet werden. Er nahm das alles tief in sich auf, machte keinen Hehl daraus, es später zu verwenden. Nicht gegen die Königin. Mit ihr. Chiliastische Ekstase: Was nichts ist, das kann nichts werden. Die beiden trampelten durch breite Treppenfluchten des Palastes, dabei die Stimmen von Kindern nachäffend. Das passte immer. Die Dame wurde schwarz. Sie orientierte sich an den Farben des Tages.
„Geschickt gemacht!“, lobte dann der Haushofmeister das umhertollende Paar, wenn sie erschöpft, im Thronsaal eine kleine Jause einnahmen, ehe sie weiterspielten:
„Ich mache mir GROSSE Hoffnungen, Majestät!“.
„Ich auch!“, lachte sie, aber nur einer wusste, was gemeint war.
„Die Verlängerung der Stunde“, nannte es die Königin. Ihre Worte waren wie Gold-Nuggets, deren Sinn erst aus dem Sand ihrer Schönheit gesiebt werden muss. Mitten im Winter klang fernes Vogelgezwitscher, die Luft roch nach Primeln.
„Ist das die Freiheit, die ich meine?!“, fragte die Monarchin den Schelm-Fahrer.
„Ich weiß nicht, Majestät, welche ist es denn?!“
Das Spiel wurde für den Piloten immer gefährlicher, er liebte es.
„Inkohärenz, Halluzinationen, Neuntes Staunen.“
„Ja?“
„Könnte das nicht alles ein einziger Fehler sein?“
„Natürlich.“
„Warum?“
Die Maschine summte auf Hochtouren.
„Weil Irren menschlich ist.“
„Ihr vergesst, dass ich Eure Königin bin!“, entgegnete sie eisig.
Er nahm fast seinen ganzen Mut zusammen, blickte seiner Rivalin um die Gunst des Volkes fest in die Augen:
„Gewiss, Majestät. Aber seid Ihr auch ein Unmensch?!“
Ein Schweißtropfen lief seine Wirbelsäule hinab. Es tat gut, so gut. Es war wie eine Sucht, aber viel besser.
„Ich werde darüber nachdenken, Pilot. Trollt Euch solange.“
„Majestät, ich danke.“
Die Königin klatschte in die Hände. Schon begannen livrierte Lakaien, die Tafel abzuräumen.
Der Pilot machte seinen Kratzfuß, entfernte sich schweigend, stolz auf sich und seine humanistische Ausbildung. Jetzt, wo das Spiel gewonnen war, hatte er unkeusche Gedanken, die Königin betreffend. Doch ehe er das Burgtor erreicht hatte, wurde er von ihren Wachen erschlagen. Erst beobachtete sie sein Martyrium, dann ging sie weinend in ihr Gemach und ließ sich vom Hofeunuchen auspeitschen.                   
„Warum musste er alles kaputtmachen? Warum musste er mich bestrafen?“               
Der arme Eunuch wusste nicht die Antwort, hätte aber auch gar keine geben können. Ehe er seinen gefährlichen Dienst bei der jungen Schönheit angetreten hatte, von der er so einiges gehört hatte, schnitt er sich die Zunge aus dem Mund, um Wortspielen entgehen zu können. Besser stumm und entmannt als Mann und tot. Achthundertzweiundachtzig Männer hatte das Reich bereits verloren, die Blüte der Ritterschaft, aber es war nichts dabei herausgekommen. Die Leichenkomitees freuten sich darüber. Geschäft ist Geschäft.
Nach der Kasteiung ließ sich die Königin pflegen, lag auf dem Bauch, in ihrem Bett, groß genug für vier, mit weichen Damast-Decken und seidenen Laken. Es klopfte. Ohne  aufzusehen, ließ sie bitten.
Es war der Haushofmeister:
„Ehm, Majestät, mir scheint, dieser hier hat sich am Längsten gehalten!“
Er war ein Musterbeispiel für vollendete Diplomatie, sagten die einen. Ein Kriecher, sagten die andren, der zu gerne selbst ins Bett der Königin gekrochen wäre.
„In der Tat, er war der Beste!“, stöhnte die.
Eine Hofdame fächelte ihrem bandagierten Rücken kühlende Luft zu. Unter den dicken Wundpackungen waren die Ausläufer von Striemen sehen, die ihre Alabasterhaut gerötet hatten. Der Haushofmeister LIEBTE diesen Anblick, er bekam davon jedes Mal eine spontane Emission. Genau aus diesem Grund beendet er dieses kranke Spektakel nicht, welches das ganze Reich in den Abgrund riss.
„Alles hat seinen Preis!“, dachte er. Laut aber sagte er:
„Ich werde mit Eurer Erlaubnis in angemessener Zeit nach einem weiteren Kandidaten Ausschau halten lassen, Majestät!“
„Tut dies, Haushofmeister, tut dies. Nun entfernt Euch, ich muss für seine Seele beten.“
Er verschwand rückwärts aus dem königlichen Schlafgemach. Sein wollenes Unterzeug klebte heiß und unangenehm im Schritt, aber seine Lust war nicht gestillt. In seinem Trakt angelangt ließ er den großen Zuber, auf den er so stolz war, zum heißen Bade vorbereiten. Seine Lieblingsmagd, sechzehn Jahre alt, eine rothaarige Hexe, würde zu ihm ins Wasser kommen,  unaufgefordert, wortlos. Der Haushofmeister stopfte seine Opiumpfeife, entkleidete sich, stieg ins Heiße und herrschte seine Dienerin an:
„Bring mir den glimmenden Kienspan!“
Er gönnte sich ja sonst nichts.



Nummer 454



PASSACAGLIA


 


Teil Eins
WHITE WHORES



Das Jahr war so zu Ende gegangen, wie ich es größtenteils verbracht hatte: Unspektakulär, zuhause und allein. Ähnlich unspektakulär waren meine Vorsätze: Ein bisschen mehr Vitamine, ein bisschen weniger Fett, wieder an Literatur-Wettbewerben teilnehmen und das Jahr so zu organisieren, dass ich möglichst wenige Enttäuschungen selbst erleben und anderen bereiten müsste. Nein, mein Leben gab schon seit längerem kein Romanstoff mehr her. Wenn ich morgens in den Spiegel blickte, so sah ich einen Fremden, den ich zwar als meine stoffliche Hülle akzeptiert hatte, mit dem ich mich aber nicht so recht identifizieren wollte. Ich hatte von mir selbst ganz andere Bilder im Kopf. Bald wäre ich 35 und hatte kaum eines der Ziele erreicht, die ich mir gestellt hatte. Klar, ich lebte in der Stadt, in der ich leben wollte, hatte den Job, den ich wollte und studierte, was ich wollte, aber, wollte ich das wirklich? Sogar meine Gefühle waren mir sonderbar fern: Ich hatte keine Freundin und mir einige Male eingebildet, in die eine oder andere Studienkollegin verliebt zu sein, aber ich wusste im Grunde, auch das war nicht das, was ich wollte. War das die Midlife-Crisis? Warum war mir alles so egal? Warum war es so schwer, einen Funken Begeisterung zu zünden? Ich wusste es nicht.
Es war gegen halb Elf, als es klingelte. Erstmal guckte ich beim Fenster raus, um zu sehen, wer da geläutet hatte. Aha, die Post. Paketdienst. Ich ging zur Gegensprechanlage, drückte den Knopf und sagte guten Tag. Dann schlüpfte ich in meine Badelatschen und den neuen, schwarzen Bademantel, hastete mit dem Schlüssel in der Hand die drei Stockwerke runter, in der Erwartung, den Briefträger mit einem an mich adressierten Päckchen und einem strahlenden Lächeln im Gesicht anzutreffen. Aber im Parterre angekommen war niemand außer einer Benachrichtigung, die mir sagte, nicht angetroffen worden zu sein, weswegen ich die Paketsendung erst ab morgen im Postamt XY abholen könne. Fuchsteufelswild trat ich auf die Straße und sah den gelben Laster gerade noch um die Ecke biegen. Dieses Arschloch. Wie immer.
Mit Ausnahme einer neuen Zeitungsabo-Mahnung und der Bücherrückgabe an die Universitätsbibliothek forderte der Briefkasten lediglich den üblichen Reklameramsch zutage. Ungelesen in den Eimer, schade ums Papier. Verärgert stapfte ich die 178 Treppenstufen wieder hoch. Ich schlug die Tür hinter mir. Verärgert ging in die Küche. Während ich ein paar Orangen auf einer improvisierten Presse zu süßem Blut verarbeitete, gluckerte in der Kasse  der Espresso hoch. Mein Groll verflog. Denn der Postler hatte mir gezeigt: ich war nicht der einzige Mensch, dem ein wenig guter Wille fehlte. Ich trank den Saft aus, goss Milch in den heißen Kaffee, schlurfte ins Schlafzimmer, wo ich auch arbeitete und schlief. Ich schaltete den Rechner ein, und riss die Fenster auf.
Es war der zweite Januar, sonnig und saukalt. Soweit mein Auge reichte, waren die Strassen mit Sylvester-Müll, zerbrochenen Flaschen, Papierfetzen, den ersten Christbaum-Leichen und wie üblich mit Hundescheiße übersät. In meiner Stadt ist das nichts Neues. Wir leben darin. Nach einer Weile machte ich das Fenster wieder zu und setzte mich an den Tisch.

Glotzte auf den Bildschirm.
Nichts passierte.
Eigentlich hätte ich mich mit dem Mediävistik–Referat beschäftigen sollen, das am kommenden Montag auf dem Programm stand. Aber anstatt herum zu tüfteln, wo denn bei der Übersetzung zweier ganz bestimmter Textstellen im Eneasroman eines gewissen Herrn Veldeke die Tücken liegen, fing ich an, eine schlechte Kurzgeschichte zu schreiben.
So war es schon seit ewigen Zeiten:
Wenn ich schreiben hätte sollen, machte ich etwas anderes, und wenn ich Pflichten zu erfüllen hatte, schrieb ich lieber. Ich seufzte. Dann spürte ich, wie die Orangensaft-Milchkaffee-Kombination ihre peristaltische Arbeit verrichtete, zuckte mit den Achseln, ging ins Bad, zog einen herrlichen, geformten Schiss ab, wischte mir den Arsch, ließ runter und stellte mich unter die Dusche. Mit geschlossenen  Augen legte ich den Kopf in den Nacken, ließ mir das heiße Wasser übers Gesicht rinnen.
Pflichten.
Das alte Thema.
Das alte Problem.
Wie so viele andere Idioten auch schob ich die Dinge gerne auf die lange Bank. Ich wartete bin ultimo, um sie zu erledigen. Am Besten kann ich unter Druck arbeiten. Am Ende gelang mir das meist zufrieden stellend, aber das nagende Gefühl, mich wieder einmal nur durchgemogelt zu haben, das blieb, ebenso wie das Wissen, viel mehr leisten zu können, wenn ich es bloß wollte. Nein, Ehrgeiz war keine Krankheit, mit der ich geschlagen war. Aber wussten das auch die anderen? So führte ich eine Scheinexistenz, stets bereit, mich in die Schatten zurückzuziehen, falls es mal brenzlig wurde.
Das konnte mich nicht wirklich befriedigen. Ich wusste das. Wovor hatte ich denn solche Angst? Mich hinzustellen und zu sagen: Leute, ich glaube, ich bin ein Versager?! Oder davor, mich zu überwinden, und endlich Vollgas zu geben? Eine Mischung aus beiden. Noch stellte ich an mich im Geheimen die Forderung, eines Tages groß raus zu kommen, eine tolle Frau zu kriegen und Geld im Überfluss zu verdienen, aber es bröckelte mir dieses Ziel langsam unter dem eigenen Blick weg. Bald, so fühlte ich, wäre mir auch das egal, und ich bereit, mich mit einem Rest-Leben in mickriger Durchschnittlichkeit zufrieden zu geben. Es war eine schreckliche Vorstellung, wie das Wissen um den Tod und vielleicht genauso unausweichlich. Aber ich bäumte mich auf, wollte noch nicht aufgeben, ich durfte es auch gar nicht, schon aus Rücksicht auf die Menschen, die mich liebten. Aber es war ein qualvoller, tagtäglicher Kampf mit mir selber. Warum sollte es mir anders ergehen als allen anderen?
Die Antwort war ganz einfach:
Solange ich noch ein wenig Mumm und Geilheit in den Knochen verspürte, wollte ich mich gegen die große Gleichmacherei stemmen und versuchen, mein Leben gemäß meiner Natur  zu gestalten. Wirklich paradox war nur eines: Dass mich der Erfolg meiner paar echten Freunde entmutigte, anstatt anzustacheln. Früher war immer ich es gewesen, der die Standards gesetzt hatte, heute hinkte ich ihnen nur noch hinten nach. Wie war das passiert? Wann und warum? Bis Dreißig ein Superstar, jetzt nur noch eine harmlose Pfeife, die sich an die Bruchstücke der glorreichen Vergangenheit klammerte, um nicht abzusaufen. Es wäre besser, wenn ich die morschen Planken der Neunziger losließe, um aus eigener Kraft ans Land des neuen Jahrtausends zu schwimmen oder, noch besser, zu waten. Indes würde ich gute Miene zum bösen Spiel machen. Warum sollte ich jemanden mit meinen lächerlichen, privaten Nöten belasten? Es war doch geistlos, was für ein Theater ich um mich selbst machte. Halt das Maul und tu was! So ging es ständig hin und her, up and down, links und rechts, dazwischen kam die eine oder andere Geschichte, der eine oder andere Fick. Und, trotz allem wünschte ich mir nicht, jemand anders zu sein, no, Sir, ganz im Gegenteil. Wenn ich an all die traurigen Würste dachte, die auf den Straßen herumschlichen, größere Idioten als ich waren, mit noch weniger Erwartungen und noch weniger Phantasie, beschlich mich das Gefühl, noch ganz gut weggekommen zu sein, in der großen Geburts-Lotterie. 

Darauf onanierte ich und ejakulierte in die Duschtasse. Ich drehte das Wasser ab und schlüpfte zum zweiten Mal in meinen dicken Frottee-Bademantel. Zeit für ein Bier, schätzte ich, latschte in die Küche, guckte in den Kühlschrank, entdeckte zwei über gebliebene Flaschen, nahm eine raus und öffnete sie, gleich in meinen kaputten Sandalen und im Bademantel. Gluck, gluck. Lecker Bierchen.
Die Kälte flutete durch meinen Magen in den Darm, der kulanterweise gleich damit loslegte, zu kontrahieren. Die Peristaltik! Noch mal aufs Klo! Ächzend ließ ich es in die Muschel plumpsen. Mief stieg mir in die Nase. Ich konnte auf Anhieb das erkennen, was ich zwei Tage zuvor gegessen hatte: Scharfe Kartoffelsuppe mit derben Knoblauchwürstchen. Deckel drauf, Spülung ziehen, Hände waschen. Der zeitverzögerte Luftabsaugventilator sprang an. Das Geräusch nervte. Köstlich wäre es hingegen, alle Zeit der Welt zu haben, um sogar meine uninteressantesten Beobachtungen und Erlebnisse für die Nachwelt festzuhalten, aus dem Leben ein selbstreflexives Sein zu machen, das sich selbst beschreibt, ich bloß der Federhalter, unter völliger Ausschaltung meiner Persönlichkeit. Das hat zwar schon vor mir eine Legion von Schreibern so gemacht, würde aber auch mich einiger Probleme entheben: Ich könnte jegliche Aktivität einstellen um passiv zu verharren, erfüllt von der hochmütigen Bescheidenheit, auch in den abgeschmacktesten Vorgängen den Willen des Herrn zu erfüllen oder gar zu ergänzen, wenn nicht zu verbessern, indem ich diesen Vorgängen Namen gäbe, eigene Worte dazu verwendete, den Gott eines stierenden Bauern zu ersetzen durch den einer hoch gebildeten, völlig dekadenten hochartifiziellen Sprache. 

Des Weiteren müsste ich nicht mehr daran zweifeln, ob das, was ich schreibe, gut ist oder nicht, ob das, was ich tue anspruchsvoll ist, oder niveaulos, ob meine Form der Wahrnehmung geschärft ist oder schlicht verrückt. Ich könnte in einem abgedunkelten Elfenbeinturm sitzen und nach Innen gucken, den lieben langen Tag. Oder den Pflanzen beim Wachsen zusehen, jede Blütenrippe einzeln abzählen, jeder feinsten Nuance im Äderwerk der Blätter mit einer Lust nachspüren, deren Qualität körperlich wird: Dünne gräuliche Luftwurzeln, die aus dem Herzen des Anthuriums wachsen, mit den Rüsseln magischer Elefanten vergleichen, die gerade Erde tranken. Jeden Gedanken, ganz egal wie klein, würde ich aufknäueln bis zum Ursprung seiner Dinge, um am Ende hunderte, wenn nicht tausende Seiten Papier voll gefüllt zu haben mit dem Mosaik meiner Innenperspektive. Ich trocknete meine Hände. Nein, das könnte unmöglich funktionieren, oder? Die Uhr würde ihre Zeit ohnehin verticken, ob sie nun mit Sinn angefüllt wäre, oder nicht. Eine Uhr mit vier Zeigern. Tick-tack, tick-tack. Ich ging in die Küche zurück und machte mir ein Gabelfrühstück...

Damit sei die Untersuchung über das Wesen von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, desgleichen über das Gerechte und das Ungerechte im Allgemeinen, abgeschlossen. Nun ist es aber möglich, ein bestimmtes Unrecht zu tun, ohne deshalb schon ungerecht (schlechthin) zu sein…  

Du kannst sagen, was du willst, Bruder, aber diese verrückten alten Griechen waren verfluchte Genies. Haben nachgedacht, sich Jahrhunderte lang die Köpfe zerbrochen, über die abstraktesten und abstrusesten Dinge, ihre Gedanken unter dem gleißenden Lichte der Ägäis formuliert, durch dieses Licht erst dazu stimuliert und der Nebendepression entzogen, sie in Worte gegossen, die in ebenso wunderbaren Übersetzungen auf uns gekommen. Teleologe, eine SUPER Beruf im Fernsehzeitalter. Tatadadaratatatam, dara-tata, darada-tata, tam, tadaratatam, sie ziehen ein, die Phäaken, die Sybariten, freuen sich auf Fleisch und Wein und Weiber. Sag, wer will es ihnen verübeln? Manche einer trägt Schönheitsflecken im Gesicht, sie haben Kränze im Haar und Schärpen um den Bauch, Gaukler und Diebe, Gauner und Huren. Alles, woran der Mensch glaubt, hat seine eigene Kraft, birgt seine eigene Realität. Daher kommt er auf den Gedanken einer Ethik, wendet er Zeit auf für Philosophie und Kunst, wobei die zwei nicht voneinander trennbar sind und aus einem gemeinsamen, tieferen Urgrund stammen: Der als Wissenschaft getarnten Ehrfurcht vor der Natur, dem Leben selbst. Daher gehen Menschen in Philo-Seminare, tun sich Studenten immer wieder die Mühe an, diese Texte zu beackern. Nicht jeder ist dafür von Natur aus beschaffen, kann es aber lernen, wenn er das Glück hat, auf gute Pädagogen zu stoßen: Mit den Erziehern, die unsere Vorbilder sein sollten, fängt alles an. Zuerst sind es die Eltern, dann die Lehrer auf den Schulen.

Indem wir uns daran gewöhnen, Gefahren zu verachten und sie zu meistern, werden wir tapfer, und sobald wir es sind, können wir ihrer am sichersten Herr werden.

Die Graupensuppe war endlich fertig. Als Kind versetzte mich dieses Wort in nacktes Grauen: Ich stellte mir eine Suppe aus grauen Raupen vor. Die armen Raupen! Als Kind liebte ich Raupen. Vor denen mit den langen Haaren hatte ich Respekt, die kitzelte ich aus Vorsicht nur aus der Distanz, mit einem Grashalm. Aber die nackten, die sich so lustig krümmten, mit ihren kleinen Stummelfüßchen! Ich nahm sie ohne Angst zu haben mit den Fingern von den Blättern und Stielen und setzte sie mir auf die Handfläche. Das Kribbeln der kleinen Beinchen war zauberhaft. Besonders putzig fand ich es, wenn sich die Raupen zu Loopings zusammenkrümmten, um anschließend umzufallen, und wie kleine Omegas liegen blieben. 

Die Raupen, die ich in den verschiedenen Wiesen so anfand, waren grün, haarig, mit Pünktchen und ohne, gemusterte und einfärbige, es gab braune, schwarze mit gelben Streifen, und die berühmten grauen. Aber die allergeilsten Raupen waren die Grauweißen. Die waren meine Lieblinge. Und dann kamen als nächste bereits die Grün-Grünen. Die waren sehr lustig, wenngleich sie ein wenig schneller waren, als ihre grau-weißen Cousinen. Schlanker, und obwohl sie giftig wirkten wegen ihrer Signalfarbe, so stellte ich doch fest, dass auch ihre Haut weich war, und prall. Kleine, lebende ausgestopfte Würstchen. Wenn nun jemand diese armen Raupen in eine Suppe geschmissen hätte! Die armen! Lebendig gekocht! Wer konnte so gemein sein, und das auch noch im Supermarkt verkaufen? Es hat sehr lange gedauert, ehe ich den Unterschied kapiert habe, schließlich war ich ein Ausländerkind.

Ich rührte ein wenig Ölivönöl in die Suppe und geriebenen Parmesan, fügte klein gehackte Chilischoten dazu, vermengte die ganze Sache zu einer duftenden Körnerpampe und machte den Deckel drauf. Ich nahm den Topf von der heißen Herdplatte und stellte ihn auf ihrer freundlich erkalteten, linken Nachbarin zum Nachziehen ab. Lecker. Was würde ich an diesem freien Tag unternehmen? Die Zeitung hatte ich schon vor dem Kaffee heraufgeholt. Ein dienstbarer Geist steckte sie jeden Morgen in Allerherrgottsfrühe in meinen Postkasten im Parterre. Ein guter Kaffee zur Morgenzeitung, so viel Zeit muss sein. Ein paar kleine Einkäufe, der eine Gang zu erledigen, und noch ein zweiter, nichts wirklich Unaufschiebbares, aber doch, später Lektüre, ein wenig Klavierspielen, das Pferd wollte geritten, der Hund bewegt, die Frau befriedigt werden und die Vernunft auch nicht zu kurz kommen. Die lästigen Pflichten eben des Herrschers eines kleinen Königreiches, mehr mit Landwirtschaft beschäftigt, denn mit Landnahme. Ich war ja ein Idealbild! Die alten Griechen krümmten sich vor lachen. Ich könnte die Gelegenheit nützen, und die Pflanzen umtopfen. Den Wedel zu schwingen, die Verhältnisse reorganisieren, solange es noch ging all die kleinen lästigen Dinge erledigen die in Wirklichkeit gar nicht lästig sind sondern Freude machen können. 

Ich setzte mich an den Rechner, fuhr ihn hoch, holte die Unterlagen aus dem Regal und machte mich missmutig an die Arbeit. Ich hatte keine Wahl. Ja, gewiss, wäre ich in einem andren Jahrhundert geboren, und so weiter, oder bloß fünfzig Jahre früher, so wäre mir gemäß meiner sozialen Stellung ein glattes, angenehmes Durchrutschen im Leben bestimmt gewesen. Als Viertgeborener einer adligen Familie kommt vor allem die Diplomatie in Frage. Ich muss nicht erben, nicht Soldat oder Priester werden, sondern darf das bunte Nesthäkchen bleiben. Eine musische Erziehung, Verwandtenbesuche im Ausland, eine Apanage, Studium, Eintritt in den Staatsdienst, und vor allem das tun, was ich am Besten kann: Parlieren, repräsentieren, charmant galante Beziehungen mit höheren Töchtern pflegen. Heutzutage konnte ich mir die automatische Zugehörigkeit zur Elite aus einem Geburtsrecht quasi in die Haare schmieren. Wäre auch fatal, wenn die Gesellschaft auf  Typen wie mich angewiesen wäre. 

Nachdem ich nicht Diplomat werden konnte, mein Berufsabschluss mich im arbeitsmarktlichen Nichts enden lassen würde und die Schreiberei nicht mehr schien als ein besseres Hobby, war guter Rat teuer. Meine Schwächen kannte ich, meine Stärken auch, es waren ja nicht viele. Ich beherrsche vier Sprachen perfekt, eine fünfte gut und eine sechste so lala, konnte erstklassige Manieren an den Tag legen, hatte in meinem bisherigen Leben neunzehn verschiedene Länder bereist, ungefähr viertausend Bücher gelesen (Klasse und Schund inklusive) sowie eine Kohorte an Frauen gefickt. Ich interessierte mich für Kunst, Politik, Literatur, Geschichte und Musik. Wem zum Teufel könnte ich dieses Paket gewinnbringend verkaufen? Dem Pornobusiness? Dem Fernsehen, Radio, Theater? Internet? Für wen könnte ich mein Wissen und meine Erfahrung einsetzen?
Vielleicht für eine Enzyklopädie, ein Auktionshaus, eine Schule oder andere Besserungsanstalt? Wer wäre bereit mir dafür ein angemessen erkleckliches Salär zu überweisen, Monat für Monat? Schwierig, schwierig, popierig.    
Zitat Ende.
Erst einmal mit Uronkel Heini fertig werden.
Das musste ja zu schaffen sein! Ich sprang auf und latschte hektisch durch die Bude. Ich kann dann besser denken, und spreche dabei mit mir. Wie pathetisch! Wie peripatetisch! Der olle Typ! Aber illoyal war der nie! No, Sir! Eher schon ein Phänotyp seiner selbst. Ein Muster an dem andere gemessen werden. Zweifelsohne ein Wanderer zwischen zwei Welten.  Ein kühner Kerl. Handbücher wurden zu seinen Ehren verfasst, und schon hat sich eine glitzernde Panade des Ruhmes am Namen festgebacken. Nieder mit den verrückten Pennern! Oder so. Aber Prinzipien haben auch eine gute, konstruktive Seite. Sie zwingen zu Konsequenz. Ich hasste und bekämpfte meinen inneren Schweinehund mit brutalem Hass. Marihuanazigaretten. Bremer Bier. Bluesgitarren. Elektromagnetische Frequenzresonanzen. Flammeri am frühen Nachmittag.
Die unsympathische Yugo-Verrückte mit den kleinen Dreckstölen, die seit Monaten immer in derselben Kombination aus beige Jacke und schwarzen Jogginghosen das Haus verlässt, ja, die ist es, die mit den knallenden Fenstern und Türen. Bei allem Verständnis dafür, dass es Menschen gibt, denen die Sicherungen durchgeknallt sind, ist es dennoch unverantwortlich und rücksichtslos Verhaltensgestörte auf Normalsterbliche loszulassen, die in der täglichen Verhaltenspsychologie davon ausgehen, dass ihre Mitmenschen intentionale Systeme sind, die ihre durch den Zeitpfeil unabdingbar teleologisch ausgerichtete Existenz vernunftgemäß einrichten. Wie soll ich einer Verrückten erklären, dass ihr Verhalten bei den Nachbarn Irritationen auslöst? Mit Worten? Wurstsalat? Einem saftigen Handkantenschlag auf die Nase? Bliebe nur noch Verständnis, und seufzend begebe auch ich mich jedes Mal wieder unter dieses Joch der Nächstenliebe. Als Gesinnungschrist muss ich Selbstdisziplin üben.
Jetzt wumsten auch noch die Türen im Hinterhof. Die versoffenen Sozialhilfe-Penner von nebenan!
….Jumping Jack Flash, it’s a gas, gas, gas!
Ich wollte lieber Votze lecken. Mit V wie „Vagina“. Ich hatte noch nie Angst vor einem bissigen Exemplar. Die dentata, Deo gratias in Denver, war vorerst an mir vorübergegangen. Schlussendlich musste ich Büßer bald baden gehen. Dringende Düfte dräuten. Lässige Lesben leckten. Ächzend kehrte ich an den Ort meiner Marter zurück.

Wild, wild horses couldn’t drag me away…. .
                                       




Teil Zwei
PRAWN SIGAR



Ein Jahr später.
Bravourös war das mittelalterliche Abschneiden nicht gewesen, aber vermutlich fair. Ich hatte eine weitere Klippe umschifft, steuerte munter auf die nächst folgenden zu. Meine Bude stank nach Abdecker und kalten Bauern. Die Eisheiligen ließen sich nicht bitten, endlich abzuhauen. Ich konnte nur hoffen, dass meine Dosen an psychedelischer Musik auch der verhaltensgestörten Flüchtlingstante aus dem ehemaligen Jugoslawien ein wenig Linderung verschafften. Für mich war laute Musik an Tagen, wo es ziemlich schlimm war mit ihr der einzige Weg, inkohärente Schreie und periodisch wiederkehrendes, zwanghaftes Aufreißen und Zuschlagen der Fenster und Türen phonetisch zu überlagern. Andernfalls wäre mir nur der Weg der Selbstjustiz geblieben, und jeder weiß, ich bin seit meinem Eintritt ins Mannesalter kein Freund mehr von roher Gewalt. Eine meiner Lieblingsbands aus den Sechzigern sind The Tea-Tales. Die verursachen bei mir weitgehend gute Gedanken, selbst, als die Jungs zur Imagekorrektur nur noch gegen den Wind pissen konnten, um überhaupt anders wahrgenommen zu werden, also warum nicht bei einer psychisch Kranken? Immerhin war sie nicht bösartig, was bei einer potentiell missliebigen FRAU einen großen Schutz vor Verfolgung, Denunziation und heimtückischen Messerstichen ins Abdomen bot. Aber drifte nicht ab, Bruder Seemann, drifte nicht ab!
Fünfundneunzig Wegstunden müssen wir noch zurücklegen, ehe wir das Ziel des Tages fehlerfrei überqueren können! Das ist unsere Pflicht! Patronin der reuigen Dirnen und der blinden Kinder, gegen Halsschmerzen und Infektionen. Die katholische Kirche als Quelle der anthropomorphen Naturheilkunde? Zu drollig! Ich setzte die Gitarre an, spielte ein paar Akkorde, ließ es bleiben und stellte die alten Langlaufskier zurück in den Kadaverkasten. Aber aus einer anderen Quelle sprudelten Energien. Sie bahnten sich voller Wärme einen Weg durch neblige Novemberfahnen, ritten auf den Schultern von eisigen Tigern, teigigen Heiligen, feucht glänzenden weiblichen Geschlechtsöffnungen.
And it really doesn’t matter if I’m wrong or right.
Und wie war das mit den Dingen, die gestern noch so bedeutungslos schienen? Messerscharfe Analysen der Zukunft? Ein Arpeggio zu Ehren ehrlich angetretener Ruhestände? Fröhliche Abschiedsbriefe inmitten frühsommerlicher Ruhestörungen? Die Babyboomer werden alt. Das kennen die nicht, trotz Holzstäbe und alter Berge. Sex und Drogen nehmen in einem modernen Leben eben einen festen Teil ein. Drauf die Pauke! Wir verwirklichen eure Versäumnisse! Wir lassen andere dafür arbeiten! Mister H! Zwei Jahre später jagte der Prophet kalten Truthähnen nach.
Äggädy!
Äggädy!
Äggädy!
Der Gebieter hat gesprochen.
Ließ es rumpeln, entzog Schmieden und Stieren kurz die übliche wohlwollende Unterstützung. Da krachte es!  Es flogen die Balken in Splittern umher! Unbeabsichtigt Ziel gerichtete Argumente verstiegen sich zu radikalen Amputationen! Wie gehabt! Im Krisenfall! Lauter AUSRUFEZEICHEN VERDERBEN DEN SCHREI!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Banzai.
Das können wir nicht schreiben.
Banzai.
Noch können wir nicht alle Kobolde austricksen.
Einige sind und werden vifer bleiben.
Was für ein Wunsch:
„Zehntausend Jahre sollst du leben!“
Ein empirisch tangibler Dank für den Eintritt in die wunschlose Ewigkeit.
Manche andere fügten sich bereits vor der biologischen Zeitenwende ins Joch und sahen daher auch vor ihrer Zeit danach aus. Der Kranich schlägt die Schwingen. Er wirbelt einiges auf. Süße Düfte und grimmige Jauchen. Flugs pingt der Schmied auf dem Amboss eine flotte Melodei, da gehen auch schon alle Bombenschäden vorbei! Hosianna in der Höh’! Rumpta-bumpta, die Angelsachsen rollen zur Feier vorsichtshalber Bierfässer und Ballen  unvorteilhaft kleidsamer Uniformen auf die Bühne. Das wunderbare daran ist, diese Klamotten sind so unschick und daneben, wie es nur Engländer können, mit diesem anglo-römischen Witz, der Pathos nicht zulässt und Fetische in den ihnen angestammten Bereich der Perversionen verweist.
Guter Witz kann mit Selbstbesudelung einhergehen, bedingt sie allerdings nicht. Feldwebel Pfeffers Orchester der Vereinigung Einsamer Herzen. Deswegen erkannte sie auch keiner als Solche. Die Dramaturgie griff in die Vollen. Bedrohliche Gebirge türmten sich vor dem geistigen Auge auf, ehe sie durch das Läuten eines Weckers verscheucht wurden. Aber der Schutz ist nur vorübergehend, das Drama greift um sich, spitzt sich zu einer lokalen Götterdämmerung zu, ehe die Gemeinschaft der Übrigen zur Tagesordnung übergehen darf. Das Zuschlagen von Türen, ein Zeichen der Rebellion. Und einer hartnäckigen Verkühlung. Fleisch lebe wohl! Für vierzig Tage! Andere Leute sahen so was ein ganzes Leben lang nicht. Das war sozusagen außerirdisch. Das Leib-Seele-Problem! Wiener Würstchen? Karotten im Arschloch? Alles kein Problem! Der schärfste Senf, der teuerste Essig der Welt. Fett täuscht. Gärung fault. Gangrän tut weh, OK? Selbst Gebirge zerbröseln unter dem nagenden Zahn der Zeit. Warum nicht auch Liebe oder Anstand? Andererseits, wenn das Wetter besser wäre, fiele meine Beurteilung der momentanen Gesamtsituation vermutlich ein wenig milder aus.
Ein völlig verregneter, kalter Mai. Schicke Schnupftücher, kalte Füße und heißer Kamillentee, trübe Stimmung, rauer Hals und endemische Auswanderungswünsche allenthalben, das ist meine Stadt im Wonnemonat 2005. Inselkoller? Ja, bitte! Ab auf die Insel! Kollernde Auerhähne kullern Abhänge kühn abwärts. Eine kleine Darmspülung verschafft ebenfalls Erleichterung. Aber ob das Heil siegen wird, bleibt mehr als unklar. Egal. Hauptsache, immer feste druff! Gluck, gluck! Und noch mal GLUCK! Dagobert Duck und Dussel und Donald und Gustav Gans und Daisy und Oma,  oh Dannyboy, this is a show-down,  und die ganze restliche Pappnasen-Bande aus Entenhausen, Qui, Quo, Qua, Tick, Trick und Track, und so weiter, eine gelbschnäblige Querulantentruppe die nur unsinnige Abenteuer erlebt mit an den Haaren herbeigezogenen Gags, zumindest seit Ende der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts. Schwachsinn de luxe.
Mehr war von mir nicht zu erwarten, an so einem Tagebuchtag, an dem sporadische Lichtfünkchen auftreten, jeder kleine Splitter eine Erinnerung, ein Partikel mehr, das mich mit mir selbst verband, nichts vergessen, alles archiviert, auf Abruf bereit. Aber im Großen und Ganzen stimmt die Stimmung mit der Grundmelodie meines Lebens überein, gewisse Anlagen und Vorlieben lassen sich wie ein roter Faden zurückverfolgen. Dreihundertsiebzig Worte mit einer halben Flasche Bier. Geht sich das aus? Es muss. Eine ewige, eine eilige und eine heilige Stadt. Drei Stationen, dazwischen purzeln den Blick verstellende Ersthände vor die Linse, drängen sich plusternd auf, tun so, als wären sie die einzigen oder wichtigsten, dabei markieren sie nur die bislang am häufigsten genützten Schneisen in den dunkeln Wald. Rauschstrafe. Knisterpelle. Platzkapseln.
Lässig schnippen würzig duftende Piniennadeln und Pignole quer durch einen weichen, warmen, Sommernachmittag, ehe es zur Siesta ging, eine unwillkommene Unterbrechung meiner Spiele, aber immerhin fühlten sich die kühlen Laken im verschatteten Schlafzimmer hypnotisch an, sie erzeugten in mir den fast Speichel treibenden Wunsch nach Schlummer, eine nicht lüsterne Lust nach dem zärtlichen Reiben der Wangen am flaumigen Polster. Die Zikaden zirpten ohne Unterlass. Sehr selten nur braute sich ein Unwetter schon um jene Tages- oder gar Jahreszeit zusammen, das blieb den Tagen vorbehalten, an denen wir am Abend bereits die ersten, dünnen Strickjäckchen oder gehäkelten Pullover angezogen bekamen, meine kleinen Vettern, Basen und ich. 

Am Ende eines jeden Meeressommers musste ich voller Schmerz das Land der mütterlichen Ahnen verlassen und in meine ungeliebte transalpine Diaspora zurückkehren, in der sich alles gegen mich zu wenden schien, sobald wir, meist im Auto, oder im Zug die Grenze zum nördlichen Nachbarland passierten. Meine Mutter hatte mir zwar Jahre zuvor erklärt, warum es notwendig war, die geliebte Heimat zu verlassen und meinem Vater zu folgen, aber ich hatte es nicht verstanden. Und doch bildete auch dieser Eingriff mit allen seinen Nebeneffekten den schier uneinschätzbarsten Hintergrund meiner geistigen Entwicklung, ich bin im Rückblick sogar davon überzeugt, diese Übersiedlung war der springende Punkt. Wären wir im Süden geblieben, ich wäre das Wonne strahlende Kind geblieben, dessen Ernüchterung schleichend, also unbemerkt vonstatten gegangen wäre, und auf diese Weise der Kindheit samt ihrer Unschuld für immer verlustig geworden. So aber kam die Ernüchterung schlagartig, aus dem erstgeborenen Prinz wurde der Prügelknabe, das unwillkommene Mitbringsel aus erster Ehe. Alleluja. Und Good-bye. Struktur, Struktur, Struktur.
Das Außergewöhnliche war die Gestaltung, amorph nennbar, im Vergleich zu dem, was ich später kennen lernte, wunderbar in der Freiheit, die es meiner Phantasie gönnte, frei von Furcht und Zweifel. Die Unfähigkeit zu verstehen, was passiert war, paarte sich mit der Weigerung, diese grobe Wendung zum Schlechteren hin einfach so hinzunehmen. Je mehr Druck und Willkür ich zu spüren bekam, umso schneller lernte ich, mich zu wehren. Menschen in Bedrängnis entwickeln eine große Phantasie. Die Strategie besteht darin, dem Gegner immer eine Nasenlänge voraus oder zumindest gewappnet zu sein gegen das unvorsehbare Diktum schlechter stiefväterlicher Laune. Die war nämlich ärger als der Ekel vor Spinnen oder die Angst vor den Monstern im Kohlenkeller. Heute ist damit vorbei. Und so weiter. Auch das gehörte dazu, zum Erinnerungspotpourri mit Poularde und Pottasche. Wenigstens gab es damals keine Kochbücher für Die neue Armut. 

Hinter jedem freundlichen Riss im Himmel, der blausonnig klaffte dräute schon ein dunkler, buckliger Wolkenhorst. Beim besten Willen konnte ich mich nicht daran erinnern, dass es im  Jahr davor auch so gewesen wäre. Es hätte auch keinen Unterschied gemacht. Heuer standen ohnehin mit Aristoteles und Derrida schwere Zeitfresser auf dem Programm. Ein typischer Fall von Selbstüberwindung. Derrida. So ein Dekonstruktivist! Böser Junge! Hat der Welt Flöhe ins Ohr gesetzt, die sie nimmer loskriegt. Ich ging in die Küche und schälte zwei dicke Karotten. Ich liebe sie. Vitamine und Naschen. Der alte Tuberer klebte also auch noch immer an seiner erstickenden Existenz, dabei hatte ich ihn schon im vergangenen Herbst abgeschrieben. Die arme Schwalbe die ich bereits vor Tagen das erste Mal gehört hatte war wohl wieder weggeflogen. Richtung Sonne und Blumen und leckere Samenkörner. Weiße Mythologie eben. Aber ich muss zugeben, dass dieser Ausdruck nicht von mir stammt. Ist nur geborgt. Ich bin ja kein oller Schwindler.
Anders der gute, alte Nikomachos, der knallt einfach seinen Namen auf die nachgelassenen Werke vom Herrn Papa und zack! Kommt damit groß raus. Und einer meiner Professoren, der sich aus dem Fundus eines berühmten Berufsrevoluzzers bediente. Oder der amerikanische Schriftsteller, der sich die Erfolgsromane von der Ehefrau schreiben ließ die er zum Dank dafür regelmäßig verprügelte. Und der dumme Habakuk, der fremde Pfauenclown. Schwatzgräber in gefüllten Westen. Landpomeranzen mit großem Ehrgeiz und kleinem Talent. Strichjungen aus Faulheit. Mittelmäßigkeit in schicken Klamotten und modischen Posen. Wetterfeste Arschlöcher, die für den Durchbruch alles geben, rücksichtslose Karrieristen mit dümmlichen Visagen. Es ist eine ganze Menge, was der heutige Philosoph besoffen wie nüchtern ertragen können muss. Das trifft vor allem Leute wie mich, die nicht im Geringsten auch nur in die Nähe des Begriffs geraten. Trotzdem machen wir uns alle vor, auf der Welt unersetzlich zu sein. Aber einfach nur spitzfindig Dagegenreden ist nicht genug. Unreife offenbart sich selbst ebenso wie Hast und Prahlerei. Dabei Angst vor Blamage. Ich gehöre dazu. Nur ganz wenige Kommilitonen sind souverän. Ja, wie machen die des denn? Ehre, wem Ehre gebührt. Denn damit verhält es sich anders, als mit Telefonanschlüssen. 

Nussig schmeckender naturbelassener Langkorn-Spitzenreis, mit dem blumigen Bouquet echter Alpenbutter plus Safran und geriebener Parmesan, ein Gedicht von einem Gericht am Deich gequalmt. Kater Krater hinterlassende Spelzenbeuge Rolle rückwärts! Läuse in Haupt- und Nebenhaar! Es stank nach ungewaschenen Körpern und Abfall und Armut. Zehn Zoll lange Penisse stecken in klaffenden Körperlöchern. Magnesiumbrausepulver ist gut für Nerven, Herz und Muskeln. Runter damit! Eine unbändige Lust sich mit abstrakten Inhalten zu beschäftigen löst das bei mir dennoch nicht aus. Ablenkungsprogramm. Müdigkeit überkam mich. Gähnende Langeweile und Leistungsverweigerung. Bis ins kleinste Fitzelchen meiner Abgründe hinab zwang mich die Fluchtanalyse zu dringen, schonungslos Fackeln in die von Salpeterwasser triefenden Höhlen zu halten, um herauszufinden, was schief lief. Aber außer Müll und Gerümpel fand ich nichts außer dem hastig verwischten Spuren vergangener Exzesse. Ich würde auch weiter darauf warten, dass die Erleuchtung von oben auf mich herab käme wie Manna. Müssen. Mögen. Mösen. 

Von der aristotelischen Gerechtigkeit nichts zu sehen. Von Dekonstruktion à la Derrida dito nichts zu sehen. Item fühlte ich mich von allen guten Geistern verlassen. Räudiger Katarr-Geschmack nistete zwischen meinen Zähnen. Ich war krank, krank, so krank, oh, oh, ohh ja. SOO krank. Was für ein geiles Wort, krank. Klingt nach Krake und dem Geräusch zersplitternder Schienbeinknochen, nach Eiter, Karbol und tief verschleimten Schleimhäuten, nach käsigen Nekrosen, ungesunden Sexualpraktiken und unmöglich verkrümmten Gelenken. Allein, das würde mich nicht davor schützen können, endlich dieses verdammte Metapherntheorie-Referat auf die Reihe zu kriegen. 

Insgeheim näherte ich mich ja diesem Thema, kreiste es vorsichtig tastend ein, umrundete es mit den Fingerspitzen wie einen unreifen aber dennoch schmerzenden Pickel an Hals oder Stirne, war bereit, die Festung zu stürmen, wenn auch erst im letzten Moment. Unzufriedenheit ist ein Pamphlet wider die Harmonie. Sie legt sich gerne mit Neid und Faulheit und Disziplinlosigkeit ins Bett. Sie ist der schlimmste Feind des Menschen und manchmal der einzige Weg aus misslichen Situationen, aber nur, wenn es gelingt, sie aufzuzäumen und den Karren vorwärts ziehen zu lassen wie eine Naturkraft. Aber sie ist auch ein schlechter Berater in der Not aus Gründen der anvisierten schnellen Unlustvermeidung durch Flucht. Waren das noch Zeiten, als Frauen in Samthosen verrückt durch die Luft flogen und so was Tanztheater nannten! Abgesehen davon fand ich die lautstarke Schreibweise von Monsieur Derrida schlichtweg übertrieben. Ich hatte üble Blähungen, die schmerzten. Es lag wieder einmal an mir, aus einem schier unüberblickbaren Wust von Informationen die paar Goldkörnchen herauszusieben, ohne deren Hilfe ein Verständnis unmöglich war.

Ich hasse alle Autoren, die sich nicht unumständlich auszudrücken vermögen. Ja, gewiss, viele Fachausdrücke bilden einen Jargon, aber kompliziert zu schreiben ist kein Zeichen wahrer Geistesgröße. Das kann jeder eitle Depp. Wenn dich niemand versteht kannst du dich zwar als brillant durchmogeln, aber nur solange es niemanden gibt, der das überprüfen kann. Das will ich Frère Jacques nicht unterstellen, aber ein wenig Rücksichtnahme auf den implizierten Leser muss auch der durchgeistigtste Intellektuelle aufbringen können. Sonst ist er ein eitler Stutzer. Und verglichen damit war große Aristoteles, der unbesiegte Welt-Meister des syllogistischen Voranschreitens, obwohl kognitiv nicht weniger fordernd, ein wahres Labsal: Klar, konzis, kompetent. Aber auch das war egal, es würde niemand mir zuliebe die Uhr zurückdrehen und dem in Algerien geborenen Philosophen bei der Niederschrift der „Randgänge“ in den Arm fallen und ihm sagen: „Halt! Du schreibst zu kompliziert! Lerne, dich verständlicher auszudrücken!“
Schließlich ist die Uni eine freiwillige Veranstaltung, gefordert zu werden gehört dazu. Und ein bisschen Förderung. Aber das war eine ganz andere Geschichte. Erschöpft vom Abwehrkampf gegen die Weiße Mythologie resignierte ich, holte die Unterlagen hervor, spitzte Stifte, legte bunte Filzschreiber bereit, furzte, ging noch mal aufs Klo und begann endlich mit meiner Arbeit. So schlimm war es gar nicht. Es gab Dümmere, die das auch schafften. Alles, was ich alter Faulpelz brauchte, war ein wenig clevere Motivation.