PASSACAGLIA
Teil Eins
WHITE WHORES
Das Jahr war so zu Ende gegangen, wie ich es größtenteils
verbracht hatte: Unspektakulär, zuhause und allein. Ähnlich unspektakulär waren
meine Vorsätze: Ein bisschen mehr Vitamine, ein bisschen weniger Fett, wieder an Literatur-Wettbewerben
teilnehmen und das Jahr so zu organisieren,
dass ich möglichst wenige Enttäuschungen
selbst erleben und anderen bereiten müsste. Nein, mein Leben gab schon seit längerem
kein Romanstoff mehr her. Wenn ich morgens
in den Spiegel blickte, so sah ich
einen Fremden, den ich zwar als meine stoffliche Hülle akzeptiert hatte, mit
dem ich mich aber nicht so recht identifizieren wollte. Ich hatte von mir
selbst ganz andere Bilder im Kopf. Bald
wäre ich 35 und hatte kaum eines der Ziele erreicht, die ich mir gestellt hatte. Klar, ich lebte in der Stadt, in der
ich leben wollte, hatte den Job, den ich wollte und studierte, was ich wollte,
aber, wollte ich das wirklich? Sogar meine Gefühle waren mir sonderbar fern: Ich
hatte keine Freundin und mir einige
Male eingebildet, in die eine oder andere
Studienkollegin verliebt zu sein,
aber ich wusste im Grunde, auch das war nicht das, was ich wollte. War das die
Midlife-Crisis? Warum war mir alles so egal?
Warum war es so schwer, einen Funken Begeisterung zu zünden? Ich wusste es nicht.
Es war gegen halb Elf, als es klingelte.
Erstmal guckte ich beim Fenster
raus, um zu sehen, wer da geläutet
hatte. Aha, die Post. Paketdienst. Ich ging zur Gegensprechanlage, drückte den Knopf und sagte
guten Tag.
Dann schlüpfte ich in meine Badelatschen und den neuen, schwarzen Bademantel,
hastete mit dem Schlüssel in der Hand die drei Stockwerke runter, in der
Erwartung, den Briefträger mit einem an mich adressierten Päckchen und
einem strahlenden Lächeln im Gesicht anzutreffen. Aber im Parterre angekommen war
niemand außer einer Benachrichtigung,
die mir sagte, nicht angetroffen worden zu sein, weswegen ich die Paketsendung
erst ab morgen im Postamt XY abholen
könne. Fuchsteufelswild trat ich auf die Straße und sah den gelben Laster gerade
noch um die Ecke biegen. Dieses
Arschloch. Wie immer.
Mit Ausnahme einer neuen Zeitungsabo-Mahnung und der Bücherrückgabe an die Universitätsbibliothek
forderte der Briefkasten lediglich den üblichen Reklameramsch zutage. Ungelesen
in den Eimer, schade ums Papier. Verärgert
stapfte ich die 178 Treppenstufen wieder hoch. Ich schlug
die Tür hinter mir. Verärgert ging
in die Küche. Während ich ein paar Orangen
auf einer improvisierten Presse zu süßem Blut verarbeitete, gluckerte in der
Kasse der Espresso hoch. Mein Groll verflog.
Denn der Postler hatte mir gezeigt: ich war nicht der einzige
Mensch, dem ein wenig guter Wille fehlte. Ich trank den Saft aus, goss Milch in den heißen Kaffee, schlurfte ins
Schlafzimmer, wo ich auch arbeitete und schlief. Ich schaltete den Rechner ein,
und riss die Fenster auf.
Es war der zweite Januar, sonnig und saukalt.
Soweit mein Auge reichte, waren die Strassen mit Sylvester-Müll, zerbrochenen
Flaschen, Papierfetzen, den ersten Christbaum-Leichen und wie üblich mit Hundescheiße
übersät. In meiner Stadt ist das nichts Neues. Wir leben darin. Nach einer
Weile machte ich das Fenster wieder zu und setzte mich an den Tisch.
Glotzte auf den Bildschirm.
Nichts passierte.
Eigentlich hätte ich mich mit dem
Mediävistik–Referat beschäftigen sollen, das am kommenden Montag auf dem
Programm stand. Aber anstatt herum zu tüfteln, wo denn bei der Übersetzung
zweier ganz bestimmter Textstellen im Eneasroman
eines gewissen Herrn Veldeke die Tücken liegen, fing ich an, eine schlechte Kurzgeschichte
zu schreiben.
So war es schon seit ewigen Zeiten:
Wenn ich schreiben hätte sollen, machte ich
etwas anderes, und wenn ich Pflichten zu erfüllen hatte, schrieb ich lieber. Ich
seufzte. Dann spürte ich, wie die Orangensaft-Milchkaffee-Kombination ihre peristaltische
Arbeit verrichtete, zuckte mit den Achseln, ging ins Bad, zog einen herrlichen,
geformten Schiss ab, wischte mir den Arsch, ließ runter und stellte mich unter
die Dusche. Mit geschlossenen Augen legte
ich den Kopf in den Nacken, ließ mir das heiße Wasser übers Gesicht rinnen.
Pflichten.
Das alte Thema.
Das alte Problem.
Wie so viele andere Idioten auch schob ich
die Dinge gerne auf die lange Bank. Ich wartete bin ultimo, um sie zu
erledigen. Am Besten kann ich unter Druck arbeiten. Am Ende gelang mir das meist zufrieden stellend, aber das
nagende Gefühl, mich wieder einmal nur durchgemogelt zu haben, das blieb,
ebenso wie das Wissen, viel mehr leisten zu können, wenn ich es bloß wollte.
Nein, Ehrgeiz war keine Krankheit, mit der ich geschlagen war. Aber wussten das
auch die anderen? So führte ich eine Scheinexistenz, stets bereit, mich in die
Schatten zurückzuziehen, falls es mal brenzlig wurde.
Das konnte mich nicht wirklich befriedigen. Ich wusste das. Wovor hatte ich denn solche Angst? Mich hinzustellen und zu sagen: Leute, ich glaube,
ich bin ein Versager?! Oder davor,
mich zu überwinden, und endlich Vollgas
zu geben? Eine Mischung aus beiden. Noch stellte ich an mich im Geheimen
die Forderung, eines Tages groß
raus zu kommen, eine tolle Frau zu kriegen
und Geld im Überfluss zu verdienen, aber es bröckelte mir dieses Ziel langsam unter dem eigenen
Blick weg. Bald, so fühlte ich, wäre
mir auch das egal, und ich bereit,
mich mit einem Rest-Leben in mickriger
Durchschnittlichkeit zufrieden zu geben.
Es war eine schreckliche Vorstellung,
wie das Wissen um den Tod und vielleicht genauso
unausweichlich. Aber ich bäumte mich auf, wollte noch nicht aufgeben, ich durfte es auch gar
nicht, schon aus Rücksicht auf die Menschen, die mich liebten. Aber es war ein
qualvoller, tagtäglicher Kampf mit mir selber. Warum sollte es mir
anders ergehen als allen anderen?
Die Antwort war ganz einfach:
Solange
ich noch ein wenig Mumm und Geilheit
in den Knochen verspürte, wollte ich mich gegen die große
Gleichmacherei stemmen und versuchen, mein Leben gemäß
meiner Natur zu gestalten.
Wirklich paradox war nur eines: Dass mich der Erfolg
meiner paar echten Freunde entmutigte,
anstatt anzustacheln. Früher war immer ich es gewesen,
der die Standards gesetzt hatte,
heute hinkte ich ihnen nur noch hinten nach. Wie war das passiert? Wann und
warum? Bis Dreißig ein Superstar, jetzt
nur noch eine harmlose Pfeife, die sich an die Bruchstücke der glorreichen Vergangenheit klammerte, um nicht abzusaufen. Es wäre
besser, wenn ich die morschen Planken der Neunziger
losließe, um aus eigener Kraft ans
Land des neuen Jahrtausends zu schwimmen oder, noch besser, zu waten. Indes würde ich gute Miene zum bösen Spiel machen. Warum sollte ich
jemanden mit meinen lächerlichen, privaten Nöten belasten? Es war doch geistlos, was für ein Theater ich um mich selbst
machte. Halt das Maul und tu was! So ging es ständig
hin und her, up and down, links und rechts, dazwischen kam die eine oder andere
Geschichte, der eine oder andere Fick. Und, trotz allem wünschte ich mir nicht,
jemand anders zu sein, no, Sir, ganz
im Gegenteil. Wenn ich an all die
traurigen Würste dachte, die auf den
Straßen herumschlichen, größere
Idioten als ich waren, mit noch weniger
Erwartungen und noch weniger Phantasie, beschlich mich das Gefühl, noch ganz gut
weggekommen
zu sein, in der großen
Geburts-Lotterie.
Darauf onanierte ich und ejakulierte in die
Duschtasse. Ich drehte das Wasser ab und schlüpfte zum zweiten Mal in meinen
dicken Frottee-Bademantel. Zeit für ein Bier, schätzte ich, latschte in die
Küche, guckte in den Kühlschrank, entdeckte zwei über gebliebene Flaschen, nahm
eine raus und öffnete sie, gleich in meinen kaputten Sandalen und im Bademantel.
Gluck, gluck. Lecker Bierchen.
Die Kälte flutete durch meinen Magen in den Darm, der kulanterweise gleich damit loslegte,
zu kontrahieren. Die Peristaltik! Noch mal aufs Klo! Ächzend ließ ich es in die
Muschel plumpsen. Mief stieg mir in
die Nase. Ich konnte auf Anhieb das erkennen, was ich zwei Tage zuvor gegessen hatte: Scharfe Kartoffelsuppe mit derben Knoblauchwürstchen.
Deckel drauf, Spülung ziehen, Hände
waschen. Der zeitverzögerte
Luftabsaugventilator sprang an. Das Geräusch nervte. Köstlich wäre es hingegen,
alle Zeit der Welt zu haben, um sogar
meine uninteressantesten Beobachtungen
und Erlebnisse für die Nachwelt festzuhalten, aus dem Leben ein
selbstreflexives Sein zu machen, das sich selbst beschreibt, ich bloß der Federhalter,
unter völliger Ausschaltung meiner Persönlichkeit. Das hat zwar schon vor mir
eine Legion von Schreibern so gemacht, würde aber auch mich einiger Probleme entheben: Ich könnte jegliche Aktivität einstellen um passiv zu verharren,
erfüllt von der hochmütigen
Bescheidenheit, auch in den abgeschmacktesten
Vorgängen
den Willen des Herrn zu erfüllen oder gar
zu ergänzen, wenn nicht zu verbessern,
indem ich diesen Vorgängen Namen gäbe,
eigene Worte dazu verwendete, den
Gott eines stierenden Bauern zu ersetzen durch den einer hoch gebildeten, völlig
dekadenten hochartifiziellen Sprache.
Des Weiteren müsste ich nicht mehr daran
zweifeln, ob das, was ich schreibe, gut
ist oder nicht, ob das, was ich tue anspruchsvoll ist, oder niveaulos, ob meine
Form der Wahrnehmung geschärft ist oder schlicht verrückt. Ich könnte in
einem abgedunkelten Elfenbeinturm
sitzen und nach Innen gucken, den
lieben langen Tag. Oder den Pflanzen beim Wachsen zusehen, jede
Blütenrippe einzeln abzählen, jeder feinsten Nuance im Äderwerk der Blätter mit
einer Lust nachspüren, deren Qualität körperlich wird: Dünne gräuliche Luftwurzeln, die aus dem Herzen des
Anthuriums wachsen, mit den Rüsseln magischer
Elefanten vergleichen, die gerade Erde tranken. Jeden Gedanken, ganz egal
wie klein, würde ich aufknäueln bis zum Ursprung
seiner Dinge, um am Ende hunderte,
wenn nicht tausende Seiten Papier voll gefüllt
zu haben mit dem Mosaik meiner Innenperspektive. Ich trocknete meine Hände.
Nein, das könnte unmöglich
funktionieren, oder? Die Uhr würde ihre Zeit ohnehin verticken, ob sie nun mit
Sinn angefüllt wäre, oder nicht.
Eine Uhr mit vier Zeigern.
Tick-tack, tick-tack. Ich ging in die Küche zurück und machte mir ein
Gabelfrühstück...
Damit sei
die Untersuchung über das Wesen von
Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit,
desgleichen über das Gerechte und
das Ungerechte im Allgemeinen, abgeschlossen.
Nun ist es aber möglich, ein
bestimmtes Unrecht zu tun, ohne deshalb schon ungerecht
(schlechthin) zu sein…
Du kannst sagen,
was du willst, Bruder, aber diese verrückten alten Griechen waren verfluchte
Genies. Haben nachgedacht, sich Jahrhunderte
lang die Köpfe zerbrochen, über die
abstraktesten und abstrusesten Dinge,
ihre Gedanken unter dem gleißenden
Lichte der Ägäis formuliert, durch
dieses Licht erst dazu stimuliert und der Nebendepression entzogen, sie in Worte gegossen, die in ebenso wunderbaren Übersetzungen auf uns gekommen.
Teleologe, eine SUPER Beruf im
Fernsehzeitalter. Tatadadaratatatam, dara-tata, darada-tata, tam, tadaratatam,
sie ziehen ein, die Phäaken, die Sybariten, freuen sich auf Fleisch und Wein
und Weiber. Sag, wer will es ihnen
verübeln? Manche einer trägt
Schönheitsflecken im Gesicht, sie haben Kränze im Haar und Schärpen um den
Bauch, Gaukler und Diebe, Gauner und Huren. Alles, woran der Mensch glaubt, hat seine eigene
Kraft, birgt seine eigene Realität. Daher kommt er auf den Gedanken einer
Ethik, wendet er Zeit auf für Philosophie und Kunst, wobei die zwei nicht
voneinander trennbar sind und aus einem gemeinsamen,
tieferen Urgrund stammen: Der als
Wissenschaft getarnten Ehrfurcht vor
der Natur, dem Leben selbst. Daher gehen
Menschen in Philo-Seminare, tun sich Studenten immer wieder die Mühe an, diese
Texte zu beackern. Nicht jeder ist dafür von Natur aus beschaffen, kann es aber
lernen, wenn er das Glück hat, auf gute
Pädagogen
zu stoßen: Mit den Erziehern, die unsere Vorbilder sein sollten, fängt alles an. Zuerst sind es die Eltern, dann die
Lehrer auf den Schulen.
Indem wir
uns daran gewöhnen, Gefahren zu
verachten und sie zu meistern, werden wir tapfer, und sobald wir es sind,
können wir ihrer am sichersten Herr werden.
Die Graupensuppe war endlich fertig. Als Kind
versetzte mich dieses Wort in nacktes Grauen: Ich stellte mir eine Suppe aus
grauen Raupen vor. Die armen Raupen! Als Kind liebte ich Raupen. Vor denen mit den langen Haaren hatte ich
Respekt, die kitzelte ich aus Vorsicht nur aus der Distanz, mit einem Grashalm.
Aber die nackten, die sich so lustig krümmten, mit ihren kleinen
Stummelfüßchen! Ich nahm sie ohne Angst zu haben mit den Fingern von den
Blättern und Stielen und setzte sie mir auf die Handfläche. Das Kribbeln der
kleinen Beinchen war zauberhaft. Besonders putzig fand ich es, wenn sich die
Raupen zu Loopings zusammenkrümmten, um anschließend umzufallen, und wie kleine
Omegas liegen blieben.
Die Raupen, die ich in den verschiedenen
Wiesen so anfand, waren grün, haarig, mit Pünktchen und ohne, gemusterte
und einfärbige, es gab braune, schwarze mit gelben
Streifen, und die berühmten grauen.
Aber die allergeilsten Raupen waren
die Grauweißen. Die waren meine Lieblinge.
Und dann kamen als nächste bereits die Grün-Grünen. Die waren sehr lustig, wenngleich
sie ein wenig schneller waren, als
ihre grau-weißen Cousinen. Schlanker,
und obwohl sie giftig wirkten wegen
ihrer Signalfarbe, so stellte ich
doch fest, dass auch ihre Haut weich war, und prall. Kleine, lebende ausgestopfte Würstchen. Wenn nun jemand diese armen
Raupen in eine Suppe geschmissen
hätte! Die armen! Lebendig gekocht! Wer konnte so gemein
sein, und das auch noch im Supermarkt verkaufen? Es hat sehr lange gedauert,
ehe ich den Unterschied kapiert habe, schließlich war ich ein Ausländerkind.
Ich rührte ein wenig
Ölivönöl in die Suppe und geriebenen
Parmesan, fügte klein gehackte Chilischoten dazu, vermengte die ganze
Sache zu einer duftenden Körnerpampe und machte den Deckel drauf. Ich nahm den
Topf von der heißen Herdplatte und stellte ihn auf ihrer freundlich erkalteten,
linken Nachbarin zum Nachziehen ab. Lecker. Was würde ich an diesem freien Tag unternehmen? Die Zeitung
hatte ich schon vor dem Kaffee heraufgeholt.
Ein dienstbarer Geist steckte sie jeden Morgen
in Allerherrgottsfrühe in meinen
Postkasten im Parterre. Ein guter
Kaffee zur Morgenzeitung, so viel Zeit muss sein. Ein paar kleine Einkäufe,
der eine Gang zu erledigen, und noch ein zweiter, nichts wirklich Unaufschiebbares,
aber doch, später Lektüre, ein wenig
Klavierspielen, das Pferd wollte geritten,
der Hund bewegt, die Frau befriedigt werden und die Vernunft auch nicht zu kurz
kommen. Die lästigen Pflichten eben des
Herrschers eines kleinen Königreiches,
mehr mit Landwirtschaft beschäftigt,
denn mit Landnahme. Ich war ja ein Idealbild! Die alten Griechen krümmten sich
vor lachen. Ich könnte die Gelegenheit
nützen, und die Pflanzen umtopfen. Den Wedel zu schwingen,
die Verhältnisse reorganisieren,
solange es noch ging all
die kleinen lästigen Dinge erledigen
die in Wirklichkeit gar nicht lästig sind sondern Freude machen können.
Ich setzte mich an den Rechner, fuhr ihn
hoch, holte die Unterlagen aus dem
Regal und machte mich missmutig an die Arbeit. Ich hatte keine Wahl. Ja, gewiss, wäre ich in einem andren Jahrhundert geboren, und so weiter, oder bloß fünfzig Jahre früher, so wäre mir gemäß
meiner sozialen Stellung ein glattes, angenehmes
Durchrutschen im Leben bestimmt gewesen.
Als Viertgeborener einer adligen Familie kommt vor allem die Diplomatie in Frage. Ich muss nicht erben, nicht Soldat oder Priester
werden, sondern darf das bunte Nesthäkchen bleiben. Eine musische Erziehung, Verwandtenbesuche im Ausland, eine Apanage, Studium, Eintritt in den Staatsdienst, und vor
allem das tun, was ich am Besten kann: Parlieren, repräsentieren, charmant galante Beziehungen
mit höheren Töchtern pflegen.
Heutzutage konnte ich mir die
automatische Zugehörigkeit zur Elite aus einem Geburtsrecht quasi in die
Haare schmieren. Wäre auch fatal, wenn die Gesellschaft auf Typen wie mich angewiesen
wäre.
Nachdem ich nicht Diplomat werden konnte,
mein Berufsabschluss mich im arbeitsmarktlichen Nichts enden lassen würde und
die Schreiberei nicht mehr schien als ein besseres Hobby, war guter Rat teuer. Meine Schwächen kannte ich, meine
Stärken auch, es waren ja nicht viele. Ich beherrsche vier Sprachen perfekt,
eine fünfte gut und eine sechste so
lala, konnte erstklassige Manieren
an den Tag legen,
hatte in meinem bisherigen Leben neunzehn
verschiedene Länder bereist, ungefähr
viertausend Bücher gelesen (Klasse
und Schund inklusive) sowie eine Kohorte an Frauen gefickt.
Ich interessierte mich für Kunst, Politik, Literatur, Geschichte und Musik. Wem
zum Teufel könnte ich dieses Paket gewinnbringend verkaufen? Dem Pornobusiness? Dem Fernsehen,
Radio, Theater? Internet? Für wen könnte ich mein Wissen und meine Erfahrung einsetzen?
Vielleicht für eine Enzyklopädie, ein
Auktionshaus, eine Schule oder andere Besserungsanstalt?
Wer wäre bereit mir dafür ein angemessen
erkleckliches Salär zu überweisen, Monat für Monat? Schwierig, schwierig,
popierig.
Zitat Ende.
Erst einmal mit Uronkel Heini fertig werden.
Das musste ja zu schaffen sein! Ich sprang auf und latschte hektisch durch die Bude. Ich kann
dann besser denken, und spreche dabei mit mir. Wie pathetisch! Wie
peripatetisch! Der olle Typ! Aber illoyal war der nie! No, Sir! Eher schon ein
Phänotyp seiner selbst. Ein Muster an dem andere gemessen
werden. Zweifelsohne ein Wanderer zwischen zwei Welten. Ein kühner Kerl. Handbücher wurden zu seinen
Ehren verfasst, und schon hat sich eine glitzernde
Panade des Ruhmes am Namen festgebacken.
Nieder mit den verrückten Pennern! Oder so. Aber Prinzipien haben auch eine gute, konstruktive Seite. Sie zwingen zu Konsequenz. Ich hasste und bekämpfte meinen
inneren Schweinehund mit brutalem Hass. Marihuanazigaretten.
Bremer Bier. Bluesgitarren.
Elektromagnetische
Frequenzresonanzen. Flammeri am frühen Nachmittag.
Die unsympathische Yugo-Verrückte
mit den kleinen Dreckstölen, die seit Monaten immer in derselben Kombination
aus beige Jacke und schwarzen Jogginghosen das Haus verlässt, ja, die ist es, die mit
den knallenden Fenstern und Türen. Bei allem Verständnis dafür, dass es
Menschen gibt, denen die Sicherungen durchgeknallt
sind, ist es dennoch unverantwortlich und rücksichtslos Verhaltensgestörte auf Normalsterbliche loszulassen, die in
der täglichen Verhaltenspsychologie davon ausgehen,
dass ihre Mitmenschen intentionale Systeme sind, die ihre durch den Zeitpfeil
unabdingbar teleologisch ausgerichtete
Existenz vernunftgemäß einrichten.
Wie soll ich einer Verrückten erklären, dass ihr Verhalten bei den Nachbarn
Irritationen auslöst? Mit Worten? Wurstsalat? Einem saftigen
Handkantenschlag auf die Nase?
Bliebe nur noch Verständnis, und seufzend begebe
auch ich mich jedes Mal wieder unter dieses Joch der Nächstenliebe. Als
Gesinnungschrist muss ich
Selbstdisziplin üben.
Jetzt wumsten auch noch die Türen im
Hinterhof. Die versoffenen Sozialhilfe-Penner von nebenan!
….Jumping
Jack Flash, it’s a gas, gas, gas!
Ich wollte lieber Votze lecken. Mit V wie „Vagina“. Ich hatte noch
nie Angst vor einem bissigen Exemplar. Die dentata, Deo gratias in
Denver, war vorerst an mir vorübergegangen. Schlussendlich
musste ich Büßer bald baden gehen.
Dringende Düfte dräuten. Lässige Lesben leckten. Ächzend kehrte ich an den Ort
meiner Marter zurück.
Wild, wild horses couldn’t drag
me away…. .
Teil Zwei
PRAWN SIGAR
Ein Jahr später.
Bravourös war das mittelalterliche
Abschneiden nicht gewesen, aber
vermutlich fair. Ich hatte eine weitere Klippe umschifft, steuerte munter auf
die nächst folgenden zu. Meine Bude
stank nach Abdecker und kalten Bauern. Die Eisheiligen
ließen sich nicht bitten, endlich abzuhauen. Ich konnte nur hoffen, dass meine
Dosen an psychedelischer Musik auch der verhaltensgestörten
Flüchtlingstante aus dem ehemaligen Jugoslawien
ein wenig Linderung verschafften. Für mich war laute Musik an Tagen, wo es ziemlich schlimm war mit ihr der einzige Weg,
inkohärente Schreie und periodisch wiederkehrendes, zwanghaftes
Aufreißen und Zuschlagen der Fenster
und Türen phonetisch zu überlagern.
Andernfalls wäre mir nur der Weg der
Selbstjustiz geblieben, und jeder
weiß, ich bin seit meinem Eintritt ins Mannesalter kein Freund mehr von roher
Gewalt. Eine meiner Lieblingsbands
aus den Sechzigern sind The
Tea-Tales. Die verursachen bei mir weitgehend
gute Gedanken, selbst, als die Jungs zur Imagekorrektur
nur noch gegen
den Wind pissen konnten, um überhaupt anders wahrgenommen
zu werden, also warum nicht bei einer psychisch Kranken? Immerhin war sie nicht
bösartig, was bei einer potentiell missliebigen
FRAU einen großen Schutz vor Verfolgung,
Denunziation und heimtückischen Messerstichen ins Abdomen bot. Aber drifte
nicht ab, Bruder Seemann, drifte nicht ab!
Fünfundneunzig
Wegstunden müssen wir noch zurücklegen, ehe wir das Ziel des Tages
fehlerfrei überqueren können! Das ist unsere Pflicht! Patronin der reuigen Dirnen und der blinden Kinder, gegen
Halsschmerzen und Infektionen. Die katholische Kirche als Quelle der
anthropomorphen Naturheilkunde? Zu drollig!
Ich setzte die Gitarre an, spielte ein paar Akkorde, ließ es bleiben und
stellte die alten Langlaufskier
zurück in den Kadaverkasten. Aber aus einer anderen Quelle sprudelten Energien. Sie bahnten sich voller Wärme einen Weg durch neblige
Novemberfahnen, ritten auf den Schultern von eisigen
Tigern, teigigen Heiligen,
feucht glänzenden weiblichen
Geschlechtsöffnungen.
And it really doesn’t matter if I’m wrong
or right.
Und wie war das mit den Dingen, die gestern
noch so bedeutungslos schienen? Messerscharfe
Analysen der Zukunft? Ein Arpeggio zu Ehren ehrlich angetretener
Ruhestände? Fröhliche Abschiedsbriefe inmitten frühsommerlicher Ruhestörungen? Die Babyboomer werden alt. Das kennen die
nicht, trotz Holzstäbe und alter Berge.
Sex und Drogen nehmen in einem
modernen Leben eben einen festen Teil ein. Drauf die Pauke! Wir verwirklichen
eure Versäumnisse! Wir lassen andere dafür arbeiten! Mister H! Zwei Jahre
später jagte der Prophet kalten
Truthähnen nach.
Äggädy!
Äggädy!
Äggädy!
Der Gebieter hat gesprochen.
Ließ es rumpeln, entzog Schmieden und Stieren
kurz die übliche wohlwollende Unterstützung. Da krachte es! Es flogen die Balken in Splittern umher!
Unbeabsichtigt Ziel gerichtete Argumente verstiegen sich zu radikalen
Amputationen! Wie gehabt! Im Krisenfall! Lauter AUSRUFEZEICHEN VERDERBEN DEN
SCHREI!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Banzai.
Das können wir nicht schreiben.
Banzai.
Noch können wir nicht alle Kobolde
austricksen.
Einige
sind und werden vifer bleiben.
Was für ein Wunsch:
„Zehntausend Jahre sollst du leben!“
Ein empirisch tangibler Dank für den Eintritt
in die wunschlose Ewigkeit.
Manche andere fügten
sich bereits vor der biologischen
Zeitenwende ins Joch und sahen daher auch vor ihrer Zeit danach aus. Der
Kranich schlägt die Schwingen. Er wirbelt einiges
auf. Süße Düfte und grimmige Jauchen. Flugs
pingt der Schmied auf dem Amboss
eine flotte Melodei, da gehen auch
schon alle Bombenschäden vorbei! Hosianna in der Höh’! Rumpta-bumpta, die Angelsachsen rollen zur Feier vorsichtshalber
Bierfässer und Ballen unvorteilhaft
kleidsamer Uniformen auf die Bühne. Das wunderbare daran ist, diese Klamotten
sind so unschick und daneben, wie es nur Engländer
können, mit diesem anglo-römischen
Witz, der Pathos nicht zulässt und Fetische in den ihnen angestammten Bereich der Perversionen verweist.
Guter Witz kann mit Selbstbesudelung einhergehen,
bedingt sie allerdings nicht. Feldwebel Pfeffers Orchester der Vereinigung
Einsamer Herzen. Deswegen erkannte
sie auch keiner als Solche. Die Dramaturgie
griff in die Vollen. Bedrohliche
Gebirge türmten sich vor dem geistigen
Auge auf, ehe sie durch das Läuten
eines Weckers verscheucht wurden. Aber der Schutz ist nur vorübergehend, das Drama greift
um sich, spitzt sich zu einer lokalen Götterdämmerung
zu, ehe die Gemeinschaft der Übrigen
zur Tagesordnung übergehen
darf. Das Zuschlagen von Türen, ein
Zeichen der Rebellion. Und einer hartnäckigen
Verkühlung. Fleisch lebe wohl! Für
vierzig Tage!
Andere Leute sahen so was ein ganzes
Leben lang nicht. Das war sozusagen außerirdisch. Das Leib-Seele-Problem! Wiener
Würstchen? Karotten im Arschloch? Alles kein Problem! Der schärfste Senf, der
teuerste Essig der Welt. Fett
täuscht. Gärung fault. Gangrän tut weh, OK? Selbst Gebirge
zerbröseln unter dem nagenden Zahn
der Zeit. Warum nicht auch Liebe oder Anstand? Andererseits, wenn das Wetter
besser wäre, fiele meine Beurteilung
der momentanen Gesamtsituation vermutlich ein wenig
milder aus.
Ein völlig
verregneter, kalter Mai. Schicke
Schnupftücher, kalte Füße und heißer Kamillentee, trübe Stimmung, rauer Hals und endemische Auswanderungswünsche allenthalben, das ist meine Stadt im
Wonnemonat 2005. Inselkoller? Ja, bitte! Ab auf die Insel! Kollernde Auerhähne
kullern Abhänge kühn abwärts. Eine
kleine Darmspülung verschafft
ebenfalls Erleichterung. Aber ob das
Heil siegen wird, bleibt mehr als
unklar. Egal. Hauptsache, immer
feste druff! Gluck, gluck! Und noch
mal GLUCK! Dagobert Duck und Dussel
und Donald und Gustav Gans und Daisy und Oma,
oh Dannyboy, this is a show-down, und die ganze
restliche Pappnasen-Bande aus Entenhausen, Qui, Quo, Qua, Tick, Trick und
Track, und so weiter, eine gelbschnäblige Querulantentruppe die nur unsinnige Abenteuer erlebt mit an den Haaren herbeigezogenen
Gags, zumindest seit Ende der 70er
Jahre des 20. Jahrhunderts. Schwachsinn de luxe.
Mehr war von mir nicht zu erwarten, an so
einem Tagebuchtag, an dem sporadische Lichtfünkchen auftreten, jeder
kleine Splitter eine Erinnerung, ein
Partikel mehr, das mich mit mir selbst verband, nichts vergessen, alles archiviert, auf Abruf bereit. Aber im
Großen und Ganzen stimmt die Stimmung
mit der Grundmelodie meines Lebens überein, gewisse
Anlagen und Vorlieben lassen sich
wie ein roter Faden zurückverfolgen.
Dreihundertsiebzig Worte mit einer
halben Flasche Bier. Geht sich das aus? Es muss. Eine ewige,
eine eilige und eine heilige Stadt. Drei Stationen, dazwischen purzeln den
Blick verstellende Ersthände vor die Linse, drängen
sich plusternd auf, tun so, als wären sie die einzigen
oder wichtigsten, dabei markieren
sie nur die bislang am häufigsten genützten
Schneisen in den dunkeln Wald. Rauschstrafe. Knisterpelle. Platzkapseln.
Lässig
schnippen würzig duftende
Piniennadeln und Pignole quer durch
einen weichen, warmen, Sommernachmittag,
ehe es zur Siesta ging, eine unwillkommene Unterbrechung meiner Spiele, aber immerhin fühlten sich die
kühlen Laken im verschatteten Schlafzimmer hypnotisch an, sie erzeugten in mir den fast Speichel treibenden Wunsch nach
Schlummer, eine nicht lüsterne Lust nach dem zärtlichen Reiben der Wangen am flaumigen
Polster. Die Zikaden zirpten ohne Unterlass. Sehr selten nur braute sich ein
Unwetter schon um jene Tages- oder gar Jahreszeit zusammen, das blieb den Tagen vorbehalten, an denen wir am Abend bereits die
ersten, dünnen Strickjäckchen oder gehäkelten
Pullover angezogen bekamen, meine kleinen Vettern, Basen und ich.
Am Ende eines jeden Meeressommers musste ich
voller Schmerz das Land der mütterlichen Ahnen verlassen und in meine ungeliebte transalpine Diaspora zurückkehren, in der
sich alles gegen
mich zu wenden schien, sobald wir, meist im Auto, oder im Zug die Grenze zum nördlichen Nachbarland passierten. Meine
Mutter hatte mir zwar Jahre zuvor erklärt, warum es notwendig war, die geliebte
Heimat zu verlassen und meinem Vater zu folgen,
aber ich hatte es nicht verstanden. Und doch bildete auch dieser Eingriff mit allen seinen Nebeneffekten den schier
uneinschätzbarsten Hintergrund
meiner geistigen
Entwicklung, ich bin im Rückblick sogar davon überzeugt,
diese Übersiedlung war der springende Punkt. Wären wir im Süden geblieben, ich wäre das Wonne strahlende Kind geblieben, dessen Ernüchterung
schleichend, also unbemerkt vonstatten gegangen
wäre, und auf diese Weise der Kindheit samt ihrer Unschuld für immer verlustig geworden.
So aber kam die Ernüchterung schlagartig,
aus dem erstgeborenen Prinz wurde der
Prügelknabe, das unwillkommene
Mitbringsel aus erster Ehe. Alleluja.
Und Good-bye. Struktur, Struktur, Struktur.
Das Außergewöhnliche
war die Gestaltung, amorph nennbar,
im Vergleich zu dem, was ich später
kennen lernte, wunderbar in der Freiheit, die es meiner Phantasie gönnte, frei von Furcht und Zweifel. Die Unfähigkeit zu verstehen, was passiert war, paarte sich
mit der Weigerung, diese grobe
Wendung zum Schlechteren hin einfach
so hinzunehmen. Je mehr Druck und Willkür ich zu spüren bekam, umso schneller
lernte ich, mich zu wehren. Menschen in Bedrängnis
entwickeln eine große Phantasie. Die
Strategie besteht darin, dem Gegner immer eine Nasenlänge
voraus oder zumindest gewappnet zu
sein gegen
das unvorsehbare Diktum schlechter stiefväterlicher Laune. Die war nämlich ärger als der Ekel vor Spinnen oder die Angst vor den Monstern im Kohlenkeller. Heute ist damit
vorbei. Und so weiter. Auch das gehörte
dazu, zum Erinnerungspotpourri mit
Poularde und Pottasche. Wenigstens gab es damals keine Kochbücher für Die neue Armut.
Hinter jedem freundlichen Riss im Himmel, der
blausonnig klaffte dräute schon ein
dunkler, buckliger Wolkenhorst. Beim
besten Willen konnte ich mich nicht daran erinnern, dass es im Jahr davor auch so gewesen
wäre. Es hätte auch keinen Unterschied gemacht.
Heuer standen ohnehin mit Aristoteles und Derrida schwere Zeitfresser auf dem
Programm. Ein typischer Fall von
Selbstüberwindung. Derrida. So ein
Dekonstruktivist! Böser Junge! Hat
der Welt Flöhe ins Ohr gesetzt, die
sie nimmer loskriegt. Ich ging in
die Küche und schälte zwei dicke Karotten. Ich liebe sie. Vitamine und Naschen.
Der alte Tuberer klebte also auch noch immer an seiner erstickenden Existenz,
dabei hatte ich ihn schon im vergangenen Herbst abgeschrieben.
Die arme Schwalbe die ich bereits vor Tagen
das erste Mal gehört hatte war wohl
wieder weggeflogen. Richtung
Sonne und Blumen und leckere Samenkörner. Weiße Mythologie
eben. Aber ich muss zugeben, dass
dieser Ausdruck nicht von mir stammt. Ist nur geborgt. Ich bin ja kein oller Schwindler.
Anders der gute,
alte Nikomachos, der knallt einfach seinen Namen auf die nachgelassenen Werke vom Herrn Papa und zack! Kommt
damit groß raus. Und einer meiner
Professoren, der sich aus dem Fundus eines berühmten Berufsrevoluzzers
bediente. Oder der amerikanische Schriftsteller, der sich die Erfolgsromane von der Ehefrau schreiben ließ die er zum
Dank dafür regelmäßig verprügelte.
Und der dumme Habakuk, der fremde Pfauenclown. Schwatzgräber
in gefüllten Westen. Landpomeranzen
mit großem Ehrgeiz
und kleinem Talent. Strichjungen aus
Faulheit. Mittelmäßigkeit in
schicken Klamotten und modischen Posen. Wetterfeste Arschlöcher, die für den
Durchbruch alles geben,
rücksichtslose Karrieristen mit dümmlichen Visagen.
Es ist eine ganze Menge, was der heutige
Philosoph besoffen wie nüchtern ertragen
können muss. Das trifft vor allem Leute wie mich, die nicht im Geringsten auch nur in die Nähe des Begriffs geraten.
Trotzdem machen wir uns alle vor, auf der Welt unersetzlich zu sein. Aber einfach
nur spitzfindig Dagegenreden
ist nicht genug.
Unreife offenbart sich selbst ebenso wie Hast und Prahlerei. Dabei Angst vor Blamage.
Ich gehöre dazu. Nur ganz wenige
Kommilitonen sind souverän. Ja, wie machen die des denn? Ehre, wem Ehre gebührt. Denn damit verhält es sich anders, als mit
Telefonanschlüssen.
Nussig
schmeckender naturbelassener Langkorn-Spitzenreis,
mit dem blumigen Bouquet echter
Alpenbutter plus Safran und geriebener
Parmesan, ein Gedicht von einem Gericht am Deich gequalmt.
Kater Krater hinterlassende Spelzenbeuge
Rolle rückwärts! Läuse in Haupt- und Nebenhaar! Es stank nach ungewaschenen Körpern und Abfall und Armut. Zehn Zoll
lange Penisse stecken in klaffenden
Körperlöchern. Magnesiumbrausepulver
ist gut für Nerven, Herz und
Muskeln. Runter damit! Eine unbändige
Lust sich mit abstrakten Inhalten zu beschäftigen
löst das bei mir dennoch nicht aus. Ablenkungsprogramm. Müdigkeit
überkam mich. Gähnende Langeweile
und Leistungsverweigerung.
Bis ins kleinste Fitzelchen meiner Abgründe
hinab zwang mich die Fluchtanalyse
zu dringen, schonungslos Fackeln in die von Salpeterwasser triefenden
Höhlen zu halten, um herauszufinden, was schief lief. Aber außer Müll und
Gerümpel fand ich nichts außer dem hastig
verwischten Spuren vergangener Exzesse. Ich würde auch weiter darauf warten,
dass die Erleuchtung von oben auf
mich herab käme wie Manna. Müssen. Mögen.
Mösen.
Von der aristotelischen Gerechtigkeit nichts zu sehen. Von Dekonstruktion à la
Derrida dito nichts zu sehen. Item fühlte ich mich von allen guten Geistern verlassen. Räudiger Katarr-Geschmack nistete zwischen meinen Zähnen.
Ich war krank, krank, so krank, oh, oh, ohh ja. SOO krank. Was für ein geiles Wort, krank. Klingt
nach Krake und dem Geräusch zersplitternder Schienbeinknochen, nach Eiter, Karbol
und tief verschleimten Schleimhäuten, nach käsigen
Nekrosen, ungesunden Sexualpraktiken
und unmöglich verkrümmten Gelenken.
Allein, das würde mich nicht davor schützen können, endlich dieses verdammte
Metapherntheorie-Referat auf die Reihe zu kriegen.
Insgeheim
näherte ich mich ja diesem Thema, kreiste es vorsichtig
tastend ein, umrundete es mit den Fingerspitzen
wie einen unreifen aber dennoch schmerzenden Pickel an Hals oder Stirne, war bereit,
die Festung zu stürmen, wenn auch
erst im letzten Moment. Unzufriedenheit ist ein Pamphlet wider die Harmonie.
Sie legt sich gerne
mit Neid und Faulheit und Disziplinlosigkeit
ins Bett. Sie ist der schlimmste Feind des Menschen und manchmal der einzige Weg
aus misslichen Situationen, aber nur, wenn es gelingt, sie aufzuzäumen und den Karren vorwärts ziehen
zu lassen wie eine Naturkraft. Aber sie ist auch ein schlechter Berater in der
Not aus Gründen der anvisierten schnellen Unlustvermeidung
durch Flucht. Waren das noch Zeiten, als Frauen in Samthosen verrückt durch die
Luft flogen und so was Tanztheater nannten! Abgesehen davon fand ich die lautstarke Schreibweise
von Monsieur Derrida schlichtweg
übertrieben. Ich hatte üble Blähungen,
die schmerzten. Es lag wieder einmal
an mir, aus einem schier unüberblickbaren Wust von Informationen die paar
Goldkörnchen herauszusieben, ohne deren Hilfe ein Verständnis unmöglich war.
Ich hasse alle Autoren, die sich nicht
unumständlich auszudrücken vermögen.
Ja, gewiss, viele Fachausdrücke
bilden einen Jargon, aber
kompliziert zu schreiben ist kein Zeichen wahrer Geistesgröße.
Das kann jeder eitle Depp. Wenn dich niemand versteht kannst du dich zwar als
brillant durchmogeln, aber nur solange es niemanden gibt,
der das überprüfen kann. Das will ich Frère Jacques nicht unterstellen, aber
ein wenig Rücksichtnahme auf den
implizierten Leser muss auch der durchgeistigtste Intellektuelle aufbringen
können. Sonst ist er ein eitler Stutzer. Und verglichen
damit war große Aristoteles, der unbesiegte Welt-Meister des syllogistischen
Voranschreitens, obwohl kognitiv
nicht weniger fordernd, ein wahres
Labsal: Klar, konzis, kompetent. Aber auch das war egal,
es würde niemand mir zuliebe die Uhr zurückdrehen und dem in Algerien geborenen
Philosophen bei der Niederschrift der „Randgänge“ in den Arm fallen und ihm sagen: „Halt! Du
schreibst zu kompliziert! Lerne, dich verständlicher auszudrücken!“
Schließlich ist die Uni eine freiwillige Veranstaltung,
gefordert zu werden gehört dazu. Und ein bisschen Förderung. Aber das war eine ganz
andere Geschichte. Erschöpft vom Abwehrkampf gegen die Weiße
Mythologie resignierte ich, holte die Unterlagen
hervor, spitzte Stifte, legte bunte
Filzschreiber bereit, furzte, ging noch mal aufs Klo und begann
endlich mit meiner Arbeit. So schlimm war es gar
nicht. Es gab Dümmere, die das auch
schafften. Alles, was ich alter Faulpelz brauchte, war ein wenig clevere Motivation.