Der Gemeine Katzenpanda

Donnerstag

Nummer 408



SE-B Neuere deutsche Literatur: Robert Musils Erzählungen
WiSe 2012
Vortragender: Professor Roland Innerhofer



Malen mit Worten
 Grammatik, Haltung  und der "andere Zustand" in Die Amsel von Robert Musil








































Inhaltsverzeichnis



Einleitung                                                                                                    Seite 3 - Seite 5
Hauptteil                                                                                                      Seite 6 - Seite 17
Methodischer Überblick                                                                               Seite 6
Die drei Meta-Ebenen in der Amsel                                                             Seite 8
Ironie, Metaphern und Synästhesie in der Amsel                                         Seite 16
Schluss                                                                                                         Seite 18
Literaturverzeichnis                                                                                   Seite 21












Einleitung

Die Amsel (1928) ist eine autobiographisch gefärbte Novelle von Robert Musil.
Der österreichische Autor, Erfinder und Naturwissenschaftler lotet in ihren inneren und äußeren Rahmen die erzählerischen und psychologischen Möglichkeiten aus, innere und äußere menschliche Wahrnehmungsprozesse durch verschiedene Prismen zu brechen, um eine möglichst hohe Objektivität bei der Bewertung ihrer Zuverlässigkeit zu erlangen. Gewisse Störfaktoren oder Zufälle die das Ergebnis beeinflussen können sind nicht auszuschließen, solange es sich nicht um ein perfektes Setting handelt. Dabei muss es auch zu einem gedanklichen Konjunktiv kommen, zu Unschärfe, zu Zwiespalt, Angst.
Sphären, in der die Wahrnehmung, aus der Obhut des „Ich“ befreit, sich entspannt in alle Richtungen zugleich ausbreiten kann, und die Sinne täuschen können: Die Zwischenreiche der Kindheit, des Einschlummerns, des Träumens, der Erinnerung, des Rausches, der Leidenschaft und der Todesangst wären etwa Bereiche, in denen die Wahrnehmung stark aus dem Raum-Zeit-Kontinuum gehoben wird ebenso, wie der Mensch bei seiner Geburt und bei seinem Tod psychisch nicht anwesend ist.
Momente, in denen das sogenannte Bewusstseinsfenster sich unwillkürlich öffnet und daher synästhetisch gefärbt sein kann, aleatorisch alterniert von Einblicken höchster Luzidität, religiöse Erlebnisse, „Transpersonale Episoden“, Out-of-Body-, Déjà-vu- und Nahtod-Erlebnisse, lauter Phänomene, die seltsam individuell auftreten und dennoch in allen Kulturen der Welt so massiv ähnlich auftreten, dass sie für den Menschen archetypisch sein müssen. Dieser Dualismus scheint dem Menschen eingeschrieben wie seine Vererbung.
Robert Musils „anderer Zustand“, Topos von Forschung und Interpretation, ist, meinem Verständnis nach, eine Art erkenntnistheoretischer Schwebezustand, in dem Möglichkeit noch nicht Ausdruck wurde, wo das nicht Plausible noch diskutierbar ist, eine Metapher für Literatur selbst, der ideell ideale Raum, um narratologische Experimente mit Erzählstimme und anderen Perspektiven zu wagen: Die Verwirklichung einer unerfundenen dritten Möglichkeit als manifeste Realität in der Zeit von etwas, was eigentlich und an sich außerhalb der Zeit steht.
Die Unternehmung, eine solche Möbius-Schleife sprachlich erfolgreich zu Papier zu bringen, erfordert ein hohes Maß an Abstraktion, Können und Planung.
Diese Seminararbeit auch geht der Frage nach: Wie gelingt es Robert Musil, mit Hilfe der Grammatik und Rhetorik, diesen „anderen Zustand“ sprachlich auszudrücken?
Was diese Seminararbeit dabei nicht verfolgt, ist die Interpretation möglicher psychologischer,  phänomenologischer, oder semiotischer Spuren weiter zu untersuchen, die sich im Rahmen der Untersuchung auftun, da sie selbstständige Teilbereiche der Wissenschaft auf anderen Ebenen darstellen. 
Mein Verständnis vom „anderen Zustand“ entspringt hierbei der Lektüre von Ulrich Karthaus[1]. Bei der Lektüre und Recherche für diese Seminararbeit ist mir auch aufgefallen, dass die Literatur zu dieser Novelle recht spärlich ist. UB-Wien DREI Ergebnisse (Nur deutschsprachige! Davon zwei Mal der Quellentext!); u:search 32 Literatur-Ergebnisse inkl. obiger, davon ZEHN Texte explizit mit Amsel-Bezug, dazu 22 weitere Arbeiten zu diversen Problemen narratologischer, poetologischer oder gattungsbezogener Art, etwa Zufälligkeits-Prinzip, Perspektivenproblem, Novelle oder nicht).
Dabei ist mir auch aufgefallen, dass die wenigsten Texte sich explizit mit Musils Anwendung von Grammatik beschäftigen. Fündig wurde ich lediglich in den Aufsätzen von Massimo Salgaro, Eva-Maria Thüne[2] und bei Constanze Breuer[3]. Das finde ich ziemlich überraschend.
Möglicherweise findet sich dazu wenig Literatur, weil man von der Meisterschaft Musils implizit ausgeht, oder weil die Grammatik selbst wenig lohnend für spektakuläre Interpretationen scheint, obwohl gerade das wie und wo zu beobachten sehr aufschlussreich sein kann. So zeigt folgender Abschnitt aus der Fliegerpfeil-Episode, der weiter unten genauer analysiert wird, meines Erachtens die Virtuosität Musils im Einsatz der verschiedenen Tempus-Stufen:
·         Kein einziger Gedanke in mir war von der Art, die sich in den Augenblicken des Lebensabschiedes einstellen soll, sondern alles, was ich empfand, war in die Zukunft gerichtet; und ich muß einfach sagen, ich war sicher, in der nächsten Minute Gottes Nähe in der Nähe meines Körpers zu fühlen. Das ist immerhin nicht wenig bei einem Menschen, der seit seinem achten Jahr nicht an Gott geglaubt hat.

Episches Präteritum, episches Präsens und Perfekt Indikativ sind hier kunstvoll zu einem Perspektivengarn versponnen, ohne dass der Lesefluss durch Umständlichkeit getrübt wäre. Jedes Wort ist genau gesetzt und wohl überlegt, keines ist überflüssig oder redundant.
Die Gedanken sind sprachlich verständlich nachvollziehbar bei gleichzeitiger intellektueller Komplexität. Der geistige Inhalt entblättert oft frappierend neue Blickwinkel auf Philosophie, Phänomenologie, Mystik, Agnostizismus, Ontologie, Naturwissenschaft, Synästhesie. Diese Komponenten mit wissenschaftlicher Präzision beim Schreiben in einer kurzen Erzählung zu verarbeiten, die bei jeder neuen Lektüre neue Perspektiven eröffnet: Das allein stellt schon eine Leistung dar, die meines Erachtens leider viele der zeitgenössischen Autoren deutscher Sprache nicht mehr erbringen, erbringen können oder erbringen wollen. Die ihre Vorgängerin verwertende und doch weitgehend wertende Post-Moderne dafür schelten zu wollen, wäre für mich allerdings unfair: Denn selbst Diadochen stehen bloß auf den Schultern von Riesen.



 
Hauptteil


Methodischer Überblick

Das äußere Erscheinungsbild der Novelle ist auf einer Länge von knapp 15 Seiten durch lediglich 26 Absätze unterschiedlichster Länge untergliedert, in denen, wie bei den einzelnen Perlen an einer Kette, einzelne Segmente der Geschichte erzählt werden[4]. Diese typographische Gestaltung dürfte sehr wohl zum Gesamtkonzept der Novelle gehören und keinen spontanen Einfall darstellen.
Anhand der ersten drei dieser Segmente möchte ich Musils Arbeitsweise skizzieren, wobei Perspektive, Tempus, Ironie, Inhalt und Konzepte die vier Kriterien darstellen, die ich untersuche:
·         Die beiden Männer, deren ich erwähnen muß — um drei kleine Geschichten zu erzählen, bei denen es darauf ankommt, wer sie berichtet—waren Jugendfreunde; nennen wir sie Aeins und Azwei. Denn im Grunde ist Jugendfreundschaft um so sonderbarer, je älter man wird. Man ändert sich im Laufe solcher Jahre vom Scheitel bis zur Sohle und von den Härchen der Haut bis ins Herz, aber das Verhältnis zueinander bleibt merkwürdigerweise das gleiche und ändert sich sowenig wie die Beziehungen, die jeder einzelne Mensch zu den verschiedenen Herren pflegt, die er der Reihe nach mit Ich anspricht. Es kommt ja nicht darauf an, ob man so empfindet wie der kleine Knabe mit dickem Kopf und blondem Haar, der einst photographiert worden ist; nein, man kann im Grunde nicht einmal sagen, daß man dieses kleine, alberne, ichige Scheusal gern hat. Und so ist man auch mit seinen besten Freunden weder einverstanden noch zufrieden; ja, viele Freunde mögen sich nicht einmal leiden. In gewissem Sinn sind das sogar die tiefsten und besten Freundschaften und enthalten das unbegreifliche Element ohne alle Beimengungen.
Perspektive: Innenansicht des auktorialen Erzählers
Tempus: durchgehend episches Präsens
Ironie: Nicht-mögen als Bestandteil guter Freundschaft
Inhalt und Konzepte: Einleitung wie in einem Märchen, Exkurs über Freundschaft, Identitätshäufung und deren Interaktion, Älterwerden, Paradoxa (verschiedenen Herren…Ich; unbegreifliches Element…ohne Beimengung), Einführung der Figuren Aeins und Azwei sowie eines Motivs in Form einer wiederkehrenden aber permutierten Redewendung: es kommt (nicht) darauf an. Es geht um „Haltung“!
·         Die Jugend, welche die beiden Freunde Aeins und Azwei verband, war nichts weniger als eine religiöse gewesen. Sie waren zwar beide in einem Institut erzogen worden, wo man sich schmeichelte, den religiösen Grundsätzen gebührenden Nachdruck zu geben; aber seine Zöglinge setzten ihren ganzen Ehrgeiz darein, nichts davon zu halten. Die Kirche dieses Instituts zum Beispiel war eine schöne, richtige, große Kirche, mit einem steinernen Turm, und nur für den Gebrauch der Schule bestimmt. So konnten, da niemals ein Fremder eintrat, immer einzelne Gruppen der Schüler, indes der Rest, je nachdem es die heilige Sitte forderte, vorn in den Bänken bald kniete, bald aufstand, hinten bei den Beichtstühlen, auf der Orgeltreppe oder sich auf den Turm verziehen, der unter dem spitzen Dach wie einen Kerzenteller einen steinernen Balkon trug, auf dessen Geländer in schwindelnder Höhe Kunststücke ausgeführt wurden, die selbst weniger sündenbeladene Knaben den Hals kosten könnten.
Perspektive: personaler Erzähler
Tempus: Plusquamperfekt Aktiv Indikativ, episches Präteritum
Ironie: heilige Sitte, sündenbeladene Knaben
Inhalt und Konzepte: Erste Erwähnung von Aeins und Azwei, Beschreibung der Zöglinge eines religiösen Instituts beim Gottesdienst und des Kirchturms. Gesinnung als Wert.

·         Eine dieser Herausforderungen Gottes bestand darin, sich auf dem Turmgeländer, mit dem Blick nach unten, durch langsamen Druck der Muskeln in die Höhe zu heben und schwankend auf den Händen stehenzubleiben; jeder, der dieses Akrobatenkunststück zu ebener Erde ausgeführt hat, wird wissen, wieviel Selbstvertrauen, Kühnheit und Glück dazu gehören, es auf einem fußbreiten Steinstreifen in Turmhöhe zu wiederholen. Es muß auch gesagt werden, daß viele wilde und geschickte Burschen sich dessen nicht unterfingen, obgleich sie zu ebener Erde auf ihren Händen geradezu lustwandeln konnten. Zum Beispiel Aeins tat es nicht. Dagegen war Azwei, und das mag gut zu seiner Einführung als Erzähler dienen, in seiner Knabenzeit der Erfinder dieser Gesinnungsprobe gewesen. Es war schwer, einen Körper zu finden wie den seinen. Er trug nicht die Muskeln des Sports wie die Körper vieler, sondern schien einfach und mühelos von Natur aus Muskeln geflochten zu sein. Ein schmaler, ziemlich kleiner Kopf saß darauf, mit Augen, die in Samt gewickelte Blitze waren, und mit Zähnen, die es eher zuließen, an die Blankheit eines jagenden Tiers zu denken, als die Sanftmut der Mystik zu erwarten.

Perspektive: auktorialer Erzähler
Tempus: episches Präteritum, episches Präsens
Inhalt und Konzepte: Beschreibung der Gesinnungsprobe (Nicht Mutprobe! Denn „Gesinnung“ = Haltung). Erwähnung von Aeins und Azwei als gegensätzlich Handelnde, „Punzierung“ von Aeins als Nicht-Azwei, Allusion auf die Eigenschaften von Azwei, Beschreibung von Azwei als eine Art elegant-sportliches Raubtier, eine Großkatze etwa.



Die drei Meta-Ebenen in der Amsel

Bereits diese ersten drei Segmente enthüllen zwei der drei Meta-Ebenen, die in dieser Novelle behandelt werden, nämlich die Selbstreferentialität, also das Reflektieren der ersten Erzählerstimme über das Schreiben und den Text selbst, in Form von "Regieanweisungen", samt der direkten Hinwendung an einen implizierten Leser, wie etwa
·         Es kam unter diesen Umständen wenig darauf an, was dieser erwiderte, und es kann ihre Unterredung fast wie ein Selbstgespräch erzählt werden.

·         Wichtiger wäre es, wenn man genau zu beschreiben vermöchte, wie Azwei damals aussah, weil dieser unmittelbare Eindruck für die Bedeutung seiner Worte nicht ganz zu entbehren ist. Aber das ist schwer.

·         und das mag gut zu seiner Einführung als Erzähler dienen.
Diese Selbstreferentialität ist zwar nicht in dem Maße essayistisch, wie dies von langen Passagen des "Mann ohne Eigenschaften" gesagt werden kann, sie ist aber auch kein typisches Augenzwinkern, mit dem die Erzählstimme sich konspirativ an den Leser wendet, mit dem diese Instanz gegenüber dem Protagonisten einen Wissensvorsprung teilt, denn es gibt auch diese enigmatischen Stellen im Text, an denen weder der auktoriale Erzähler noch der Protagonist Azwei selbst wirklich zu "wissen" scheinen, was im Protagonisten vorgeht, oder die paradox klingen, was Musil mit einem anderen Meister des Bedrohlich-Absurden teil, nämlich Franz Kafka, und den Leser gleichsam allein lassen, mit seiner Wahrnehmung und seiner Verwunderung, etwa

·         in so einer halb aufgerichteten und halb zusammengesunkenen Lage schien er sich wohlzufühlen.
·         Ich bin einmal auf einen Schrank geklettert, nur um die Vertikale auszunutzen, und kann sagen, daß das unangenehme Gespräch, das ich zu führen hatte, von da ganz anders aussah.

·         Du wirst annehmen, daß die Geschichte damit zu Ende ist? —Erst jetzt fing sie an, und ich weiß nicht, welches Ende sie finden soll!

·         Azwei lachte über seine Erinnerung und schenkte sich ein; Aeins dachte daran, daß sie auf einem Balkon mit einem roten Lampenschirm saßen, der zu seiner Wohnung gehörte, aber er schwieg, denn er wußte zu genau, was er hätte einwenden können.

·         Weshalb sollte nicht jetzt geschehen, was sonst nie geschieht?

·         Ich stand am gleichen Fleck, mein Leib aber war wild zur Seite gerissen worden und hatte eine tiefe, halbkreisförmige Verbeugung ausgeführt.

Die zweite Metaebene stellt die Freundschaft der beiden Ex-Schulkollegen Aeins und Azwei dar, wobei "Freundschaft" für die Erzählstimme eigentlich paradigmatisches Nicht-Mögen bedeutet, was sogar die tiefsten und besten Freundschaften auszeichne, wobei Azwei als Erzähler fungiert, der immer eine gewisse Haltung einnimmt und Aeins hauptsächlich zuhört.
Die vordergründige Geschichte der Lebenswege zweier (ehemaliger?) Jugendfreunde dient als Folie für die gewaltigen sozialen, ethischen und geistigen Umwälzungen der ersten 20 Jahre des letzten Jahrhunderts. Diese Ereignisse werden en passant erwähnt, auch hier ist der Grundton ironisch, obwohl mit Erstem Weltkrieg, russischer Revolution, Bolschewismus und der Inflationszeit weltweit ungeheuerliches menschliches Leid verbunden waren.
Wesentlich ist dabei die Erkenntnis, dass die vormalige Ordnung der Dinge, die ihren Ausdruck auch in einem staatstragend-katholischen Gottesglauben habsburgischer Prägung fand, der natürlich seit dem Mittelalter auch zur Domestizierung der "Bestie Mensch" benutzt wurde (etwa die mosaischen Zehn Gebote als Maxime für das gesittete Auskommen miteinander aus dem Alten Testament, weit vor der selbstlosen Nächstenliebe in Person des Heilands aus dem Neuen Testament), aber schon bei den Knaben des "religiösen Instituts" kaum mehr Anklang findet, sondern eher Widerspruch zeitigt, sich in Auflösung befindet und nach der Katastrophe Erster Weltkrieg auch keinen Bestand mehr haben konnte.
Dieser frühe Abfall vom Glauben, zu dem (wie ich selbst) viele Menschen erst durch das Leid im späteren Leben dankbar zurückfinden, wird in der Fliegerpfeil-Episode wieder aufgenommen. Die offenbar anthropologische Reaktion, in Todesnähe instinktiv Gott (=das Unbegreifliche) zu spüren, wird immerhin nicht als biochemisch induzierte Entgleisung (Todesangst) vom Atheismus abgetan, sondern leidenschaftslos zur Kenntnis genommen- möglicherweise ein Hinweis auf den Agnostizismus Azweis oder Musils:
·         Vielleicht ist Gott überhaupt nichts, als daß wir armen Schnorrer in der Enge unseres Daseins uns eitel brüsten, einen reichen Verwandten im Himmel zu haben.

Wie weit diese Auflösungserscheinungen des Humanismus schon in den Schulen der Jahrhundertwende, wie im "Törleß" gezeigt, tatsächlich so gediehen waren, sodass der Abfall vom Glauben und von der Chimäre der "Solidität" der Verhältnisse, wie sie zum Beispiel von Schnitzler hinterfragt und von Hofmannsthal affirmiert wurde,  nur eine logische Konsequenz der Ereignisse waren, ob die eingesessene Spiritualität einfach nur als Nebenprodukt der Moderne sich zu Skeptizismus und Materialismus wandelte, oder dieses "Gott ist tot" eher Musils eigener Nietzsche-Lektüre zu verdanken ist, kann ich nicht sagen.
Aus meiner eigenen Erfahrung in den 1980er Jahren als Zögling eines (semi-)religiösen Instituts wie Stift Rein, einem Gymnasium mit kirchlich geführtem Halb-Internat und mit Zisterzienser-Patres im Lehrkörper, tendiere ich jedoch eher zur Ansicht, daß es dem pubertierenden Jüngling hormonell inhärent ist, Vorträge über Religion, Glaube und Frömmigkeit als scheinheilige Salbaderei abzutun, die nur dem Mahlstrom aufschießenden Lebens sinnlose Zügel anlegen möchte, ebenso wie man in dem Alter "Vernunft" allgemein als hinterlistiges Kontrollinstrument der "Alten" ablehnt. Die Mädchen in meiner Klasse waren viel schlauer– sie haben der Nutzlosigkeit unserer "Rebellion" ihren ureigenen Pragmatismus vorgezogen und dadurch schöne, von Wiederholungsprüfungen unbehelligte Sommerferien verbracht.
·         Später, in ihrer Studienzeit, schwärmten die beiden Freunde für eine materialistische Lebenserklärung, die ohne Seele und Gott den Menschen als physiologische oder wirtschaftliche Maschine ansieht. Was er ja vielleicht auch wirklich ist, worauf es ihnen aber gar nicht ankam, weil der Reiz solcher Philosophie nicht in ihrer Wahrheit liegt, sondern in ihrem dämonischen, pessimistischen schaurig-intellektuellen Charakter. Damals war ihr Verhältnis zueinander bereits eine Jugendfreundschaft. Denn Azwei studierte Waldwirtschaft und sprach davon, als Forstingenieur weit fortzugehen, nach Rußland oder Asien, sobald seine Studien vollendet wären; während sein Freund, statt solcher jungenhaften, schon eine solidere Schwärmerei gewählt hatte und sich zu dieser Zeit in der aufstrebenden Arbeiterbewegung umtat. Als sie dann kurz vor dem großen Krieg wieder zusammentrafen, hatte Azwei seine russischen Unternehmungen bereits hinter sich; er erzählte wenig von ihnen, war in den Bureaus irgendeiner großen Gesellschaft angestellt und schien beträchtliche Fehlschläge erlitten zu haben, wenn es ihm auch bürgerlich auskömmlich ging. Sein Jugendfreund aber war inzwischen aus einem Klassenkämpfer der Herausgeber einer Zeitung geworden, die viel vom sozialen Frieden schrieb und einem Börsenmann gehörte. Sie verachteten sich seither gegenseitig und untrennbar, verloren einander aber wieder aus den Augen; und als sie endlich für kurze Zeit abermals zusammengeführt wurden, erzählte Azwei das nun Folgende in der Art, wie man vor einem Freund einen Sack mit Erinnerungen ausschüttet, um mit der leeren Leinwand weiterzugehen. Es kam unter diesen Umständen wenig darauf an, was dieser erwiderte, und es kann ihre Unterredung fast wie ein Selbstgespräch erzählt werden. Wichtiger wäre es, wenn man genau zu beschreiben vermöchte, wie Azwei damals aussah, weil dieser unmittelbare Eindruck für die Bedeutung seiner Worte nicht ganz zu entbehren ist. Aber das ist schwer. Am ehesten könnte man sagen, er erinnerte an eine scharfe, nervige, schlanke Reitgerte, die, auf ihre weiche Spitze gestellt, an einer Wand lehnt; in so einer halb aufgerichteten und halb zusammengesunkenen Lage schien er sich wohl zu fühlen.

            Perspektive: auktorialer Erzähler

            Tempus: episches Präteritum, episches Präsens und Konjunktiv Präsens

            Ironie: solidere Schwärmerei; Sein Jugendfreund aber war inzwischen aus einem              Klassenkämpfer der Herausgeber einer Zeitung geworden, die viel vom sozialen Frieden           schrieb und einem Börsenmann gehörte.

            Inhalt und Konzepte: "Jugend ohne Gott"[5], Materialismus, Allusion auf den Ersten         Weltkrieg,  Verachtung statt  Freundschaft, weiterer Lebenslauf der Freunde Aeins   und Azwei, Beschreibung von Azwei als vitales "Energiebündel".


·         Ich bin sehr bald nach der Geschichte mit dem Fliegerpfeil bei einem Gefecht in Rußland in Gefangenschaft geraten, machte später dort die große Umwandlung mit und kehrte nicht so rasch zurück, denn das neue Leben hat mir lange Zeit gefallen. Ich bewundere es heute noch; aber eines Tags entdeckte ich, daß ich einige für unentbehrlich geltende Glaubenssätze nicht mehr aussprechen konnte, ohne zu gähnen, und entzog mich der damit verbundenen Lebensgefahr, indem ich mich nach Deutschland rettete, wo der Individualismus gerade in der Inflationsblüte stand. Ich machte allerhand zweifelhafte Geschäfte, teils aus Not, teils nur aus Freude darüber, wieder in einem alten Land zu sein, wo man unrecht tun kann, ohne sich schämen zu müssen.

Perspektive: Azwei erzählt

Tempus: Perfekt Indikativ, episches Präsens, episches Präteritum

Ironie: aber eines Tags entdeckte ich, daß ich einige für unentbehrlich geltende Glaubenssätze nicht mehr aussprechen konnte, ohne zu gähnen, und entzog mich der damit verbundenen Lebensgefahr; Inflationsblüte; Unrecht tun, ohne sich schämen zu müssen

Inhalt und Konzepte: Allusionen auf die Russische Revolution und den Roten Terror durch Tscheka bzw. GPU; das wilde Berlin (?) der 20er Jahre und Inflationsgewinnler wie Hugo Stinnes. Die postrevolutionäre Situation in Russland samt Flucht in den Westen von Azwei erinnert ein wenig an das Schicksal von Franz Tunda, dem Helden der "Flucht ohne Ende" von Joseph Roth aus dem Jahre 1927.


·         Kein einziger Gedanke in mir war von der Art, die sich in den Augenblicken des Lebensabschiedes einstellen soll, sondern alles, was ich empfand, war in die Zukunft gerichtet; und ich muß einfach sagen, ich war sicher, in der nächsten Minute Gottes Nähe in der Nähe meines Korpers zu fühlen. Das ist immerhin nicht wenig bei einem Menschen, der seit seinem achten Jahr nicht an Gott geglaubt hat.

Perspektive: Azwei erzählt
Tempus: Episches Präteritum und episches Präsens, Perfekt Indikativ
Ironie: der Euphemismus "Lebensabschied" für Sterben.
Inhalt und Konzepte: Skepsis bei gleichzeitiger Sicherheit, seelisches "höheres" Erlebnis trotz Agnostizismus.



Die dritte Metaebene stellt der autobiographisch gefärbte Versuch einer Vermählung von Wissenschaft (Algorithmus) und Leben (Aleatorik) im „anderen Zustand“ dar. Sie kommt besonders in der synästhetisch geprägten Berliner Amsel-Episode zur Geltung, sowie in der Fliegerpfeil-Erzählung, die ich beide näher untersuchen möchte. Die Überlagerung und Verschmelzung von Sinneseindrücken verschiedener Gehirnareale zu einem neuen, unvorhersehbaren Ganzen oder Etwas bei gleichzeitiger Aufweichung der Ich-Grenzen, also einem Zurücktreten der Erwartungshaltung was den Erkenntniswert dieser Sinneseindrücke betrifft, ist ein äußerst probates ästhetisches Mittel, um unter der Prämisse des Halbschlafes jenen berühmten "anderen Zustand" herbeiführen zu können, den ich weiter oben bereits zu definieren versucht habe.  
Im Wesentlichen geht es um ein unausgesprochenes Einverständnis mit dem Kontrollverlust, der ähnlich dem Phänomen von Schrödingers Katze unvoreingenommene Erkenntnisse zeitigen kann. Wie die weitere Geschichte zeigt, kann man den "anderen Zustand" allerdings nicht bewusst herbeiführen, vielmehr kommt er über einen in Situationen, die einander immerhin in der Tatsache des Kontrollverlusts gleichen.
Zunächst die Nachtigall/Amsel

·         Und dann kam eben die Geschichte mit der Nachtigall. Sie begann mit einem Abend wie viele andere. Ich war zu Hause geblieben und hatte mich, nachdem meine Frau zu Bett gegangen war, ins Herrenzimmer gesetzt; der einzige Unterschied von ähnlichen Abenden bestand vielleicht darin, daß ich kein Buch und nichts anrührte; aber auch das war schon vorgekommen. Nach ein Uhr fängt die Straße an ruhiger zu werden; Gespräche beginnen als Seltenheit zu wirken; es ist hübsch, mit dem Ohr dem Vorschreiten der Nacht zu folgen. Um zwei Uhr ist Lärmen und Lachen unten schon deutlich Trunkenheit und Späte. Mir wurde bewußt, daß ich auf etwas wartete, aber ich ahnte nicht, worauf. Gegen drei Uhr, es war im Mai, fing der Himmel an, lichter zu werden; ich tastete mich durch die dunkle Wohnung bis ans Schlafzimmer und legte mich geräuschlos nieder. Ich erwartete nun nichts mehr als den Schlaf und am nächsten Morgen einen Tag wie den abgelaufenen. Ich wußte bald nicht mehr, ob ich wachte oder schlief. Zwischen den Vorhängen und den Spalten der Rolläden quoll dunkles Grün auf, dünne Bänder weißen Morgenschaums schlangen sich hindurch. Es kann mein letzter wacher Eindruck gewesen sein oder ein ruhendes Traumgesicht. Da wurde ich durch etwas Näherkommendes erweckt; Töne kamen näher. Ein-, zweimal stellte ich das schlaftrunken fest. Dann saßen sie auf dem First des Nachbarhauses und sprangen dort in die Luft wie Delphine. Ich hätte auch sagen können, wie Leuchtkugeln beim Feuerwerk; denn der Eindruck von Leuchtkugeln blieb; im Herabfallen zerplatzten sie sanft an den Fensterscheiben und sanken wie große Silbersterne in die Tiefe. Ich empfand jetzt einen zauberhaften Zustand; ich lag in meinem Bett wie eine Figur auf ihrer Grabplatte und wachte, aber ich wachte anders als bei Tage. Es ist sehr schwer zu beschreiben, aber wenn ich daran denke, ist mir, als ob mich etwas umgestülpt hatte; ich war keine Plastik mehr, sondern etwas Eingesenktes. Und das Zimmer war nicht hohl, sondern bestand aus einem Stoff, den es unter den Stoffen des Tages nicht gibt, einem schwarz durchsichtigen und schwarz zu durchfühlenden Stoff, aus dem auch ich bestand. Die Zeit rann in fieberkleinen schnellen Pulsschlägen. Weshalb sollte nicht jetzt geschehen, was sonst nie geschieht?—Es ist eine Nachtigall, was da singt!—sagte ich mir halblaut vor.

Perspektive: Azwei erzählt

Tempus: Perfekt Indikativ, Plusquamperfekt Indikativ, episches Präsens, episches

Präteritum, Infinitiv perfekt, Konjunktiv II Präsens

Inhalt und Konzepte: Synästhetische Erlebnisse werden während des Einschlafens reflektiert, wobei raffiniert traumartige Metaphern dabei helfen, den "anderen Zustand" evozieren. Einführung der Amsel in die Novelle.


Dem traumhaften Erlebnis mit der Amsel folgt eine Ernüchterung darüber, dass Azwei für die Frau, mit der er doch einige Jahre gemeinsamen Lebens geteilt hat, nichts mehr empfindet, was dem Wort oder Begriff der Liebe entspräche. Gleich darauf folgt die Fliegerpfeil-Episode:
·         In diesem Augenblick hörte ich ein leises Klingen, das sich meinem hingerissen emporstarrenden Gesicht näherte. Natürlich kann es auch umgekehrt zugegangen sein, so daß ich zuerst das Klingen hörte und dann erst das Nahen einer Gefahr begriff; aber im gleichen Augenblick wußte ich auch schon: es ist ein Fliegerpfeil! Das waren spitze Eisenstäbe, nicht dicker als ein Zimmermannsblei, welche damals die Flugzeuge aus der Höhe abwarfen; und trafen sie den Schädel, so kamen sie wohl erst bei den Fußsohlen wieder heraus, aber sie trafen eben nicht oft, und man hat sie bald wieder aufgegeben. Darum war das mein erster Fliegerpfeil; aber Bomben und Maschinengewehrschüsse hört man ganz anders, und ich wußte sofort, womit ich es zu tun hatte. Ich war gespannt, und im nächsten Augenblick hatte ich auch schon das sonderbare, nicht im Wahrscheinlichen begründete Empfinden: er trifft!
Perspektive: Azwei erzählt

Tempus: Episches Präteritum, Perfekt Indikativ,

Ironie: und trafen sie den Schädel, so kamen sie wohl erst bei den Fußsohlen wieder heraus

Inhalt und Konzepte: Ein akustisches Phänomen wird erst zweitrangig als Gefahr erkannt, Beschreibung der Fliegerpfeile, Empfindungen sind irrational und machen sich von Rationalität unabhängig.

·         Und weißt du, wie das war? Nicht wie eine schreckende Ahnung, sondern wie ein noch nie erwartetes Glück! Ich wunderte mich zuerst darüber, daß bloß ich das Klingen hören sollte. Dann dachte ich, daß der Laut wieder verschwinden werde. Aber er verschwand nicht. Er näherte sich mir, wenn auch sehr fern, und wurde perspektivisch größer. Ich sah vorsichtig die Gesichter an, aber niemand nahm ihn wahr. Und in diesem Augenblick, wo ich inne wurde, daß ich allein diesen feinen Gesang hörte, stieg ihm etwas aus mir entgegen: ein Lebensstrahl; ebenso unendlich wie der von oben kommende des Todes. Ich erfinde das nicht, ich suche es so einfach wie möglich zu beschreiben; ich habe die Überzeugung, daß ich mich physikalisch nüchtern ausgedrückt habe; freilich weiß ich, daß das bis zu einem Grad wie im Traum ist, wo man ganz klar zu sprechen wähnt, während die Worte außen wirr sind.


Perspektive: Azwei erzählt

Tempus: Episches Präsens, Perfekt Indikativ, episches Präteritum

Inhalt und Konzepte: Staunen darüber, dass ein unvermutetes Ereignis nicht die erwartete Reaktion auslöst, wissenschaftliche Beschreibung eines Phänomens, neuerliche Allusion auf den "anderen Zustand". Geräusch des Pfeils changiert zwischen Klingen, Laut, feiner Gesang.



·         Inzwischen war der Laut von oben körperlicher geworden, er schwoll an und drohte. Ich hatte mich einigemal gefragt, ob ich warnen solle; aber mochte ich oder ein anderer getroffen werden, ich wollte es nicht tun! Vielleicht steckte eine verdammte Eitelkeit in dieser Einbildung, daß da, hoch oben über einem Kampffeld, eine Stimme für mich singe. Vielleicht ist Gott überhaupt nichts, als daß wir armen Schnorrer in der Enge unseres Daseins uns eitel brüsten, einen reichen Verwandten im Himmel zu haben. Ich weiß es nicht. Aber ohne Zweifel hatte nun die Luft auch für die anderen zu klingen begonnen; ich bemerkte, daß Flecken von Unruhe über ihre Gesichter huschten, und siehst du—auch keiner von ihnen ließ sich ein Wort entschlüpfen! Ich sah noch einmal diese Gesichter an: Burschen, denen nichts ferner lag als solche Gedanken, standen, ohne es zu wissen, wie eine Gruppe von Jüngern da, die eine Botschaft erwarten. Und plötzlich war das Singen zu einem irdischen Ton geworden, zehn Fuß, hundert Fuß über uns, und erstarb. Er, es war da. Mitten zwischen uns, aber mir zunächst, war etwas verstummt und von der Erde verschluckt worden, war zu einer unwirklichen Lautlosigkeit zerplatzt. Mein Herz schlug breit und ruhig, ich kann auch nicht den Bruchteil einer Sekunde erschrocken gewesen sein; es fehlte nicht das kleinste Zeitteilchen in meinem Leben. Aber das erste, was ich wieder wahrnahm, war, daß mich alle ansahen. Ich stand am gleichen Fleck, mein Leib aber war wild zur Seite gerissen worden und hatte eine tiefe, halbkreisförmige Verbeugung ausgeführt. Ich fühlte, daß ich aus einem Rausch erwache, und wußte nicht, wie lange ich fort gewesen war. Niemand sprach mich an; endlich sagte einer: ein Fliegerpfeil! und alle wollten ihn suchen aber er stak metertief in der Erde. In diesem Augenblick überströmte mich ein heißes Dankgefühl, und ich glaube, daß ich am ganzen Körper errötete. Wenn einer da gesagt hätte, Gott sei in meinen Leib gefahren, ich hätte nicht gelacht. Ich hätte es aber auch nicht geglaubt. Nicht einmal, daß ich einen Splitter von ihm davontrug, hätte ich geglaubt. Und trotzdem, jedesmal, wenn ich mich daran erinnere, möchte ich etwas von dieser Art noch einmal deutlicher erleben!

Perspektive: Azwei erzählt

     Tempus: Plusquamperfekt Indikativ, episches Präteritum, episches Präsens

     Ironie: Vielleicht ist Gott überhaupt nichts, als daß wir armen Schnorrer in der Enge unseres        Daseins uns eitel brüsten, einen reichen Verwandten im Himmel zu haben. Erstarrte Offiziere         als eine Gruppe von Jüngern

Inhalt und Konzepte: Beschreibung des Falles des Fliegerpfeils, die stoische "Haltung" der Offiziere, Oxymoron "zu einer unwirklichen Lautlosigkeit zerplatzt", kafkaeske Situation, "war wild zur Seite gerissen worden"– von wem? Von Gott, von einem Geist? Dem Überlebenstrieb? Körperliche Reaktion, Endorphine, Beharren auf der agnostischen Haltung, Wunsch nach kontrollierter Wiederholung des "Experiments".

Diese drei Meta-Ebenen sprengen den üblichen Gattungsrahmen der Novelle derart, dass sie eher als Rahmen für den Umfang gelten kann, denn für den Inhalt, der formal noch am Ehesten bei der Passage mit der sprechenden Amsel das Goethesche Kriterium der „sich ereignete(n) unerhörte(n) Begebenheit“[6] erfüllt. Auch der Umfang von knapp 15 Seiten spricht gegen die Novelle, und eher für eine Erzählung.
Weiter fällt auf, dass es in der gesamten Novelle zwar Dialoge gibt, aber keine direkte Rede mit Anführungszeichen, dafür aber Marker im Text, wie -sagte Azwei- anhand derer die Perspektiven bzw. Erzählstimmen fixiert werden, was dem Text den Anschein eines inneren Monologs gibt, der in der Literatur auch zu Spekulationen geführt hat, es handele sich um die Stimmen im Kopf eines Schizophrenen. Der Text bleibt deshalb auch in einer eigenartigen Unentschiedenheit, was meiner Meinung nach auch dadurch unterstrichen wird, dass zum Beispiel exakte Angaben von Zeit und Ort äußerst spärlich, aber umso markanter gesetzt werden, ähnlich dem Einsatz der Symbolfarbe Rot in den Gemälden von Pieter Bruegel dem Älteren.
Entsprechend gibt es im gesamten Text keine einzige präzise Zeitangabe, sondern temporale Adverbien wie "später" (vier Mal) und Umschreibungen wie "kurz vor dem großen Krieg",  "sehr bald nach" oder "vor Jahrzehnten". Die Ortsangaben beschränken sich auf "Berlin" in Segment vier und neun, "Chicago" in Segment sieben, "Südtirol", "Cima di Vezzana" und "Caldonazzo-See" in Segment 14, die zur die Verortung der Fliegerpfeilepisode dienen, sowie "Rußland" und "Deutschland" in Segment 21. Dies führt zu einer eigenartigen Schwebe, in der die Ortsnamen, besonders der Weltstädte "Berlin" und "Chicago"(mit den Zusätzen Höfe und Schlachthaus)  zu einer Metapher für die moderne Großstadt werden, deren Verhältnisse eben auf alle Großstädte jener Zeit übertragbar sind, womit die anthropologischen Konstanten, diese Chiffre für archetypisches Verhalten, wichtiger werden als ihre jeweilige phänotypische Verortung. 




Ironie, Metaphern und Synästhesie in der Amsel

Ebenso fällt eine Art durchgehender Ironie auf, die manchmal akzentuierter ist, manchmal
 weniger, wie sie dem Leser auch aus dem "Mann ohne Eigenschaften" bekannt ist, etwa hier:
·         Sein Jugendfreund aber war inzwischen aus einem Klassenkämpfer der Herausgeber einer Zeitung geworden, die viel vom sozialen Frieden schrieb und einem Börsenmann gehörte.

·         ein Schlachthaus in Chikago, obgleich mir die Vorstellung den Magen umdreht, ist doch eine ganz andere Sache als ein Blumentöpfchen!

Stellenweise gleitet diese Ironie ins Kafkaeske hinüber, bzw. ins Absurde, wie etwa bei
·         Ich bin einmal auf einen Schrank geklettert, nur um die Vertikale auszunutzen, und kann sagen, daß das unangenehme Gespräch, das ich zu führen hatte, von da ganz anders aussah

·         Dann hielt ich es manchmal nicht aus und kroch vor Glück und Sehnsucht in der Nacht spazieren.
Auch gelingen Musil wunderbare Metaphern, etwa
·         Und gerade in diesen Nächten waren die Sterne groß und wie aus Goldpapier gestanzt und flimmerten fett wie aus Teig gebacken

·         mit Augen, die in Samt gewickelte Blitze waren
·         aber man röstete uns bloß an langsamem Artilleriefeuer.

·         Zögernd und verteilt floß das Tal um sie; aber jenseits des Striches, den wir besetzt hielten, entfloh es solcher süßen Zerstreutheit und fuhr wie ein Posaunenstoß, braun, breit und heroisch, in die feindliche Weite.

·         sorgenvolle und gesellige Nächte liegen in diesen Häusern übereinander wie die Säulen der Brötchen in einem Automatenbüfett.

Weitere Beispiele für synästhetisches Schreiben wären etwa
·         Man sieht es dem roten Kupfergeschirr auf den Borden an, wie laut es klappert.

·         Zwischen den Vorhängen und den Spalten der Rolläden quoll dunkles Grün auf, dünne Bänder weißen Morgenschaums schlangen sich hindurch.

·         Töne kamen näher. Ein-, zweimal stellte ich das schlaftrunken fest. Dann saßen sie auf dem First des Nachbarhauses und sprangen dort in die Luft wie Delphine.

·         im Herabfallen zerplatzten sie sanft an den Fensterscheiben und sanken wie große Silbersterne in die Tiefe.
Interessant ist dabei die Beobachtung, dass in dieser Berliner Episode der "andere Zustand" dem Einschlafen entspringt, dem Schwebezustand zwischen Einschlafen und Wachen, und wie bei der späteren Fliegerpfeil-Episode das Ohr, dieses sensible Organ, das Einfallstor darstellt. Das mag auch mit dem Phänomen der Reizübertragung zusammenhängen und der vegetativen Reaktion darauf. Das Hören ist im Allgemeinen ein passiver Vorgang, der ohne große Umleitungen im Gehirn direkt verarbeitet wird. Auf schrille Schreie, Misstöne wie quietschende Kreide an der Tafel, oder auch Musik, die einem nicht gefällt, regiert der Mensch mit einem durchaus automatischen körperlichen Unbehagen, der an den Ekelreflex bei heftigem Gestank erinnert. Auch ist das Gehör der letzte Sinn, mit dem ein Sterbender etwas wahrnehmen kann. Insofern ist auch die Wahl des Ohrs als synästhetisches Organ sehr gelungen.







 
Schluss


Die Amsel von Robert Musil gehört zu den kunstvollsten Texten, die ich je gelesen habe. Die kurze "Novelle" scheint auf den ersten Blick eine kurze und kuriose, eher inhaltsarme Erzählung zu sein, die der Autor zum Zwecke des Gelderwerbs aus dem Ärmel geschüttelt hat. Bei wissenschaftlicher Untersuchung ist die Erkenntnis eine ganz andere, handelt es sich bei der "Amsel" ja um das literarische und philosophische Vermächtnis Musils im Kleinen, wie es der "Mann ohne Eigenschaften" im Großen darstellt. Dem Leser der „Amsel“ fällt möglicherweise der titanenhafte Kampf um die innere und äußere Form nicht auf, derart leicht und elegant lotet Robert Musil die Grenzen des Erkennbaren und Sagbaren aus.
Bei intensiver Beschäftigung wird einem allerdings klar, dass wir es hier mit einem Meilenstein deutschsprachiger Prosa zu tun haben, die ungeheuer vielseitig und tiefschichtig jene Problemstellungen ausfaltet, die den Menschen seit Urzeiten umtreiben: Gibt es Gott, hat mein Leben einen Sinn, kann ich diesem meinem Leben belastbare Ordnung und Struktur überhaupt geben, oder ist dies bloß trügerisch dünnes Eis, jederzeit bereit, ohne erkennbaren Grund unter meinen Füßen zu bersten, um vom schwarz wimmelnden Chaos verschluckt zu werden, kann ich der Wissenschaft oder meinen Sinneseindrücken Glauben schenken, wer kann mir gesicherte Antworten geben, gibt es diese Antworten überhaupt?
Musil muss geahnt haben, dass es auf diese Fragen nur fragmentarische Antworten geben kann, dass es keinerlei „Versicherung“ gegen das Irrationale geben kann, und dass es am Ende nur um eine Haltung geht, die der Einzelne gegenüber dem Leben einnehmen kann, da nur sie Ausdruck einer inneren Autonomie sein kann und dass derjenige, der diese Erkenntnis akzeptiert und eben für sich Haltung einnimmt, was ich als private Ethik umschreiben möchte, in der Unberechenbarkeit des Lebens sogar einen Schatz heben kann.
Individuelle Haltung als eine Art Glaubensersatz im postheroischen Zeitalter, das den Krieg nicht mehr als männliches Urerlebnis empfindet sondern als gigantische Lotterie, mit dem eigenen Leben als Einsatz, und den Tod auf dem Schlachtfeld nicht mehr als einzig würdige, dem Strohtod vorzuziehende männliche Bestimmung, sondern als beliebiger Punkt innerhalb einer Gaußschen Verteilungskurve, als fast berechenbares Ergebnis der Statistik- was selbstverständlich beim industriellen, totalen Krieg mit seinen Materialschlachten und dem Tod, der aus 30 oder 40 Kilometer entfernten Geschützen auf die Schützengräben regnet, anonym, sinnlos, zufällig.
Ein schmutziger, nutzloser, wahrlich atomisierender Tod in schlammigen Gräben voller Kälte, Ratten und Hunger, der jede romantizierende Annahme von Ritterlichkeit oder gar Heldenmut desavouiert, und im gleichen Atemzug die Daseinsberechtigung der christlich geprägten monarchischen Gesellschaftsordnung in Europa über Bord wirft:
Auf solchen Plätzen, wo man Zeit zum Nachdenken wie zum Erschrecken hat, lernt man die Gefahr erst kennen. Jeden Tag holt sie sich ihre Opfer, einen festen Wochendurchschnitt, soundsoviel vom Hundert, und schon die Generalstabsoffiziere der Division rechnen so unpersönlich damit wie eine Versicherungsgesellschaft. Übrigens man selbst auch. Man kennt instinktiv seine Chance und fühlt sich versichert, wenn auch nicht gerade unter günstigen Bedingungen.

Dass Robert Musil unter solchen Voraussetzungen weder zum Zyniker noch zum Extremisten geworden ist, sondern zum bescheidenen Zahlenmystiker, mit seiner pazifistisch-stoischen Haltung Außenseiter in einer entfesselten Welt, einer, der weiß, dass es neben "Ja" und "Nein" noch ein Drittes gibt, und an dieser Haltung gegen jeden Widerstand bis ans Lebensende unerschütterlich festhält, egal, ob Haltung das Letzte war, was ihm blieb, oder nicht, ist Musil gar nicht hoch genug anzurechnen und in meinen Augen auch ein Beweis für seine menschliche Größe, die in diesem Fall mit der künstlerischen Größe Schritt hält. 

Musils ganz eigenständige Positionen sind immer noch Avantgarde, sie sind aber auch etwas, das offensichtlich missverständlich war und ist, wie etwa die Einträge in sechs verschiedenen Dichterlexika[7] der letzten Jahrzehnte zeigen, die alle um den "Mann ohne Eigenschaften" kreisen, den "Törleß" als "Pubertätsroman" handeln und die Novellen als "vorbereitende Aufgaben" für den "Mann ohne Eigenschaften" sehen, als "mäßig erfolgreich", oder als "kleinere kritische Arbeiten", gar als "Essays". Die "Amsel" selbst wird bis auf den Band 9 der Deutschen Literaturgeschichte (von Leiß/Stadler) kein einziges Mal namentlich erwähnt, was mir völlig unverständlich scheint und eher für eine Neubewertung des Kanons spricht.

Ich selbst kannte die "Amsel" vor dem Besuch des Seminars nicht. Ich hatte zuvor von Musil den "Törleß" gelesen, das war noch im Gymnasium, wobei ich mich erinnere, daß mich damals an Basini, Reiting und Beineberg irgend etwas ungesund Üppiges abgestoßen hat, während mir Törleß fast als Identifikationsfigur dienen konnte. Allerdings kränkte es mich wegen meiner Herkunft nicht wenig, daß ausgerechnet der Dieb und Feigling einen italienischen Namen tragen musste. Verglichen mit thematisch ähnlich gelagerten Romanen, die ich in jener Zeit gelesen habe, nämlich den "Schüler Gerber" von Friedrich Torberg und "Jugend ohne Gott" von Ödön von Horváth, war er mir schon damals ein unheimlicher und verstörender Roman. Heute muss ich dazu sagen: der gelungenere Roman, da mir die Handhabung der Sprache und die psychologische Tiefe viel besser gefällt.

Später habe ich den "Mann ohne Eigenschaften" mit großem Genuss und ohne Eile gelesen, der mich noch vor "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" von Marcel Proust, dem "Ulysses" von James Joyce und "Schau heimwärts, Engel" von Thomas Wolfe die Augen für eine völlig neue Art, Romane zu schreiben, geöffnet hat. Obwohl man ja apodiktische Urteile vermeiden sollte, ist für mich der "Mann ohne Eigenschaften" der beste Roman deutscher Sprache, der bisher geschrieben wurde.

Natürlich gäbe es da die "Flegeljahre" von Jean Paul, den "Nachsommer" von Adalbert Stifter, auch den "Zauberberg" von Thomas Mann, die um diesen Ehrentitel wetteifern könnten, natürlich finden sich unter den großartigen Werken von Fontane, Raabe, Kafka und Joseph Roth viele meiner Lieblingsromane, aber der "Mann ohne Eigenschaften" zählt zu den drei Büchern, die ich auf einer einsamen Insel gern bei mir hätte.

Die "Amsel" leistet in der kleinen Form der Novelle oder Erzählung dasselbe wie der "Mann ohne Eigenschaften" in der großen Form des Romans: ein Höchstmaß an atmosphärischer Dichte, philosophischer Tiefe, stilistischer Meisterschaft und intellektueller Zeitlosigkeit machen für mich die "Amsel" zum wirkmächtigsten Teil im durchgenommenen Band. Sie sollte viel öfter Untersuchungsgegenstand im Fach Neuere deutsche Literatur sein, denn man könnte bei Musil auch von einer Singularität in der Literatur sprechen, dessen Werk selbst 70 Jahre nach seinem Tod nichts an Klarheit und Aktualität verloren hat.




 
Literaturliste
Quellen:
Musil, Robert: Frühe Prosa und aus dem Nachlaß zu Lebzeiten. 13.Auflage. Reinbek: Rowohlt 2000.
Sekundärliteratur:
Berghahn, Wilfried: Robert Musil mit Selbstzeugnissen und Dokumenten. Hrsg. von Kurt Kusenberg. 21. Auflage 2004. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag 1963.  (=rororo 50081)
Breuer, Konstanze: Werk neben dem Werk. Tagebuch und Autobiographie bei Robert Musil. Hildesheim: Georg Olms Verlag 2009.

Deutsche Literatur in Schlaglichtern. Hrsg. von Bernd Balzer und Volker Mertens. München: Meyers Lexikonverlag 1990.

Deutsche Literaturgeschichte. Band 9: Ingo Fleiß und Hermann Stadler: Weimarer Republik 1918-1933. Originalausgabe. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2003. (=dtv 3349)

Geschichte der deutschen Literatur. Band II. Vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Hrsg. von Bengt Algot Sorensen. Originalausgabe. 3., aktualisierte Auflage. München: Verlag C. H. Beck 2010. (=bsr 1217)

Karthaus, Ulrich: Der andre Zustand. Zeitstrukturen im Werke Robert Musils. Berlin: Erich Schmid Verlag 1965.

Meyers Handbuch über die Literatur. Hrsg. und bearbeitet von den Fachredaktionen des Bibliographischen Instituts. Mannheim: Bibliographisches Institut 1964.

Robert Musil. Die Amsel. Kritische Lektüren / Letture critiche. Materialien aus dem Nachlass. Hrsg. von Walter Busch und Ingo Breuer. Innsbruck: Studien Verlag; Bozen: Edition Sturzflüge 2000.

Taschenlexikon der deutschen Literatur. München: Verlag Lebendiges Wissen 1958.

Wilpert, Gero v.: Deutsches Dichterlexikon. Biographisch-bibliographisch Handwörterbuch zur deutschen Literaturgeschichte. Dritte, erweiterte Auflage. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 1988. (= KTB 288)

Wilpert, Gero v.: Sachwörterbuch der Literatur. 8., verbesserte und erweiterte Auflage. Stuttgart: Kröner 2001.








[1] Karthaus, Ulrich: Der andre Zustand. Zeitstrukturen im Werke Robert Musils. Berlin: Erich Schmid Verlag 1965.
[2] Robert Musil. Die Amsel. Kritische Lektüren / Letture critiche. Materialien aus dem Nachlass. Hrsg. von Walter Busch und Ingo Breuer. Innsbruck: Studien Verlag; Bozen: Edition Sturzflüge 2000. S. 29-41 und S. 77-95.
[3] Frieden, Krieg und Mathematik. In: Breuer, Konstanze: Werk neben dem Werk. Tagebuch und Autobiographie bei Robert Musil. Hildesheim: Georg Olms Verlag 2009. S. 175-215
[4] In: Robert Musil: Frühe Prosa und aus dem Nachlaß zu Lebzeiten. 13.Auflage. Reinbek: Rowohlt 2000. S. 366-380.
[5] © Ödön von Horváth, 1930
[6] Wilpert, Gero v.: Sachwörterbuch der Literatur. 8., verbesserte und erweiterte Auflage. Stuttgart: Kröner 2001. S.566
[7]siehe Literaturliste: Lexikon d. dt. Lit, 1958; Handbuch Lit., 1964; Dt. Dichterlexikon, 1988; Dt. Lit. in Schlaglichtern, 1990;  Dt. Lit.-Gesch., 2003; Gesch. d. dt. Lit., 2010.