PASSACAGLIA
2004/2005
WHITE WHORES
Das Jahr war so zu
Ende gegangen, wie ich es größtenteils
verbracht hatte: Unspektakulär, zuhause und allein. Ähnlich unspektakulär waren
meine Vorsätze: Ein bisschen mehr Vitamine, ein bisschen weniger Fett, wieder an Literatur-Wettbewerben
teilnehmen und das Jahr so zu organisieren,
dass ich möglichst wenige Enttäuschungen
selbst erleben und anderen bereiten müsste. Nein, mein Leben gab schon seit längerem
kein Romanstoff mehr her. Wenn ich morgens
in den Spiegel blickte, so sah ich
einen Fremden, den ich zwar als meine stoffliche Hülle akzeptiert hatte, mit
dem ich mich aber nicht so recht identifizieren wollte. Ich hatte von mir
selbst ganz andere Bilder im Kopf. Bald
wäre ich 35 und hatte kaum eines der Ziele erreicht, die ich mir gestellt hatte. Klar, ich lebte in der Stadt, in der
ich leben wollte, hatte den Job, den ich wollte und studierte, was ich wollte,
aber, wollte ich das wirklich? Sogar meine Gefühle waren mir sonderbar fern: Ich
hatte keine Freundin und mir einige
Male eingebildet, in die eine oder andere
Studienkollegin verliebt zu sein,
aber ich wusste im Grunde, auch das war nicht das, was ich wollte. War das die
Midlife-Crisis? Warum war mir alles so egal?
Warum war es so schwer, einen Funken Begeisterung zu zünden? Ich wusste es nicht.
Es war gegen
halb Elf, als es klingelte. Erstmal guckte ich beim Fenster raus, um zu sehen, wer da geläutet hatte. Aha, die Post. Paketdienst. Ich ging zur
Gegensprechanlage, drückte den Knopf und sagte
guten Tag.
Dann schlüpfte ich in meine Badelatschen und den neuen, schwarzen Bademantel,
hastete mit dem Schlüssel in der Hand die drei Stockwerke runter, in der
Erwartung, den Briefträger mit einem an mich adressierten Päckchen und
einem strahlenden Lächeln im Gesicht anzutreffen. Aber im Parterre angekommen war
niemand außer einer Benachrichtigung,
die mir sagte, nicht angetroffen worden zu sein, weswegen ich die Paketsendung
erst ab morgen im Postamt XY abholen
könne. Fuchsteufelswild trat ich auf die Straße und sah den gelben Laster gerade
noch um die Ecke biegen. Dieses
Arschloch. Wie immer.
Mit Ausnahme einer
neuen Zeitungsabo-Mahnung und der
Bücherrückgabe an die Universitätsbibliothek forderte der Briefkasten lediglich
den üblichen Reklameramsch zutage. Ungelesen in den Eimer, schade ums Papier. Verärgert stapfte ich die 178 Treppenstufen wieder hoch.
Ich schlug die Tür hinter mir.
Verärgert ging in die Küche. Während
ich ein paar Orangen auf einer
improvisierten Presse zu süßem Blut verarbeitete, gluckerte in der Kasse der Espresso hoch. Mein Groll verflog. Denn der
Postler hatte mir gezeigt: ich war nicht der einzige
Mensch, dem ein wenig guter Wille fehlte. Ich trank den Saft aus, goss Milch in den heißen Kaffee, schlurfte ins
Schlafzimmer, wo ich auch arbeitete und schlief. Ich schaltete den Rechner ein,
und riss die Fenster auf.
Es war der zweite
Januar, sonnig und saukalt. Soweit mein Auge reichte, waren die Strassen mit
Sylvester-Müll, zerbrochenen Flaschen, Papierfetzen, den ersten
Christbaum-Leichen und wie üblich mit Hundescheiße übersät. In meiner Stadt ist
das nichts Neues. Wir leben darin. Nach einer Weile machte ich das Fenster
wieder zu und setzte mich an den Tisch.
Glotzte auf den
Bildschirm.
Nichts passierte.
Eigentlich hätte
ich mich mit dem Mediävistik–Referat beschäftigen sollen, das am kommenden
Montag auf dem Programm stand. Aber anstatt herum zu tüfteln, wo denn bei der
Übersetzung zweier ganz bestimmter Textstellen im Eneasroman eines gewissen Herrn Veldeke die Tücken liegen, fing ich
an, eine schlechte Kurzgeschichte zu schreiben.
So war es schon
seit ewigen Zeiten:
Wenn ich schreiben
hätte sollen, machte ich etwas anderes, und wenn ich Pflichten zu erfüllen
hatte, schrieb ich lieber. Ich seufzte. Dann spürte ich, wie die Orangensaft-Milchkaffee-Kombination
ihre peristaltische Arbeit verrichtete, zuckte mit den Achseln, ging ins Bad,
zog einen herrlichen, geformten Schiss ab, wischte mir den Arsch, ließ runter
und stellte mich unter die Dusche. Mit geschlossenen Augen legte ich den Kopf in den Nacken, ließ
mir das heiße Wasser übers Gesicht rinnen.
Pflichten.
Das alte Thema.
Das alte Problem.
Wie so viele andere
Idioten auch schob ich die Dinge gerne auf die lange Bank. Ich wartete bin
ultimo, um sie zu erledigen. Am Besten kann ich unter Druck arbeiten. Am Ende
gelang mir das meist zufrieden
stellend, aber das nagende Gefühl, mich wieder einmal nur durchgemogelt zu
haben, das blieb, ebenso wie das Wissen, viel mehr leisten zu können, wenn ich
es bloß wollte. Nein, Ehrgeiz war keine Krankheit, mit der ich geschlagen war. Aber
wussten das auch die anderen? So führte ich eine Scheinexistenz, stets bereit,
mich in die Schatten zurückzuziehen, falls es mal brenzlig wurde.
Das konnte mich
nicht wirklich befriedigen. Ich
wusste das. Wovor hatte ich denn solche Angst?
Mich hinzustellen und zu sagen:
Leute, ich glaube, ich bin ein Versager?! Oder davor, mich zu überwinden, und endlich
Vollgas zu geben?
Eine Mischung aus beiden. Noch
stellte ich an mich im Geheimen die Forderung,
eines Tages groß
raus zu kommen, eine tolle Frau zu kriegen
und Geld im Überfluss zu verdienen, aber es bröckelte mir dieses Ziel langsam unter dem eigenen
Blick weg. Bald, so fühlte ich, wäre
mir auch das egal, und ich bereit,
mich mit einem Rest-Leben in mickriger
Durchschnittlichkeit zufrieden zu geben.
Es war eine schreckliche Vorstellung,
wie das Wissen um den Tod und vielleicht genauso
unausweichlich. Aber ich bäumte mich auf, wollte noch nicht aufgeben, ich durfte es auch gar
nicht, schon aus Rücksicht auf die Menschen, die mich liebten. Aber es war ein
qualvoller, tagtäglicher Kampf mit mir selber. Warum sollte es mir
anders ergehen als allen anderen?
Die Antwort war
ganz einfach:
Solange ich noch ein wenig
Mumm und Geilheit in den Knochen verspürte, wollte ich mich gegen die
große Gleichmacherei stemmen und
versuchen, mein Leben gemäß meiner
Natur zu gestalten.
Wirklich paradox war nur eines: Dass mich der Erfolg
meiner paar echten Freunde entmutigte,
anstatt anzustacheln. Früher war immer ich es gewesen,
der die Standards gesetzt hatte,
heute hinkte ich ihnen nur noch hinten nach. Wie war das passiert? Wann und
warum? Bis Dreißig ein Superstar, jetzt
nur noch eine harmlose Pfeife, die sich an die Bruchstücke der glorreichen Vergangenheit klammerte, um nicht abzusaufen. Es wäre
besser, wenn ich die morschen Planken der Neunziger
losließe, um aus eigener Kraft ans
Land des neuen Jahrtausends zu schwimmen oder, noch besser, zu waten. Indes würde ich gute Miene zum bösen Spiel machen. Warum sollte ich
jemanden mit meinen lächerlichen, privaten Nöten belasten? Es war doch geistlos, was für ein Theater ich um mich selbst
machte. Halt das Maul und tu was! So ging es ständig
hin und her, up and down, links und rechts, dazwischen kam die eine oder andere
Geschichte, der eine oder andere Fick. Und, trotz allem wünschte ich mir nicht,
jemand anders zu sein, no, Sir, ganz
im Gegenteil. Wenn ich an all die
traurigen Würste dachte, die auf den
Straßen herumschlichen, größere
Idioten als ich waren, mit noch weniger
Erwartungen und noch weniger Phantasie, beschlich mich das Gefühl, noch ganz gut
weggekommen
zu sein, in der großen
Geburts-Lotterie.
Darauf onanierte
ich und ejakulierte in die Duschtasse. Ich drehte das Wasser ab und schlüpfte zum
zweiten Mal in meinen dicken Frottee-Bademantel. Zeit für ein Bier, schätzte
ich, latschte in die Küche, guckte in den Kühlschrank, entdeckte zwei über
gebliebene Flaschen, nahm eine raus und öffnete sie, gleich in meinen kaputten
Sandalen und im Bademantel. Gluck, gluck. Lecker Bierchen.
Die Kälte flutete
durch meinen Magen in den Darm, der
kulanterweise gleich damit loslegte, zu kontrahieren. Die Peristaltik! Noch mal aufs
Klo! Ächzend ließ ich es in die Muschel plumpsen. Mief stieg mir in die Nase. Ich konnte auf Anhieb das
erkennen, was ich zwei Tage zuvor gegessen
hatte: Scharfe Kartoffelsuppe mit derben Knoblauchwürstchen. Deckel drauf, Spülung ziehen, Hände waschen. Der zeitverzögerte Luftabsaugventilator
sprang an. Das Geräusch nervte.
Köstlich wäre es hingegen, alle Zeit der Welt zu haben, um sogar meine uninteressantesten Beobachtungen und Erlebnisse für die Nachwelt festzuhalten,
aus dem Leben ein selbstreflexives Sein zu machen, das sich selbst beschreibt, ich
bloß der Federhalter, unter völliger
Ausschaltung meiner Persönlichkeit.
Das hat zwar schon vor mir eine Legion
von Schreibern so gemacht, würde aber
auch mich einiger Probleme entheben:
Ich könnte jegliche Aktivität
einstellen um passiv zu verharren, erfüllt von der hochmütigen Bescheidenheit, auch in den abgeschmacktesten Vorgängen den Willen des Herrn zu erfüllen oder gar zu ergänzen,
wenn nicht zu verbessern, indem ich diesen Vorgängen Namen gäbe,
eigene Worte dazu verwendete, den
Gott eines stierenden Bauern zu ersetzen durch den einer hoch gebildeten, völlig
dekadenten hochartifiziellen Sprache.
Des Weiteren müsste
ich nicht mehr daran zweifeln, ob das, was ich schreibe, gut
ist oder nicht, ob das, was ich tue anspruchsvoll ist, oder niveaulos, ob meine
Form der Wahrnehmung geschärft ist oder schlicht verrückt. Ich könnte in
einem abgedunkelten Elfenbeinturm
sitzen und nach Innen gucken, den
lieben langen Tag. Oder den Pflanzen beim Wachsen zusehen, jede
Blütenrippe einzeln abzählen, jeder feinsten Nuance im Äderwerk der Blätter mit
einer Lust nachspüren, deren Qualität körperlich wird: Dünne gräuliche Luftwurzeln, die aus dem Herzen des
Anthuriums wachsen, mit den Rüsseln magischer
Elefanten vergleichen, die gerade Erde tranken. Jeden Gedanken, ganz egal
wie klein, würde ich aufknäueln bis zum Ursprung
seiner Dinge, um am Ende hunderte,
wenn nicht tausende Seiten Papier voll gefüllt
zu haben mit dem Mosaik meiner Innenperspektive. Ich trocknete meine Hände.
Nein, das könnte unmöglich
funktionieren, oder? Die Uhr würde ihre Zeit ohnehin verticken, ob sie nun mit
Sinn angefüllt wäre, oder nicht.
Eine Uhr mit vier Zeigern.
Tick-tack, tick-tack. Ich ging in die Küche zurück und machte mir ein
Gabelfrühstück...
Damit sei die Untersuchung
über das Wesen von Gerechtigkeit und
Ungerechtigkeit,
desgleichen über das Gerechte und
das Ungerechte im Allgemeinen, abgeschlossen.
Nun ist es aber möglich, ein
bestimmtes Unrecht zu tun, ohne deshalb schon ungerecht
(schlechthin) zu sein…
Du kannst sagen, was du willst, Bruder, aber diese verrückten
alten Griechen waren verfluchte Genies. Haben nachgedacht,
sich Jahrhunderte lang die Köpfe
zerbrochen, über die abstraktesten und abstrusesten Dinge,
ihre Gedanken unter dem gleißenden
Lichte der Ägäis formuliert, durch
dieses Licht erst dazu stimuliert und der Nebendepression entzogen, sie in Worte gegossen, die in ebenso wunderbaren Übersetzungen auf uns gekommen.
Teleologe, eine SUPER Beruf im
Fernsehzeitalter. Tatadadaratatatam, dara-tata, darada-tata, tam, tadaratatam,
sie ziehen ein, die Phäaken, die Sybariten, freuen sich auf Fleisch und Wein
und Weiber. Sag, wer will es ihnen
verübeln? Manche einer trägt
Schönheitsflecken im Gesicht, sie haben Kränze im Haar und Schärpen um den
Bauch, Gaukler und Diebe, Gauner und Huren. Alles, woran der Mensch glaubt, hat seine eigene
Kraft, birgt seine eigene Realität. Daher kommt er auf den Gedanken einer
Ethik, wendet er Zeit auf für Philosophie und Kunst, wobei die zwei nicht
voneinander trennbar sind und aus einem gemeinsamen,
tieferen Urgrund stammen: Der als
Wissenschaft getarnten Ehrfurcht vor
der Natur, dem Leben selbst. Daher gehen
Menschen in Philo-Seminare, tun sich Studenten immer wieder die Mühe an, diese
Texte zu beackern. Nicht jeder ist dafür von Natur aus beschaffen, kann es aber
lernen, wenn er das Glück hat, auf gute
Pädagogen
zu stoßen: Mit den Erziehern, die unsere Vorbilder sein sollten, fängt alles an. Zuerst sind es die Eltern, dann die
Lehrer auf den Schulen.
Indem wir uns daran gewöhnen,
Gefahren zu verachten und sie zu meistern, werden wir tapfer, und sobald wir es
sind, können wir ihrer am sichersten Herr werden.
Die Graupensuppe
war endlich fertig. Als Kind versetzte mich dieses Wort in nacktes Grauen: Ich
stellte mir eine Suppe aus grauen Raupen vor. Die armen Raupen! Als Kind liebte ich Raupen. Vor denen mit den
langen Haaren hatte ich Respekt, die kitzelte ich aus Vorsicht nur aus der
Distanz, mit einem Grashalm. Aber die nackten, die sich so lustig krümmten, mit
ihren kleinen Stummelfüßchen! Ich nahm sie ohne Angst zu haben mit den Fingern von
den Blättern und Stielen und setzte sie mir auf die Handfläche. Das Kribbeln
der kleinen Beinchen war zauberhaft. Besonders putzig fand ich es, wenn sich
die Raupen zu Loopings zusammenkrümmten, um anschließend umzufallen, und wie
kleine Omegas liegen blieben.
Die Raupen, die ich
in den verschiedenen Wiesen so anfand, waren grün,
haarig, mit Pünktchen und ohne, gemusterte und einfärbige,
es gab braune, schwarze mit gelben Streifen, und die berühmten grauen. Aber die allergeilsten
Raupen waren die Grauweißen. Die waren meine Lieblinge.
Und dann kamen als nächste bereits die Grün-Grünen. Die waren sehr lustig, wenngleich
sie ein wenig schneller waren, als
ihre grau-weißen Cousinen. Schlanker,
und obwohl sie giftig wirkten wegen
ihrer Signalfarbe, so stellte ich
doch fest, dass auch ihre Haut weich war, und prall. Kleine, lebende ausgestopfte Würstchen. Wenn nun jemand diese armen
Raupen in eine Suppe geschmissen
hätte! Die armen! Lebendig gekocht! Wer konnte so gemein
sein, und das auch noch im Supermarkt verkaufen? Es hat sehr lange gedauert,
ehe ich den Unterschied kapiert habe, schließlich war ich ein Ausländerkind.
Ich rührte ein wenig Ölivönöl in die Suppe und geriebenen
Parmesan, fügte klein gehackte Chilischoten dazu, vermengte die ganze
Sache zu einer duftenden Körnerpampe und machte den Deckel drauf. Ich nahm den
Topf von der heißen Herdplatte und stellte ihn auf ihrer freundlich erkalteten,
linken Nachbarin zum Nachziehen ab. Lecker. Was würde ich an diesem freien Tag unternehmen? Die Zeitung
hatte ich schon vor dem Kaffee heraufgeholt.
Ein dienstbarer Geist steckte sie jeden Morgen
in Allerherrgottsfrühe in meinen
Postkasten im Parterre. Ein guter
Kaffee zur Morgenzeitung, so viel Zeit muss sein. Ein paar kleine Einkäufe,
der eine Gang zu erledigen, und noch ein zweiter, nichts wirklich Unaufschiebbares,
aber doch, später Lektüre, ein wenig
Klavierspielen, das Pferd wollte geritten,
der Hund bewegt, die Frau befriedigt werden und die Vernunft auch nicht zu kurz
kommen. Die lästigen Pflichten eben des
Herrschers eines kleinen Königreiches,
mehr mit Landwirtschaft beschäftigt,
denn mit Landnahme. Ich war ja ein Idealbild! Die alten Griechen krümmten sich
vor lachen. Ich könnte die Gelegenheit
nützen, und die Pflanzen umtopfen. Den Wedel zu schwingen,
die Verhältnisse reorganisieren,
solange es noch ging all
die kleinen lästigen Dinge erledigen
die in Wirklichkeit gar nicht lästig sind sondern Freude machen können.
Ich setzte mich an
den Rechner, fuhr ihn hoch, holte die Unterlagen
aus dem Regal und machte mich
missmutig an die Arbeit. Ich hatte
keine Wahl. Ja, gewiss, wäre ich in
einem andren Jahrhundert geboren, und
so weiter, oder bloß fünfzig Jahre
früher, so wäre mir gemäß meiner
sozialen Stellung ein glattes, angenehmes
Durchrutschen im Leben bestimmt gewesen.
Als Viertgeborener einer adligen Familie kommt vor allem die Diplomatie in Frage. Ich muss nicht erben, nicht Soldat oder Priester
werden, sondern darf das bunte Nesthäkchen bleiben. Eine musische Erziehung, Verwandtenbesuche im Ausland, eine Apanage, Studium, Eintritt in den Staatsdienst, und vor
allem das tun, was ich am Besten kann: Parlieren, repräsentieren, charmant galante Beziehungen
mit höheren Töchtern pflegen.
Heutzutage konnte ich mir die
automatische Zugehörigkeit zur Elite aus einem Geburtsrecht quasi in die
Haare schmieren. Wäre auch fatal, wenn die Gesellschaft auf Typen wie mich angewiesen
wäre.
Nachdem ich nicht
Diplomat werden konnte, mein Berufsabschluss mich im arbeitsmarktlichen Nichts
enden lassen würde und die Schreiberei nicht mehr schien als ein besseres
Hobby, war guter Rat teuer. Meine
Schwächen kannte ich, meine Stärken auch, es waren ja nicht viele. Ich
beherrsche vier Sprachen perfekt, eine fünfte gut
und eine sechste so lala, konnte erstklassige
Manieren an den Tag legen, hatte in meinem bisherigen
Leben neunzehn verschiedene Länder bereist, ungefähr
viertausend Bücher gelesen (Klasse
und Schund inklusive) sowie eine Kohorte an Frauen gefickt.
Ich interessierte mich für Kunst, Politik, Literatur, Geschichte und Musik. Wem
zum Teufel könnte ich dieses Paket gewinnbringend verkaufen? Dem Pornobusiness? Dem Fernsehen,
Radio, Theater? Internet? Für wen könnte ich mein Wissen und meine Erfahrung einsetzen?
Vielleicht für eine
Enzyklopädie, ein Auktionshaus, eine Schule oder andere Besserungsanstalt? Wer wäre bereit mir dafür ein angemessen erkleckliches Salär zu überweisen, Monat
für Monat? Schwierig, schwierig, popierig.
Zitat Ende.
Erst einmal mit
Uronkel Heini fertig werden.
Das musste ja zu
schaffen sein! Ich sprang auf und latschte
hektisch durch die Bude. Ich kann dann besser denken, und spreche dabei mit
mir. Wie pathetisch! Wie peripatetisch! Der olle Typ! Aber illoyal war der nie!
No, Sir! Eher schon ein Phänotyp seiner selbst. Ein Muster an dem andere gemessen werden. Zweifelsohne ein Wanderer zwischen
zwei Welten. Ein kühner Kerl. Handbücher
wurden zu seinen Ehren verfasst, und schon hat sich eine glitzernde
Panade des Ruhmes am Namen festgebacken.
Nieder mit den verrückten Pennern! Oder so. Aber Prinzipien haben auch eine gute, konstruktive Seite. Sie zwingen zu Konsequenz. Ich hasste und bekämpfte meinen
inneren Schweinehund mit brutalem Hass. Marihuanazigaretten.
Bremer Bier. Bluesgitarren.
Elektromagnetische
Frequenzresonanzen. Flammeri am frühen Nachmittag.
Die unsympathische
Yugo-Verrückte mit den kleinen
Dreckstölen, die seit Monaten immer in derselben Kombination aus beige Jacke und schwarzen Jogginghosen
das Haus verlässt, ja, die ist es, die mit den knallenden Fenstern und Türen.
Bei allem Verständnis dafür, dass es Menschen gibt,
denen die Sicherungen durchgeknallt sind, ist es dennoch unverantwortlich und
rücksichtslos Verhaltensgestörte auf
Normalsterbliche loszulassen, die in der täglichen
Verhaltenspsychologie davon ausgehen, dass ihre Mitmenschen intentionale Systeme
sind, die ihre durch den Zeitpfeil unabdingbar
teleologisch ausgerichtete Existenz vernunftgemäß
einrichten. Wie soll ich einer Verrückten erklären, dass ihr Verhalten bei den
Nachbarn Irritationen auslöst? Mit Worten? Wurstsalat? Einem saftigen Handkantenschlag
auf die Nase? Bliebe nur noch Verständnis, und seufzend begebe auch ich mich jedes Mal wieder unter dieses
Joch der Nächstenliebe. Als Gesinnungschrist
muss ich Selbstdisziplin üben.
Jetzt wumsten auch
noch die Türen im Hinterhof. Die versoffenen Sozialhilfe-Penner von nebenan!
….Jumping Jack Flash, it’s a gas,
gas, gas!
Ich wollte lieber
Votze lecken. Mit V wie „Vagina“.
Ich hatte noch nie Angst vor einem
bissigen Exemplar. Die dentata, Deo gratias
in Denver, war vorerst an mir vorübergegangen. Schlussendlich
musste ich Büßer bald baden gehen.
Dringende Düfte dräuten. Lässige Lesben leckten. Ächzend kehrte ich an den Ort
meiner Marter zurück.
Wild, wild horses
couldn’t drag me away…. .
Teil
Zwei
PRAWN SIGAR
Ein Jahr später.
Bravourös war das
mittelalterliche Abschneiden nicht gewesen,
aber vermutlich fair. Ich hatte eine weitere Klippe umschifft, steuerte munter
auf die nächst folgenden zu. Meine
Bude stank nach Abdecker und kalten Bauern. Die Eisheiligen
ließen sich nicht bitten, endlich abzuhauen. Ich konnte nur hoffen, dass meine
Dosen an psychedelischer Musik auch der verhaltensgestörten
Flüchtlingstante aus dem ehemaligen Jugoslawien
ein wenig Linderung verschafften. Für mich war laute Musik an Tagen, wo es ziemlich schlimm war mit ihr der einzige Weg,
inkohärente Schreie und periodisch wiederkehrendes, zwanghaftes
Aufreißen und Zuschlagen der Fenster
und Türen phonetisch zu überlagern.
Andernfalls wäre mir nur der Weg der
Selbstjustiz geblieben, und jeder
weiß, ich bin seit meinem Eintritt ins Mannesalter kein Freund mehr von roher
Gewalt. Eine meiner Lieblingsbands
aus den Sechzigern sind The
Tea-Tales. Die verursachen bei mir weitgehend
gute Gedanken, selbst, als die Jungs zur Imagekorrektur
nur noch gegen
den Wind pissen konnten, um überhaupt anders wahrgenommen
zu werden, also warum nicht bei einer psychisch Kranken? Immerhin war sie nicht
bösartig, was bei einer potentiell missliebigen
FRAU einen großen Schutz vor Verfolgung,
Denunziation und heimtückischen Messerstichen ins Abdomen bot. Aber drifte
nicht ab, Bruder Seemann, drifte nicht ab!
Fünfundneunzig Wegstunden
müssen wir noch zurücklegen, ehe wir
das Ziel des Tages fehlerfrei
überqueren können! Das ist unsere Pflicht! Patronin der reuigen Dirnen und der blinden Kinder, gegen
Halsschmerzen und Infektionen. Die katholische Kirche als Quelle der
anthropomorphen Naturheilkunde? Zu drollig!
Ich setzte die Gitarre an, spielte ein paar Akkorde, ließ es bleiben und
stellte die alten Langlaufskier
zurück in den Kadaverkasten. Aber aus einer anderen Quelle sprudelten Energien. Sie bahnten sich voller Wärme einen Weg durch neblige
Novemberfahnen, ritten auf den Schultern von eisigen
Tigern, teigigen Heiligen,
feucht glänzenden weiblichen
Geschlechtsöffnungen.
And it really doesn’t
matter if I’m wrong or right.
Und wie war das mit
den Dingen, die gestern noch so bedeutungslos
schienen? Messerscharfe Analysen der Zukunft? Ein Arpeggio zu Ehren ehrlich angetretener
Ruhestände? Fröhliche Abschiedsbriefe inmitten frühsommerlicher Ruhestörungen? Die Babyboomer werden alt. Das kennen die
nicht, trotz Holzstäbe und alter Berge.
Sex und Drogen nehmen in einem
modernen Leben eben einen festen Teil ein. Drauf die Pauke! Wir verwirklichen
eure Versäumnisse! Wir lassen andere dafür arbeiten! Mister H! Zwei Jahre
später jagte der Prophet kalten
Truthähnen nach.
Äggädy!
Äggädy!
Äggädy!
Der Gebieter hat
gesprochen.
Ließ es rumpeln,
entzog Schmieden und Stieren kurz die übliche wohlwollende Unterstützung. Da
krachte es! Es flogen die Balken in
Splittern umher! Unbeabsichtigt Ziel gerichtete Argumente verstiegen sich zu
radikalen Amputationen! Wie gehabt! Im Krisenfall! Lauter AUSRUFEZEICHEN
VERDERBEN DEN SCHREI!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Banzai.
Das können wir
nicht schreiben.
Banzai.
Noch können wir
nicht alle Kobolde austricksen.
Einige sind und werden vifer bleiben.
Was für ein Wunsch:
„Zehntausend Jahre
sollst du leben!“
Ein empirisch
tangibler Dank für den Eintritt in die wunschlose Ewigkeit.
Manche andere fügten sich bereits vor der biologischen Zeitenwende ins Joch und sahen daher auch
vor ihrer Zeit danach aus. Der Kranich schlägt
die Schwingen. Er wirbelt einiges auf. Süße Düfte und grimmige Jauchen. Flugs
pingt der Schmied auf dem Amboss
eine flotte Melodei, da gehen auch
schon alle Bombenschäden vorbei! Hosianna in der Höh’! Rumpta-bumpta, die Angelsachsen rollen zur Feier vorsichtshalber
Bierfässer und Ballen unvorteilhaft
kleidsamer Uniformen auf die Bühne. Das wunderbare daran ist, diese Klamotten
sind so unschick und daneben, wie es nur Engländer
können, mit diesem anglo-römischen
Witz, der Pathos nicht zulässt und Fetische in den ihnen angestammten Bereich der Perversionen verweist.
Guter Witz kann mit
Selbstbesudelung einhergehen, bedingt
sie allerdings nicht. Feldwebel
Pfeffers Orchester der Vereinigung Einsamer Herzen. Deswegen
erkannte sie auch keiner als Solche. Die Dramaturgie
griff in die Vollen. Bedrohliche
Gebirge türmten sich vor dem geistigen
Auge auf, ehe sie durch das Läuten
eines Weckers verscheucht wurden. Aber der Schutz ist nur vorübergehend, das Drama greift
um sich, spitzt sich zu einer lokalen Götterdämmerung
zu, ehe die Gemeinschaft der Übrigen
zur Tagesordnung übergehen
darf. Das Zuschlagen von Türen, ein
Zeichen der Rebellion. Und einer hartnäckigen
Verkühlung. Fleisch lebe wohl! Für
vierzig Tage!
Andere Leute sahen so was ein ganzes
Leben lang nicht. Das war sozusagen außerirdisch. Das Leib-Seele-Problem! Wiener
Würstchen? Karotten im Arschloch? Alles kein Problem! Der schärfste Senf, der
teuerste Essig der Welt. Fett
täuscht. Gärung fault. Gangrän tut weh, OK? Selbst Gebirge
zerbröseln unter dem nagenden Zahn
der Zeit. Warum nicht auch Liebe oder Anstand? Andererseits, wenn das Wetter
besser wäre, fiele meine Beurteilung
der momentanen Gesamtsituation vermutlich ein wenig
milder aus.
Ein völlig verregneter,
kalter Mai. Schicke Schnupftücher, kalte Füße und heißer Kamillentee, trübe
Stimmung, rauer Hals und endemische
Auswanderungswünsche allenthalben,
das ist meine Stadt im Wonnemonat 2005. Inselkoller? Ja, bitte! Ab auf die
Insel! Kollernde Auerhähne kullern Abhänge
kühn abwärts. Eine kleine Darmspülung
verschafft ebenfalls Erleichterung.
Aber ob das Heil siegen wird, bleibt
mehr als unklar. Egal. Hauptsache,
immer feste druff! Gluck, gluck! Und
noch mal GLUCK! Dagobert Duck und
Dussel und Donald und Gustav Gans und Daisy und Oma, oh Dannyboy, this is a show-down, und die ganze
restliche Pappnasen-Bande aus Entenhausen, Qui, Quo, Qua, Tick, Trick und
Track, und so weiter, eine gelbschnäblige Querulantentruppe die nur unsinnige Abenteuer erlebt mit an den Haaren herbeigezogenen
Gags, zumindest seit Ende der 70er
Jahre des 20. Jahrhunderts. Schwachsinn de luxe.
Mehr war von mir nicht
zu erwarten, an so einem Tagebuchtag, an dem sporadische Lichtfünkchen auftreten, jeder
kleine Splitter eine Erinnerung, ein
Partikel mehr, das mich mit mir selbst verband, nichts vergessen, alles archiviert, auf Abruf bereit. Aber im
Großen und Ganzen stimmt die Stimmung
mit der Grundmelodie meines Lebens überein, gewisse
Anlagen und Vorlieben lassen sich
wie ein roter Faden zurückverfolgen.
Dreihundertsiebzig Worte mit einer
halben Flasche Bier. Geht sich das aus? Es muss. Eine ewige,
eine eilige und eine heilige Stadt. Drei Stationen, dazwischen purzeln den
Blick verstellende Ersthände vor die Linse, drängen
sich plusternd auf, tun so, als wären sie die einzigen
oder wichtigsten, dabei markieren
sie nur die bislang am häufigsten genützten
Schneisen in den dunkeln Wald. Rauschstrafe. Knisterpelle. Platzkapseln.
Lässig schnippen würzig
duftende Piniennadeln und Pignole
quer durch einen weichen, warmen, Sommernachmittag,
ehe es zur Siesta ging, eine unwillkommene Unterbrechung meiner Spiele, aber immerhin fühlten sich die
kühlen Laken im verschatteten Schlafzimmer hypnotisch an, sie erzeugten in mir den fast Speichel treibenden Wunsch nach
Schlummer, eine nicht lüsterne Lust nach dem zärtlichen Reiben der Wangen am flaumigen
Polster. Die Zikaden zirpten ohne Unterlass. Sehr selten nur braute sich ein
Unwetter schon um jene Tages- oder gar Jahreszeit zusammen, das blieb den Tagen vorbehalten, an denen wir am Abend bereits die
ersten, dünnen Strickjäckchen oder gehäkelten
Pullover angezogen bekamen, meine kleinen Vettern, Basen und ich.
Am Ende eines jeden
Meeressommers musste ich voller Schmerz das Land der mütterlichen Ahnen
verlassen und in meine ungeliebte
transalpine Diaspora zurückkehren, in der sich alles gegen mich zu wenden schien, sobald wir, meist im
Auto, oder im Zug die Grenze zum nördlichen
Nachbarland passierten. Meine Mutter hatte mir zwar Jahre zuvor erklärt, warum
es notwendig war, die geliebte Heimat zu verlassen und meinem Vater zu folgen, aber ich hatte es nicht verstanden. Und doch
bildete auch dieser Eingriff mit
allen seinen Nebeneffekten den schier uneinschätzbarsten Hintergrund meiner geistigen Entwicklung,
ich bin im Rückblick sogar davon
überzeugt, diese Übersiedlung war der springende
Punkt. Wären wir im Süden geblieben,
ich wäre das Wonne strahlende Kind geblieben,
dessen Ernüchterung schleichend,
also unbemerkt vonstatten gegangen
wäre, und auf diese Weise der Kindheit samt ihrer Unschuld für immer verlustig geworden.
So aber kam die Ernüchterung schlagartig,
aus dem erstgeborenen Prinz wurde der
Prügelknabe, das unwillkommene
Mitbringsel aus erster Ehe. Alleluja.
Und Good-bye. Struktur, Struktur, Struktur.
Das Außergewöhnliche war die Gestaltung,
amorph nennbar, im Vergleich zu dem,
was ich später kennen lernte, wunderbar in der Freiheit, die es meiner
Phantasie gönnte, frei von Furcht
und Zweifel. Die Unfähigkeit zu
verstehen, was passiert war, paarte sich mit der Weigerung, diese grobe
Wendung zum Schlechteren hin einfach
so hinzunehmen. Je mehr Druck und Willkür ich zu spüren bekam, umso schneller
lernte ich, mich zu wehren. Menschen in Bedrängnis
entwickeln eine große Phantasie. Die
Strategie besteht darin, dem Gegner immer eine Nasenlänge
voraus oder zumindest gewappnet zu
sein gegen
das unvorsehbare Diktum schlechter stiefväterlicher Laune. Die war nämlich ärger als der Ekel vor Spinnen oder die Angst vor den Monstern im Kohlenkeller. Heute ist damit
vorbei. Und so weiter. Auch das gehörte
dazu, zum Erinnerungspotpourri mit
Poularde und Pottasche. Wenigstens gab es damals keine Kochbücher für Die neue Armut.
Hinter jedem
freundlichen Riss im Himmel, der blausonnig
klaffte dräute schon ein dunkler, buckliger
Wolkenhorst. Beim besten Willen konnte ich mich nicht daran erinnern, dass es im
Jahr davor auch so gewesen wäre. Es hätte auch keinen Unterschied gemacht. Heuer standen ohnehin mit Aristoteles und
Derrida schwere Zeitfresser auf dem Programm.
Ein typischer Fall von Selbstüberwindung.
Derrida. So ein Dekonstruktivist! Böser Junge!
Hat der Welt Flöhe ins Ohr gesetzt,
die sie nimmer loskriegt. Ich ging in
die Küche und schälte zwei dicke Karotten. Ich liebe sie. Vitamine und Naschen.
Der alte Tuberer klebte also auch noch immer an seiner erstickenden Existenz,
dabei hatte ich ihn schon im vergangenen Herbst abgeschrieben.
Die arme Schwalbe die ich bereits vor Tagen
das erste Mal gehört hatte war wohl
wieder weggeflogen. Richtung
Sonne und Blumen und leckere Samenkörner. Weiße Mythologie
eben. Aber ich muss zugeben, dass
dieser Ausdruck nicht von mir stammt. Ist nur geborgt. Ich bin ja kein oller Schwindler.
Anders der gute, alte Nikomachos, der knallt einfach seinen
Namen auf die nachgelassenen Werke
vom Herrn Papa und zack! Kommt damit groß
raus. Und einer meiner Professoren, der sich aus dem Fundus eines berühmten
Berufsrevoluzzers bediente. Oder der amerikanische Schriftsteller, der sich die
Erfolgsromane von der Ehefrau
schreiben ließ die er zum Dank dafür regelmäßig verprügelte.
Und der dumme Habakuk, der fremde Pfauenclown. Schwatzgräber
in gefüllten Westen. Landpomeranzen
mit großem Ehrgeiz
und kleinem Talent. Strichjungen aus
Faulheit. Mittelmäßigkeit in
schicken Klamotten und modischen Posen. Wetterfeste Arschlöcher, die für den
Durchbruch alles geben,
rücksichtslose Karrieristen mit dümmlichen Visagen.
Es ist eine ganze Menge, was der heutige
Philosoph besoffen wie nüchtern ertragen
können muss. Das trifft vor allem Leute wie mich, die nicht im Geringsten auch nur in die Nähe des Begriffs geraten.
Trotzdem machen wir uns alle vor, auf der Welt unersetzlich zu sein. Aber einfach
nur spitzfindig Dagegenreden
ist nicht genug.
Unreife offenbart sich selbst ebenso wie Hast und Prahlerei. Dabei Angst vor Blamage.
Ich gehöre dazu. Nur ganz wenige
Kommilitonen sind souverän. Ja, wie machen die des denn? Ehre, wem Ehre gebührt. Denn damit verhält es sich anders, als mit
Telefonanschlüssen. Nussig schmeckender naturbelassener Langkorn-Spitzenreis, mit dem blumigen Bouquet echter Alpenbutter plus Safran und geriebener Parmesan, ein Gedicht von einem Gericht
am Deich gequalmt. Kater Krater
hinterlassende Spelzenbeuge Rolle
rückwärts! Läuse in Haupt- und Nebenhaar! Es stank nach ungewaschenen Körpern und Abfall und Armut. Zehn Zoll
lange Penisse stecken in klaffenden
Körperlöchern. Magnesiumbrausepulver
ist gut für Nerven, Herz und
Muskeln. Runter damit! Eine unbändige
Lust sich mit abstrakten Inhalten zu beschäftigen
löst das bei mir dennoch nicht aus. Ablenkungsprogramm. Müdigkeit
überkam mich. Gähnende Langeweile
und Leistungsverweigerung.
Bis ins kleinste Fitzelchen meiner Abgründe
hinab zwang mich die Fluchtanalyse
zu dringen, schonungslos Fackeln in die von Salpeterwasser triefenden
Höhlen zu halten, um herauszufinden, was schief lief. Aber außer Müll und
Gerümpel fand ich nichts außer dem hastig
verwischten Spuren vergangener Exzesse. Ich würde auch weiter darauf warten,
dass die Erleuchtung von oben auf
mich herab käme wie Manna. Müssen. Mögen.
Mösen.
Von der
aristotelischen Gerechtigkeit nichts
zu sehen. Von Dekonstruktion à la Derrida dito nichts zu sehen. Item fühlte ich
mich von allen guten Geistern
verlassen. Räudiger Katarr-Geschmack
nistete zwischen meinen Zähnen. Ich war krank, krank, so krank, oh, oh, ohh ja.
SOO krank. Was für ein geiles Wort,
krank. Klingt nach Krake und dem
Geräusch zersplitternder Schienbeinknochen, nach Eiter, Karbol und tief
verschleimten Schleimhäuten, nach käsigen
Nekrosen, ungesunden Sexualpraktiken
und unmöglich verkrümmten Gelenken.
Allein, das würde mich nicht davor schützen können, endlich dieses verdammte
Metapherntheorie-Referat auf die Reihe zu kriegen.
Insgeheim näherte ich mich ja diesem Thema, kreiste es
vorsichtig tastend ein, umrundete es
mit den Fingerspitzen wie einen
unreifen aber dennoch schmerzenden Pickel an Hals oder Stirne, war bereit, die
Festung zu stürmen, wenn auch erst
im letzten Moment. Unzufriedenheit ist ein Pamphlet wider die Harmonie. Sie legt sich gerne
mit Neid und Faulheit und Disziplinlosigkeit
ins Bett. Sie ist der schlimmste Feind des Menschen und manchmal der einzige Weg
aus misslichen Situationen, aber nur, wenn es gelingt, sie aufzuzäumen und den Karren vorwärts ziehen
zu lassen wie eine Naturkraft. Aber sie ist auch ein schlechter Berater in der
Not aus Gründen der anvisierten schnellen Unlustvermeidung
durch Flucht. Waren das noch Zeiten, als Frauen in Samthosen verrückt durch die
Luft flogen und so was Tanztheater nannten! Abgesehen davon fand ich die lautstarke Schreibweise
von Monsieur Derrida schlichtweg
übertrieben. Ich hatte üble Blähungen,
die schmerzten. Es lag wieder einmal
an mir, aus einem schier unüberblickbaren Wust von Informationen die paar
Goldkörnchen herauszusieben, ohne deren Hilfe ein Verständnis unmöglich war.
Ich hasse alle
Autoren, die sich nicht unumständlich auszudrücken vermögen.
Ja, gewiss, viele Fachausdrücke
bilden ein Jargon, aber kompliziert
zu schreiben ist kein Zeichen wahrer Geistesgröße.
Das kann jeder eitle Depp. Wenn dich niemand versteht kannst du dich zwar als
brillant durchmogeln, aber nur solange es niemanden gibt,
der das überprüfen kann. Das will ich Frère Jacques nicht unterstellen, aber
ein wenig Rücksichtnahme auf den
implizierten Leser muss auch der durchgeistigtste Intellektuelle aufbringen
können. Sonst ist er ein eitler Stutzer. Und verglichen
damit war große Aristoteles, der unbesiegte Welt-Meister des syllogistischen
Voranschreitens, obwohl kognitiv
nicht weniger fordernd, ein wahres
Labsal: Klar, konzis, kompetent. Aber auch das war egal,
es würde niemand mir zuliebe die Uhr zurückdrehen und dem in Algerien geborenen
Philosophen bei der Niederschrift der „Randgänge“ in den Arm fallen und ihm sagen: „Halt! Du
schreibst zu kompliziert! Lerne, dich verständlicher auszudrücken!“
Schließlich ist die
Uni eine freiwillige Veranstaltung, gefordert
zu werden gehört dazu. Und ein
bisschen Förderung. Aber das war
eine ganz andere Geschichte.
Erschöpft vom Abwehrkampf gegen die Weiße
Mythologie resignierte ich, holte die Unterlagen
hervor, spitzte Stifte, legte bunte
Filzschreiber bereit, furzte, ging noch mal aufs Klo und begann
endlich mit meiner Arbeit. So schlimm war es gar
nicht. Es gab Dümmere, die das auch
schafften. Alles was ich alter Faulpelz brauchte, war ein wenig clevere Motivation.
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