Der Gemeine Katzenpanda

Montag

Nummer 378

ZEUGE DER ANLAGE




Um 15:51 stand ich endgültig auf, brühte mir einen frischen Tee und machte mich wieder an die Arbeit für mein Hans Arp-Referat. Eines war mir bei der Beschäftigung mit diesem alten Herrn aus Strasbourg aufgefallen: Auch wenn der Begriff Rock-Röhre auf ihn leidlich falsch gemünzt wäre, kann Hans Arp immer noch als Star bezeichnet werden. Ein stiller Stern, der Zeit seines Lebens eine ganz eigene Bahn konsequent und mit wachsender Virtuosität gezogen hat. Drei Generationen einer Familie spielten einträchtig und vital zusammen eine Partie Boccia. Der Opa konnte das trotz seines immens schweren Tinnitus-Leidens, weil er einen Geräusch-Masker trug, das patentierte Produkt einer angesehenen Firma. Alle waren ja so froh, dass Opa endlich das lästige Fiepen im Ohr los war, mit dem er sich immer vorgekommen war wie ein wandelnder Telegraphen-Mast. Aber als sein Sohn schließlich feststellen musste, dass die Deutsche Post den Telegrammverkehr eingestellt hatte, ließ Opa sich dazu überreden, ebenfalls mit der Zeit zu gehen und sich einem Gehör-Spezialisten anzuvertrauen. Zum Glück hatte ja der liebe Opa eine gute, private Zusatzversicherung zur Krankenkassa. Die regelte das eins, fix, drei. Auch der Sohn war gut versichert, sparte Geld in krisensicheren Fonds an und hatte nur noch siebenundvierzig Raten vor sich, ehe das Reihenhäuschen im Grünen abgezahlt wäre. Und der ganz Kleine hatte ganz besonderes Glück, dass seine Eltern und der Opa auf seinem Namen bereits langfristige Bausparverträge für Ausbildung, Aussteuer und die Feuerbestattung abgeschlossen hatten. Es war gut zu wissen für seine Angehörigen, dass sie am besten wüssten, was für den Junior das Beste wäre. Der kleine Max konnte sich entspannt zurücklehnen und warten, bis das ganze Leben wohl behütet an ihm vorbeizog, um ja nicht das schon vorfinanzierte Funeral zu verpassen. Schließlich hatte er ja schon jetzt eine wichtige Aufgabe innerhalb der Familie: Er musste die versprengten Boccia-Kugeln einsammeln, die seine Angehörigen im wilden Eifer des Gefechts quer durch den familieneigenen Pistazien-Hain gepfeffert hatten. Ab und an durfte er sogar werfen. Dann lagen Opa, Papi, Mami und der Rest der Truppe schon besoffen unter dem Tisch. Nur Max und seine Cousins und Cousinen waren noch wach, tobten herum, klauten ihren Alten Geldscheine aus den Portemonnaies, pinkelten auf den Grill und in die Schüsseln mit Salat und Bowle, dann zogen sie schreiend und lärmend ab, verballerten im Dorf die geklaute Kohle in Flipperautomaten, für Mickey Mouse-Hefterl, Pizzaecken, Eiscreme und Schokolade, ehe sie im Dorfkino einen Zombiefilm guckten. Aber es war alles in Ordnung, denn das Kino wurde von der katholischen Jugend betrieben. Für sie galten solche Filme als positivistische Erweckungs-Dramen. Die Nacht der lebenden Toten, The Dead, ghoulische Supermarkt-Schocker und ähnliche phantastische Post Mortem-Kannibalen-Filme, die das Herz Hans Arps erwärmt haben dürften, zumindest die in Schwarzweiß, verstießen nicht wirklich gegen die kirchliche Moral. Nein, das waren Episteln über die Vergänglichkeit des Fleisches, das Versprechen der Wiederauferstehung, das Scheitern der Widergänger, alles drastisch angereichert mit wahren Lebenssaft, dem spritzendem Blute unseres Herrn. Lauter biblische Vergleiche. Eine tief eingeborene Innenschau. Aber Max' Familie, lauter gestandene deutsche Mittelständler, waren verklemmte Kalvinisten und schätzten derart mediterrane Fleischeslust nicht sonderlich. Verdammte Italiener! Zu faul zum Arbeiten! Immer nur vino, amore, bambini! Haben uns im Krieg verraten! Und jetzt diese Schweinerei! Das durfte sich niemand gefallen lassen! Vor allem Opa nicht, und der verklagt den verantwortlichen Monsignore:
„Ich war ja schließlich im Krieg!“
Das war ein Schauspiel gewesen, als plötzlich, mitten in der Vorstellung, die völlig verkaterten, abgekarteten, bleichen und verschwitzten deutschen Angehörigen laut nach ihren Kindern brüllend durch die Eingänge in den Saal hinein strömten. Die Kinder verstanden nicht ganz, was jetzt abging, da im Film Zombies gerade ein Kino überfielen. Die Folgen waren unerquicklich: Sämtlichen Kindern, das Älteste war Max, damals gerade sieben Jahre alt, waren sämtliche Körperflüssigkeiten zugleich in die Hosen und auf die Hemden gefahren. Einige der Eltern und Tanten waren in der Gülle ausgerutscht, gestürzt, sich dabei böse die Köpfe, Ellenbogen und Knie aufschlagend. Opa war sogar über die am Boden liegende Tante Trude gestolpert. Als er mit der Fresse auf eine der harthölzernen Lehnen knallte, war nicht nur seine kostbare Goldbrille im Eimer, sondern auch noch sein sündteures Hörgerät, das in eine Lache undefinierbaren Schleims platschte, ganz zu schweigen vom schönen dritten Gebiss, das am Boden zerschellte. Weiße Porzellan-Stege, im Dreck leuchtend. Wer soll das bezahlen? Nicht unser Opa! Nein. Er zerrte den Priester vor den Kadi. Ein Jahr später war die Hauptverhandlung. Aber als Opa mit dem neuen Opel nach Neapel fuhr, wo er als Belastungszeuge aussagen sollte, wurde er nach einem Tankstopp bei Caorle auf der Autobahn von einer Bombe in dreier Stücke gerissen. Armer Opa! Alle Versicherungen mussten löhnen. Wenn das der Opa wüsste! Der tät sich schön freuen! Max hingegen wurde nach Opas Tod dessen Haupterbe. Sie steckten ihn in ein Schweizer Internat. Liebe? Soft Skills? Menschlichkeit? I wo! Nichts wert! Max durchlief sämtliche vorgeschriebenen Karriere-Stadien und wurde am Ende doch ein Bomben legender Terrorist.
„Und was hat das mit Hans Arp zu tun?“
Meine Studienkollegin, die ein wenig verwirrt wirkte, sah mich forschend an.
„Uhm. Die serielle Abfolge von sinnlosen Zufällen. Das Hineinplätschern von Pneuma in den Hirsebrei des Lebens.”
“Bloß das Arp allem Anschein nach aus dem Zufall ein gesetzmäßiges Prinzip formte.”
“Und an einer karrierefördernden Legende bastelte, wie denn seine Texte entstünden.”
“JA, das hat er sehr viel später in seinen Memoiren grade gerückt”
“Aber auch nicht ganz.”
„Richtig!“
„Mein Gott, es ist ja schon finster.“
Ich blickte nach dem Himmel.
„Und erst fünf Uhr.“
„Machst du uns noch Tee?“
“Gerne.”
Ich ging raus in die Küche. Sie stellte sich ans Fenster. Während ich mit dem Wasserkessel und den anderen Utensilien klappernd hantierte hörte ich ihre Stimme aus dem Nebenzimmer:
„Ist schon eigenartig, wie die Menschen miteinander umgehen.”