BLABLABLA
Ehe Philosophen sich über gewichtige Dinge den Kopf zerbrechen, sollten sie eine ganz banale Sache betrachten: Die Mündung des Mastdarms (Rectum). Diese Öffnung wird durch den Afterschließmuskel verschlossen, der aus einem inneren, unwillkürlichen, zur Mastdarm-Ringmuskulatur gehörigen Teil und einem äußeren Teil aus quer gestreifter Muskulatur besteht, die willkürlich erschlafft oder kontrahiert werden kann. Dieser Muskelteil ermöglicht somit, die Darmentleerung unter die Kontrolle des Willens zu bringen. Der Afterbereich ist reich an Schweißdrüsen und an Venengeflechten (Hämorrhoiden). Wie zu sehen ist, beinhaltet die Vorrichtung des Afters als Grundbedingung den freien Willens. Dieser freie Wille ist wiederum unter der Bedingung des „Ich“ vorstellbar.
Nehmen wir also an, einer der grunzenden Cro-Magnon-Menschen muss defäzieren. Er oder sie verspürt ein gewisses Rumpeln im Gedärm, sucht das Weite und hockt sich in seiner steinzeitlichen Landschaft unter einen Busch. Das Pressen und Ziehen wird unerträglich, da, endlich, die große Erleichterung, die Kotsäule flutscht als große braune Wurst aus dem Leibe. Nun wird er oder sie einige Blätter vom Busch reißen und sich mit ihnen reinigen. Welche Gedanken ziehen durch diesen frühmenschlichen Geist? Ein Oooommpphh, oder eher Aaahnnnggn? Wird der Frühmensch getröstet sein oder war es ein eher unangenehmes Erlebnis, weil er oder sie an Hartleibigkeit leidet? Wird das Wörtchen „Ich“ im Kopf golden aufschimmern oder nicht?
Machte das für unsere Ahnen einen Unterschied?
Wann wurde aus dem unappetitlichen Urlaute-Brei ein leckerer Wortstrudel? Was hatte geschehen müssen, ehe sich diese Wesen als Individuen wahrnahmen? Wo und warum? Wie bitte?
Das sind müßige Fragen?
Ich soll lieber in der Nase bohren? Na denn, au gratin, Sie Kretin!
Ein furchtbares Anziehungsfeld saugt sich fest. Konstante Möglichkeit von Anschlägen. Die privaten Schotten sind abgedichtet, die Schlampenmaschine gibt meiner Liebesfähigkeit konsequente Kraft. Schöne reiche Mädchen weisen den Weg. Den Weg der Schmerzen und Tränen. Horrido! Das Feld blickt in dunkle Tiefen. Betrunkene Skoten. Ein Freund von einem Stinktier.
Wir sind nicht viel weiter gekommen. Ranziger Geschmack auf den Lippen. Angewidert wenden wir uns ab. Es dröhnt durch Mark und Stein. Konsequent. Ausgereizt bis zur letzten Sekunde, ehe es richtig weh tut. Das Ich zwirbelt seine Fädchen durch den Laib. Setzt sich selbst voraus. Hat Mr. Cro-Magnon „sich“ gekratzt, wenn die Wanzenbisse juckten, oder war das einfach nur eine juckende Stelle ohne Bewusstsein? Was war das für ein Wesen, das sich in der Nacht fürchtete, ohne Worte dafür zu haben? Sein Leben ist noch einfach genug strukturiert, dass er keine codierten Begriffe zur sicheren Inhaltsvermittlung benötigte. Später passiert es doch. Die Menschen werden immer mehr, ihr Zusammenleben gestaltet sich zunehmend komplizierter, das bisschen Grunzen und die Keule bedrohlich schwingen reichen nicht mehr aus. Das „Ich“ wird entdeckt und die Sprache. Segen oder Fluch. Seitdem hält uns jemand einen Spiegel hin, etwas, das weit älter ist als „wir“. Die wenigen, die diese Mutprobe bestehen, sind danach nicht mehr dieselben. Warum denn nicht?
Frau Tischkoffsky hat Wasser in den Beinen, trägt aber seit Jahren ihre Stützstrümpfe nicht. Zu eng, sagt sie, macht mich ganz verrückt, diese kratzige Enge! Lieber Leiden! Der warme Wahn. Limit erreicht. DAS ERDBEBEN! Es wackelt und wirrt. In Deckung! Aber wo, wie? Seiger oder tonnlägig, das ist hier die Frage! Wasser-Moleküle, unsre besten Freunde.
Vielleicht hatte die psychische Menschwerdung des noch nicht Sprachbegabten intensiv mit dem Wunsch zu tun, den Stuhlgang bewusst kontrollieren zu können. Immer diese peinlichen Szenen in der Gemeinschaftshöhle! Das wollte niemand! Gewisse Dinge haben sich nie geändert. Anderer hingegen kann sich die Rasse noch immer nicht erwehren. Da gibt es zum Beispiel die aufdringlichen Werbeprospekte. Neulich erstand ich bei einem Elektro-Discounter eine neue Mini-Musikanlage für meinen PC. An der Kassa drückte mir eine nette Frau nebst meiner Quittung (Zwei Jahre Garantie) einen Reklamezettel in die Hand. Entgegen meiner Gewohnheit warf ich ihn aber nicht gleich in den Müll, sondern stopfte ihn in die Einkaufstüte.
Daheim baute ich erst einmal die eher kompliziert konzipierte Lautsprecherkombination (find the double stereoscopic line of direction, plug the 3.5 diameter mini stereo plug into the host behind front socket, another plug inserts the socket of the sound source. If connect to PC, then use 2pcs double stereoscopic line of direction, host of front rear channel and PC audio card of iin front rear channel link is good.) zusammen, ärgerte mich über Missverständnisse und erfreute mich letztlich doch am dreidimensionalen Klangerlebnis. Ich briet mir ein leckeres Stück Fleisch, nur mit Chili, Knoblauch und Salz dran, vergaß dabei nicht, meine schöne, neue helle Hose standesgemäß mit Öl zu bekleckern. Ich bereitete mir zwei Steaksemmeln zu, um mit ihnen in der Hinterhand leichter auf Hunger bluffen zu können, aß sie genüsslich und trank dazu zwei kleine Beck’s. Der Werbeprospekt verschwand irgendwo in den Tiefen meines Arbeitstisches, war vorerst vergessen. Vor dem Schlafengehen hängte ich noch den Weihnachtskalender an die Wand. Ich hatte ihn im riesigen Kaufhaus um die Ecke für einen Einkauf im Werte von über fünfzig Euro gratis erhalten.
Ich habe eine Schwäche für Adventskalender. Sie erinnern mich an meine früheste Kindheit, jene huldvolle Zeit, in der vierundzwanzig Tage eine Ewigkeit dauern konnten und ein vom Unheil noch ungetrübtes Dämmern, Reifen in der Liebe meiner Eltern möglich war. Auch Kaleidoskope und Beatlesmusik (mit Ausnahme der besonders schleimigen McCartney-Nummern wie Obladi-Oblada) fallen unter dieselbe Kategorie warmen Glücks; ebenso dicke Wolken, die wie süße, steif geschlagene Schlagsahne aussehen; das leise Klingeln eines Glöckchens, das mir die Ankunft des Christkindes verkündete. Aber bevor mir ernsthafte Tränen der Rührung kamen (schluchz, schluchz!) fiel mir der Werbeprospekt bei der Suche nach der verfickten Telekom-Mahnung (122,21€) wieder in die Hände.
Vorweihnachtszeit, hmm, da kaufen doch alle wie verrückt den größten Schund zusammen, den es nur gibt, wie die Sitte es anordnet. Nicht nur Wanderer, die nach Sparta kommen, werden mir zustimmen. Aber jedes Jahr stehe auch ich vor der Qual der Wahl. Sein oder nicht sein. Nicht, dass ich etwa bei dieser Geldvernichtungsshow mitmachen würde. Nein, ich nicht, was? Zwinker. Ich kaufe keinen Schrott, nur buntes Edelmetall. Dennoch war ich neugierig, was unter der Rubrik „Spannende Geschenke“ zu erwarten war. Da gab es Rasierapparate mit integriertem Radio, der neueste internationale Technik-Schrei, stufenlos regulierbare Thermostate, Bratgeschirr, „antihaftbeschichtet“, für Raclette, Röstgemüse und „schöne Winterabende“. Ich fand außerdem: Preisknüller, Profibahnen, ideale Zweitgeräte, Wetterstationen, Edelbrenner, Outdoor-Sets für alle Fälle, ein tolles Angebot ist etwa auch das H0-Modellbahn-Startpaket (richtig komplett mit Lok, Trafo etc.), tolle Klassiker zum Weihnachtspreis, edle Konzertgitarren (mit honigfarbener Decke und guter Verarbeitung) für schlappe dreißig Euretten, Oldies und Spaß für alle, Wertvolles gegen Frost und für sichere Motorstarts, „schöne Deko“ und sogar Erleuchtung. Wie schön! Illumination für 7,99!
Ich musste mich nach der Lektüre fragen, warum nicht einfach die Weltregierung in die starken Hände dieses einzigartigen Konzerns legen, der doch bestimmt in Nullkommanix die passenden Konzepte gegen Hunger, AIDS, Drogen, Terrorismus, Krieg und Armut finden würde. Nein, nach diesem Erlebnis hatte ich keine Frage mehr. Ich ging erstmal aufs Klo und gab mich den gepflegten Freuden der Steinzeit hin. Das inspirierte mich zu neuen, frischen, unverbrauchten Ideen über die Dunkelheit, dicke Daunendecken und das doofe an Deutschland. Bierschiß! Schon mittags einen Dulliäh. Unter der Woche. Ich brauchte dringend Nachschub.
Ein wenig psychedelische Musik im Kopf, so genannte Ohrwürmer, jahrelang beliebte Schlager, Sound-verzerrende E-Gitarren, exotische Instrumente, ewige Liebesschwüre, Texte, die von Drogen handeln, inklusive. Es war klar, mein Hirn versuchte, mit mir zu kommunizieren. Aber leider war es nicht explizit genug, alles blieb im Vagen. Also musste ich losziehen, mir qualifizierten Rat kaufen. Rolf, der nette Typ im Tabakladen, so hoffte ich, hätte für mich was auf Vorrat. Ich schaffte es, den mit braunen Tretminen übersäten Gehsteig ohne peinlich-olfaktorische Katastrophen zu bewältigen. Unterwegs begegneten mir zwei Typen mit schicken Frisuren, die mich eher an Kopfbedeckungen als an Haare erinnerten. Schön, in einer Stadt zu leben, die alle Stereotype bewahrheitet. Ein Junkie mit eintätowierter Harlekin-Träne, in Hockstellung und einer Dose Bier in der Hand. Die Horde harmlos krakeelender deutsch-türkischer Jugendlicher bei der U-Bahn-Station, die verrückte Säuferin vom Nebenhaus, ein betreten wirkender Arbeiter im Blaumann, ein nach Schnaps Bier stinkender Hilfs-Biker mit speckiger Kutte, der sein Fahrrad schiebt, ein älteres Schwulenpärchen im schwarzen Lederdress, Händchen haltend. Ach ja, im Vorübergehen sah ich in den Läden meiner langen Straße auch die hübsche Bäckergesellin, sie winkte mir zu. Die drei Kartenspieler im Privatclub für makedonische Exil-Fußballer waren in Kartenspiel vertieft, der Möbelverkäufer mit dem üblen Toupet, diverse Sekretärinnen in Fahrschulen, Spezialgeschäften für Zargen und Markisen, Pflegevereinen, Hausverwaltungen und privaten Nachhilfeinstituten. Ein Jeder Mensch mit Schmerzen, Sehnsüchten, realistischen Fehleinschätzungen, mehr oder weniger zuverlässigen Körperfunktionen und erfüllbaren Wünschen. Diese Tatsache bettete uns in den gemeinsamen, ganz normalen Tag im Kiez. Von Weihnachtstimmung keine Spur. Das störte mich nicht. Freaks sind Rebellen. Ich mag Rebellen. Hallöchen, ich bin’s, der Bajazzo mit dem Bajonett. Danke, Ein bisschen cleveres Make-Up würde den verqueren Charme gut hervorbringen. Das betrifft natürlich für die Kleine im Detektivbüro. Nicht mich. Mich mögen die Nachbarn auch so. Oder so. Soso. Oho. Ohio, Tokio, Klein-San Francisco. Neapel in der Mark. Ich kaufte mein Bier beim Türken an der Ecke und verdrückte mich unauffällig wieder nach Hause.
Ein wenig elektrischer Blues gefällig? Der Connaisseur genießt und schweigt. Es liegt etwas in der Luft. Es duftet süß und kalt. Es schmeckt nach LIEBE. Fühlt sich gut an. Was einmal gut war, muss auch heute noch gut genug sein. Es ist der Duft der Teufelstochter Sünde. War das die Antwort, answer, risposta? Liebe Sünde Duft. Gedämpfte Trommeln grummeln. Im Zimmer riecht es nach verbranntem Heu. Manche Menschen sind eben was ganz Besonderes. Das klappt die Übertragung weitgehend fehlerfrei. Funk, funk, piep, piep. Aha! Piep, piep, funk, funk? Piep-funk, funk-piep. OK.
Die über den Himmel kreiselnden Sterne, Urmotiv des Übergangs. Immer wieder grübelte der Cro-Magnon darüber nach. Was wummerte da so in der heißen Blase, die seine Augen umgab? Was das heißen soll? Das heißt, Moment! Wann war das denn, der Übergang vom Grunzen zum Sprechen? Wie ist das passiert? Das Wort war am Anfang. Aber warum haben nur die Menschen es gefunden? Und wie? Mensch=Sprache. Der aufrechte Gang. Die Werdung. Wann, wo und wie ist es passiert, vom warum ganz zu schweigen. Jedes Kind muss das nach seiner Geburt lernen, aber es äfft ja bloß nach, was die Alten vormachen. Wie war das aber am Anfang? War wirklich ma-ma das erste Wort? Oder vielleicht doch eher Gaga? Sprachen Neandertaler miteinander? Ich will eine genaue Auskunft. Denn auf den Hinterbeinen zu balancieren und miteinander sprechen zu können, das ist es, was den Unterschied zwischen Tier und Mensch ausmacht. Wir haben das gelernt. Oder wurde es uns beigebracht? Falls ja, von wem? Braves Hundchen! Nicht wahr, Mister Gott? Bin ich nicht brav gewesen? Und die Verdammten? Jene, denen das Bürgerrecht entzogen wurde? Was ist mit denen? Wo kommen die hin, am Tag des Jüngsten Gerichts? Oder bleiben sie dort, wo sie sind? Und jene, die vor Gericht erscheinen wollen? Wer holt die ab? Wo können die ihre Einsprüche einlegen? Wird die Absicht im Prozeß berücksichtigt? Gibt es im Knast weiches Klopapier? Sind Begnadigungen grundsätzlich möglich? Gibt es eine Schieds-Stelle? Darf die Presse Photos machen? Gibt es eine Live-Übertragung? Ist der Papst dabei? Was ist mit den Nicht-Christen? Dürfen die dann ohne uns weitermachen bis zu deren eigenem Sankt Nimmerleinstag? Und, vor allem das interessiert die Zuhörer auf dem ganzen Planeten:
Wer kriegt ÜBERHAUPT ne’ zweite Chance???
Der Neandertaler, oder wir?
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen