Der Gemeine Katzenpanda

Samstag

Nummer 374

ALLES LIEBE, MOTOR!  



Warme Bitterkeit. Zylinder am Kopf. Motor. Können, es wird schon werden. Schön. Nicht? Schon Zeit. Er führte zusammen, was sich gehörte. Ungehöriges wurde nicht toleriert. Dann rieb er sich Speck in die Tolle, taute sich etwas Tee auf, aß dazu ein Minze-Brötchen. Er liebte Gugelhupf! Synonym für vertraute Tage, in der guten Stube der Großtante verbracht, während Vater Mutter schlug. Viele wussten, dass der Präsident früher mal auf Kokain gewesen war, scharf wie ein Spitz, aber sonst völlig unzurechnungsfähig und doof. Der Hund bellte auf dem Dachboden wie verrückt, und die alte FRAU drehte dann den Fernseher ganz laut, aber der kleine Junge wusste dennoch ganz genau, was gerade nebenan passierte. Wie konnte er das nur vergessen? Er wusste nicht, wie.
Schnell legte er sich eine Patience auf den ovalen Schreibtisch, wollte von niemandem gestört werden, was auch immer passieren möge. Alle fragten sich, warum er dann jedes Mal völlig verschwitzt aus dem großen Raum kam, der fast völlig leer war. Danach hastete er schnell aufs Klo. Die Geheimdienstler, die immer alles abhörten, wurden Ohrenzeugen der präsidentiellen Darmperistaltik, sowie seiner stetigen Rückfälle in die Sucht. Dazu diese dunklen Sonnenbrillen, im Fernsehen, bei Paraden, auf Staatsempfängen. Die ausländischen Gäste trauten sich nur wegen der Raketen seiner Generäle nicht, über ihn Witze zu machen. Er kratzte sich ständig am Kopf. Das war kein intellektuelles Problem mehr. Der mächtigste Mann der Welt benahm sich wie eine riesige Gottesanbeterin, kleine Kinder hatten Angst vor ihm. Hatten sie ihm am Ende doch zuviel zugemutet? Nein, die Schatten-Regierung beschloss, ihn nicht auszuwechseln. So einen Trottel würden sie nicht so schnell wieder finden. Die Konkurrenz sollte davon nicht so schnell profitieren. Jetzt waren sie an der Reihe. Ein langer, hupender Wagenkorso feierte diesen Brauch mehrmals täglich auf den Strassen der Hauptstadt. Die besten Karten wurden verschachert, keiner hatte Intentionen, irgendwem reinen Wein einzuschenken, sich selbst am allerwenigsten. Sie würden jedes Spiel gewinnen. Eine Tür fiel ins Schloss. Die Jagd hatte begonnen. Oben hatte nicht mehr viel Platz. Die Agenten kochten ihm Schokoladenpudding, mit einem Sahnehäubchen obendrauf, das mit Valium gestreckt war. Er wusste es, mochte ihn aber trotzdem. Sex oder Liebe, das war keine echte Frage für ihn. Die Beißhemmung war längst gefallen, der Präsident ging ab wie Affenscheiße. Ein Dreier-Pärchen war da gar kein Problem. Seine Kurzsichtigkeit war quadratisch. Er musste sich also darauf verlassen, unter dem Tisch von einer blank polierten, schwarzen Schuhspitze sachte angestupst zu werden, wenn er was falsch machte. Danach tranken sie guten Wein miteinander und sangen lustige Lieder. In Vorderafrika hatten sie das so gelernt: Geschickt mit den Ängsten umzugehen. Quellen, Drohungen verstecken, Patronenhülsen mehrfach verwenden. Doch ab und zu hatte er Schiss in der Hose, was allen peinlich war, vor allem peinlich. Wenigstens hatte er damit aufgehört, Leute zu beißen. Angeblich seitdem man ihm Little Toby schenkte, ein kleiner Hühnerhund, der dazu abgerichtet worden war, ihn zu beißen. Little Toby knurrte den Präsidenten immer an, wenn der anfing, Leute komisch anzugucken, und dabei den Kopf schief legte. Als man seinem Vater einst mitteilte, dass der Kleine nun fast stubenrein war, da hatte der, wie immer, wenn er etwas nicht verstanden hatte, gesagt: 
„Na da schau her! Gibt’s das auch in Blau?“
Der Alte war immer schon Legastheniker lieber gewesen als alles andere. Vielleicht lag Schwachsinn in der Familie, aber es fiel nicht weiter auf, fiel nicht auf. Sein Sohn war eben ein Pappkamerad, den die anderen ungestraft herum schieben konnten, am besten immer in die Schusslinie. Soweit war es gekommen, mit der käuflichen Demokratie. Eine billige Schmalzlocke in einem Vorort-Diner hatte mehr Gewicht als das Wort des Staatsoberhauptes.
„Alles hat seinen Preis!“, dachte der. Er fälschte auf Schecks die Unterschrift seines Vaters, wusch sich selten die Haare, war bloß dumm und eingebildet.
„Tolle Sache, was?!“, fragte der Generalstabchef den Direktor der Secret Police.
„EIN GLÜCKSFALL!“, trompetete jener, und reichte seinem Kumpel den Flachmann weiter, der Whiskey mit Weihwasser enthielt.
„Wo sollen wir als nächstes einmarschieren, Jack?“
„Ich weiß nicht, lassen wir den Zufall entscheiden!“
Der Generalissimus lachte: „Wie immer!“
Die beiden Männer verstanden sich prima. Nach dem opulenten Mahl auf Staatskosten waren sie von diskreten Thai-Mädchen sanft entspannt worden. Mächtige Entscheidungsträger wie sie hatten ein RECHT darauf. Jetzt klopften sie sich gegenseitig auf die Schultern, jeder dessen gewahr, weswegen ihn der andere erpresste. Keiner von ihnen ahnte jedoch, dass sie in Wirklichkeit nur die Befehle des Kammerdieners des Präsidenten ausführten. Mark Kyeveli war ein geheimnisvoller Ausländer. Unauffällig wie der Schatten eines Baumes im Wald hatte er ungeheuerlichen Reichtum angehäuft. Der mächtige Levantiner herrschte über ein Mafia-Imperium, das von den Anden zum Ural reichte, vom Nordkap bis Johannesburg. Manche wenige glaubten, in Wirklichkeit sei er Adam Weißhaupt, der die arkanen Wissenschaften gemeistert und mit Hilfe alter Freunde das Geheimnis tausendjährigen Lebens erforscht hatte. Nur die Langeweile könnte für ihn tödlich werden, aber ein Millennium war eine lange Zeit, um sich mit Dingen zu beschäftigen. Zehntausend Jahre Leben, zum Beispiel.
Alles andere waren bloß Spielchen.
Der Präsident, das gestörte Kind einer kranken Familie?
Ja, na und?
Es gab viel schrecklichere Dinge, die er gemeistert hatte. All die Wahnsinnigen auszuschalten, die in den letzten zweihundertfünfzig Jahren versucht hatten, die Welt zu erobern. Der Imbezil auf dem Stuhl war leicht zu kontrollieren, leichter, als alle seine Vorgänger zusammen genommen. Einige hatte er ja beseitigen lassen müssen, leider, leider.
Er lachte leise bei sich: „Oh ja! Es macht ja solchen Spaß!“
Mark stand in der Teeküche des Palastes, er bereitete die fünf Uhr-Dröhnung für seinen Schützling vor.
„Mmmhhm, mmmmhm mhhhmm, ein bisschen hiervon, und ein bisschen davon!“
Auf dem Bord standen mehrere geöffnete, mit Gold eingelegte Porzellan-Döschen, die allesamt verschiedenfarbige, glitzernde Pülverchen enthielten. Flink, mit sichtbar geübten Fingerchen entnahm er zwei oder drei von ihnen eine Prise, die er in den dampfenden Teekessel warf, wo es blubberte und kurz aufzischte, gemischte Gerüche verbreitend.
„Heute war der Kleine wieder GAAANZ lange allein im Zimmerchen! Hat wieder an sich rumgespielt!“
Jede dieser Sessions war natürlich mitgefilmt worden, von einigen seiner treuesten Adepten, die den Geheimdienst der Geheimdienste bildeten. Alle taten es zur höheren Ehre Adams, somit Gottes. Für ihre Familien war über Generationen ausgesorgt, falls ihnen was „passieren“ sollte.
„Na, da bekommt er ein klein wenig Müdigkeit gespritzt, damit er nicht abermals übermütig wird und unbedingt Krieg spielen will! Dazu ein wenig Unwohlsein, gerade soviel, damit er nicht genau weiß, was er tun soll. Morgen ist dann wieder ein strahlender Tag, voller Überraschungen, guter Laune, toller Projekte und Pharma-Wunder, nicht wahr?!“ Der Kammerdiener lachte diabolisch, doch gütig zugleich.
Es war nicht leicht, der BESTE zu sein.

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