DIE GELBE COUCH 10.07.2002
Ja, da stand sie. Die Legende. Schon etwas abgenutzt, der Stoff leicht rissig, von der Sonne molekular angesengt, die Farbe etwas ausgebleicht, aber unverkennbar die Gelbe Couch. Sie war zum Synonym geworden. Sie stand für herzhafte Spaghetti-Mahlzeiten, verzehrt im Kreise Gleichgesinnter. Sie war Sitzfläche, Basis sozusagen, für vielerlei Hosenboden, die dort Platz genommen hatten, und sich, mehr oder minder nüchtern, daraus wieder erhoben hatten. Ja, das war schon was. Doch dann waren die Geschwader auseinander gedriftet, ankerten nicht mehr alle Schiffe im selben Hafen.
Ja, nun hieß es langsam Abschied nehmen, von der Gelben Couch. Denn bald würde der Krieg kommen, und sie alle, die so gerne auf dem Liegesofa sich hingefläzt, herrlich gelbe, freundliche Träume auf ihr gehabt hatten, würden noch froh sein, wenn sie ihr nacktes Leben würden retten können. Sie würden die Galgenfrist behände nützen, futtern, kiffen und lachen, bis ihnen die Bäuche wehtaten. „Wir tun einfach nicht, was wir sollen!“. Das war ein geläufiges Argument, um sich vor der Armee zu drücken. Diesmal würden sie in ein volles Loch treten, um nicht mehr darauf rein zu fallen.
Manche steckten noch ein wenig fest, aber das Leben würde ihnen schon noch weiterhelfen. Andere hingegen machten alles richtig und waren trotzdem am Durchdrehen, der Rest kämpfte an beiden Fronten.
Die Gelbe Couch würde wie ein gigantisches Glühwürmchen quer durch die Generationen dampfen, immer weiter leuchten, sie alle wärmen und beschützen. Im Geiste gäbe es immer dampfende Schüsseln plus klirrender Gläser, Zentralheizung, gedämpftes Licht in gehobener Atmosphäre.
Erschöpft, aber erleichtert sanken die alten Helden nieder, streckten sie die Beine lang, und schliefen sogleich ein.
Stunden schlichen vorüber, auf leisen Spinnenbeinen.
Als sie wieder erwachten, waren sie erst mal ordentlich hungrig und durstig.
Außerdem wollten sie den Ofen heizen.
Oh ja, wie sie da saßen, schartig, aber fröhlich, kichernd über eine Porzellanschale gebeugt, in der sie Milch und Johannisbeersaft miteinander verrührten. Biere wurden geöffnet, Tüten geschüttelt, es knisterte. Sie tröpfelten langsam zusammen, sie gaben die Zwergen- Lasten an der Türe ab, stapelten die Rucksäcke und Schlafmatten in einer Ecke, wo ein riesiger Barockspiegel stand.
Die Rufe nach Essen wurden immer lauter und lauterer, bis vor lauter lauter Lauterkeit der Koch sich überwinden musste, zu kochen, sich an den Herd stellte.
Hunger ist eine schlimme Sache.
Deswegen kochte er lauter gutes Zeug.
Der Smutje und Gastgeber plünderte Schränke, Kommoden und Vorratskammern, häufte Spezialitäten aus aller Welt auf überbordende Platten, versorgte die Meute mit handfester Grundlage für spätere Exzesse.
Lage um Lage wurde aufgefahren, mit lautem „HALLO!“ begrüßt, Hände rissen die dicksten Brocken aus dem Korpus und an sich, zollten Tribut an den Koch, schwelgten und prassten.
Der Chef schwitzte derweilen in der Küche, überblickte kaum die dampfenden Kessel und Schüssel, komponierte aus dem Chaos eine Suite der Genüsse.
Er war sich auch dessen bewusst, dass er da draußen hungrige Raubtiere versorgte, die sich sonst eher von Aas und kranken Tieren ernährten, blickte genau darum über ihre Gier tröstlich lächelnd hinweg.
„NO MONEY DOWN!“ brüllte er hinüber, sie mussten alle herzlich lachen.
Es war wie im Märchen:
Aus Zeitungsjungen waren große Zeitungsjungen geworden.
Die Hälfte war bereits getan worden.
Zum Beispiel hatten sie aufgehört, Coca Cola zu trinken, oder zu McDonalds zu gehen. Natürlich waren sie nur Tropfen auf heißen Steinen, aber es war immer noch besser, als einfach so verdampft zu werden. Die Veteranen hatten nicht aus Gaudi ihre Narben erhalten, im Kampf, fürs Karpfenessen, sondern im Versuch, die Wahrheit zu retten. Da hatten sie sich bewähren müssen, oder untergehen. In der Tat waren einige an der letzten Planke gelandet, es bestand also Hoffnung, sie einmal rauszufischen. Im Endeffekt war es eine hohe Auszeichnung, für den Hausherrn, dass so hoch dekorierte Buschmänner es überhaupt in Erwägung zogen, bei ihm einen Snack einzunehmen. Er schnappte sich das Tablett mit Saltimbocca alla Romana,
das milde Aroma der Salbei stimmte ihn linde. Salbei. So ein Labsal. Er streckte die Brust raus und stolzierte in den Salon.
Applaus brandete auf, dazwischen trunkene Schwüre wie „Ehre, wem Ehre gebührt“, und lieb gemeinte Sticheleien wie „Wo hast du denn das gekauft?“. „Beim Wörstinger am Bahninger, wo sonst!“, lautete die wohlgesetzte Antwort, und damit war der Reigen eröffnet.
Jeder kann sich nun selbst den Schmaus vorstellen, der da anhob, und munter wurden die Schranken durchbrochen, die das Publikum von den Akteuren trennte.
Am Ende dann rollten leere Champagnerflaschen über den gebohnerten Boden, und fettiges Besteck, Kerzen ließen ihr Wachs auf die stählerne Tischplatte tropfen, das Gelächter nahm kein Ende mehr, denn jeder wusste den einen oder anderen lustigen Schwank aus seinem Leben erzählen.
Sie waren wilde Kinder!
Wenn das die Mamma wüsste!
Lassen Sie mich nun die Korsaren im Einzelnen vorstellen, während der besoffene Koch die dreckigen Pfannen putzt, denn das kann er am besten:
Da wäre zuallererst Prinz Valium, der seinen Namen nicht etwa einer Tablettensucht verdankte, sondern seiner gediegenen Denkweise. Er war ein seltsamer Patron, ein echter Zampano seiner selbst, ein ewig hin und her Gerissener, ein verklausulierter Versuch der Mutation, sich für einen Weg zu entscheiden. Da er eben immer jede nur denkbare Möglichkeit in Betrachtung gezogen hatte, musste er erst ihre Auswirkungen bis in die feinste Kapillare durchdenken und sich am Schluss für irgendeine Variante entscheiden. Das dauerte natürlich. Dann wurde aus dem Fröhlichen ein mürrisches Hutzelzwergigi, obwohl er das gar nicht wollte. Doch das echte Mysterium war, dass dann doch noch ein Gegenargument auftauchte, Zweifel sich ankündigte, und erst erdbebenartige Erschütterungen den rechten Pfad wiesen. Prinz Valium war ein Heiliger.
Dann noch der Stahlkocher, wie sie ihn wegen der blauen Augen nannten. Auch er ein Weitgereister, ein Kenner und Schätzer fremder Wässer. Er konnte wunderbar singen und dabei die Stimme so verstellen, dass es wie ein ganzer Chor klang. Stahlkocher liebte den Rausch und den Luxus, und baute sich Stein für Stein ein kleines Königreich auf. Ein Elitekrieger orientalischer Art, fern den Gefilden der Feigheit, ein unerschütterlicher Mahner, der auch gerne grinste und einen guten Single Malt schätzte. Stahlkocher verbarg unter seinem Panzer eine wunde Seele, die keinen Bock mehr hatte, wund gescheuert zu werden von der Neugier, ob denn wahre Liebe in ihr ein Obdach hat. Stahlkocher war in seinem Schmerz am liebsten allein, kannte kein Unbehagen vor der Stille, die er so liebte, dass er sie oft für die anderen vertrieb.
Berglamp war der nächste. Der lange, dünne Mann forschte nach den Geheimnissen des Ursprungs, vergrub sich lange Nächte von Jahrzehnten in schummrigen Bibliotheken, saugte das Wissen seiner Meister in sich auf, um es an die nächsten Eleven weiterzugeben. Man konnte sehen, wie oft er sich die Haare gerauft hatte, während der Studien, kannte seine Vergangenheit mit anderen Wissenschaftlern, als sie gemeinsam versucht hatten, durch Schallwellen Neue Welten zu konstruieren. Unerschütterliche Ruhe verband Berglamp mit der Mitte des Universums, seine Zehenspitzen berührten sie ständig, dermaßen geerdet konnte er Brot und Samen erfolgreich verteilen. Bei alledem war sein Witz immer hintergründiger geworden, sphärischer und sehr, sehr giftig.
Zu guter Letzt, aber nicht als Letzter, saß da noch Babyface, und futterte Tagliatelle, ein ernster Mann dessen Kinn kein Fläumchen trübte. Oft hielt man ihn wegen seines korrekten Aussehens für einen Gesetzeshüter, aber er hatte diese Karriere-Sprosse schon lange hinter sich gelassen. Nun konnte er seine Fäden inmitten des Systems spinnen, weil sie ihn für größtenteils harmlos hielten. Was für ein Fehler! Hinter der glatten Fassade beäugte ein wahrer Jünger des Machiavelli seine Umwelt, sah vieles, vergaß nichts. Babyface war der Gerissenste von ihnen allen, und er hätte ein höchst erfolgreicher Krimineller, ein Parade- Gentleman-Gangster werden können.
Einer, der in Juan le Bains, als es noch was wert war, reichen amerikanischen Erbinnen Höschen und Schecks abschmeichelt. So aber jagte er im Musentempel nach Glück, selten zufrieden mit seinem Erfolg.
Ja, und über den Koch ist eigentlich nicht weiter zu sagen, als dass er einfach für seine Größe viel zu dick war. Das wussten aber eh schon alle, und damit war er auch schon wieder abgemeldet, als negative Sensation. Was aber ohnehin nur er so empfunden hatte, oder auch nicht, was weiß ich, ich bin ja Autor und nicht der doofe Koch. Ich ja bloß das Auge des Betrachters, und weiß mich nicht in Kriegsgefahr. Obwohl ich sagen muss, ich wäre auch gerne einmal nur neben all den tollen Typen auf dem coolen gelben Sofa gehockt, und mich mit ihnen voll gekifft. Ich hätte meinetwegen auch dem Koch geholfen, beim erledigen der lästigen Sachen wie Zwiebel schälen oder Salat waschen. Gerne wäre ich bei denen gewesen, die bald reich und berühmt würden, wenn sie den Krieg überleben, aber ich denke, das sind sowieso alles Siegertypen.
Buon appetito!

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