GENERATION PARANOIA
Wohlwollend herablassend
Schon seltsam, wenn deine Jugendhelden auf ihre alten Tage plötzlich schwach werden. Vor allem, wenn sie ihren Namen für etwas hergeben, was nicht einem guten Zweck dient, sondern primär und ganz banal dem eigenen pekuniären Nutz und Frommen. Ja, wieder einmal spreche ich von der Öffentlichkeitsarbeit. Wie ein Großteil der Menschheit weiß, dient mir die Reklame als gratis Inspirationsmaterial. Da ich selbst in meinem eignen Haushalt aus unterschiedlichen Gründen gerne und freiwillig nicht über ein TV-Gerät verfügen möchte, nütze ich allerdings sich einstellende Gelegenheiten wie Auslandsreisen und Besuche, um bei Fremden und Freunden Fernzusehen.
Prost Werbung!
Ich bin, wie schon an anderer Stelle festgehalten, der Ansicht, dass Werbespots mehr über die aktuellen Werte einer Gesellschaft aussagen, als die Lektüre deren Philosophie-Klassiker:
Ein Paar Bauernschuhe und nichts weiter. Und dennoch.
Es ist dies natürlich auch ein Spiel mit Vexierbildern, in welchem der potentielle Konsument den Part des Dummen August aufgedrückt bekommt. Denn, um zurück zum Eingangsthema zu gelangen, der Einsatz von altbekannten Hits zur musikalischen Untermalung der Botschaft ist nicht ohne Fallstricke. Der geneigte Leser kann davon ausgehen, dass die Werbefritzen in Slogans denken. Das ist einfach, kostet nix und erfüllt seinen Zweck. Da wird die geistige Aufrüstung mehr in die Breite denn die Tiefe betrieben. Strategisch eigentlich eine Katastrophe. Den Profis der Sehnsuchtserweckungsbranche kommt hierbei allerdings zugute, dass 99,5% der Bevölkerung genauso phrasenhaft denken wie sie selbst. Wichtig ist nicht der Inhalt, sondern die Form, der Impakt, der Reiz, der ausgelöst werden soll. Zusammenhänge werden, wenn sie denn unbedingt sein müssen, auch gerne an den krausen Haaren herbeigezogen.
Wie im Falle des Filmchens für eine neuartige Kapital-Versicherung. Von der Wiege bis zur Bahre ist mein Produkt das einzig WAHRE. Der portraitierte Modellfall ist weiß, männlich, und, honi soit qui mal y pense, er verfügt offenbar über genügend Überschuss an ökonomischen Gütern und Werten, dass er selbst schuld wäre, diesen Saldo nicht Gewinn bringend zu investieren und gerne sich dabei vor sich selbst zu versichern. Innert einer Dreiviertelminute wird das gesamte Lebens-Paket dieses nicht ganz unsympathischen Herrn abgehandelt. Das Ende wird pietätvoll ausgeklammert, versteht sich aber sowieso von selbst. Beachtlich auch die Kontinuität, mit der es in seinem Leben vorangeht, alles bleibt stabil und wird doch besser, das Vermögen größer. Wächst es mit den Ansprüchen oder passt es sich bloß der Inflation an? Ist mein hellgrauer Anzug nicht schnittig? Braune Stiefel dazu.
Bitte? Wie ist das zu verstehen? Das Leben als Metapher für die Entwicklung eines Zinsertrags? Die familiäre Stabilität als Hort angesammelter Glücks-Gewinne? Frevel-Haft! Eine schmunzelnd sonore Sprecherstimme übernimmt aus dem Off die Rolle von Geppettos Grille. Allerdings nicht als Pinocchios pingeliges Gewissen, sondern als eine Art milchmilder Daunenschraub-Diktator, der dem verhältnismäßig jungen (Ich als Jahrgang 1969 sollte mich vermutlich angesprochen fühlen) Möchtegern-Investor nicht viele Möglichkeiten lässt: Er hofft, zu sterben, ehe er alt wird. .
Aber alles mit dem gewissen Etwas in der Stimme, mit dem Schmelz, der nur so vor suggestiv geheuchelter Anteilnahme trieft, werden die wichtigen Marken der Lebens-Tombola einzeln ausgerufen: Mit Vierzehn sind Sie soundso so, mit Zwanzig wollen Sie dieses und jenes, mit Fünfunddreißig sind Sie anders als, dafür kommen Sie mit Vierzig endlich aus der Pubertät, haha, wie lustig, zehn Jahre später immer noch ein flotter Hirsch, und mit Siebzig, schließlich, fährt der sympathische, mittlerweile kalve Herr, Mönch oder Skinhead, Kokser oder Buddhist, gen Himmel, nein, nicht wie Sie zur Hetz wieder glauben, im Holzpyjama, sondern als Raum-Tourist mit Hirn-Haube und allem, der alte Furz tummelt sich beherzt in der Schwerelosigkeit, mit einer Selbstverständlich, die beachtlich ist, ja, wirklich, die Versicherung verarscht Sie nicht, Sie werden WIRKLICH in der Lage sein, um die zwanzig Millionen Dollar hinzublättern für ein extrem erhöhtes Herzinfarkt-Risiko, einfach so,
natürlich mit einem Zwinkern in Richtung Erbengeneration.
Oder habe ich da etwas missverstanden? Denn ich muss vermuten, dass im Jahre Zweitausendvierzig der Flug in den Orbit für jeden erschwinglich sein wird, der erstens bis dahin noch nicht verhungert ist oder erschossen wurde und der zweitens stattdessen heute schon Kunde jener ominösen Assekuranz ist, dass drittens dieser Raketenstart im vorgerückten Alter die Verwirklichung von Kindheitsträumen bedeutet, beziehungsweise die Garantie, diese nicht zu verlieren, oder gar ein Viertes, diesmal phallisches Blinzeln in Richtung der - wer? - wie? - was? – nein- halt, - nicht- jetzt, jetzt, jetzt kommt’s mir, oh-oh-aah, aarghh… ich vergaß die Viagra- Liga … wo bitte bleibt da das Altern in Würde?
Ich persönlich würde mit Siebzig lieber eine Kugel in den Kopf schießen, als mich so derart in meinen Wünschen und Vorstellungen vereinnahmen zu lassen wie dieser doofe alte Knacker. Und außerdem wäre mir die eine rotblonde Brasilianerin mit der dicken Kirschlippenpaarung viel lieber als so ein dämlicher Treibstoffverbrauchswahnsinn, die Mulattennutte kann ich ja dann später mit hoch nehmen, in den Orbit, wenn ich sie überlebe, n’est pas. Auf irgendwas muss der Mensch sich doch freuen, oder? Selbstverständlich werden dann meine krakeligen Manuskripte, die mir diverse Gefährtinnen angeknöpft haben, auf Auktionen zu Höchstpreisen verkauft, Generationen von Germanisten streiten sich um die weitere Exegese meiner unter Hochdruck entstandenen super leckeren Texte. Absurd wird das Ganze aber dadurch, dass keine Streichungen oder Abweichungen vorhergesehen sind, eine unerträgliche Bleischwere der totalen Vorherbestimmung lastet auf mir, ein Leben in eng gelenkten Bahnen, ständig den Kreditberater im Nacken. Und diese ganze Phantasmagorie wird unterlegt von einem Song des Jahres 1965, genauer genommen ein Hit, der zu gesicherten Verhältnissen so gut passt wie eine Tarantel auf der Bananentorte: My Generation von The Who. Das durchfuhr mich wie ein Blitz! ALARM! JA, ich gebe zu, damals, 1984, habe ich an einem schon seinerzeit antiquierten Instant-Jugenddrama teilgenommen, auch ich war ein Möchtegern-Mod.
EXKURS 1: DIE MODS - GESCHICHTEN GESCHEITERTER AUFSTÄNDE I
WE ARE MODS, WE ARE MODS, WE ARE WE ARE WE ARE MODS!!!
Wir, das waren zwei vertrottelte Vierzehnjährige, H. und L. Provinz-Schul-Kollegen, unter der Woche halbintern bei einem katholischen Männerorden untergebracht, in Stift R. Inklusive schwuler alter Pfaffen-Religionslehrer. Wir waren gegen Ende der ersten Hälfte der Mitte der Achtziger Jahre eines Novembernachmittags im Kino einer Provinz-Hauptstadt gewesen und total aufgekratzt. den Film „Quadrophenia“ gesehen hatten. Vor allem den Straßenschlachten und Apothekeneinbrüchen konnten wir was Positives abgewinnen, und auch der Hunger auf Drogenexperimente war geweckt, was wollten wir mehr? Unbedingt so aussehen wie die coolen Typen im Film, und bitte die gleichen Klamotten und Frisuren, am Besten alles kopiert, bis in die Unterhose hinein, obwohl unsre eignen Pornohefte härter waren als die zwanzig Jahre zuvor, womit wir doch was Gutes am Heute fanden, ich zumindest, sonst aber gerne in nicht selbst erlebter Vergangenheit schwelgten. Immerhin griff ich gerne und oft zum Schulwörterbuch, um einen Text zu übersetzen. Wir wollten auch eine Gang haben mit billig-willigen Bräuten, und dazu einen mit vielen Rückspiegeln bestückten italienischen Motorroller im Marienkäfer-Design. Stattdessen liefen wir murmelnd über die Gassen und Plätze, peinlich bemüht, kein Interesse zu erzeugen, unsichtbar zu werden, und erst kurz beim Durchlaufen des mittelalterlichen Stadttores, in dessen unmittelbarer Nähe das ehemalige Gestapo-Hauptquartier unserer schönen Heimatstadt stand (und wo seit Kriegsende nur noch Hauptquartier der ganz normalen Polizei untergebracht war, in der, wie es hieß, keinerlei personelle Verflechtungen bestanden, zwischen dem Gestern und dem Heute) wir trauten uns erst in den Gewölben des Burgtores aus vollem Pubertätshalse immer wieder zu brüllen: WE ARE MODS, WE ARE MODS, WE ARE WE ARE WE ARE MODS!!!
Einen feuchten Dreck waren wir, nicht einmal Arbeiterkinder, Büro-Lehrlinge, die sich die eigene Knete als Botenjunge verdienen, Bürgerskinder mit Flausen im Kopp. Aber Revoluzzer spielen war lustig, es tat gut, so gut, oh ja, so, so, so guuut, Sie wissen schon.
Aber jetzt, wo all die verdienten alten Ex-Mods der Achtziger Jahre aufschreien, und sagen, nein, die Who halt, die waren ja gar nicht die voll echt wichtigste Band von uns, da gab’s ganz andere echte Mod-Bands, ja, wir wissen alle wer, sollten es zumindest, wen wir uns über die Gruppe definieren, was ist dir lieber, Masse oder Masse, aber das können wir doch von einem Klon des Durchschnitts-Fernsehfamilien-Vaters nicht verlangen, dass er das gerne begreift und sein impliziertes Rebellenpotential jemals wirklich ausgelebt hat, das Tier soll ja bitte gefälligst gebändigt bleiben. Denn Straßenschlachten sind immer ein Schadensfall. Und die gab es auch im damaligen Österreich eher selten. JA, wir waren Mods. Im Laufe einer verspäteten Evolutions-Welle breitete sich in besagten Jahren parallel zu so genannten New Wave-Szene eine Nostalgieveranstaltung aus, es war eine Mode, sie lag plötzlich in der Luft, und nachdem mir die Popper mit ihrem properen Seitenscheitel verdächtig doof eitel vorkamen, und ich für Rocker noch zu klein war, war ich abwechselnd schwarz gekleideter Pseudo-Existentialist/ NDW-Fan, und ein Jahr später Teil einer der zwei Mod-Gangs in G. Dann gab es die anderen Spezialisten, die schließlich noch gebraucht wurden, die waren allerdings zuerst Scooter-Boys und anschließend gleich Skinheads, aber es gab eine gemeinsame Schnittmenge, in der auch zwei, drei lokale Kneipen lagen, in der wir Teenies unser Taschengeld vertranken, gut möglich, dass diese ganze Welle in Wirklichkeit von den Kneipen-Lords ausgelöst worden war, aber schließlich zerschellte sie, aus einem Retrokult entstand eine Nazibuben-Bewegung, die ihrerseits zehn Jahre später vom Heroin zermürbt wurde, aber hier würde ich der Zukunft vorgreifen, und das geht ja bekanntlich nicht, gelle? Echt war sowieso nur jemand, der schon in England an den bekannten Wallfahrtsorten gewesen und in eine Schlägerei verwickelt worden war, und so weiter, es gab also jede Menge Regeln, zu viele Vorschriften, Klamotten-Kodizes, Le Musts, Idioten-Matritzen, so dass es mir bald zu langweilig wurde und ich später zu den Rockern ging. Viel mehr ist zu meiner Mod-Karriere nicht zu sagen, sie war kurz und mickrig, immerhin hatte ich einen Parka gekauft, von einem anderen Mod aus G. gebraucht gekauft, aber das war es fast schon an vorgeschriebenen Paraphernalien. Noch zwei oder drei Aufnäher für die Kutte, ein paar Absteck-Buttons vielleicht, ein Union Jack über dem Rücken, aber dann basta.
Der zweite, aktuelle Fall von fehlgeschlagener Inhalts-Piraterie betrifft einen Mobilfunk-Anbieter, der eine Rundumlösung anbietet, für Internet, Festnetz, Kabel-TV und anderen, radikal wichtigen Werkzeugen, um das Heute zu bewältigen, und det Janze auch noch zu einem extrem günstigen SPARTARIF!!! Die Konkurrenz, pardon, die Mitbewerber, dem Euphemismus sei Dank, müssten sich ab jetzt wirklich warm anziehen. Schön und gut. Was das allerdings mit Black Sabbaths „Paranoid“ zu tun hat, der Eröffnungsnummer ihres gleichnamigen 1970er- Albums, ist mir ein Rätsel. Sie wissen schon, das mit dem genial kranken Cover, wo ein Typ im rosa Schweins-Kostüm ein blaues Plastikschwert schwingt. Der einzige mögliche Rückschluss wäre der auf die ungeheuer treibende Bass-Dynamik des Songs, eine Dynamik, die üblicherweise nicht in Verbindung mit Paranoia gebracht wird:
Wer möchte schon mit Elektroschocks behandelt werden?!
Und Ozzy Osbourne, Original-Sänger und Frontmann, wenn nicht sogar Symbol der Gruppe, obwohl mittlerweile zur MTV-Schießbudenfigur verkommen, steht für die Massen immer noch den durchgeknallten Drogenfreak dar, den tätowierten Fledermausmann, der auf der Bühne Mäusen, Tauben und kleinen Kindern den Kopf abbeißt. Vielleicht ist das ja die Masche: Komm zu uns, und werde dadurch ein Star-Wrack, das sich aber wenigstens um die Ist-Kosten keine Sorgen mehr machen muss. Aber auch hier klaffen Mythos und Glorie: Paranoid (Ein Stückchen Käse gefällig? Mit Senf rumkleckern? Oder lieber ein kaltes Bier?) ist eigentlich ein Loser-Lied: Über einen Typen, der immer griesgrämig bis finster dreinblickt, von der steilen Freundin verlassen, rastlos, unbefriedigt, komplett fickrig, lebensunfähig, depressiv, tot, total verpeilt, das Leben FAST schon wieder vorbei, ein einziger Hilferuf, aber trotzdem alles SUPER COOL und unter Kontrolle, was? Und ich soll die Dienste dieser abgefuckten Gesellschaft für meine Zwecke erkiesen? Muss jemand also psychisch krank sein, um eurer Kunde zu werden? Ja? Ich bin selbst totaler Black-Sabbath-Fan, und mag das Lied wirklich. Aber im Einsatz für eine Telefon-Firma? Das ist selbst mir endgültig zu blöd.
Der zweite Fall von fehlgeschlagenen Inhalts-Piraterie betrifft einen weiteren Mobilfunkanbieter, der auch eine Rundum-Lösung anbietet, alle IT-Möglichkeiten abdeckt, die nötig sind, das ziemlich komplizierte Heute zu bewältigen, wir sind ja alles Ich-AGs geworden: Aaaaahhgg! Aaaiieeee! Banzai! Luridi porci bianchi! Per Shinto! Dove sono? Das war alles, was die in Tusche gezeichneten japanischen Sadisten-Soldaten sagen konnten, bevor sie verdient im alliierten Maschinengewehrfeuer umkamen, von Bomben und Grananten, Torpedos und Flakgeschossen in Stücke gerissen wurden, in Panzern, Schiffen, Flugzeugen oder U-Booten krepierten, nein, halt, U-Boote besaßen die nicht, die hatten immer nur die Nazis, in den guten alten Weltkrieg-II-Bildgeschichten, diesen schwarz-weißen Erwachsencomics, in denen die Bösen immer Deutsche und Japse sind, die Guten natürlich Amis oder Briten, auch mal Australier, Neuseeländer oder (weiße) Südafrikaner, während die Franzosen alle in der Resistance sind, und die Deutschen sagen ständig Hein? wenn sie was nicht verstehen, und ansonsten solch alberne Sachen wie: Ach! Nein! Horror! Schwein! Alles kaputt! Mein Führer! Jawohl! Kamerad! und natürlich den Klassiker: Sieg Heil!
Alles klar, an der Front, und die paar Italiener, die vorkamen, waren meist ehemals überzeugte Pazifisten in schmuck sitzender Uniform, die schließlich sich eines Besseren bedenken und dem Faschismus abschwören, das geht natürlich nur mit Heldenmut, und gegen den Feind, die Italiener sterben dann auch, aber wenigstens als Männer der guten Helden-Tat. Wie gut, das es das in einer Ex-Bürgerkriegs-Nation wie Italien überhaupt gab, gibt, geben konnte, ja vielleicht sogar geben musste. Russen? Ja, aber nur ganz selten, und dann waren es keine echten russischen Kommunisten, sondern ukrainische oder georgische oder sonstige slawische Patrioten, deren Familien selbst unter der Knute stöhnen, und sich freudig des Moskowiter Jochs entledigen würden, aber die doofen Deutschen sind mal wieder selbst schuld, kapieren nix, machen lieber rassistische Mätzchen und verlieren darüber den Krieg.
EXKURS 2: ÜBER DAS UNWESEN DER COVER-VERSIONEN II
Nachdem das kollektive Pop-Langzeitgedächtnisgefängnis ungefähr dem eines Goldhamsters gleicht, jede Krot in ihr Terrarium, jedem Fischerl sein Flascherl, sind Vierzig Jahre in die Vergangenheit ein Zeitraum, der biblische Dimensionen erreicht. Im selben Atemzug bezweifle ich, dass derselbige Wert-Versicherungs-Konzern im angelsächsischen Sprachraum mit demselben Lied auf Kundenfang geht, was typisch Deutsches müsste her, wie wär’s mit Hildegard Knefs Rosenregen, der ist ja so schön romantisch-zuverlässig. Wieder kann ich mich geirrt, abermals kann ich Dorfdepp nichts kapiert haben. Natürlich soll der englische Rebellen-Song auf die vitale und kreative Persönlichkeit des Vertragskunden anspielen, die lieben Pauschal-Individualisten in zünftiger Sicherheit wiegen, diese Mümmelmänner mit vorausberechenbarem Verhalten und festen Gewohnheiten, ja, gerade das macht sie so besonders wertvoll, wie ein kleines Steak.
Bei mir jedenfalls ist die Absicht der Identitätsstiftung ungefähr so erfolgreich verlaufen wie der Versuch, mithilfe eines zitronenduftgeschwängerten Ameisensprays die Spuren heimlichen Kiffens in der elterlichen Wohnung zu verwischen, wenn sich die Sprühflasche als leer und der Abend als windstill erweisen. Genauso bedröppelt klingt der Versuch von gewissen „Künstlern“, sich durch lizenzierte Cover-Versionen was vom Ruhmkuchen abzunaschen. Es kann ja nicht immer nur ohne Ohm Geld gehen, oder? Was ist mit dem Einwand, auf dieser Weise auch dem verschütteten Original ne’ zweite Chance zu geben? OK, wenn’s denn eine ausgewiesene Reverenz darstellt. Aber sonst? Der eine total blauäugige Typ zum Beispiel, der so auf Speed steht, der hat doch eh ein derart großes weißes Elchgebiss, dass er gleich für eine Bluter-Zahnpasta in die Bresche springt. Aber ohne bitte vorher auf den Butterkeks zu wichsen, oder sonstige destruktive Glieder in Vernetzung zu bringen, dass es eine rechte Freude ist. Aber wem hilft das schon? Lieber eine schlechte Schlagzeile als gar keine? Gut, jenseits davor gäbe es noch die emotionale Variante zu bedenken, aber die ist nicht bedenklich. Wenn es dieselbe Emotion auslöst, ist alles Paletti, das Ziel erreicht, quasi über die Taufe gehoben, oder drunter? Ja, natürlich! Lecker Creme!
Frank Sinatra, die alte Granate, hingegen hat kaum eigene Lieder geschrieben sondern interpretiert. War ja auch was anderes bei ihm, denn er konnte schließlich romantisch singen, was aber außer Jungs nicht allzu viele Frauen toll finden. Aber diese anderen Schnapsnasen, die können ja nicht mal singen, die krähen und kreischen höchstens in die Mikros.
Das dritte Exempel aber muss an einer Automobilwerbung statuiert werden: Denn ebenso wenig, wie eine Flagge ohne Bleikügelchen auskommt, die in die Ecken eingenäht sind, damit sie nicht nur ziellos im Winde rumflattert oder sich gar um die Fahnenstange wickelt, kann es den Werbeblock zur besten Sendezeit ohne einen oder besser gleich mehrere Clips für kernige Personenkraftwagen geben. Autoreklamen sind das hierbei das männliche Pendant zur weiblich besetzten Waschmittelwerbung: Aber auch hier geht es um verdientes Vertrauen, gesteigertes Sicherheitsbedürfnis und die richtigen Entscheidungen. Danny, der geplagte Familienvater gebietet über eine hübsche Frau, zwei niedliche Kinder und einen stubenreinen Hund. Üblicherweise wird gerade auf Urlaub gefahren (wo der Opa und die Omi aus der übernächsten Werbung ihren gemütlichen Alterssitz genommen haben, ein familiärer Fels in der brodelnden Brandung garstiger Gezeiten), keiner wundert sich, warum sie ausgerechnet Richtung Mallorca nicht im Flugzeug sitzen, und wer meistert die dabei auftretenden Gefahren? Richtig! Ein himmelblauer Elefant oder ein lachsrosa Nilpferd, wuchtige Metapher für den stabilen Glücksbringer, der magischer Weise erschienen ist und auf der Rückbank mit Brüderlein Chris, Schwesterchen Anna und der bellenden semmelblonden Töle Emile Schabernack treibt, während Mutti Barbara in den Rückspiegel guckt, glücklich lächelt und Vati zärtlich die Hand streichelt, bis der den phallisch anmutenden Gangschaltungsknüppel mit sicherem Griff total männlich bedient und seine Frau mit einem lüsternen Seitenblick bedenkt.
Dazu eine hirnrissige Weichspülermusik, die mal romantisch, mal heroisch oder „irgendwie“ elegisch klingen soll, auf einer abgegriffenen Klaviatur vorgestanzter Motive. Ein Einheitsbrei, aus dem aufgrund der urgründlichen Motivation oder Eigenschaft des Beworbenen nur Details den Ausschlag geben können, die finanziellen Kräfte vorausgesetzt. Wie sollen solche Werbespots auch einen Nicht-Führerscheinbesitzer anturnen? Turn an, Herr Kaplan! Ein handelsübliches Durchschnittsauto verfügt über Motor, Karosserie, genormtes Innenleben etc, es muss auf einer handelsüblichen Asphaltstrasse geradeaus fahren können, auch um die Kurve und so weiter, einen gewissen Treibstoff-Verbrauch nicht überschreiten, um überhaupt interessant zu sein, und ja, auch der Beste seiner Klasse fährt auf immerhin vier Reifen. Drunter geht’s auch, ist aber nicht so gut. Dafür werden Kofferräume, Stoßstangen, Armaturenbretter und Rücklichter dramatisch ausgeleuchtet, überaus ins Bewusstsein gerückt, es wird das Letzte an Effekten rausgeholt, jede Saite bis zur Reiz-Grenze gespannt, Nerven-Enden krümmen sich wie unter der elektrischen Peitsche, der Stoß fährt in einen Haufen Goldzähne, da bleckt klappernd ein Grinsen, jeder Hinterhalt, der entdeckt und Umstellt wird, zahlt den intendierten Schaden mit Zinsen zurück, das wusste schon Vegetius. Nun, da waren auch Konzerne dabei, die noch heute für gute Laune bei ihren Aktionären sorgen, also kaufen Sie gefälligst „irgendeinen“ Mittelklassewagen Ihrer Wahl, aber schnell! Wurst welches!
Wie bei den Waschmitteln steht auch bei den Autos außen alles Mögliche drauf, es ist aber fast überall dasselbe drin. OK, drei oder vier verschiedene Großkotze gibt es, weltweit, die den Blechkuchen untereinander aufgeteilt halten, und wenn der geneigte Kunde auch noch während der Autofahrt zum zuvor beworbenen „Jausen-Snack“ oder zur „modernen Milchschnitte“ greift, der sich mit dem vorvorigen Shampoo auch in fremden Wässern das Haupthaar wäscht, und wem der nächste Cremespinat jetzt schon wie harter Käse im Magen liegt, der bei der Tankstelle den gewissen Sixpack und die bekannte Illustrierte kauft, der erkennt sich endlich rundum glücklich versorgt.
Warum da an den käuflichen Werten nicht teilhaben?
Das Schaufenster des Westens.
Slut Machine, you keep my loving strong!
Ihm werden sie einst noch Statuen errichten, sagte er voraus, große in den Parks und kleine in den Wohnzimmern, the right stuff, baby, the right stuff, the right thing, baby, the right stuff!
Wie ging das weiter, nachdem der letzte Cut gedreht war? Wie geht es im Urlaub mit der holden Vorzeigefamilie weiter? Wollen wir die Kameras jetzt wirklich noch verstecken? Nee, die haben sich schon zu sehr dran gewöhnt. Die sind süchtig danach. Da kommste nie wieder raus, Alter. Kicher. Ja, der Star-Urlaub, in der familienfreundlichen Ferienanlage, der war dann gar nicht mal so schlecht gewesen, alles wie erwartet, aber was hatte er schon erwartet? Nichts besonders. Was sollte er denn wollen können? Ein bisschen öfter Sex mit seiner liebenden Frau, mit der die Freuden der Ehe bis ins hohe Alter er garantiert teilen mochte? Ein Anrecht auf Krankenkassa? Dankbare Kinder, die ihn nicht ins Heim abschieben würden oder lieber gleich vergifteten? Wechselnde Vorgesetzte, die er immer FICKER nennen würde? Eine freudlose Fast-Karriere? Aber nein, sie mussten ja die Fähre nehmen, nicht wahr? Völlig vertrottelt. Und zwei Wochen, die flutschen vorbei, wie ein guter Schiss, und morgen geht’s dann auch schon wieder retour, in die ewige Tretmühle. Im Grunde hatte sich Danny noch nie durchsetzten können. Die bekloppten Spießer-Schwiegereltern würden ja auch ewig leben, wie es aussah, und der Alte, der hatte sicher Uniform getragen, im letzten Krieg, jede Wette, dass der ein Verbrecher war, mit fetter Pension. Und er? Er trank sein Glas aus, hielt es in der Hand, als ob es gewogen würde. Er betrachtete es für eine kurze Weile, stellte es schließlich neben die leere Flasche. Danny wuchtete seinen Körper aus der Hängematte, holte wortlos aus dem wie ein treuer Hund wartenden Auto das Abschleppseil und knüpfte sich im Sonnenuntergang am nächsten Baum auf.
