Der Gemeine Katzenpanda

Montag

Nummer 345

Sämtliche eingestellten belletristischen Texte sind von mir, damit liegt deren Copyright ebenfalls bei mir. Jede böswillige Verletzung des Copyrights wird von mir geahndet.
Sämtliche Inhalte, die nicht von mir sind, werden ebenso kenntlich gemacht. Deren Copyright verbleibt natürlich beim Urheber.
Die grundsätzliche Haltung, die in diesem Blog zur Geltung kommt, heißt Ironie. Selbst krasse oder politisch unkorrekte Äußerungen sind unter diesem und dem Vorbehalt der künstlerischen Freiheit zu sehen. Das gilt vor allem für sarkastische Kritik an Personen des öffentlichen Lebens. Das ist eben deren "part of the game".

Nummer 344

ROCKER-BRÄUTE



VROOOM! VROOOM!
Klobige Bikerstiefel betätigen Kickstarter; schwere Motoren brüllen auf. Die Gang fährt los, donnert den Highway runter in Richtung Sonne, Sex und Speed. Lesen Rocker-Bräute Tageszeitung? Hören sie was anderes als Led Zeppelin? Trinken sie zum Frühstück auch mal Tee? VROOOM! VROOOM! Eng an ihren Hilfs-Wikinger geschmiegt, sitzt die Braut Lizzy auf der Maschine, hält sich am Gemächte ihres Jonny fest, nicht zu fest, aber doch. Sie fasst ihn sicher, sie hält ihn warm. Der Fahrtwind zerzaust ihre Haare. Wimpel, Fuchsschwänze und andere Glücksbringer flattern. Outlaws, Hell’s Angels, die berittenen Rebellen des Mittelwestens und die von der Ostküste, sie alle fahren einen heißen Reifen. Harte Brüder braten Beeren. Lustig sieht das aus, wenn beim Biertrinken im kopfüber gehaltenen Flaschenhals dieses wild-golden schäumende Gewirr aus feinen Bläschen sich mit den nach oben schießenden Luftschlucken vermischt. Der Erlkönig mag das auch. Im Lexikon steht, Rocker sind Mitglieder von Jugendbanden, die in einheitlichem, martialischem Lederlook auftreten, Motorräder fahren und sich aggressiv gegenüber ihren Mitmenschen verhalten.
Das gilt selbstverständlich nicht nur für Rocker, das gleiche kann auch über die Bereitschaftspolizei, militante Tierschützer und muslimische Spitzenpolitiker im Allgemeinen gesagt werden. Da sind mir persönlich die Rocker lieber. Deren Ehrenbegriffe werden zwar rigoros durchgesetzt, sind aber archaisch, sprich, jedermann mit mittelalterlich-altrömischen Kriegerehre-Phantasien leicht erschließbar. Warum auch nicht? In einer zunehmend komplexer werdenden Welt, die ausschließlich von modernistischem Profitdenken bestimmt wird, tun altmodische Ansichten wie Selbstverleugnung, Respekt und Eskapismus herrlich gut. Pfefferminztee setzt sich geruchsmäßig selbst in einem gerade alkoholisch benutzten Bierglas durch. Am Ende aller Euphorie wartet der Semmelkater. Dafür werden die meisten Rocker älter als Rockstars, die jung sterben. Insofern sind Rocker konservativ. Nun ist Konservativismus, normalerweise vertreten von den Kräften der Beharrung unter nachdrücklicher Anerkennung und Apologie der überkommenen sozial-politischen Ordnung, geprägt von treuer Anhänglichkeit an gewisse Herrschergeschlechter, patriarchalisch-herrschaftlicher Gewissheit und dem Geist der Unterordnung von Schwächeren, in unserem Westen der Welt normalerweise Sache der „Elite“. Wer schon im Glashaus sitzt, mag keine, die mit Steinen werfen. Aber dennoch gibt es Konservative auch außerhalb dieses erlauchten Kreises: Anarchos mit E-Gitarren zum Beispiel, oder Maler, die seit zwanzig Jahren immer dieselbe Masche abziehen. Aber auch die Typen, die sich diese Platten oder Bilder kaufen. Und auch jene, die eine liberale oder sozialistische Regierung immer wieder wählen, verhalten sich auf ihre Weise konservativ. Die Rocker, von denen der Volksmund annimmt, hope you guess my name, sie gehen nicht so oft wählen, sind dennoch politisch. Im Sinne von Max Weber, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen. Ob das auch Gewalt mit einschließt, ist unbekannt, wird jedoch aufgrund empirischer Tatsachen so angenommen. Rocker blasen wahrlich den Blues. Die gerne zitierte Neigung der Rocker zu mediäval-imperialen Strukturen, geprägt von Gefolgschaftstreue; Heldentod, Patriarchat und ähnlichen Simplizismen ist wahr. Sie ist aber auch sehr verlockend. Und deswegen schwer zu widerlegen, vor allem durch Syllogismen.
Danke, Danke, Danke-Danke.
Aber wenn die Spuren der Verlockung wertfrei verfolgt werden, bis zu ihrem unmittelbaren Ursprung hin, so muss auch ein wertfreies Auge das lockende Glitzern der Kristalle wohlwollend prüfend wahrnehmen. Sometimes you find, you just get what you need. Die Urväter nehmen Aufstellung, intonieren einen Gospel, klatschen dazu rhythmisch in die Hände und freuen sich ihres Lebens. Nichts dagegen einzuwenden, dachte Gott und wandte sich wieder seinen Amtgeschäften zu, die unter anderem darin bestanden, die wichtigsten irdischen Tageszeitungen zu lesen. Gott war einiges gewohnt. Zum Beispiel wartete Er bereits seit Wochen auf einen Internet-Highspeed-Anschluss, für den er sogar bereit war, zu zahlen. Gott hatte persönlich ein paar Male angerufen, nachgefragt, was mit dem Vertrag wäre, die Firma wäre seit acht Wochen mit der Lieferung im Rückstand, trotz abgeschlossenen Vertrages und anders lautenden Versprechens, da dürfe Er wohl mal nachfragen. Aber wenn selbst der Herrgott im demokratischen Spiel von Angebot und Nachfrage so schnöde behandelt wird, wo Er doch Super-Hyper-Mega-VIP-Status haben sollte, und was für sich bereits ein philosophisches Rätsel darstellt, wie soll sich erst der Verfasser dieser dünnen Despotenzeilen fühlen? Brave Dinge entfalten virtuose Streichquintettexegesen. Rockstars brüllen sich im Aufnahmestudio die Seele einmal aus dem Laib, dem Leid, dem Leib. Dieses eingevaste Exsudat bringt weltweit die Verheerten zum ekstatischen Überkochen. Saltimbocca oder Saltimbanco? Freiheit kann nicht verboten werden. Der Hampelmann wird irgendeinmal zurückschlagen. Das lässt sich nicht verhindern. Er steckt im Fleische. Er kommt jeden Tag zum Vorschein, er wartet auf den Sonnenuntergang, auf die Blaue Stunde. Unsere Rockstars erwartet am Ende jeder dieser Entwicklungsschritte unweigerlich ein Blowjob. Cum grano salis. Blowing Dandelion. Löwen zahnen früh. Dafür bleiben ihnen mehr Möglichkeiten zur Auswahl als Spätberufenen. Die nämlich müssen einsam durch das Weltall reisen. Ganz allein. Unvorstellbar. Hunderte Lichtjahre von Zuhause entfernt. It’s so very lonely, you’re six two thousand light-years from home. Wir treffen uns später auf Aldebaran. Nicht wahr? Das Nichts kreiselte um sich selbst. Manchmal scheint es, als ob das, was Übervorsicht genannt wird, schlichte Notwendigkeit darstellt. Der Rocker machte die Musik leiser und die Fenster zu. Genug der Fremdbelehrung. Genug der Fehlbelehrung. Genug der Belehrung im Gesamten. Gottes rechtes Lid zuckte. Was besangen sie? Was gab’s da zu feiern? Die Liebe? Ja! Die Liebe. Die einen Menschen, den viele als einen Einsamen bezeichnet hätten, zu einem Glücklichen macht. Liebe, die es immer und überall zu feiern gilt. Liebe, das Einzige, was im Universum stärker ist als Zeit. So einfach ist sie Gleichung, die verstehen kann, wer sie empfunden hat. Ehe Pflicht in Vergnügen überwechselt. Verbrennungsmotoren fordern ihren Tribut. Sie wollen mit Treibstoff gefüttert werden. Das versteht jeder. Wünschen sich Rocker, daheim zu sein? An Weihnachten? Zum Geburtstag? Nie? Können sie darüber reden? Sind alle Membranen zu ledernen Schwingen mutiert? Gibt es das? Nein. Fleisch ist Fleisch. Herz Trumpf. Schmacht Fetz. Baby, Baby. Sexy Ray Ban. Hinter solchen superlässigen Sonnenbrillen verbergen sich nur noch altmodische Porno-Freaks, levantinische Taxifahrer und ich. YEAH. Cool! Krächzen! Ficken! Oder so. Der Rockstar las die Morgenzeitung, schlürfte dabei seinen heißen, süßen Tee m.m. Mit Milch. Gegen die handelüblichen Kopfschmerzen half immer noch Acetylsalicylsäure. Gegen Liebe nur mehr Sex. Ozeanisch, nicht wahr? Das alles vermöge der reproduktiven Organe. Dafür, dass diese ganze Anlage so dermaßen kompliziert wurde, ist nur der simple menschliche Geist verantwortlich, dem Tiere nah verwandt. Um sich seiner animalischen Instinkte zu entblößen sucht seine Majestät, der Geist, nach den Trieben seiner Vorfahren. Damit er so richtig Gas geben kann, im alten Vexierspiel von Denotation/Konnotation. Lizzy streichelt durch die Lederhose hindurch Jonnys dick wachsende Erektion und freut sich auf den Sonnenuntergang. Noch Fragen?
Eben.
VROOOM! VROOOM!

Nummer 343

Lustig: Als Weihnachtsmänner verkleidete Schulden-Kassiere in Russland.
Traurig: Betrüger-Guttenberg wird EU-Berater für Internet-Freiheit.
Klassikaner: Tweet-Hoax führt in Lettland zu Bank-Run.

Nummer 342

POMPO, DER ELEPHANT  

Ein Märchen für Mäuse


Pompo.
Liebling der Zirkus-Massen, dickhäutiger Titan, afrikanischer Pachiderma und gutmütiger grauer Mäusefreund, ist tot. Unheilbar romantisch, vergaß sein Herz in sechzig Jahren Gefangenschaft weder die Sehnsucht nach der geliebten Savanne. Noch die Liebe zu seiner Lieblingskuh Kiki. Sie hatten keine Junge haben können, keine kleinen Riesen, die aussehen, als trügen sie Großvaters viel zu großen Hosen. Pompo und Kiki hatten einander sehr, sehr lieb gehabt, geduldig hatte ihr Gedächtnis nichts vergessen, was ihre klugen Augen je gesehen. Pompos geliebte Gefährtin war dennoch vor kurzem gestorben. Kiki hatte schließlich den Lebensmut verloren, aller Zärtlichkeiten ihres Gefährten zum Trotz. Sie war tagelang beharrlich im Kreis gestampft, bis sie am Friedhof ihrer Ahnen angelangt war. Dann legte sie sich auf die Seite und starb.
Pompos Herz war doppelt gebrochen. Außer der geliebten Heimat würde er auch Kiki erst im Himmel wieder sehen. Poverer Pompo!
Bleischwer geworden, wollte er bloß noch schlafen, alles vergessen, aber es gelang ihm nicht. Er war so unglaublich allein. Nicht mal die Mäuse, die sonst zahlreich auf dem breiten Rücken herum huschten, ihn aufheiterten, ihn mit quirligen Eskapaden kitzelten, konnten ihn ablenken. Pompo pustete nur ein paar schwache Töne aus dem schaffen Rüssel…
Doch tief in seinem Innersten leuchtete der erste Keim jener Idee auf, die schließlich für Schlagzeilen sorgte.

Jahre später.

Die Saison ist grade vorbei. Der Zirkus lagert in seinem Winterquartier.

Der Tierpfleger der Elefanten, oder besser, ihr Wärter, war ein Mister Biscot, Brite aus Ascot. Er war ein launischer Mensch, der sich oft betrank und selten wusch.
Zwar schlug er die Tiere nicht, da er sich zu sehr vor deren Dompteur fürchtete, Uzanga Ewogobo, der hünenhafte Schwarze aus dem Kongo. Denn Uzanga liebte alle seine afrikanischen Brüder und Schwestern. Und die Tiere liebten ihn. Gemeinsam vom Heimweh verzehrt, fristeten sie in der kalten Fremde ein kümmerliches Dasein. Ewo, wie sie ihn alle nannten, hätte Biscot niemals erlaubt, den Tieren weh zu tun. Da dieser böse Brite Biscot aber auch fürs leibliche Wohl der grauen Kolosse verantwortlich war, konnte er ihnen unbemerkt Niespulver ins Grünfutter streuen, salzte ihr Trinkwasser, vergaß tagelang, ihr Stroh zu wechseln, oder er holte den Tierarzt nicht gleich, wenn den Tieren etwas fehlte, wollte aus einer Mücke keinen Elefanten machen, wie er hämisch in sich hinein griente.

Auch Herr Ewo, der sich wenigstens freiwillig zur Zirkuskarriere zwingen hatte lassen, ist schließlich in die Lage der geraubten Wildtiere geraten: Als er erkennen musste, wie keineswegs golden der Westen war. Allein, Uzanga konnte nie das Geld für eine Rückkehr nach Afrika sparen. Seine Sehnsucht hatte ihn langsam aufgefressen. Der Schmerz war zu groß für ihn. So rutschte er langsam in die Sucht ab, nahm Heroin.
Das wusste natürlich niemand.
Mr. Biscot, dieser schmierige Rassist, hasste den Schwarzen ebenso wie die Tiere. Alldieweil lag Uzanga in seinem Wohnwagen, im wahrsten Sinne des Wortes in Morpheus’ Armen. Er verpasste Biscots Schweinereien. Doch Pompo, Jumbo, Dumbo und Ellie, merkten sich alles. Sie warteten nur auf eine Gelegenheit, dem Wurm die Gemeinheiten heimzuzahlen. Doch stets auf der Hut war ihr Plagegeist, wie alle großen Feiglinge, auf Distanz bedacht. Außerdem war immer seine Holzstange in Reichweite, die mit dem rasiermesserscharfen Metallhaken. Der konnte ihre empfindlichen, dünnen Ohren mühelos zerfetzen, falls die Elefanten Ärger machen sollten. Alle großen Zirkustiere haben im Laufe ihres Lebens schon schmerzliche Bekanntschaft mit diesem Folterinstrument geschlossen, also mussten unsere Vier ausharren. Die kleine Herde war eine der Hauptattraktionen des Circus Vegas, einer altehrwürdigen Institution, in der bereits der Hollywood-Star Kurd Handfaster sein Artisten-Handwerk erlernt hatte, bevor er nach Hollywood ging. Nichts Menschliches war hier fremd, Toleranz wurde von den Eigentümern, der Familie Rodriguez, groß geschrieben. Denn sie vergaß niemals, wem sie ihren Wohlstand verdankte, und Julio, der aktuelle Direktor, hatte niemals Ärger mit der Gewerkschaft oder den Tierschutzbehörden. Persönlich war ein großer Fan von Mary-Anne Sagan, die sogar einmal in New York bei einer zirkuseigenen Benefiz-Veranstaltung zu Gunsten armer Hispano-Amerikaner gratis aufgetreten war. Sie hatte ihre tollsten Lieder zum Besten gegeben, und die Dickhäuter in der Manege leise und traurig ihre Zustimmung trompetet.
Julio Rodriguez war verheiratet, liebte Mary-Anne aus der Ferne, und glaubte neben dem Heiland an das Schicksal als etwas Gottgewolltes.
Uzanga, der nur an die Savanne glaubte, schämte sich fürs Heroin und fühlte sich wie der feige Löwe aus dem „Zauberer von Oz“. Denn die Fehler blinkten auf der glänzenden Nadelspitze immer wieder auf. Zum Glück hatte das Gift ihn noch nicht völlig vernichtet, auch wenn er den Kampf jedes Mal aufs Neue verlor, er kämpfte noch wenigstens mit sich und dem H.
Alffred Biscot hingegen, diese moralische Amöbe, stolz auf das dämliche zweite „F“ in seinem Vornamen, glaubte nur seiner Schnapsflasche, seinen trunkenen Grimmassen und dem Grundsatz. Er mauschelte weiter, murmelte seine Flüche auf alles Gute, fischte im Trüben, und schmiedete mickrige Ränke gegen die, die sich nicht verteidigen konnten. Beim Essen saß er immer mit dem Rücken zu den anderen, ein Bild von einem Misanthropen, stinkend, voller Neid und Gin.

Alles in Allem war die Belegschaft des Circus Vegas ein Sammelsurium aus Sozialfällen, Freaks, gesunden Arbeiterkindern und Artisten, die schon seit Generationen on the road lebten. Sie, diese modernen Zigeuner, the Travelling Show, waren eben wie Kinder. Wie sie alle gerne zusammen lachten, wenn sie in der Kantine nach der letzten Vorstellung Suppe löffelten, Bier tranken und „Monty Python’s Flying Circus“ guckten! Bloß der olle Biscot musste immer meckern! Dieser miese Kinderschreck! Eigentlich schon eine Dickenssche Gestalt, unendlich traurig, aber auch so unendlich unerreichbar in seinen bösartigen Bissen. Andererseits, wenn man den auf die Straße setzte, war der glatt imstande, in der Kneipe die letzten Dollars zu versaufen und sich dann am nächsten Brückengeländer aufzuknüpfen.
Das wollte niemand!
Also schleppte sich der ganze Tross weiterhin in voller Stärke lärmend und hupend den Highway entlang: Pompo mit gebrochenem Herzen, Julio sinnierend und Bücher lesend, Uzanga mit einer Spritze im Arm, Alffred besoffen an der Zellophanhülle der immer nächsten Flasche fummelnd. Der Rest der coolen Gang lebte, werkelte und liebte weiter, mal oben, mal unten.
What a trip!
Gut ein Jahr lang ging es nach Kuokos Ableben hin und her, verdienten sie ihre Dollars im Schweiße des Angesichts. Es ging kreuz und quer durch die Staaten, bis sie schließlich wieder in Birmingham, der Hauptstadt Alabamas, eintrafen.
Der arme Pompo war inzwischen fast schon autistisch geworden. Auf ein für ihn klägliches Gewicht zusammengeschrumpft, bot er ein jämmerliches Bild, doch selbst im Niedergang war er noch imposant und Ehrfurcht einflößend.
Hier war vor einem Jahr seine Gefährtin gestorben, alles war wieder ganz frisch, unmittelbar. Er war reif.
Der Zirkus wurde langsam aufgebaut. In drei Tagen, am Sonntag, war die große, bereits ausverkaufte Gala geplant. Sogar der Governor des Staates, eine Frau namens Ana-Paula Haskins, samt ihrer Familie wollte kommen. Peter, ihr Mann, und die Söhne Richard, Thomas und Harold. Die drei Rabauken liebten den Zirkus!

Der Bulle wusste, in den Südstaaten wurden die Brüder und Schwestern von seinem Freund Uzanga von den fetten Sheriffs schlecht behandelt und manchmal sogar erschossen, bloß weil sie eine schwarze Haut hatten. Das konnte Pompo nicht verstehen! Wenn die weißen Cops die Schwarzen so sehr hassten, dann konnten sie die Grauen auch nicht lieben, sie hatten alle solche Eisenstangen, die knallten und taten in den Ohren furchtbar weh! So wie der verhasste Biscot! Dessen Stange knallte zwar nicht, aber sie war sehr scharf! Außerdem hatte Biscot ein Hühnerherz! Der Bulle Pompo wusste, er könnte dieses mickrige Männchen mit einem einzigen Rüsselhieb, Fußstampfer oder Kackhaufen erledigen, aber diese Laus wagte sich nie ganz heran! Aber wenn er in der Arena war, wo diese grellen Scheinwerfer brannten, schärfer als die Sonne zu Hause, war er frei, es gab keine Fußfesseln oder Gitterstäbe! Da war er FREI!

Der gute Schwarze aber, Uzanga, der andere unglückliche Afrikaner, das andere Alpha-Männchen, war immer sanft zu ihnen, seine Haut so kalt und verschwitzt! Aber sie liebkosten ihn dennoch mit ihren sanften Rüsseln, und die starken Muskelschlangen, die sich um ihn wanden, würden ihn nie verletzen! Pompo spürte, wenn er und seine Gefährten sich um den Dompteur drängten, war er immer so glücklich, und so wach! Ja, sie waren eine Familie, ihm zuliebe machten sie all die entwürdigenden Mätzchen, über welche die kleinen Menschlein so gerne frohlockten! Aber die Kinder! Die Kleinen, ihre Jungtiere, die lachten noch so unschuldig. Und viele von ihnen hatten Angst, oder waren traurig, dass sie, die Elefanten, nicht so frei waren wie in all den tollen Filmen auf dem Discovery-Channel. Jumbo, Dumbo und Ellie wussten, es gab noch ein paar anständige Menschen! Außer BISCOT! Pompo würde ihn mit seinem Rüssel wie ein trockenes fünfzig-Kilo-Keks zerbröseln, das war klar.

Endlich! Es war Sonntag, das große Zirkuszelt festlich geschmückt, die Band spielte laut und falsch ihre burlesken Märsche! Bunte Fähnchen flatterten im Wind! Überall Menschen! Große und kleine, Betrunkene, fröhliche, mürrische, mehr Weiße als Schwarze. Das Programm begann, die Menge klatschte und johlte, die Clowns purzelten durch die Sägespäne, die Artisten wirbelten mathematische Formeln in die Luft, die wilden Katzen fauchten böse, und der Zauberer verspottete alle und jeden. Dann wurden sie, die große Sensation, angesagt, diesmal als Maestro Fantoni mit den Vierlingen, also Uzanga samt Dickhäuter, und es wurde ganz still unter der Zirkuskuppel.
Die Grauhäuter marschierten in einer Kette hintereinander, hielten sich per Rüssel und Schwänzchen aneinander fest, bis sie im Zirkusrund anlangten. Ein lächerliches Spektakel. Sie, imstande auf einer Fläche von der Größe Belgiens nur anhand uralter Markierungen sich zu orientieren! Sie trompeteten LAUT!
Nun war die Musik aus.
Ein Engel ging vorüber.
Pompo machte seinen Frieden mit dem Großen Ahnen.
Er trottete los.

Draußen, vor dem Zelt, hatten die Bullen dunkle Sonnenbrillen im Gesicht.


Nummer 341

Lustig:Vollgas-Pleitier Obama mahnt die Europäer, im Interesse seiner Wiederwahl ihren Kindergarten auf die Reihe zu kriegen.
Traurig: Durban-Gespräche wieder einmal quasi gescheitert. Minimalkonsens hilft nicht weiter. 
Klassikaner: Gladio oder Anarchisten? Wer verschickt in Italien Briefbomben?