Lustig: Ein kleines Afromäderl mit weißer Haube, weißem Anorak und großen Kulleraugen im Gsichterl.
Traurig: Muslimischer Australier in Mekka wegen Blasphemie (!) zu 500 Peitschenhieben verurteilt. Unfassbar.
Klassikaner: Deutsche Bank-Chef Ackermann und die Bombe auf seinem Schreibtisch. Wohl Warnung genug?
Donnerstag
Nummer 336
Das Freak-Format
Ceteris paribus
Tagelang stand schon im Hof ein klappriges, kleines Einkaufswägelchen herum, in blauem Kunststoff gehalten, eins jener Teile, mit denen normalerweise alte Frauen oder junge Schwule ihre Vorräte vom Supermarkt nach Hause karren. Es war bis oben hin voll gepackt mit ranzigen Klamotten, löchrigen Plastiktüten, angeknackstem Leergut und anderem Kram, sogar eine Garbe vertrockneten Rosmarins lugte aus der linken Seitentasche hervor. Irgendeine vergessene Pennerin hatte ihn wohl dort verlassen, denn von einer Frau ging ich aus, wer weiß, womöglich hatte sie vor dem Bösen Watz weglaufen oder sogar wegwanken müssen, in finsteren Hinterhöfen ist alles möglich. Nun stand das Gefährt einsam und verlassen in der Nähe der Fahrrad-Abstellplätze. Noch hatte niemand das Wägelchen in den Müll entsorgt. Entweder aus christlicher Nächstenliebe oder Ekel oder Angst vor einer Ansteckung mit dem Virus Armut. Wenigstens stank das Ding nicht, es war ja Mitte November und schon bitter kalt, der Moder hatte, von der Witterung dazu gezwungen, widerwillig damit begonnen, seine zersetzende Aktivität zurückzufahren. Und obwohl ich mich seit Tagen jedes Mal erschreckte, wenn ich im Halbdunkel des früh hereingebrochenen Spätherbstabends meinen Drahtesel im Durchgang zwischen den Hinterhöfen mit meinem siebzig-Euro-Sicherheitsschloss an den hierzu im Fußboden eingelassenen Metallbügeln sturmfest vertäute und mich danach wieder aufrichtete, wobei mein Blick auf das Wägelchen fiel und dieses mir den Streich spielte, dort hocke jemand Finsteres in meuchelmörderischer Absicht, ein Inkubus vielleicht, ein Ghoul oder blutgieriger Wechselbalg, so vermittelte mir das sitzen gelassene Gefährt doch vor allem einen total trostlosen Zustand. Vielleicht bin ich aber auch bloß ein romantischer Schwachkopf, der Mitleid mit jemandem hat, dem es wirklich dreckig geht. Aber vielleicht machte ich mir das nur vor. Womöglich war ich nur eine leere Hülle, eine jener Oberflächen, die sich wunderbar dafür eignen, die Inhalte der Anderen lediglich zu reflektierten, ohne eigene Gestalt annehmen zu müssen. Der Griffel Gottes stichelte mich.
Es war aber ebenso möglich, dass einer der Bewohner unseres Hauses zu faul gewesen war, sein Klumpert wegzuschmeißen und, auf die helfende Hand der Hausbesorgerin hoffend, den ganzen Plunder einfach dort abgestellt hatte. Obwohl ich das nach einer Woche nicht mehr wirklich glaubte. Was war mit der Hausbesorgerin los? Ich zahlte ja deren Gehalt mit. Und eigentlich grenzte es an ein Wunder, dass ich in meiner eigenen Situation überhaupt Gedanken an so einen Schwachsinn verschwendete. Gut, ich musste mich zwar nicht prostituieren, nicht zur Fremdenlegion gehen, mich nicht gegen Bezahlung für medizinische Experimente hergeben, (wobei ich das schon einmal gemacht habe und mir einfiel, eine Geschichte zu schreiben, über einen unheilbar Schwerkranken, der sich für medizinische Tests freiwillig meldet und im weiteren Handlungsverlauf zum fast selbstlosen Retter der Menschheit wird) noch musste ich in polnischen Plattenbauten peinliche Piss-Pornos drehen, auch nicht aufs Stützeamt gehen, um über die Runden zu kommen, aber ich fühlte mich manchmal dennoch so unheimlich wehrlos wertlos, überflüssig, fast parasitär und daher todgeweiht.
Die Dinge schienen aus der Kontrolle zu geraten, aber ich mochte es. Ich hockte in meiner Bude, starrte die Wände an, bis die Blasen warfen, rauchte zuviel Gras, schüttete Bier in mich rein, sammelte zwanghaft Internetschweinereien, und versuchte, dabei nicht verrückt zu werden. Es war nicht leicht. Und wen könnte das schon interessieren? Niemand. Es ist ja auch nicht weiter wichtig. Was aber kein Wunder ist, lebe ich doch in einer Gesellschaft, in der die Werbung aus Millionen westlicher Frauen statussüchtige Huren-Monster gemacht hat, in der eine mickrige Packung chemieverseuchter Istant-Abfall-Kartoffelpüree mehr kostet als ein ganzes anderthalb Kilo-Netz voll echter, lebender Knollen, eine Gesellschaft in der abgedroschene Klatschgeschichten fünftklassiger Prominenter als spaltenfüllende Top-Meldungen gehandelt werden, Kinder nicht mehr gezeugt, sondern gefickt und freigiebige Milliardäre von der eigenen Verwandtschaft wegen der wohltätigen Geldverschwendung gekillt werden.
So betrachtet war meine zurückgezogene Haltung vielleicht gar nicht so verkehrt, inklusive der Kadenz aus Zweifel, Entkräftung und freiwilliger Selbstverbannung. Oder? Aber dennoch.
Ich hatte das Gefühl, ich…ich sollte…ich sollte wohl besser die Klappe halten. So geschliffen sind meine Worte nicht, als dass sie ein Recht besitzen würden, an der Pforte der Literatur Einlass zu begehren. Aber meine Klappe halten, genau das habe ich noch nie gekonnt. Denn die Geschichte der vom Mammon verführten Frauen führt weiter dazu, dass wir nicht wohlhabenden Männer fast dazu gezwungen sind, vor dem PC zu masturbieren, statt raus zu gehen und die Weiber zu erobern. Und was die zweite Chance des Mannes betraf, Frauen an Land zu ziehen, nämlich durch die eigene Persönlichkeit, so schien diese momentan bei meinen Angebeteten keinen tiefer gehenden Reiz auszulösen als den nach einer Freundschaft. Das konnte ich doch nicht einfach so hinnehmen, es mit dem traurigen Blöken eines doofen Schafes auf der Schlachtbank quittieren. Also mühte ich mich nach Kräften, dem ganzen verfickten Geschlechter-Kampf-Drecks-Materialismus wenigstens privat Widerstand zu leisten. Ich hörte Klavierkonzerte von Brahms, Dvorak, Tschaikowski und Beethoven, pflegte meine juckende, schrundige Haut, räumte meinen Kram von einer Ecke in die andere, wusch Wäsche, saugte Staub, putzte die Fenster, um die Tage pro forma ins Plus zu bringen, und versuchte ansonsten, einigermaßen gute Kurzgeschichten zusammenzuzimmern. Was mir nur selten gelang. Wenn überhaupt? Nun. Was ich nicht konnte, das wollte ich, und was ich nicht wollte, das sollte ich. Na ja. Mein ganz persönliches Problem lag darin, dass mir nichts Literarisches einfallen wollte, was weder an den Haaren herbeigezogen war, noch zu abgedroschen klang. Als Schreiber kannst du nur über eigene Erfahrungen wirklich schreiben. Aber andererseits empfand ich meine kümmerliche schreibende Tätigkeit als den einzigen Berechtigungsgrund für mein Dasein. Ich taumelte zwischen Skylla und Charybdis, auf einem schwankenden Schiff, ständig den süßen Sirenengesang im Ohr. Aber zum Glück hatte ich auch eine treue Mannschaft, eine untreue Muse und einen winzigen Leitstern, die alle gemeinsam es mich auf Messers Schneide aushalten ließen, sie hielten mich auf ihr wie das Eis den Schlittschuh führt.
Inwieweit meine innere Entwicklung auch für andere unterhaltsam sein konnte, blieb der springende Punkt. Und der Zweifel bleibt mir als ständiger Begleiter ohnehin erhalten. Aber ich darf mich nicht von missgünstigen Arschlöchern hemmen lassen, weder vom malignen Narzissmus noch von der Vermeidenden Persönlichkeitsstörung. Ich muss allen Neidern kräftig in den Arsch treten. Prösterchen! Auf den Vernichtungsschmerz! Auf weitere zweitausendfünfhundert Jahre Schrifttum!
„Aufs Imperium!“
Die arme schöne Chinesin! Dieses tragische Gesicht! Die müsste eigentlich auch weglaufen, denn ihr Böser Watz ist ein schwarzer Lude mit einem riesigen, dicken Schwanz, und er wedelt mit seinem erigierten Glied vor ihrem Gesicht hin und her, ziemlich provozierend, das Ganze. Die Chinesin weiß nicht, was tun. Soll sie sich ekeln? Fürchten? Soll sie der natürlichen Gier nachgeben? Denn eigentlich hat Rudy, der schwarze Typ, ja eine Frittenbude bei der Tanke, und er packt immer ordentlich Mayonnaise gratis auf die Pommes. Die arme schöne Chinesin, Jade mit Namen, sie ist in diese ganze Sache nur unwillentlich hineingerutscht, sie musste für ihre Mutti eine hohe Krankenhausrechnung bezahlen und war wegen der aufopfernden Pflege arbeitslos, pleite, die Anwälte schienen nicht zu scherzen, da gab ihr jemand den Hinweis auf die Filmstudios der Stadt Pulver Pity, und aus ihr selbst unerfindlichen Gründen war Jade über die notwendigen 30.000 Dollar hinaus in der Szene hängen geblieben. Video-Prostitution ist ja bekanntlich nicht Jedermanns Sache, besonders nicht für zart besaitete Asiatinnen, mit ihrer Ästhetik des Ebenmäßigen und ihrer Freunde an der Harmonie richtiger Proportionen, doch unvermutet fällt den eben noch so harten Luden ein brutaler Kopfschmerz an. Die Erektion klingt merklich ab. Die Seriosität der ganzen Branche steht nun auf dem Spiel! Das Ansehen, die Treue und der Fleiß eines ganzen Hurenstalls! Aber jetzt ergreift das asiatische Mädchen die Initiative, massiert mit vorsichtiger Hand den Hodensack ihres Meisters, küsst zärtlich seine Glans, sieht ihm in die Augen und beginnt mit freundlicher Gelassenheit ein virtuoses Stück traditioneller Fellatiokunst. Und während dessen führt sie dem Herrn ein Stück frischen Ingwer fast wie nebenbei rektal ein. Das freut ihn! Hei! Und wie ihn das freut! Hai! Hoi! Hui! Und das Leben kehrt feurig in seinen welken Leib zurück!
„Wissen Sie, ich mach das immer so“, sagte ich zur superniedlichen Wurstfachverkäuferin. Sie managte die Fleischtheke des Supermarkts, an der XYZ-Kreuzung, wo ich ein gutes Jahr lang regelmäßig einkaufen gegangen war. Sie war eine leckere blonde Vierzigjährige, noch gut beisammen, wie es so schön heißt, knackig, ging wohl ins Fitnesscenter, ein herb-anziehendes Lächeln, ihre Augen brannten hingegen, und sie färbte sich die Haare nicht all zu oft. Sie war mir ziemlich sympathisch.
„Das hat aber nichts mit IHNEN zu tun“, fügte ich hinzu.
Sie lachte sozial. Nach meinem Sommerurlaub hatte ich keine Lust mehr gehabt auf die muffigen Visagen einiger ihrer Kollegen, erklärte ich ihr weiter, und außerdem hätte ich die Macke, mein Geld möglichst breit unters Händler-Volk zu streuen, da kann ich nicht eine Hegemonialmacht allein unterstützen. Außerdem, appellierte ich an ihren gesunden Hausfrauenverstand, gibt es im neuen Supermarkt neben dem Stammkundenrabatt von 2% auch diese tollen Treuepunkte, das ist zusätzlich schon was wert.
„Puh“, antwortete sie, „Sie haben es aber gut! 2% Rabatt! Die hätte jeder gerne! Ich krieg nicht mal am eigenen Arbeitsplatz Diskont, sogar die Mittagspause-Wurstsemmeln muss ich voll bezahlen! Sie Tausendsassa!!! Na, gehen Sie mal mit mir zum Kegeln, oder so?“
„Wie bitte?“
Das kam zwar etwas überraschend, aber wenn ich die Gelegenheiten Revue passieren ließ, bei denen wir, die Wurstfachverkäuferin und ich, freundschaftlichen Kontakt gehabt hatten, fiel mir auf, dass sie eigentlich jedes Mal mit mir verhältnismäßig lieb und offen geschäkert hatte. „Tauschen wir Telefonnummern?“, fragte sie keck.
Die Tomaten auf meinen Augen rollten hin und her. Stand da wirklich FICK MICH auf ihrer Stirne geschrieben? Aber wollte ich denn das dinglich? Grübel, grübel. Sexuell jedoch willigte ich sofort ein und bekam langsam einen Harten. Aber irgendwas stimmte hier trotzdem nicht. DAS KONNTE ICH IN MEINER WURST SPÜREN. Nur, stimmte eventuell etwas nicht? Wollte die Mieze mich vielleicht nur heiß machen, um mich anschließend zu verarschen, oder weil sie wirklich scharf auf mich war? Ich mein’, ich fahr ja U-Bahn auch. Aber der zweite Gedanke schmeichelte mir, nicht war, herrlich, die Eitelkeit, des Teufels liebste Sünde, sie hieß mich aber trotzdem, lieber Vorsicht walten zu lassen. Die Lady redete unterdessen weiter buhlerisch auf mich ein und es gelang ihr dabei durchaus, mich zu manipulieren. Eigentlich hasse ich das ja.
„Oder lieber Schnitzelfrühstück?“
Fleischbeladene Bilder erfüllten meinen Horizont. Alle Dämme brachen. Ich musste zusagen:
„Aber gerne!“
„Und wann?“
„Na, ich weiß nicht. Sag du!“
„Sonntags? Nach dem Kegeln? Oder besser vorher?“
„Au ja! Vorher! Ich bring Senf mit!“
„Ja, mein Schatz. Und viel gute Laune!“
Sie küsste mich hauchzart auf die Lippen, streichelte andeutungsweise meine Wangen, zwinkerte und verschwand mit ihren langen, honigfarben flatternden Haaren im bereits andeutungsweise vorweihnachtlichen Menschengewühl am Südstern. Das stand ich und guckte erstaunt aus der Wäsche. Was war denn das gewesen? Ein Mirakel? Oder Debakel gar? Und was jetzt? Wie hieß denn die Mieze überhaupt? Ich ging erstmal heim und putzte mir die Zähne. Anschließend machte ich ein Bier auf. Hörte Beethoven. Denn es gibt fast nichts besseres, als zu Hause zu hocken und zu saufen, während der Rest der Welt arbeiten muss. Ahhharhhharrharhhhrrhaahahharrr!
Um dem Tag dann doch noch den Mehrwert zu entnreißen, bosselte ich an einem neuen Bücherregal herum. Meine stets wachsende Bibliothek, die sich ein einziges Kartoffelregal mit sämtlichen Uni-Skripten, meiner Filmsammlung, den ausgedruckten Texten verschiedenster Art, zweihundertfünfzig Musik-CDs, allen Dokumenten, sonstigen Unterlagen, den Ordnern und der wissenschaftlichen Sammlung auf insgesamt sechs Abstellebenen teilen musste, von denen sich allerdings nur die obersten drei als praktikabel erwiesen, und entsprechend überladen waren, schrie richtiggehend danach, endlich Entlastung zu erfahren.
EINFÜGEN ERLEBNIS REGALKAUF BEI OBI
Meine handwerkliche Befähigung überstieg meine handwerklichen Willen bei Weitem, was wiederum das Grundproblem des Leidensdrucks ansprach, dem ich ebenfalls erlegen bin, birgt aber in sich stets die Gewissheit, bei passender Gelegenheit erstklassige Arbeit abzuliefern, in ihrer Qualität gereift in den Jahren der dürren Fron, in denen die Anstachelung zu besserer Leistung sich zu einem quasi sadistischen Zeitdruckproblem auswuchsen, und mir damals unvorstellbare Qualen bereitete, von deren Früchten ich allerdings heute erst richtig zu zehren anfange, und das mit Genuss. Diene, bevor du herrschen kannst, so wurde ich erzogen, mit Zuckerbrot und Peitsche. So bin ich denn ein anerkannter Könner des Cunnilingus, ein echter Frauen-Versteher, in dem Sinne, zumindest. Die genormten Bestandteile des Werkstücks erleichtern es überdies, dass wirklich jeder Mensch so ein Regal richtig zusammenbauen kann, nebst einem bescheidenen Mindestmaß an intellektueller Abstraktionsfähigkeit, sodass die Grenzen verschwimmen, wie bei wirklich gutem Sex, wo höre ich auf, wo fängst du an, nahe den wahrlich ekstatischen Zuständen, einer geht im andren auf, und nach welchen suchen, wenn nicht nach diesen, und die Arbeit war mir flott von der Hand gegangen. Ich räumte mit dem körperlichen Naschtrieb des Geilen das Regal grade ein, als die Türglocke klingelte. Ich legte den Stapel Bücher zurück auf den Schreibtisch und ging, ausgestattet mit der Zielstrebigkeit eines Kaperfahrers, die Tür zu öffnen. Ich verzichtete auf den Blick durch den Spion und machte auf. Es war mein Freund Piet. Er trug, winters bei ihm so üblich, seine Bomberjacke mit prangendem orange Innenleben und Fellkapuze, sowie verbeulte Eisenbahnerhosen. Die Füße steckten in dicken, wasserfesten Gesundheitslatschen. Die Haare hingen in wirren Strähnen ins schmale, hübsch kaukasische Gesicht, das die Last der zweiundvierzig Jahre mit Unbeschwertheit trug. Er war in seiner zwischenmenschlichen Konsequenz das humane Äquivalent eines frischen Salats aus Radicchio, reifen Herztomaten, einer klein gehackten Zierschalotte, Meersalz, einer Prise getrockneten Dill, einem Schuss Balsamico, etwas Olivenöl und gut fünfundzwanzig Gramm drüber gehobeltem, drunter gehobenem, sechzehn Monate altem Parmesan. Piet schnaufte schwer.
„Uumpph, ooff, Jesses, hmmm, hamm, pfff, warum wohnst du bloß so weit oben, Mann?“
„Damit die Menschen mir weniger auf den Wecker gehen und umgekehrt.“
Puffen und keuchen: „Hast auch wieder Recht.“
Ich trat zurück und bat meinen Kumpel herein:
„Come in, Alter.“
Piet trat über die Schwelle, langsam kriegte er sich wieder ein.
„Es soll ja Leute geben, die sind schlechte Verlierer.“
„Weiß Gott“, pflichtete ich bei und ließ hinter ihm die Tür ins Schloss fallen.
„Bierchen?“, wollte ich wissen.
„Warum nicht.“
„Gute Antwort. Geh mal vor, du kennst dich hier ja aus.“
Während Piet nickend ins Wohnzimmer ging -
„Hei, du hörst ja Beethoven!“
Holte ich ihm aus der Küche ein Bier. Mein Freund hatte inzwischen seine Jacke ausgezogen und stand, zur Musik wippend, am Fenster. Er dirigierte mit Furtwängler Beethovens Fünfte. Ich gab ihm die Flasche, holte mein eigenes Bier vom Tisch und stieß mit ihm an.
„Die Töle und der Teufel!“
Piet ist Sprachwissenschafter. Altphilologe. Genauer genommen hat er Anthropologie, Sanskrit und Aramäisch studiert. Jetzt ist er arbeitslos und würde lieber die Straßen fegen als daheim die Wände anzustarren. Ich habe ihn als einen der anständigsten und großzügigsten Menschen kennen gelernt, ein Wohlfühlidealist, der sich von nichts und niemandem unterkriegen lässt. Am besten hätte er in ein großes Museum mit Forschungsabteilung gepasst, um über den Veden zu brüten und dabei heißen Ingwertee zu süffeln. In der Zwischenzeit jedoch schlug er sich eben so durch, zum einen als Fahrradbote für einen Zeitungsverlags, wobei es seine Aufgabe war, vergessenen Abonnenten das Frühstücksblatt nachzureichen, und zum anderen war Piet Hilfsmasseur einer Fußball-Unterligamannschaft. Piet ist nie richtig erwachsen geworden, wenn ich den Maßstab unserer Eltern, den dankbaren Nutznießern der Nazigeneration, anlege, der da hieß tüchtig werden, tüchtig sein, tüchtig bleiben. Wie ich und alle meine Kumpels haben wir uns für einen anderen Weg entschieden. Eine Generation von Enddreißigern ist aus uns geworden, Frauen und Männer, die noch immer Kind spielen wollen, süchtig, sarkastisch und schlau. Na ja, nicht alle. Aber trotzdem beste Voraussetzungen dafür, um auf die Schnauze zu fliegen. PENG! Und spätestens beim zweiten Schnitzel muss nachgesalzen werden. Alles hat einen Eigengeschmack. Fleisch fressen ist etwas anderes als Schokolade naschen.
„Wir lassen uns doch nicht von Hülsenfrüchten fertig machen!“
Piet kuckte mich an:
„Hör mal, Alter, ich hab dir, hmmm, einen Vorschlag zu machen.“
„Na, was?“
„Zunächst: Es gibt kein Entkommen.“
„Sag mir doch mal was Neues.“
„Ich mein’ das ernst.“
„Ich auch.“
„Also.“
„Ja?“
„Du bist doch ein zutiefst frustrierter Mensch, oder?“
Ich lachte.
„Ja, so wie die meisten Arschlöcher auf diesem Scheißplaneten. Anwesende vielleicht ausgeschlossen.“
Piet schien nicht einverstanden: „Ja, schon, aber…hmmm“
„Was, aber?“
„Die meisten Jungs sind doch nur aus idiotischen Gründen frustriert; hmmm, weil sie entweder keine Knete haben, ohne kein schickes Auto oder hmmm keine Pornobraut zum Herzeigen, nicht wahr?“
„Na ja. Ist es echt so simpel? OK. Yeah. Hast Recht. Alles schwachsinnige Arschlöcher und blöde Nutten. Fertig.“
„Du bist also auf Liebe und Partnerschaft aus, wie in alten Zeiten?“
„Ja. Kein Bock auf geldgeile Schlampen.“
„Suchst also nach Frauen, die was in der Birne haben und über Herzensbildung verfügen?“
„Korrekt, aber worauf willst du hinaus? Auch an solche kommen wir beide nicht ran!“
Piet kicherte: „Und warum nicht?“
„Wettbewerbsnachteile?“
„Blödsinn! Jetzt such keine Ausred’!“
„Jaaa. Wir sind ja selbst schuld, oder was?“
„Das ist immer alles selbst mitverursacht, lieber Freund!“
„Natürlich! Wir geraten in beschissene Situationen nur um aus ihnen zu lernen? Wunderbar!“
„Mach dich nicht drüber lustig, mein Freund!“
„Aber ist es nicht so? Wir sind diesbezüglich angeschissen!“
„Hmmm, aber wir haben zusätzlich eine Möglichkeit, hmmm, damit fertig zu werden.“
„Ah so? Und welche?“
„KREATIVITÄT, MANN! KREATIVITÄT!!!“, Piet brüllte es geradezu heraus.
„Meine Fresse! Grade damit ist es bei mir nicht weit her.“
Das hätte ich nicht sagen sollen. Piet brauste mich aus dem Kaltstart heraus an wie ein Berserker zu Neumond.
„DU DYNOKLAST! DU ZEITTOTSCHLÄGER ! DU WEINERLING!!!“
Ich versuchte zaghaft aufzubegehren, kam aber nicht weiter als zum Heben der Hand, da brüllte er weiter:
„JETZT HALT DIE SCHNAUZE!!! HALT DIE SCHNAUZE! UND SEI KREATIV!!!“
Und jetzt brach mein lieber, lieber, völlig verrückter Gefährte in ein hysterisches Lachen aus. Ich fiel immer wieder drauf rein. Ich reagierte säuerlich:
„Spar dir deinen Download Update und komm endlich zur Sache.“
„Was ich sagen will ist, dass wir die Beschaffenheit haben, um die ganze Kacke gewinnbringend zu sublimieren: Schöpferkraft und Eingebung.“
„Ja, besonders ich. Ich kann einen Rodin nicht von einer Nähmaschine unterscheiden.“
„Quatsch. Du hast doch früher mal Kurz-ge-schich-ten geschrieben, nicht?“
Er betonte jede Silbe einzeln. Ich bejahte.
„Das war, ehe mir der Rechner ex ging, samt allen Texten der letzten Jahre. Und ich Idiot hatte nur eine einzige Kopie gezogen.“
„Die du der Mieze geschenkt hast, die spurlos in Chile verschollen ist.“
„Und seitdem habe ich kein Wort mehr geschrieben. Aus.“
„Ja, schade, nicht wahr, ich hab gehört, du sollst so was wie Talent gehabt haben.“
„Mag sein.“
„Und hast dann alles hingeschmissen, wie üblich.“
„Das habe ich nun wirklich jedermann hunderttausend Mal erzählt, bis zum Abwinken.“
„Winke-Winke! Und Grüßgott!“
„Sehr witzig.“
Ich trank mein Bier aus, stand von der gelben Couch auf, ging zur Musikanlage und drehte Beethoven auf.
„Das ist wahre Genialität!“
Piet lachte.
„Phantasie und Protest! Genau darum geht es!“
„Aber ja!“
Ich winkte ab und stellte die Musik noch lauter.
Piet nieste.
„Halleluja! Kann ich noch ein Bier haben?“
“Aber sicher!! Und bring mir eins mit!“
Der Dritte Satz brauste gerade, als Piet wiederkam. Um nicht gänzlich asozial zu wirken, und weil ich merkte, das Piet was sagen wollte, drehte ich Ludwig auf Zimmerlautstärke zurück. Piet gab mir die Flasche.
„Wem gehört denn übrigens das komische vergammelte Einkaufswägelchen dort unten?“
„Mir natürlich, wem sonst? Muss ja irgendwie mein Bier nach Hause bringen.“
„Na dann! Prost.“
„Auf Dick und Doof.“
„Phantasie und Protest also.“
„Ja. Cui prodest?“
„Und was stellst du dir darunter vor? Verpackungsdesign bei einem Möbel-Multi? Bankraub mit Fremdsprachen und in lustiger Maskerade? Luftballons, mit Scheiße gefüllt, und aufs Kanzleramt geschmissen? Oder was?“
Piet griente über beide Ohren.
„Sehr gut, sehr gut. Ich seh’ schon, bei dir muss ich nur die richtigen Knöpfe drücken und schon geht’s los.“
„Und ob. Wobei es ja schon eine nicht unerhebliche kreative Leistung deinerseits darstellt, dass du heute deine Bude überhaupt verlassen hast, um meine bescheidene Hütte mit deiner Anwesenheit zu beehren.“
„Autsch. Eins zu eins. Es geht aber in erster Linie um den verdammten Krach, den der Cityairport macht, seitdem dort auch ziemlich dicke Brummer wieder starten und landen dürfen.“
Der Skandal war Stadtgespräch gewesen. Ich ärgerte mich:
„Und das, obwohl das ganze Gelände eigentlich stillgelegt werden sollte.“
„Aber die geldgeilen Flughafenbetreiber haben beim Verwaltungsgericht einen Eilantrag gestellt, wegen besonderer wirtschaftlicher Relevanz.“
„Und die Richter haben das durchgehen lassen.“
„Mit dem bekannten Ergebnis.“
„Und das ist schlichtweg eine Sauerei.“
„Da sind wir uns einig.“
„Korrekt.“
„Und was unternimmst du gegen den Krach?“
„Ich dreh mich auf die andere Seite oder stehe eben auf.“
„Na dann.“
„Was wolltest du mir denn vorschlagen?“
„Hast du Bock, mit uns einen Film zu machen?“
„Was für einen Film? Über den Flughafen? Und wer ist uns?“
„Isabella, Conny und ich.“
„Interessante Combo.“
Ich holte das Rauchzeug und drehte uns noch einen.
Isabella und Conny gehörten zu den Ladies, die sporadisch bei Piet auftauchten. Isabella war eine humorvolle, resolute und ziemlich scharfe Braut, blond, mit slawisch hohen Backenknochen, grauen Augen und hübschen Titten. Sie arbeitete als Cutterin beim Film und wirkte ungemein präsent. Conny hingegen war eine äußerlich eher Unscheinbare, dafür besaß sie einen wachen Geist und eine spitze Zunge sowie einen behaarten Freund, der zweihundert Kilo wog und ehemaliger Profi-Catcher war. Sie studierte Theaterwissenschaften und finanzierte sich das Studium, indem sie nebenbei Taxi fuhr und sonst wenig aß.
Ich mochte beide Mädels gern.
Zugegeben, an Isabella wäre ich intimer interessiert gewesen, aber sie war auch eine Frau, bei der ich mir keine Schwachheiten erlaubt hätte. An dieser Stelle muss ich ein Satzzeichen machen: Ich habe mir schon zu viele weibliche Sympathien verkackt, indem ich meinen natürlichen Trieben nachgegeben und die Miezen angebraten habe. Manchmal musste eben auf Nummer sicher gehen, ehe du dich vorwagst. Was Piet nicht wusste, war die Tatsache, dass mein ganz privater Frust hauptsächlich daran lag, meine körperliche Faulheit nicht überwinden zu können, und endlich in ein Fitnesscenter zu gehen. Ich hatte einen Schwimmgürtel aus Fett um die Hüften geschnallt, und das machte mich fertig. Aber andererseits war der Leidensdruck noch nicht groß genug, sonst hätte ich schon längst reagiert. Ich kam immerhin immer wieder mal dazu, die Wurst einzufädeln. Wieder andererseits, wie groß müsste der Druck denn noch werden? Hatte ich denn meine angebetete Trapezkünstlerin nicht genau aus diesem ästhetischen Grund nicht gewonnen? Ich vermutete es stark. Und dennoch. Keine Reaktion meinerseits.
Da hatte ich einen schönen, dicken Schwanz und einige ganz gute Tricks auf Lager, kam aber nicht und nicht dazu. Zumindest nicht bei den Ladies, bei denen ich es gerne gehabt hätte. Aber ich trug ja meine Schwäche ohnehin als Aushängeschild vor mir her. Und da saß jemand, dem das völlig Wurscht war. Guter alter Piet! Ich rauchte den Joint an.
„Gibt es schon eine Idee, oder wollt ihr mich genialen Autor nur deswegen dabei haben, ihr Schweine, um mich körperlich und geistig auszubeuten?“
Piet lachte: „Darüber sind wir doch längst hinaus.“
„Wie Heinz Rühmann übers Dritte Reich.“
„So isses. Brich dir also ein Stück Herz heraus und mach mit.“
„Na klar, mein Freund. Alles für Preußen! Und seine Flughäfen!“
„Nee! Wir wollen ein Krimi-Drehbuch schreiben. Und verkaufen. Na?“
„Prima! Ein Hauptstadt-Tatort?“
„Mit ein bisschen liebevoller Unterstützung ließe sich schon was machen.“
Ich schüttelte den Kopf:
„Nee, du. Machen wir lieber einen Vogelgrippe-Film draus.“
„Mit anti- Chinesischer Verschwörungstheorie?“
„Na klar! Ein Porno-Mahjongg!“
„Was soll das sein?“
„Ein Brettspiel, bei dem in ganz Asien gezockt wird, teils um riesige Summen.“
„Also Glücksspiel-Chinesen, Ostbräute im Pornopuff, die Triaden, ein Hongkonger Aufklärungsjournalist, der, sagen wir, umgelegt wird, weil er über eine Vogelgrippe-Vertuschung im Handelsministerium berichtet!“
Piet begleitete mich, angeregt gestikulierend, in die Küche, wo wir im Kühlschrank mit traumwandlerischer Sicherheit jeder ein weiteres Bierchen vorfanden. Ich machte meins auf und reichte den Öffner an Piet weiter:
„Genau! Einer der Schwippschwager des fraglichen Ministers ist der größte Billigsdorfer-Hühner-Nuggets-Hersteller der Welt. Doch die EU droht mit Sanktionen!“
„Super! Und eine kleine internationale Liebesaffäre?“
„Fahnenjunker Fastmann vortreten!“
„Jawohl!“
„Die Asiatin und der Germane.“
„Ausgezeichnete Idee.“
„Und wer ist wer?“
„Muss mal kurz nachdenken.“
Ich unterbrach ihn. Mein Ehrgeiz war angestachelt:
„Lass das meine Sorge sein!“
Piet lächelte:
„Hab ich dich!“
„Sieht ganz so aus.“
„Piet und Pan!“
„Und was, mein Freund, werden die Girls beitragen?“, fragte ich Piet.
„Sie klauen Kat-Kartoffeln!“
„Die sollten sie lieber kauen!“
„Stehst du also auf Kat?“
„Nö, keine Ahnung, hab ich noch nie probiert.“
„Ah so. Ich dachte nur.“
„War als Witz gemeint.“
Piet stimmte zu: „OK.“
„War aber nicht so gut, was?“
„Nein.“
„Damit kann ich leben.“
„Hauptsache, das Skript wird gut.“
„Also, die männliche Hauptfigur, der deutsche Bulle, ermittelt in alle Richtungen. Eine chinesische Dolmetscherin wird ihm beigestellt. In die verknallt er sich.“
„Die eigene Frau hat ihn verlassen!“
„Weil…“
„Sie einem Konzertpianisten verfallen ist!“
„Und der Piano-Typ ist reich und schön!“
„Kommissar Lehmann hingegen ist arm und hässlich.“
„Was will der Klavier-Heini also von Lehmann seiner Alten?“
„Das ist eine gute Frage.“
Ich grinste: „Die ist mütterlich, attraktiv, sie kann halt gut blasen und kochen.“
„Außerdem kriegt sie im Verlauf der Handlung vom Pianisten den Laufpass und kommt wieder angekrochen, beim Kommissar…“
„Aber der…“
„Nimmt der sie zurück oder geht was mit der Chinesin?“
„Wie passt die denn überhaupt noch in die Geschichte rein?“
„Auch eine gute Frage.“
„Nennen wir sie Liu, das ist kurz und prägnant, ist Liu also mit dem Mordopfer verwandt?“
„Nee, zu kitschig.“
„Warum wird der Journalist ausgerechnet in Berlin gekillt?“
„Vielleicht ein Kongress, auf dem er sprechen soll?“
„Und wie wird er umgebracht?“
Piet wusste die Lösung: „Mit dem Auto.“
„Ein Klassiker. Schwere schwarze Limousine, Typ Nazikarre, überfährt ihn, anschließend rücksichtslose Fahrerflucht.“
„Und während dieser Flucht fährt der Killer auf dem Gehsteig auch noch einen Radfahrer über den Haufen.“
„Einen alten Knacker, ein Ex-Streifenpolizist, mit Schnurrbart, Bierbauch, kurz nach dem Eintritt in den Ruhestand.“
„Der mit der ganzen Sache eigentlich nichts zu tun hat.“
„Das ist gut.“
„Der Killer ist natürlich Botschaftsangehöriger, einer dieser Geheimdiensttypen, Marke Türsteherszene, muskulös und mit Sonnenbrille, nur eben asiatisch.“
„Bleibt die Frage nach der Dolmetscherin.“
Piet improvisierte: „Außerdem ist das Mordopfer auch noch bei Falun Gong.“
Ich musste lachen und präzisierte: „War.“
„Gut. War bei Falun Gong. Seine Freundin ist jedenfalls aus Hongkong, lebt aber in Berlin.“
„Kann die denn kein Deutsch?“
„Hmm. Doch, ja, muss sie können.“
„Eben. Also kippen wir die Chinesin, und wir machen aus der die englische Freundin oder besser die englische Ehefrau, die Ehe besteht aber nur auf dem Papier, der Journalist ist nämlich schwul und braucht bloß die englische Staatsbürgerschaft und er ist eben nicht aus Hongkong sondern Peking.“
„Und so kann sich der Kommissar in die Engländerin verkucken, und die Übersetzerin wird gekippt.“
„Los geht’s!“
„Ich wiederhole: Ein schwuler chinesischer Enthüllungsjournalist, der einer dreckigen Geschichte im Pekinger Handelministerium draufgekommen ist. Ein Vogelgrippeskandal, der wegen wirtschaftlicher Interessen am ungefährdeten globalen Geflügelhandel vertuscht werden soll. Auf einem Berliner Kongress will der Journailleist dafür harte Beweise vorlegen. Auf dem Weg dorthin wir er aber in aller Öffentlichkeit abgemurkst. Ein weiteres Kollateral-Opfer ist zu beklagen, in der tragikomischen Figur des Kontaktbereichsbeamten Karl-Heinz Zympanski. Seine Vorgeschichte könnten wir ja übrigens auch einblenden, etwa die letzte Fahrt des K.H.S.: Schnitt, Gegenschnitt, er gurkt auf dem Rad friedlich durch die Gegend, mit dem Einkaufskorb hinten darauf, winkt noch seinen alten Bekannten zu, den feisten Schnurrbart unter der Nase, radelt ein paar Straßen weiter und wird vom Chinesen gekillt: Das Fluchtauto in Großaufnahme, von vorn und plötzlich – BÄNG!- fliegt der alte Mann wie eine Puppe durch die Luft, schlägt wie als Fleischbombe im Schaufenster eines Metzgers ein oder meinetwegen auch einer Milchbar. Der Berliner Kommissar, der auf den Fall angesetzt wird, ist ein Antiheld, beruflich nicht besonders erfolgreich, sogar die Frau hat ihn verlassen, wegen des litauischen Konzertpianisten. Der Bulle hingegen verliebt sich in die englische Witwe des toten chinesischen Journalisten.“
Piet nickte. „OK. Und wie weiter?“
„Um Ansatzpunkte zu finden ermittelt Bert Lehmann, unser Bulle, unter anderem auch in der Berliner Falun Gong-Szene.“
„Also kommt die Dolmetscherin doch wieder ins Spiel.“
„Ja. Denn mit einem Mal muss Lehmann alte Asiaten befragen, die kaum ein Wort Deutsch verstehen können oder wollen, sie leben in den abgeschotteten Verhältnissen ins Land geschleuster Flüchtlingssippen. Doch die Dolmetscherin ist in Wirklichkeit eine getarnte Agentin, sie überwacht quasi Lehmanns Kunden, damit der nix Falsches zu hören kriegt, sie schüchtert die Befragten ein, bis Lehmann das endlich bemerkt und sich Tricks ausdenken muss, wie er die Spitzelfotze wieder loswird.“
„Ab da geht’s dann?“
„Möglicherweise… es soll die Agentin Liu ihrerseits die Engländerin, nennen wir sie Angela, ausspionieren, und sagen wir, später einen Brand in Angelas Wohnung legen, sie bekommt heraus, was zwischen Angela und Bertybaby läuft, klaut ihm unbemerkt den Schlüssel, macht sofort einen Abdruck, ihr Auftrag lautet, nachts Angela zu chloroformieren und sie samt ihrer Bude und den Beweisen abzufackeln.“
„Sicher ist sicher, n’est pas?“
Ich nickte.
„Und der Kommissar spielt zur geistigen Entspannung im Internet Mah Jongg. Weil er dabei ganz besonders gut sein Ego wegdrücken kann, das ihm sonst die freie Sicht auf die Dinge verstellt.“
„In Wirklichkeit ist er aber - nein, kein Araber, sondern spielsüchtig und verzockt die halbe Kohle. Das hat seiner Gattin die Entscheidung, abzuhauen, doch etwas erleichtert.“
Mir war das recht: „Ja, so können wir das stehen lassen.“
„Und außerdem braucht der Kommissar einen Sidekick. Die Assistenzfigur.“
„Ja, bei Dumbo, der Elefant, kriegen selbst harte Kerle in spröden Lederjacken feuchte Augen, in der Szene, als das graue Schlappohr seine Mutti verlässt. Und, ich gebe zu, ich krieg nicht nur feuchte Augen, ich heule ganz jämmerlich!“
„Ja, ja, Beethoven oder Black Sabbath, das ist hier die Frage.“
„Nein.“
„Sondern?“
„Keine Frage: Beethoven UND Black Sabbath!“
„Ach, schmier dir doch ein Käsebrot in die Haare!“
„Gerne! Mit Butter und Pfeffer!“
„Und der Leichtigkeit einer Beethoven-Sonate.“
„BÄNG, BÄNG, YOU’RE DEAD, HOLE IN YOUR HEAD!!!“
Piet griff sich an den Kopf, und sank, dramatisch gekrümmt, auf den Küchenboden nieder:
„Aaargh! Hot metal and ephedrine!“
„Ja, ja und ich muss mal pissen!”
Ohne weiter schlechtes Gewissen zu haben stieg ich über den Sterbenden hinweg und ging aufs Klo. Dort packte ich meine Wurst aus und schlug im Halbdunkel einer Provinz-Märchengrottenbahn meinen heißen Harn ab. Ich schloss genießerisch die Augen und schwelgte in der Wirkung von in meinem Hirn rotierenden Substanzen. Meine Gedanken glitten auf verschlungenen Wegen in ihre eigentliche Domäne, die Vergangenheit. Erinnerte mich heftig an meine erste Spielzeugeisenbahn, wie sie unter dem sanften Glitzern der bunten Weihnachtslichter dalag, mit einem Tunnel und Bahnhof und dem Teich, ein winziges, perfektes künstliches Feuchtbiotop, in Rom, 1973 oder 1974, am Morgen des fünfundzwanzigsten Dezember, dem Tag der Bescherung. Ich hatte im Kinderzimmer klopfenden Herzens gewartet, bis die Christkindglocke bimmelte. Schließlich war das feine Geräusch zu vernehmen gewesen, jenes Signal zum Sturm ins Wohnzimmer. Damals war alles in einen goldenen Schimmer getaucht, und dort, in der Erinnerung, ist es auch so geblieben, dort wartet dieses Licht auf mich. Hier und heute muss ich dafür schon einer schönen Frau tief in die Augen sehen, um auch nur in die Nähe jenes verwehten Glückes zu kommen.
Dann wollte ich einen Dokumentarfilm zu drehen über das Schicksal der Hunderttausende von Arm- und Beinamputierten des Ersten Weltkrieges - die Strassen voller junger Männer mit fehlenden Gliedmaßen - wie traurig. Und die Freikorpsleute verspotten sie, ehe sie den Krüppeln die Krücken wegkicken und die am Boden liegenden Hilflosen verprügeln. Aber diese armen entstellten Kerle dienten wenigstens noch als Vorlage für expressionistische Beschreibungen verdrehter Körper und Gesichter im Sinne eines Mementos. Was natürlich niemanden daran gehindert hat, zwanzig Jahre drauf den nächsten Weltkrieg anzuzetteln. Diesmal immerhin mit Stukas und Jagdpanzern, um im Blitzkrieg die Schlammorgie des langsamen Gemetzels zu vermeiden, was der deutschen Wehrmacht anfangs auch gelungen ist. Der Rest der ganzen Angelegenheit sollte ebenfalls hinreichend bekannt sein. WRAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAOOOMMMMMM! BOOM! BOOM! BOOM!
Gleichzeitig erkannte ich, dass zwar ohne Liebe alles Scheiße ist, aber Liebe komplett überbewertet wird. In jungen Jahren heißt Liebe Eltern, später Sex, dann Freundschaft. Meine Haare stanken nach Schweiß, mein Urin nach Tod, mein ganzes Leben nach Hochrisiko und möglichem Totalabsturz. Weder im Rausch noch im Spießertum lag die Lösung. Ich grinste in mich hinein. Auch eine süße kleine Brasilianerin, schlank, mit dunklen Locken und kleinen Brüsten hätte vermutlich nicht das Ende meiner Probleme bedeutet, die Inangriffnahme von Gegenmaßnahmen jedoch erheblich erleichtert. Glaubte ich fast fest. Regelmäßiger Geschlechtsverkehr sollte als der Einunddreißigste Artikel in die Deklaration der Menschenrechte aufgenommen werden. Der allgemeine Fick ist wie alle Körperfunktionen holistisch am Zustandekommen des Gesamtbilds jeglicher Zufriedenheit beteiligt. Ein Mann, eine Frau, gegenseitige Sympathie, nichts zu tun und Zeit an der Hand- warum sollten sie nicht ficken, vögeln, bumsen? Weil ansonsten die bunte Warenwelt zusammenbräche, und die Konsum-Kommandeure auf ihrem Schrott sitzen bleiben. Mir konnte das eh Wurst sein: Keine Knete, kein Job, keine Mieze. Nur Maulsperre und Hämorrhoiden und auf den Boden geklatschtes Sperma.
Auf der Partnerschaftshitparade rangierte ich auf der gleichen Ebene wie Penner und Asylanten. Da konnte die Sängerin einer halblustigen Studentenband desgleichen behaupten, so gut zu sein wie Janis Joplin, das Resultat bliebe das mickrige Aufbegehren gegen die harsche Realität…
Unergründlich sind die Wege des Herrn Geistes. Zwingend wie ein schlechter Schüttelreim, wie der Befehl „Schau mich an!“.
Auf eine Vollmondnacht mit einer hübschen garota, freute ich mich schon, egal ob sie nun carioca, paolista, sertanjera oder gaúcha wäre. Diese erotischen Nymphen der Ordnung und des Fortschritts!!! Mit ihren kleinen Brüsten, dunklen Locken, und so viele Wege führen zu ihnen, manche verworren und kraus wie ihr Schamhaar, andere geradezu prall in ihrer gradlinigen Eindeutigkeit, wie mein Phallus. Es geht nichts als der Anblick einer nackten Frau, die sich einem Mann, möglichst mir, in Liebe hingeben will. Dazu erklingt Musik, die vor Eros trieft und nach schneller Reaktionsfähigkeit verlangt. Und ebenso schnell, wie aus einem Witz ein Drama wird, fing ich im Scheißhaus an, hemmungslos zu heulen. Verdammt! Ich lieb dich so! Und ebenso unvermittelt musste ich lachen, schüttelte ich mich vor vulgärem Vergnügen, denn ich hatte an jenem Tag zum ersten Mal den Kerl gesehen, der neuerdings mit meiner Angebeteten das Bett teilen durfte. Ein blasses Bürschlein, das aussah, als wäre er ein beschissener Wuppertaler Tocotronic-Fan, so ein halbschwuler Mitte-Boy, einer jener verklemmten Typen, die Slawistik und Kommunikationswissenschaften studieren, die politisch korrekt sind und total langweilig. Er war keineswegs der Krieger, den ich mir vorgestellt hatte, kein langhaariger Biker oder braungebrannter Weltenbummler mit dicken Klöten, nein, er war ein richtiger Spießer, Vati subalterner Beamter, Mutti Hausfrau. Was wollte eine Powerlady von so einer mickrigen Type? Vermutlich die Gewissheit, dass der Pimmel nicht fremdgeht, sich kontrollieren lässt, einer, der seiner Herrin dankt für jeden Blowjob, pflegeleicht wie ein dressiertes Hündchen, und, und, und. Kann sein, sie war einfach nur verliebt in ihn und ich total neidig. Grrr.
Im Endeffekt war ich froh drüber. Es machte die Niederlage einfacher, ließ mir für eine Revanche Hoffung und rückte mein Idealbild von der Angebeteten ein wenig zurecht- war diese Frau an Ende kein brasilianischer Regenbogen, sondern bloß ein ganz normaler, sogar banaler Mensch, eine Frau, die zielstrebig ihren Weg geht, mit klaren Vorstellungen und Lebensabschnitten, jemand, der mit meinen romantischen Überfrachtungen gar nichts am Hut haben konnte und ja, vermutlich genau wegen meiner, ehm, massiven Präsenz auf mich verzichtet hatte?
Gut, da glitt ich bereits wieder ins Spekulieren ab, was wäre wenn, um, dois, feijao com arroz, das bringt nichts, also ließ ich es bleiben, wusch mir die Hände und schloss mich wieder meinem Freund an. Der war in der Zwischenzeit von den Toten auferstanden und drehte im Wohnzimmer eine fette Tüte. Im Endeffekt musste mir der süße kleine brasilianische Kolibri, portugiesisch beija-flor, Blumenküsser, zukünftig Wurst sein, aus reinen Selbsterhaltungsgründen. Wenn sie mich nicht wollte, machte es auch keinen Sinn, sie mit meinen Gefühlen zu verfolgen. Aus mit den Kämpfen. Ich hatte, trotz auftretender Krisen, akzeptiert, ihr völlig egal zu sein. Seufz. Ächz. Und bei aller Rationalität…liebte ich sie trotzdem. Und ich würde nicht so schnell damit aufhören. Liebe! Was für ein Beautiful Blitzkrieg!
Eigentlich fühlte ich mich an dem Tag ziemlich matt und erschöpft. Die Nacht zuvor war ich auf einem überbordenden Geburtstagsfest gewesen, ein alter Kumpel, vierzigster Geburtstag, volles Programm inklusive leckeres Essen, kalte Drinks, gute Musik und schöne Frauen.
Nach den für mich üblichen sechs Stunden Auftauzeit war ich doch noch in die Gänge gekommen und hatte mich an die prachtvollste aller Anwesenden gemacht, an eine superbe Blondine mit hohen Brüsten und einem wunderbar scheu- herausforderndem Lächeln. Und das Ganze spulte ich ab mit der Leichtigkeit einer Beethoven-Sonate, mit der schlafwandlerischen Sicherheit eines Jesuitenmissionars im Amazonasgebiet.
Ich war in meinem Element gewesen. Herrlich! Und dann, bei der Heimfahrt, halb fünf in der Früh, legte ich mich ganze drei Mal auf die Fresse- gefrierender Nieselregen. Wunderbar! Beim ersten Mal war ich erschrocken, bei zweiten wurde ich wütend, bei dritten Mal fühlte ich mich wie ein supercooler Stuntman und lachte mich schief. Was für ein Elch ich doch war!
Und mein lieber Freund Piet, der natürlich von meiner unglücklichen Situation wusste, und der sie gleich von Anfang an mit der notwendigen Portion Gelassenheit bewertet hatte, ohne mich zu hätscheln, die harte Sau, war hellauf begeistert (oder so), dass ich mich in seine Bekannte verkuckt hatte.
„Endlich mal ein gutes deutsches Mädchen!“, scherzte er süffisant, „Und keine kleine Wilde aus dem Mato Grosso!“
„Heult Hitler?“, entgegnete ich, riss Piet die Tröte aus der Hand und zündete sie an.
Jetzt war Schluss mit Ludwig!
Um meinen Kumpel zu nerven legte ich eine Goa-Trance-CD auf, hervor, drehte voll auf und hopste besoffen und peinlich lächerlich umher, machte mich zum Affen:
„YU-HU! LIEBLING! AHI-HI-HI! KUCK DOCH MAL, WIE DOOF ICH BIN!““
Piet lachte schallend:
„Du verrücktes altes Huhn! So wirst du niemals eine Frau finden!“
“Das weiß ich, Tim!“
„Worauf du einen lassen kannst, Struppi!“
Worauf sich auch mein Freund von der Welle des Moments mitreißen ließ und die Wand hinab rutschte. Wir wälzten uns, Halbdebilen gleich, auf dem Fußboden und spielten, völlig unpassend, Luftgitarre zu Syntheziser-Sitar-Klängen. Ach, wie toll und lustig und wie spontan! Eine Stunde später trollte sich Peter, müde und stoned, aber ohne, dass von unserem großen Drehbuch-Plan auch nur eine Spur über geblieben wäre.
Aber, es war kein Rausch der Freude. Es war ein Delirium aus Routine, der Ersatz fürs Dasein, für die Euphorie, für die Auseinadersetzung mit der Wirklichkeit, der ich nach wie vor am Liebsten in Form von Projektionen entgegentrat, das war meine Angst vorm Leben. So soff ich mich wieder nüchtern, innerlich erschlaffend, ein Ölfleck auf wilder See, hatte ich schon längst begriffen, welches der Weg war, den einzuschlagen ich hatte, doch der Deibel, er klopfte mir auf die falsche Schulter und meinte, für alles gäbe es die rechte Zeit, bloß keine Eile, ich könne ja sonst was versäumen, und, Gottes Wege sind unergründlich, wer könne das sagen, was ist richtig, was falsch. Es sah so aus, als befände ich mich in der Midlife-Crisis. Und sie nahm kein Ende:
„Cada vez que te veo, me acuerdo del tiempo, con la cerveza al litro, mirando la puesta del sol…“
Und, hinter all der bugiganga, dem Firlefanz, besorgte sich meine allfällige Karriere nun mal nicht von alleine. Da war endlich Selbstmanagement gefragt, die viel zitierte Ich-AG, da konnte ich mich nicht auf die Hilfe von Rintintin verlassen, oder auf den Heiligen Geist, oder auf sonst wen. Romantik blieb eine Domäne der reichen Nichtsnutze, die es sich leisten konnten, darauf zu warten, ob ihr Dilettantenstatus sich auszahlte oder nicht. Ich gehörte nicht dazu. Meine Wenigkeit wälzte sich im Staub der imminenten pekuniären Katastrophe, da konnte ich Küsse bekommen, wie viele ich wollte, und falls meine nächste Braut keine millionenschwere brasilianische Popsängerin wäre, und genau danach sah es nicht aus, käme ich um die Tretmühle nicht herum. Abgesehen davon, dass Popstars nichts sind als die gut bezahlten Chronisten des ganz normalen Seins, diese eingängige Wohlklänge hüllend, die ganze dreckige Plackerei melodisch verbrämend, sie sublimierend, ins Reich rosaroter Wolken versetzt.
Ein Dutzend verlorener Jahre, zum Beispiel, in eine hübsche drei Minuten-Arie verpackt, das kommt besser an als ein Achthundertseitenwälzer und überfordert das Publikum nicht zu sehr. Nüchtern betrachtet ergab sich folgende Perspektive: Eigener Fleiß, eigene Stärke, eigene Beharrlichkeit, und der Beschluss, Politiker zu werden, harhar, das war alles, was ich dem Großen Vergessenwerden entgegenzusetzen hatte und, viel schlimmer, entgegenzusetzen brauchte. Das verhieß jede Menge Arbeit, Selbstdisziplin und Aufopferung, auch lauter Dinge, in denen ich noch nie besonders gut gewesen war. Und obwohl mich wirklich niemand danach fragte, ob ich denn bereit wäre, für den entscheidenden Waffengang, so ging jedermann davon aus, dass ich’s wäre. Außer mir.
Mich konnten sie doch echt alle am Arsch lecken. Ich war damit fertig, Vertrauensvorschüsse zu erbringen, die Eitelkeit anderer mit meinem Interesse zu polstern, als wäre es meine Pflicht und zum Dank nur blöde Antworten zu kassieren. Ein radikaler Schnitt war nötig, die Dinge auf eine Basis zu stellen, auf der nur ich die Regeln bestimmte, und niemand anders. Das Privatleben war das erste Opfer. Ich hatte keine Verarsche vergessen, die mir zugefügt worden war. Jetzt war Schluss mit jedwedem sexuellen Opportunismus, jetzt war die Zeit gekommen für einen Rigorismus, der mir vielleicht keine Sympathien einbringen mochte, aber Erniedrigungen weitgehend ausschließen konnte. Ein Rigorismus, der sicherlich morsche Bindungen kappen und der Selbstbedienungsmentalität so genannter Freundschaften hoffentlich ein Ende bereiten würde. Die Anklage „Warum nicht ich?“ war zu ersetzen durch die Feststellung „Zum Glück nicht du!“. Der schweflige Duft hart gekochter Eier durchzog meine Bude. Hunger und Durst und Rauschsucht riefen gleichzeitig meinen Namen. Ich schüttelte meinen Kopf, um klar zu werden. Was hörte ich? Tausend Worte am Tag! Wie leicht war das! Tausend Worte am Tag! Wie schwer zu gewichten! Tausend Worte am Tag! Alles zu seiner Zeit! Tausend Worte am Tag! Den Teufel wirst du tun!
Ein paar Tage später, ich hatte die Geschichte mit der Wurstfachverkäuferin schon längst als dummen Scherz abgetan, war es besonders kalt. Der Dauerschnupfen wollte wieder einmal mit heißer Suppe behandelt werden, und meine Zähne freuten sich schon über die grauen und weißlichen Fasern, von Huhn, Rind, Kalb. Das Suppenfleisch, schwer und nass und sich den Schmelz schmiegend, zwingt es die Kinnladen zu einem zähen Kuss, ehe es, mürbe Samtigkeit verbreitend, heiß die Speiseröhre hinab glitt. Der Jahreswechsel hatte doch einiges bewirkt, etliches an Daten komprimiert. So ähnlich empfand ich zwar nicht nach jedem Sylvester, aber dieses Jahr fühlte es sich ganz anders an:
Der Breistift lag in ihren Händen wie eine viel zu weiche Wurst.
Sie kämpfte um jedes Wort wie um gerinnendes Blut.
Dennoch sah alles nach einem Misserfolg aus.
Einhundertzweiunddreißig Pumpschwengelbewegungen später akzeptierte sie das schlappe Ergebnis. Dabei war das erst der Anfang der mühseligen Geschichte.
Donald Duck und Moby Dick.
Was für ein Gespann.
Ich war trotzdem ziemlich überrascht, als ein das Telefon klingelte und eine elektronisch unbekannte Stimme in den Hörer gurrte:
„Na, mein Süßer, was macht die Wurst?“
Es war SIE: Die Fachkraft in Sachen Fleischstangen.
„Sie ist dick, rund und hart.“
„Mmmh. Lecker!“
„Ich weiß ja nicht einmal, wie du heißt!“
„Jessica.“
„Oh, das ist aber ein schöner Name.“
„Und du?“
„Ulysses“, scherzte ich.
„Aha“, antwortete sie, „Doch eher ungewöhnlich. Aber hübsch, passt.“
„Nenn mich ja nicht Uli.“
Harledon Chilbe. Essighändler aus Malta.
„Ich werde aber immer dran denken müssen, jetzt, wo du es gesagt hast.“
„Selber Schuld, ich weiß.“
„Jetzt sei nicht bockig, Schatzi, gell!“
„Sag mal, seit wann sind wir überhaupt auf der Schatzi-Ebene?“
„Na ja, weil, ich mein, du hast ja gesagt, du kommst zum Schnitzelfrühstück, am Sonntag, vor dem Kegeln, nicht wahr und du wolltest Senf mitbringen…“
„Und viel gute Laune, ja, ich weiß, und?“
„NA, hör mal, ich bitte dich?! SCHNITZELFRÜHSTÜCK? Am SONNTAG? Vor dem KEGELN!? Und? Da klingelt gar nix bei dir?“
„Also bitte…“
„Was? BITTE? Was ist mit dir los?“
„Ähmmm…“
„Ist denn das so schlimm? Ich möcht halt mit dir ficken! Bist du schwul oder was?“
„He, krieg dich bitte wieder ein, ja?“
„Das ist ja wohl die Höhe! Ich soll mich wieder einkriegen? Was glaubst du Bürschchen eigentlich? Denkst du wirklich, ich bin auf einen wie dich angewiesen?“
Ich lachte sie aus:
„Was willst du dann von mir?“
„Ich bin doch nicht blöd! Mir ist aufgefallen, dass du immer zu 'ner Zeit einkaufen warst, bei der anständige Leute arbeiten! Außerdem bist du viel zu dick für dein Alter!“
„Ja und?“
„Was bist’n du für einer? So’n Sozialhilfepenner? Nee, dazu biste zu gut angezogen, und du hast auch immer nur das gute, teure Rindfleisch gekauft, die Assis nehmen immer nur das fette, billige Schweine-Zeug. Aber, du hattest auch wirklich JEDESMAL zwei oder drei Bier im Wagen! Oder bist du so ein reicher Nichtsnutz? Wäre mir persönlich ja lieber, du könntest dann mal was springen lassen!“
„Ja“, entgegnete ich, „Am Besten hundert Kilo Pommes mit viel Mayo!“
„Meinst du die von Rudy?“
„Herrgott! Was kennst du denn für Typen?“
„Wenn du frech wirst, mein Junge, dann pass mal lieber auf! Das sag ich dem Rudi aber! Er kennt da ein paar Ludenschläger, ganz privat sind die voll lieb, glaube mir, und die essen auch alle gerne mein Gulasch, die können mir keine Bitte abschlagen, die Jungs, und die verpassen dir eine Abreibung, dass dir hören und staunen vergeht!“
„Mir? Ja weshalb denn?!“
„ZUR STRAFE FÜR DEINE ABWEISUNG!!! DU FERKEL! Und außerdem, ich fick auch mit ALLEN Postboten hier im Rayon, verlass dich drauf, ich FINDE DICH! UND DANN MACH ICH DICH FERTIG, DU ALTE POTTSAU!!!“
„Schatzi, schätze, Schnitzelfrühstück ist erstmal gestrichen.“
Ich legte auf.
Dann lieber Canasta spielen. Oder Wagner.
Seine Vorspiele sind eh recht symphonisch, das gefällt mir.
Zeit als Waffe, diese Schiene eben.
Wie das Internet auch als weltweiter Wartesaal fungieren kann, wenn es das grade so will.
In diesem Sinne: Fickt nicht mit euren Nachbarn!
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Sprachbetrachtung
Nummer 335
NEOLITHIKUM
Ein Schallbild
Plastron
Wunderbare Ruhe liegt über dem See. Der Wind lauscht in den Bäumen. Ab und zu springt ein Fisch, lässt ein Raubvogel seinen Ruf vernehmen. Zeit spielt keine Rolle. Soweit das Auge reicht keine Spur menschlicher Zivilisation. Primordiale Entspannung, dem Zustand völliger Unschuld nahe. Also: Derrida lesen oder lieber knallharte Action für kernige Typen kucken?
Das Zeichen wird durchs Abbild verstanden.
Ein Abbild ist dadurch charakterisiert, dass es von dem Abgebildeten verschieden ist, von ihm abhängig ist und mit ihm übereinstimmt.
Dieses Abbild aber ist im Gehirn auf den Kopf gestellt worden, damit es der Wirklichkeit entspricht.
Was wäre, wenn wir wirklich wüssten, was wirklich ist.
AION.
Das Ei der Schlange.
Die Zeit dehnte sich übern ihren Schlund hinaus.
Zuviel des Guten, dachte sie, und musste kotzen.
Vom Abbild zur Krätze.
She’s got the Jack!
Aber Gott würfelt nicht, er spielt Canasta.
Eigentlich müsste jemand den Metatron fragen, ob Er denn immer gewinnt. Es wäre ja verständlich, wenn die Karten sich aus reiner Liebe in korrekter Reihenfolge in Seine Hand hinein schmiegten. Aber ich bin sicher, Er ist auch ein Gentleman, der auf so ein Handicap verzichtet. Denn selbst die Punkte gehen ein in ihr ewiges Reich der Ruhe, wenn sie verbraucht sind: Wie AC/DC in Las Vegas, zum Beispiel.
Auf dem Hochweg in die Hölle…!
Da bleibt dir glatt der Schrei im Halse stecken. Wurks. So zwingt sich der Schrieber zu den Schrieben. Und der Schreiber zum Schreiben. Kleine flinke Affenfinger flitzen über die Klaviatur. Sie fegen wie damaszierte Klingen, sie pfeifen wie Orgeln im Winde, ach, was sage ich, die Entourage eines Rockstars ist ein Dreck, pardon, Scheissss-Dreck dagegen: „Woo-hoo-hoo, yeppee - yayoyyy! Ghost riders in the Sky“.
Horrido! Junge Künstler auf Herointabletten. Das ergibt in Wirklichkeit nicht mal ein negatives Feedback, im Rock-Verstärker, eher ein offizielles Feet-Kack, sich selber in aller Öffentlichkeit auf die Schuhe gemacht, und etwas davon bleibt einfach für immer an allen Beteiligten haften. Aber immerhin, das ist schon was, wenn’s zu mehr nicht reicht.
Da!
Der Startschuss!
„Well I woke up this morning and I got myself a beer!”
Der Mensch ist das einzige Lebewesen, dem die Aussicht auf den zukünftigen Hunger/Durst/Gerichtstermin schon jetzt Sorgen macht. Das Salz rieselte wie schwerer Staub von meiner trockenen Handfläche ins durch Zuhilfenahme von Mehlschwitze bereits bröcklig gewordene Kartoffelgulasch.
Ich rührte die Pampe um und schmeckte nach. Ja, das ging sich aus. Und träufelte gleich goldfarbenes Olivenöl aus erster Kaltpressung in den dampfenden Kessel, mischte es sorgfältig unter, was für eine schöne Farbe, Gold und Silber und Weiß und Violett, das waren als Kind meine liebsten Ölkreiden, wenn ich etwa die Prinzessin auf der Erbse malte, und am Allerliebsten hatte ich jene teuren und daher seltenen Stifte, die beim Auftragen aufs Papier mürbe nachgaben und eine zart abblätternde Pigmentspur hinterließen, die mich an die Flügel von Tagpfauenaugen erinnerte oder an jenes zarte Pulver, das frisch geschlüpfte Pinienkerne umhüllt. Die große Hitze der Sommernachmittage in Latium nahm ich als einen lästigen Mantel wahr, der sich auf mich legte, sobald ich aus dem dunkel gekühlten Haus trat, und den ich erst abwerfen konnte, wenn ich aus Brombeerhecken und von Spielen mit Bauernkindern und Hunden wieder nach Hause kam. Noch heute liebe ich den Gesang der Zikaden und fühle mich unangenehm berührt, wenn in germanischen Sommern dieser Laut konstant ausbleibt.
Schön aber auch die asozialen Trinker-Nachbarn, die sich aus Schrott, leeren Bierkisten, undefinierbaren Holztrümmern, dreckigen Plastikplanen, einem abgeschnittenen Ölfass und ähnlichem Gerümpel im Hinterhof eine gemütliche Sauf-Ecke zusammengezimmert haben. Dort hocken sie, fünf Mann hoch, und krakeelen besoffen rum. Da haben die Leute doch mal tatsächlich Bürgersinn bewiesen, nicht wahr, Eigeninitiative, so etwas wie gemeinschaftliches Engagement, schließlich will niemand seinen Nachbarn bloß am Stützeamt treffen oder in der halbschattigen Fuselabteilung bei Getränke Schmittke. Und was ist? Nu? Was hat der Mensch davon? Zustimmendes Nicken. Das! Allgemeines Staunen. Was? Na, das! Die trüben Blicke tasten sich entlang eines vorwurfsvoll nach oben gereckten Armes langsam bis über die krumme Zeigefingerspitze: Da! Der Schnösel aus dem vierten Stock oben, der immer nur olle Geigenmucke hört oder dieses kranke Drogenzeug, der glotzt schon wieder so giftig runter, während er die beschissenen Fenster putzt, der soll sich mal zu uns runter trauen, dem pusten wir schon was, was? Da hau’n sich die Kerle aufs Knie, grölen, harharhar, wenn der im Parterre wär’, ich tät ihm die Fenster gleich wieder voll pissen, ja, ja, da wird sich in die Seite geknufft, und besonders ordinär gellt das Gackern der weiblichen, alkoholbedingten Hirnkranken herauf, doch deren nähere Einlassungen sollen hier nicht wiedergegeben werden, es soll reichen, wenn bekannt wird, dass der Schnösel seine Fenster artig weiterputzen konnte, obwohl er sich gerade erst übergeben hatte und ein dicker, heißer Strahl zufälliger Weise mitten unter die Schar munterer Zecher spritzte.
Skandalrocker, was soll denn das für eine Berufsbezeichnung sein? Mein Gott, diese dünnen Kerlchen, die hätten in den 80ern in keiner anständigen Rockerkneipe auch nur fünf Minuten überlebt! Unglaublich! Und solche Bubi-Fratzen bedienen heute das Medieninteresse. Eigentlich nur fair, dieses Publikum und solche Stars, die verdienen und bedingen doch einander. Der etwas Gelassene sieht darin nur einen der vielen Kurzzeitzyklen, keines weiteren Blickes würdig, andere hingegen einen Grund, sich von der nächsten Brücke zu stürzen, aber aus unerwiderter Liebe, wohlgemerkt, nicht aus Wut. Inzwischen kann der Fensterputzer live beobachten, was in gewissen Kreisen mit Solidarität gemeint ist: Niemand der es noch nicht ist, will in Kontakt mit meinem Erbrochenen geraten, und das anfänglich harmlos-freundliche Geschubse mündet bald in einer handfesten Schlägerei. Gegen Ende prügeln die vier Männer dann gemeinsam auf die arme Frau ein, und der Fensterputzer sieht sich genötigt, schlichtend einzugreifen. Er greift zum extra bereitgestellten schwarzen Kunststoffeimer voller Eigenurin, den er in einer Woche emsigen Biertrinkens beiseite geschafft hat. Zielsicher schwallt die grüngelbe Brühe über die Streithähne, und der Mief erwischt sogar den Putzer, der sich nun veranlasst sieht, blitzartig die Fenster zu schließen und im Zimmer Parfum zu versprühen.
Jessas Maria! Dank der verdammten Sommerzeit blieb es jetzt eine Stunde länger hell! Peinlich für alle Beteiligten? Ja, natürlich, und durchaus so beabsichtigt! Außer dem atemberaubenden Miasma gemahnt im Hof unten vorläufig nichts mehr an die menschlichen Globalisierungsschäden, und an die Unumkehrbarkeit dieser Prozesse. Da hatte es der Fensterputzer vergleichsweise einfach: Er brauchte nur ein paar Eimer Wasser mit Zitronengeist aus dem Fenster zu schütten, um einen ersten Erfolg zu erzielen. Gegen das Sodbrennen würden die Kautabletten helfen.
Scuta
Stick to the Fours!
SttF!
Bleibt bei den Vierern!
Ja, ich wage es, das zu behaupten. Die Bären hupten. Warum sollte nicht Literatur nicht genauso gut konzeptionell angelegt werden können? Die Zinsen ernten die Dorfgassen. Unverzichtbar dabei, das Bleifüßchen nicht ganz außer Kontrolle geraten zu lassen. Sie strickten in der Stube. Sie waren so strikt, dass sie dabei stritten. Der Frühling kündigte sich mit der Einführung der Sommerzeit, einem Regenschauer und dem Duft von Kartoffelgulasch an. In den Nachbarswohnungen wurden umgehend Heimarbeiten begonnen, die vorzugsweise den morgendlichen Sonntags-Einsatz von Hammer und Bohrmaschine verlangten. Ich wollte mich auch nützlich machen und beschloss, neben den obligaten zwei Sonntags-Wäschen die Bohlen zu wienern. Der Junkie pirscht sich an die Dealer heran. Etwas flattert im Gebüsch. Jene Parkwege, die nicht geteert sind, bilden nach dem harten Winter im ersten wirklichen Tauwetter eine derartige sandig-schaumig-morastige Straße des Elends, sodass ich mir gar nicht vorstellen will, was die Jungs an der Ostfront so an freudigen Erinnerungen sammeln durften. Schließlich erreiche ich den lange zuvor angepeilten Punkt in der Landschaft. Ein rasch angebahntes Geschäft geht ebenso rasch zu meiner völligen Zufriedenheit ab. Korrekterweise leistet mir der Dienstleister noch den unbezahlten Extradienst, und weist drauf hin, heute lieber den und den Ausgang zu nehmen, an den anderen wäre copmäßig die Hölle los. Dankend folge ich den Anweisungen, schlage aufgrund meiner hervorragenden Kenntnis des Geländes den richtigen Haken, rolle knapp an einer Streife vorbei, werde aufgrund meiner Tarnkleidung nicht erkannt und kann schließlich, an einer ganz bestimmten Kreuzung beobachten, wie tatsächlich eine gute Hundertschaft Polizisten in ihren grün-weißen Bullen-Schüsseln an den hinteren Parkeingang gekarrt werden. Ich erreichte mit lehmbespritzten Hosenbeinen den sicheren Hafen der Heimat. Dafür soll mich nun einer strafen!
Der Mindbender!
Der Soulrocker!
Der Arschficker!
Mit dünnen Rattenzähnen am harten Brot der Zukunft nagen. Ob es viel Provolone dazu geben wird, weiß leider keiner. Ein leise weinerlicher Ton kommt auf, noch als leicht süffisanter Humor maskiert, aber in Wirklichkeit ganz anders geartet, nicht wahr?
Ach ja, wunderbar, all diese jungen intellektuellen Menschen, die Bildungselite, die “I’m not a madam, I’m a concierge!“ von morgen. Damm-damm, da-damm, damm-damm.
VERRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRY STRAAAAAAAAAAAAAAANGGGE!!!
Wait and bait. Eine neue Taktik. Wahrlich genial erfolgreich. Die Kinder wurden mit Schokolade und süßem Likör gefügig gemacht. Und, hier bitte, das Ergebnis: Wie viele Kinder hat ein Belgier? Fünf! Zwei im Keller und drei auf DVD.
Ich, die Stimme des Volkes, habe das schon immer angeprangert.
Vielleicht wollen deswegen fast alle Kinder anfangs immer vernünftige oder auch gerne helfende bzw. potentiell beschützende Berufe ergreifen, wie Krankenschwester/Polizist, oder eben Action-Held. Aber auch die guten alten Klassiker wie Cowboy/Feuerwehrmann sind neben dem tollen, megageilen Paket Kapitän/Lokomotivführer/Raketenpilot (und neuerdings auch Zuhälter/Nutte/Porno/Popstar) doch alles coole Broterwerbe, bei denen sich Menschen freiwillig und sehr intensiv miteinander beschäftigen. Denn Koch, Kellner, Bäcker, Konditor, Wurstfachverkäufer, Grill-Walker und McDonalds-Verkäufer, das wollen nur die dicken, fressgeilen Sprösslinge der Bordellwirtin werden.
Verwirrt?
Weird.
Grobe Müdigkeit breitet sich aus.
Kommt das vom Fett fressen? Die Kinder sehen aus, als hätten sie rosa Schaumgummianzüge an. So was von obszön! Und obendrauf, auf dem Mumpsköpfchen, eine knallrote Schirmmütze, verziert mit dem Logo des überreichlichen, international agierenden Kalorien-Spenders.
Der steht derweil hinter einer Klotür, sieht sich heimlich die dicken Dackeldecken an und masturbiert dabei. Er ist spindeldürr, ungefähr einen Meter Neunzig groß, hat straff nach hinten gekämmtes Salz-Pfeffer-Haar, gelbe, ausgesprochen prononcierte Hasenzähne und blutunterlaufene Glubschaugen. Ein Speed- Junkie mit Basedow sähe nicht besser aus. Aber er freut sich. Denn längst hat er neben seinem Weichmacher-Imperium ein Netz sündteurer Spezialkliniken über den Globus gelegt, die an den Spätfolgen verdienen. Die perfekte Dealer-Strategie: Erst anfixen und dann ausbeuten. Als dritte Einnahmequelle dient das abgesaugte Fett, und leider, leider, die Inspiration dazu hatte der Weltanbieter aus einem Film, der genau seine eignen Geschäftspraktiken anprangert, woraus der Kalorien-Spender beim Ejakulieren schloss, sicher sein zu können, die richtige Seite gewählt zu haben.
Aber diese sexuellen Aberrationen waren nichts als kleine Fingerübungen, ehe es ans richtig wilde Scheffeln ging. In seinem Anteilsscheinbesitzerwert rechnete sich schließlich immer alles. Und wirklich gute Platten, die will sich der Konsument immer wieder reinziehen, nicht wahr? Der lange dünne Mann dachte noch, während er seine Wurst wieder einpackte: Was andres kommt bei mit gar nicht in die Tüte. Der Dünne hasste alle Kinder, die so verwöhnt wurden, und die in zarten Jahren derart fett waren, dass sie als Alterskunden bereits im Grundschulalter ausschieden. Viel lieber waren ihm die anderen, die erst später, als junge Erwachsene in die Falle gingen und die schließlich in einem perversen Impuls aus dem Überdruss eine Tugend machten. Der leichte Küchendunst, der ihn ständig umwehte, war zu seinem geschätzten Markenzeichen geworden. Und wenn er bei einer der üblichen, anonymen Betriebskontrollen irgendeinen seiner armen Hascher bei einer Unregelmäßigkeit (Regelmäßigkeit war für ihn das höchste aller geistigen Güter) erwischte, pflegte er bei der Entlassung zu sagen: „Sie haben wohl den Braten nicht gerochen!!“, und er lachte dabei auf eine trocken-süße Weise, die an vergifteten Staubzucker gemahnte. Aber all die Träume von Glorie, die er in seinem angsterfüllten Kinderzimmer gehegt hatte, sie waren in Erfüllung gegangen.
Anregungen suchte das aufgeweckte, aber stets wie ein verprügelter Köter wirkende Kind in der Literatur, und da es Zugang zu einer reich furnierten Bibliothek hatte, lernte es schnell. (Wer nun als Pädagoge dazu sein Wörtchen sagen möchte, der möge ein wenig warten, ehe er sein Bücherwissen zum Besten gibt.) Denn Zweifel scheinen angebracht, ob es tatsächlich nur die Lektüre der im Übrigen ganz ausgezeichneten Lambrecht-Übersetzung von Suetons Biographie des Gaius Caesar Augustus Germanicus, der Allgemeinheit besser bekannt als Caligula, oder etwas später die Begeisterung des Knaben über die klaren taktischen Anweisungen des „Fürsten“, die im unreifen Burschen eine Art Cäsarenwahn auslösten oder ob dieses Hirngespinst einer Abwehrreaktion gegen seinen irrational strafend agierenden Stiefvater entspross. Andererseits, wer kann schon die geistige Angemessenheit einer Lektüre feststellen? Pädagogen? Sozialarbeiter? Bewährungshelfer? Henker?
Denn es war ja nicht nur klassische Literatur dabei, der Knabe las kreuz und quer und gierig, ganze Schulbuchsammlungen fielen dem unzähmbaren Lesehunger zum OPFER. Immer wieder musste Mutter das karge Taschengeld konfiszieren, um Säumnisgebühren öffentlicher Bibliotheken zu befriedigen. Da pfiff ihm ein kalter Wind entgegen, bei der Informationsaufnahme, und niemand will behaupten, er habe vor Ort sofort alles verstanden, was er da gelesen habe, aber immerhin waren die Daten eingegeben worden. Und sie arbeiteten im Arbeitsspeicher gewiss weiter, unabhängig von seinem Einfluss vor sich hin. Am Ende aller humanistisch gemeinten Absichten, die außer viel Rigor nur wenig Calor verspüren hatten lassen, standen eine früh genarbte Seele und ein nacktes Bedürfnis nach Ausgleich dafür. Der dünne Mann am Klo, nickte, wischte sich mit dem nicht zu teuren, aber auch nicht zu billigen Papierhandtuch (wie es Konzernbrauch war) die Hände trocken, ließ hinunter und trat aus der Kabine.
Carapax
„I am he as you are he as you are me and we are all together…”
Wie aber, den Neuronenschauer in die Realität mit hinüber nehmen? Im Falle des Johann L. geschah das zumindest eine Zeit lang mit der Hilfe einer Heroinspritze. Andere greifen lieber zur Flasche oder in den Kühlschrank, da steht eine Schüssel mit lecker Ursuppe. Aber eines haben sie alle gemeinsam: Den Blues.
Zweihundertneunzehn Paragraphen weiter ist das Etappenziel erreicht:
„Well I just got into town about an hour ago, took a look around, see which way the wind blow…”
Ist sie nun eine glückliche kleine Lady oder nur ein weiterer, gefallener Engel? Der Rock-Star kann keine Antwort geben, denn wieder einmal sorgt der schmatzend saugende Schlick hinter
seiner Stirn für ein zwar angenehmes Gefühl der Entrücktheit, andererseits auch für komplette Orientierungslosigkeit. Also kann er nur eine einfache Lösung anbieten und schwenkt diese vor den großen, erstaunt blickenden Augen seiner Diotima. Alles andere wäre bloß prä-sokratische Sophisterei. Unter Grunzen und Ächzen stimmt dem auch Diotima zu.
Einhundertsiebzehn… . Ja, was? Kartoffeln? Takte? Hyazinthen? Wohin soll die Reise gehen? Hektische Betriebsamkeit allein wird nicht reichen. Eine Entscheidung ist überfällig! Da kann ich ja sonst die selbst zubereitete, geklärte Rindersuppe (aus Markknochen, Suppengrün, Rinderhesse, Gelbwurz, einer Chilischote, dem Saft einer halben Zitrone, eine rote Zwiebel samt Schale, drei Lorbeerblätter und eine ordentliche Prise Salz) vier Tage geklärt im Kühlschrank stehen lassen, bis das ehemals mitgekochte Gemüse im Sud jene Darm-Qualität entstehen lässt, die so herrlich abführend wirkt. Abgesehen davon stelle ich fest, dass sich auf meiner Oberlippe ein Fieberbläschen bildet. Das habe ich gar nicht gerne, und Klytämnestra kann das noch viel, viel weniger leiden.
„I was warned about you baby, but my feelings gote a little bit too strong”, davon sang später der arme Agamemnon sein düsteres Lied. Mein Tip wäre gewesen: trau Keiner unter Dreißig, die sind alle gestört. Eine Zumutung übrigens, dass die alten Mono-Aufnahmen trotz modernster HiFi-Stereoanlagen immer noch wie durch die Socke klingen. Anno 1039 ist unter anderem und Historikern nicht nur dafür bekannt, dass der Führer der Hudiden, genauer genommen Sulaiman ibn Muhammad, nach der Loslösung vom Kalifat von Córdoba, in Saragossa an die Macht kommt und es bis 1110 auch bleibt, ehe die Hudiden ihrerseits von den Almoraviden hinweggefegt werden. Auch der arme alte Abu Ali al-Hasan Ibn Al-Haitham, genannt Alhazen, geht im zarten Alter von vierundsiebzig Jahren in Kairo für immer in die Jagdgründe der Mathematiker ein, nachdem er die Welt der Wissenschaft um hoch gelehrte Traktate zur Lichtbrechung und Lichtreflexion bereichert, das Brechungsgesetz auch für die Lufthülle der Erde bestätigt, gewölbte Glasoberflächen untersucht und nebenher die induktiv-experimentelle Herangehensweise an Probleme entwickelt hat. Ja, Berühmtheiten geben sich hier die Klinke in die Hand, das kann wohl niemand abstreiten, das müssten besonders Sie neiderfüllt zugeben. Aber stattdessen stopfen Sie sich das Maul mit Drogen voll und ich kann’s hintennach wieder wegwischen, ja? Wie lange soll denn das noch so weitergehen? Bis Ihr Name endlich in der Zeitung steht? Die Nachbarn mit der Axt die Tür einschlagen?
„Land in Sicht!“
Dieser Ruf des Ausgucks hat vielen Kapitänen die nackte Haut gerettet. Na ja. Sagen wir halt. Ein berühmter, extrem harter Seemann bekam angesichts seiner Erlösung sogar einen Nervenzusammenbruch, er weinte und heulte wie ein Kind beim Gedanken an die Malereien in der Höhle, daheim im fernen Kantabrien, die er mit seinen kindlichen Spießgesellen übermalt und verschmiert hatte, ihrer ursprünglichen Würde aber nichts anhaben hatte können, er empfand tiefste Reue, auch der Tod seiner Mutter trieb ihm weitere Tränen in die Augen, aber dazu die Wut darüber, dass es immer erst die extremen Situationen sein müssen, damit er den Wert der wichtigen Dinge erkannte. Aus der Wut wurde Demut und aus dieser erwuchs Kraft und alsbald riss er das Kommando wieder an sich. Er ließ die VERRÄTER, die an seine Autorität Hand gelegt hatten, an den Rahnocken aufknüpfen.
„He loves life, he hates life…“
Nach einer vollen Umkreisung kehrt der Reisende an den Ausgangspunkt zurück.
Höchst erstaunt und unwillkürlich von niederschmetternder Langeweile ergriffen zuckt er zusammen. Das also, soll die Erkenntnis gewesen sein? Ich weigere mich, das zu akzeptieren! In diesem Augenblick fing es aber wieder von vorne von vorne an, schließlich schraubte sich doch eine Plattform fest, von der losgestartet werden konnte. Ofenschrubber wurden bei der Jobverteilung bevorzugt, was in der übrigen Bevölkerung zwar zu gewissen Irritationen führte, der Obrigkeit aber nach einigen wenigen, straff durchgeführten Einsätzen berittener Polizei kein Problem mehr bereitete. Küchenfenster wurden fürderhin wieder geschlossen gehalten, Kinder erhielten als Schuljause unauffällige Artikel in die Hand gedrückt, Butterbrot mit Salz und Kümmel etwa stand plötzlich wieder hoch im Kurs. Nun, die offiziellen Läden hatten ja nicht mehr zu bieten, und wer wollte sich schon freiwillig als Ess-Esser offenbaren! Niemand! Nicht einmal die Jungs der FF! Die neue Bescheidenheit, entblödete sich ein Boulevardblatt nicht als Gegen-Trend zur obgenannten Neuen Armut auszurufen, und Scharen junger Frauen mit Putzfrauenkittel über den Hosen (waren das eigentlich nur die Dicklichen, die das als Chance begriffen, ihre Ärsche zu cachieren, oder warum wollen die Mädels wirklich freiwillig aussehen wie die Klofrau am Hauptbahnhof?) betraten die Szene, leider fehlte ihren Waden der aufgemalte Nahtstreifen wahrer Warennot. Soviel Zeugs konnte sich niemand in die Bude stellen, um damit die gesamte Krise sicher zu überbrücken!
Nachdem ich die Dielen in der Küche und im Schlafzimmer fertig hatte, war außerdem auch die erste Ladung Wäsche zum Aufhängen bereit. Was für eine Freude! Vorsichtshalber betupfte ich das frisch gewaschene weiße Hemd mit Splittern der 70%-Bitterschokolade. So musste ich nach dem Trocknen nicht mehr drauf achten, ob es schmutzig würde. Der arme Lorbeer zum Beispiel! Früher, da wurden ihm Kränze geflochten, und heute? Als Küchengewürz für Suppen und Eintöpfe, zur Gewinnung von Rheuma-Öl und zur Veredlung von Essig dienst du! Was würden die Cäsaren sagen! In Fünfzigerschritten würde da vorgegangen, ratsch, fatsch, es rollen die Köpfe. Ich überlegte, ob Thymian gut zu einem Schweineschnitzel passen würde, mit Knoblauch und Öl. Sonst nicht viel dazu, einen kleinen Tomatensalat mit weißer Zwiebel.
Ja, definitiv, ich würde dem Thymian eine Chance geben.
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Nummer 334
ARBEITSTITEL
Er erinnerte sich noch sehr genau an jene Tage, als Sprache ihm noch etwas weitgehend Fremdes war, etwas, das die großen Menschen beherrschten, ihm selbst aber immer wieder entglitt bevor er es in Händen halten konnte und sich entfernte wie ein alter grauer Wolf, der auf engen Pfaden verschwand zwischen hoch sich auftürmenden Regalwänden, deren Abteilungen unregelmäßig gefüllt warten mit Büchern oder Heften oder einzelnen Blättern oder Stapeln von beschmierten Papierfetzen und der Wolf trug das nunmehr schlafende Kind vorsichtig auf seinem Rücken weiter ins Labyrinth der Regale, tiefer ins Halbdunkel hinein, wo das Tier sich niederließ, um den Schlaf des Kindes zu bewachen, und jeden, der sich ihnen näherte mit einem leisen, aber deutlichen Knurren daran erinnerte, was seine Pflichten waren. Dann schlief auch der Wolf ein und träumte von den Wandmalereien der Indianer daheim, am grünen Wasser des Lake Tipahaskee. Raben krähten. Eine Squaw spielte mit ihren Augen Flöte.
Doch als sie sprach, klang es, als ob Steine in ihrem Munde rollten. Ein dicker Brahma gähnte im Hintergrund. Er war müde vom Nichtstun und von der Anbetung, mit der die Eingeborenen ihn irrtümlicher Weise schon seit Jahrhunderten verfolgten. Dabei mochte er das Land hier gar nicht so besonders. Zu kalt, zu nass, zu viele kahle Berge. Schon oft hatte er sich über sein Karma gewundert, das ihn hierher geführt hatte, unter halbnackte Wilde, die rohes Tierfleisch aßen und sich die Haut mit stinkendem Fett einrieben. Brahma seufzte. Er verstand nicht einmal, was sie zu ihm sprachen! Aber seine göttliche Intuition ließ ihn vermuten, dass er für einen Bibergott gehalten wurde. Mit ihren Dämmen sorgten die fleißigen Biber für genug Nässe in der Umgebung. Es war üppig grün. Hier gab es Wild im Überfluss. Er war ein wichtiger Gott. Also ließ er sich den leiernden Sing-Sang bieten, mit dem ihm die Schamanen regelmäßig sanftmütig stimmen mussten, er stopfte sich den Wanst mit ihren Leckereien voll und er schwängerte ihre Jungfrauen. Die Liebe wenigstens, ist eine internationale Sprache. Denn die Weiber waren eine Labsal für sein heimwehkrankes Gemüt. Wild waren sie, mit dunkel brennenden Augen, in Hirschfell gehüllte Naturkinder, nicht sanftmütig und dekadent wie die seidigen Tempeltänzerinnen daheim, aber dennoch gelehrige Schülerinnen des Kamasutra. Brahma war traurig. Seit geraumer Zeit schon war unter den Stämmen, die am See hausten, Unruhe breit geworden. Sie hatten von Eindringlingen im Osten gehört. Hellhäutige Menschen mit Haaren im Gesicht und kleinen Häusern auf dem Kopf. Angeblich konnten sie sogar zaubern. So hatten sie alle Wasser bei sich, das wie Feuer brannte und einen vernünftigen Mann innerhalb kürzester Zeit in einen Narren verwandelte. Die Opfer dieser Zauberei schliefen dann ein, und erinnerten sich nach dem Aufwachen an nichts mehr. Aber jeder von ihnen hatte Kopfweh gehabt, und großen Durst. Auch anderes Wunderwerk hatten sie, kleine, flache Silberscheiben, in denen die Squaws ihre Gesichter sehen konnten, furchtbar knallende Töt-Stöcke, kleine und große, sie tranken am Morgen eine bittere, schwarze Suppe und manche von ihnen hatten darin sogar süßes Salz. Es war ungeheuerlich. Sie breiteten sich aus wie die Heuschrecken, fraßen die Landschaft kahl und verwandelten sogar die Erde selbst zu riesigen Ansammlungen von Bauten aus Stein und Holz. Das Wild floh vor ihnen, sie verpesteten das Wasser der Flüsse und Seen, die Luft stank um sie herum, und allenthalben machten diese fremden Teufel Lärm.
Nein, wusste er, das sind keine guten Neuigkeiten. Ich fürchte das Schlimmste. Diese Fremdlingen, die haben sich festgesetzt. Das was die tun, das klingt nicht nach Bauern. Das sind Händler. Die können den Reichtum dieses Landes riechen. Die gehen freiwillig von hier nicht mehr weg.
Ein Faun mit Krücken und nur einem Bein, rot gekleidet, Brille und Bart, Spitzbauch und Sandale auf dem linken Fuß, holperte und schlenkerte sich mit pfeifenden Schenkel-Schwüngen durch seinen Palast. Die Wände waren rot und golden und mit vielen Gemälden behangen, es duftete nach Spezereien und exotischem Räucherwerk. Nackte Nymphen tummelten sich lasziv mit Satyrn, überall standen kleine Brunnen, aus denen süß duftende Wässer oder blutroter Wein quollen, sphärische Musik, von Windspielen und Schattenkammern verströmt, durchzog den Prachtbau, und wohin auch sie ihre Schritte lenkten, überall traten sie auf kostbare Pelze oder dicke Teppiche. Die hohen Wände fanden keinen Abschluss, denn der Gott liebte den freien Himmel über ihm, so dass die Augen, je nach Zimmer, entweder immer strahlendes Sonnenlicht oder Sterne funkeln sahen, manches der Gemächer offenbarte den Mond in verschiedenen Phasen, andere den Sonnenuntergang oder die Morgenröte. Vielerorts beugten sich hohe Bäume mannigfaltiger Gestalt über die Mauerkrone, reckten ihre Äste zu geheimnisvoll raschelnden Dächern, die Schatten gaben oder, im Falle der Weiden, sich bis zum Boden herabbeugten, um ein diskretes Versteck für das Vergnügen bildeten.
Um ihn herum blühte die Nacht in Porzellan empor. Die erste Aussaat war aufgegangen und sog sich voll. Sie verstanden ihn nicht ganz. Andere überhaupt nicht. Das Turmzimmer war schon von Legenden umrankt, ehe es seinen künftigen Bewohner überhaupt gegeben hatte, und fächelte sich mit der trockenen Hand einer eleganten Dame in ihren frühen Achtzigern frische Luft zu, mein Gott, all diese Treppen jeden Tag, du musst schon wissen, mein Sohn, auch ich bin eine große Zauberin, und er wusste, sie war sogar eine noch größere Magierin, als er selbst, und natürlich, wie sollte es auch sein, schließlich war sie ja seine Mutter. Unverdrossen trotzen sie gemeinsam einsam den nagenden Winden der Zeit, und, nun, wie wir alle wissen, schafften die beiden das auch eine ganze lange Weile lang. Ihre Mitmenschen konnten es nicht begreifen, und sie brauchten es auch gar nicht, es reichte ja, dass die beiden genau deswegen geliebt wurden, es an deren Stelle zu tun.
Rings um ihn herum schlummerte eine Stadt der Nachtlichter. Unten bei der kleinen Kirche ging doch tatsächlich die Kette vom Rad ab. Doch es hatte sich gelohnt. Denn die Frau, die ihm Feuer gab, hatte ein Feuerzeug im Leopardenmuster. Er fand es witzig, dass auch ihre Handtasche, ihre Lederjacke und ihre Schuhe, ebenso wie der Überzug ihres Fahrradsattel und die Bügel ihrer ins dunkelblonde Harr zurückgesteckten Sonnenbrille im selben Muster gehalten waren. WOW!
Eine echte Leopardenlady!
Dachte er.
Das glaubt mir niemand!
Und dann:
Wär’ die was für einen Löwen?
Nee!
Zu dünne!
Zu schwach auf der Brust!
Die hält ja nix aus!
Seine Freunde hingegen mochten sympathische Kommunisten.
In Wirklichkeit natürlich, waren sie allesamt Sexualfaschisten, aber das war ebenso eben so. Die einen, die schmückten sich gerne mit fremden Federn. Die anderen, hingegen, schmückten sich mit fremden Häuten. Kein Wunder, dass die Dinge so beschissen standen, in der Welt. Well, well, well.
Sie ritten den Sturm ab. Durch widerwogende Wogen und durch sich abgeneigt zeigende Wiegen hindurch, war es ihnen gewogen, das Beben. Was für wüste Behauptungen da auch aufgestellt worden waren, keine einzige hatte ihren alten Horizont lebend überschritten. Nicht eine wurde in späteren Jahren so wieder gefunden, nämlich erfunden. Aber dennoch, immer noch schimmerte ein goldener Abglanz auf den Wogen, und ihre Kämme hielten sei damit benetzt. Die Reiter auf dem Sturm, sie ließen ihre Knochen bei der Garderobe. Demonstratives Gehämmer gegen Fußbodenbalken und ähnliche, tragende Bausubstanz simulierende Elemente des alltäglichen Lebens, glitt als Warnung oder gar Drohung an ihm herab wie das dünne Geschnatter müder Kinder.
Niemand hatte nichts versprochen.
Das hatten sie alle gehalten.
Und so vergingen die Jahre.
Als der neue Tag noch keine halbe Stunde alt war, kribbelte es in seinen Zehen:
Essen ist fertig!
Heiß, scharf, fettig!
Mit Käse und Gelbwurz!
Sie saßen in der Beruhigungstonne und meditierten. Unvermittelt sagte einer von ihnen in die Stille hinein:
„Ich glaube für alle sprechen zu dürfen, wenn ich sage, wir hassen unsere Feinde.“
Und siehe, der gesprochen hatte, das war ein Mann aus Gold. Er webte intrigante Fäden, schob schäbige Freunde vor und war auch sonst ein unangenehmer Mensch. Aber sie brauchten ihn, um die Zitadelle zu besiegen.
Ohne ein Wort seiner Gefährten abzuwarten, erhob er sich und verließ die Tonne.
Er überquerte den mit hübschen, weißen Steinen eingefassten Innenhof der Residenz seines Herrn, beziehungsweise desjenigen, der ihn für die Dauer des Krieges angeworben hatte, kam an einer gut gerüsteten Wache mit flinken Augen vorbei und betrat den Großen Turm. Doch anstatt die Wendeltreppen hinauf zu steigen ging er den umgekehrten Weg und stapfte in die Eingeweide der Bastion hinunter. Auch an anderen Stellen waren Stollen in den Fels getrieben worden. Dort befanden sich die Vorratsgewölbe, die Trinkbrunnen und die Rumpelkammern und anderen Bogengänge, die zusammen den Bauch der Burg bildeten. Jeder der vielen Herren der Vergangenheit hatte sein eigenes kleines Loch in den berg getrieben, so dass sich ein hübsches Wirrwarr von Irrgarten dort unten befand, eine kleine Welt unter der Erde. Aber einige wenige dieser Stollen hatten nicht den Zweck, Dinge zu behüten oder zu sammeln, sondern um Menschen fern von anderen zu halten. Er kam an einem weiteren Posten vorbei, der die Waffenkammer bewachte und der ihn, da der Goldene Mann überall bekannt war, lässig durchwinkte und dabei herzhaft in einen gebratenen Hühnerschenkel biss. Er folgte dem Gang, der bald die Fundamente des Turmes verließ und sich längs der Burgmauern weiter wand.
Dieser Abschnitt des Tunnels, den der Goldene, Reflexe werfend, mit elastisch ausholenden, federnden Schritten durchmaß, war lange nicht mehr gewartet worden und nicht trocken, wie etwa der Bereich der Waffenkammer, sondern von Salpeter überkrustet, muffig und feucht. Dennoch war er, auf Anordnung des Goldenen Mannes, von Fackeln flackernd erhellt. Er freute sich schon auf seine Arbeit. Das Ende des Stollens mündete in einer eisenbeschlagenen Holztüre. Ein dickes Schloss prangte darauf und verwehrte jedem, der so kühn, unvorsichtig oder schlau genug war, sich an dem Posten vorbei zu schleichen und hierher zu gelangen, endgültig den Zutritt zum Verlies des Goldenen Mannes.
An seinem Gürtel, der das prächtige Brokatgewand, grün, golden und rot, um die Leibesmitte zusammenraffte, wie es die Mode verlangte, hing der Schlüssel, durch geschickt darüber gelegte Falten vor indiskreten Blicken verborgen. Mit geübtem Griff nestelte er ihn hervor, schob ihn ins Schloss, drehte den Schlüssel viele Male in einem ganz bestimmten Rhythmus nach Links und Rechts, bis der Verschlussbolzen aufschnappte und sich die Türe von selbst nach innen öffnete.
Natürlich war es Blödsinn, dass die Pforte von einem unsichtbaren Dämon bewacht wurde, der jeden in Stücke fetzte, der sich ihr ohne Wissen des Goldenen näherte. Schließlich hatte er selbst dieses Gerücht von einem seiner Speichellecker streuen lassen. Aber es hatte sehr geholfen, dass ein Sklave, der sich auf seiner vermeintlichen Flucht in die Zukunft in den Kellern versteckt hatte, dort unten von den Bluthunden des Büttels aufgespürt, gejagt und schließlich am Ende des Flures zu Tode gebissen worden war. Der blutige Leichnam wurde ausgestellt und es hieß, der Mann hätte einbrechen wollen und war vom Dämon dafür bestraft worden. Der Wachsoldat, der am Treppenabsatz besoffen eingeschlafen war, und so dem entlaufenen Sklaven überhaupt erst die Flucht in den Keller ermöglicht hatte, wurde allerdings nicht hingerichtet. Der Goldene war so glücklich, über dieses Geschenk des Himmels, dass er den Soldaten nicht nur laufen ließ, sondern ihn auch noch beförderte. Er machte ihn zur Leibwache des Prinzen. Allerdings wusste nicht einmal der Goldene selber, dass es der Sklave gewesen war, der dem durstigen Soldaten die drei Weinkrüge eigenhändig gebracht hatte. Ein wahnsinniger Plan, aber er hätte fast funktioniert.
Er betrat den Raum.
Dies, so hatte er in Erfahrung gebracht, war einst der Ort gewesen, an dem die zum Tode Verurteilen eingeschlossen wurden. Sie waren so weit weg, dass sie niemand schreien hörte. Manchmal sperrten sie auch mehrere Leute zusammen ein, mit entsprechenden Resultaten. Dies, also, war sein Lieblingsplatz. Hier arbeitete er an der gefaketen Gabenbombe. Und seine Kraft wuchs dabei ohne Verluste. Seine Finger rochen zwar immer ein bisschen nach Scheiße, aber das störte den Mann aus Gold nicht besonders. Fliegen summten um ihn herum wie um eine Leiche. Doch Beförderung jagte Beförderung. Er war unfehlbar, schien es. Die Feldzüge des Tyrannen, für den er arbeitete, waren stets mit Glück gekrönt. Manch einer starb zwar, bei den Offensiven, aber auch der machte dabei gute Erfahrungen.
Der Goldene überwachte stets die Schlachten von einem erhöhten, ihm gebührenden Platz aus. Das war er seinem Ruf schuldig. Aber auch aus Kampfeslust ließ er es sich nicht nehmen, früher oder später selbst zur Schlacht hinab zu schreiten. Schließlich gab es jede Menge Gnadenhiebe zu vergeben.
„Ich kann nicht alles tragen“, pflegte er seine billigen Freunde dabei anzuranzen, und ein Glas köstlichen Weins zu trinken. Also zogen die los und legten überall Bomben, was natürlich völlig albern war.
„Albern“, dachte er, „Was für ein albernes Wort.“
Aber was sollten sie machen? Alles in die Hände des Schmiedes legen? Oder vielleicht in die des Bonzen? Andere Waffen hingegen, etwa die billigen Schwerter, die sanken rapide im Kurs. Dann kam die Wende. Niederlagen jagten die vergangenen Triumphe. Der Fluch der Haltlosigkeit hatte sich bewahrheitet. In dieser Situation konnte unmöglich auf die Dienste des Goldenen verzichtet werden. Demütig kehrten die Berserker zurück ins Kloster. Den Männern in der Tonne wurde es dadurch viel wohler. Sie konnten weiter ihren überlegenen kulturellen Praktiken frönen ohne jemand dafür Rechenschaft ablegen zu müssen.
Inzwischen flogen in der Tonne aber wieder die Fetzen.
Der Meister war ja fort, im Keller, auf einer seiner abgedrehten Forschungsreisen, und sie konnten in aller Ruhe in seinem Namen schmarotzen. Das war der Preis: Sie passten für ihn auf und petzten, was das Zeug hielt, dafür durften sie am Hof frei Haus existieren.
Das waren miese Typen, echte Arschgeigen vor dem Herrn, unsympathische Angeber, rücksichtslose Proleten, die den kultivierten Zeitgenossen auf die Nerven gingen, aber gegen die niemand etwas zu tun wagte, weil sie die Freunde des Goldenen waren. Auch sie schimmerten durch seine Nähe zu ihm ein wenig. Ihr Boss hingegen wusste immer Bescheid, was in Punkto Stimmung und Treue unter seinen Kollegen und Konkurrenten los war. Jeder war ihm seine Stellung als Mund des Tyrannen neidig, und er wurde mehr gefürchtet, als gehasst, aber ihm war das nur Recht.
Denn trotz seiner charismatischen Übermacht war er auf sie angewiesen und manchmal nicht ganz Herr über die Instinkte seiner wilden Freunde. Sie brachen dann in alle Richtungen aus und metzelten jedes Lebewesen und jedes Fossil nieder, das ihnen zu begegnen das Pech hatte.
Meist dauerten diese Bluträusche nicht länger als die paar Stunden, während derer die brutalen Drogen wirkten, unter denen sie töteten. Es kam aber hin und wieder vor, dass sich die Paladine eine Tage oder sogar Wochen am betäubten Töten ergötzten. Das war natürlich nur dann nützlich, wenn es sich um den Feind handelte. Doch den Feind bekamen sie nie zu sehen. Nur die Bauern und Sklaven. Für die Reputation des Goldenen nicht besonders gut. Doch in einem solchen Falle gab es immer einen Weg, wie er wieder für Disziplin in seinen Reihen sorgte. All dieses öde Pulver und Pilz-Zeugs, diese Zauberpillen und Hexensalben, das war doch nichts Richtiges. Das war bloß Firlefanz und eitel Narretei. Denn der Goldene Mann setzte seine Haschisch-Maske auf und es war ihm eine Ehre, stets den Kameraden beizustehen:
Mit markerschütterndem Kriegsgeschrei stürzte er sich persönlich ins Getümmel. Gemeinsam wirbelten sie stählerne Todestänze durch die Reihen ihrer Feinde. Da war es wieder: In ihrem Frontabschnitt wurden keine Gefangenen gemacht. Totaler Erfolg, das war das Einzige, was zählte, in Zeiten der Not. Immerhin, sie tranken heißes Wasser, um ihren Stuhlgang zu erleichtern, was schon sehr kultiviert war, sagten selbst ihre Feinde, und niemand von ihnen litt unter dem Schwert des Dekubitus. Sie aßen gerne säuerliche Äpfel, das sah vor allem der Goldenen gerne, der selbst sehr auf seine Ernährung und Gesundheit achtete. Nicht umsonst war er schon seit mehr als drei Jahrhunderten ein begehrter Berater und Stratege. Alles hat seinen Preis, niemand wusste das besser als er.
Wenn jemand geahnt hätte, was er alles aushalten musste, in seinem langen Leben! Durfte er es denn eigentlich von sich aus jemanden sagen, durfte er es wagen, jemand an seinen tiefsten Geheimnissen Teil haben zu lassen? Konnte er solch unmenschliche Lasten auf die Schultern kleiner Menschen legen? Gewiss, er war sonst nicht so rücksichtsvoll, was seine Chargen betraf, aber, seufzend hoffte er es zumindest, er hatte sich ein kleines Eckchen mit Würde und Wahrheitssinn bewahrt, als klammheimlichen Tribut ans Leben, wusste es immer, wann er zu weit ging, aber bei gewissen Dingen, da machte sogar er Halt.
„Nein, mein Herr, nicht mit uns. Und wenn hier und da tatsächlich eine kleine Plünderung, ein kleines Massaker dabei herauskommen wird, so dürfte das niemanden wundern.“, pflegten sie ihren gefesselten Gefangen zu sagen, ehe sie ihnen freilich die ledrigen Hälse abschnitten. Hinter jeder Türe lauerten tote Kontrahenten. Die Männer tauschten untereinander ihre Helme aus. So, glaubten sie, könnten sie den Feind besser täuschen. Doch Männer starben und Fliegen kamen. Dennoch liebte der Goldene seine Truppen sehr, und so ließ er sie oft mit Gift abrichten. Manchmal ging dabei einer kaputt. Vorhut und Ehrengarde lagen da sehr nah beieinander.
Brüchige Gebetsschnüre glitten durch polternde Hände und spannten einen leckeren Bogen von Lack zu Hühnerkrallen. Quollen dort hinten nicht seidene Gamaschen aus steinernen Verstecken? Folgten sie nicht blind einem dunklen Pfad voller Fallen und Finten? Doch dreimal hintereinander verweigerten die Götter ihnen die Heilung. Denn im Sintermaterial ihrer Erinnerung wussten diese, was die Zukunft brächte: Was auf die Menschen wartete, war auch weiterhin Wildnis. Würden sie, die Sterblichen, aber daraus auch einen Nutzen ziehen? Die Götter zögerten mit einer Antwort. Ihre Erfahrungen mit den Menschen hatten nur ein Ergebnis geliefert: Die waren nicht nur unberechenbar, sondern auch noch unbelehrbar. Es schien auch deshalb unmöglich, sie zu bessern, weil sie im Kettenpanzer ihrer Sterblichkeit steckten und somit auch im Blütenkelch des Vergessens. Was für einen Sinn hätte es da gemacht, sie immer wieder vor dem Schwarzen Wind zu warnen, wenn der so selten kam, dass die Menschen nicht mehr an ihn glaubten als an einen alte Legende? Die Allweisen wussten es nicht. Die Erdenbewohner konnten doch tausend Male über dieselbe Brücke gehen und den Fluss, den sie überspannte, dabei nicht sehen. Natürlich waren es sterbliche Philosophen, die sich darüber wunderten. Den Göttern war das einerlei; für sie war eine Perle nicht wertvoller als der Müll eines Verrückten.
Darin, waren sich alle einig, schieden sie sich: Es gab schlichtweg keine Verwandtschaft zwischen ihnen.
Bevor der Goldene Mann ein Held wurde, war er der Besitzer ärmlicher Verhältnisse gewesen, und sonst nichts. Doch dann war der Tag gekommen, an dem die Lieblinge gestorben waren. Die passiven Werte obsiegten, die Karriere des Goldenen begann: Stärke war sein Schicksal.
„Lange Jahre ist das nun her“, dachte er im Stillen, während sich die Nacht über das Heerlager senkte, „Ein halbes Leben lang, und ich hätte nichts dagegen, es noch einmal zu leben.“
Er schmunzelte, ließ einige seiner kindlichen Abenteuer an sich vorbeiziehen, dann seufzte er,
wurde traurig, der Tod seiner Eltern, seine Karriere als ungeliebter Kostgänger im Hause verschiedener verschwiegener Verwandter, die Frondienste, die Verspottungen und Prügel, der kleine Hund, den sein Onkel als unnützen Esser totschlug. Hier wurden seine Augen hart, und er schüttelte jedes Mitleid von sich ab, ja, sein Blick verengte sich verwegen, Stolz glomm auf in seiner Brust, jener ferne Augenblick, als der Kampfmönch auftauchte, der arrogant seiner Tante die Reisschale hinhielt, in einer Geste von Armut ohne Angst, der Mönch, vor dem der Oheim in Ehrfurcht seine Bücklinge machte, und dem er als kleiner Junge nachgelaufen war, drei Tage lang, ohne Schlaf, ohne Wasser, ohne Essen.
Frösche quakten. Kleine schwarze Schatten huschten durch die Nacht.
Mit ihnen verschwanden auch die Erinnerungen. Das hier und das jetzt kamen stinkend zurück. Sie schlugen Trommeln im Takt. Sie legten ihre Pflaster ab und stiegen auf.
Das Heer ruhte.
Nach diesem kurzen Zwischenstand ging es weiter. Ohne dass sie es merkten, folgte ihnen eine Ninja-Wolke. Ihr Antlitz war grau und teigig wie Klöße aus Reismehl. Wieder stieß die Armee auf die Feinde. Auf dem Schlachtfeld brachen Eisknochen und die Jungs machten keinen Unterschied, ob es die Stimme von Frauen oder Kindern war. Sie sangen. Sie schlugen die Trommeln im Takt.
Durch dreihundertjährige Adern raste sein goldenes Blut, imprägniert mit der Erfahrung in Magie. Ja, eine harte Arbeit. Nichts für schwache Nerven. Nur für Lampen mit Genie. Die Lampe blakte. Seine Haare waren verfilzt und dreckig. Wo war die Pumpe? Wo das Wasser? Wie konnte es so weit kommen? Vergangen die Tage der Glorie wie Rauchzeichen hinter den Bergen.
Und nun. Was tun. Das nun.
Fragezeichen geisterten durch den goldenen Geist. Dort zerbrachen sie an der harten Realität. Es war ganz einfach. Dann lag der Braten brach. In der Sonne und roch. Er roch. Das ganze Raubtier sträubte sich vor dem gammligen Fleisch. Aber die anderen, die Dämonen, die hetzten los, um ihre Hauer hineinzuschlagen, ins flaumige Fleisch. „AIIEEE!“, brüllten sie dabei. Und sie kamen über die Wallstatt wie ein Brodem aus der finstersten Hölle. Unbeschreibliche Szenen der Phagie spielten sich ab, vor denen die Gnade selbst ermattete. War es da nicht eine Menschenpflicht, diese absurden Geschöpfe von ihrer Existenz zu erlösen? Er hoffte es, denn es stand auf seinen Fahnen geschrieben. Ganz anders hingegen das Gold, nach dem er in seiner Alchimisten-Kammer schürfte. Der Stein der Weisen. Nein, da kochte nicht, brannte nichts sich fest am Boden kohlegeschwärzter Pfannen. Hunger? Ein entbehrliches Gefühl. Gefühle? Entbehrlich. Unerheblich. Er musste sie unbedingt unter Kontrolle behalten. Sie waren unerheblich. Entbehrlich. Unentbehrlich ehrlich. Da plötzlich brach die Wunde wieder in ihm auf, die mühsam zusammengepferchte, gedeichselte Narbe, die schimmernd dräute, hinter den Stellwänden der Strategie. Nein, er hatte nichts übrig, für Revolutionäre. Die hatten immer so klamme, trockene Hände, als ob ihnen ständig kalt wäre, oder schlechtes Gewissen sie plagte. Nein, die mochten er nicht, und sein Herr, zum Glück, auch nicht. In dessen Namen durfte er sie ja sogar jagen, gegen gutes, schweres Gold und sanfte Jungfern. Vierhundertneun Männern gebot er noch, und dem vielfältigen Gezwitscher ihrer morbiden Meinungen. Myloniten gleich rieben sich ihre Loyalitäten durch die bestzahlenden Hände, verblieben bis auf weiteres. Die Petrographen waren dankbar für diese steinerne Härte im Ausdruck des Heerführers. Ihre Schiffchen webten. Sie kannten nicht die Kultur der Theorien. Sie anerkannten nur harte Beweise. Lerne analytische Philosophie, hatte ihm einst der Mönch, der sein Lehrer und Meister geworden, empfohlen, ohne weitere Angaben zum Thema zu machen. Ja, es waren ja schließlich die letzten Worte des Mönchs gewesen.
Ein Asket im Turme sein, das war ihm vorgeschwebt, die Zukunft, nicht all das martialische Gepränge, das ihm nun seit bald einem kleinen Äon anhaftete. Aber die Götter oder das Schicksal oder der Lauf der Dinge oder der ganz einfach ohne irgendeinen tieferen Grund da seiende Grund, als einfach gut genug zu sein als Grund, hatte vielleicht auch wegen möglicherweise mangelnder Alternativen, unter Annahme ihrer grundsätzlichen Existenz dafür gesorgt, dass sein Leben ihn zu dem Goldenen gemacht hatte, was aller Augen blendete. Schweigen ergriff ihn. Was hatte er da grade gedacht? Was war das gewesen? Eine kleine Kapsel an Information, an Stimmung, an Gefühlen, an Sein, eingefangen in einer kleinen Blase subjektiven Wissens? Woher dieser Hunger, mehr von diesen kleinen Diademen zu erhaschen, die manchmal seine Träume mit sich brachten, eingepackte Information, dreidimensional vorhanden, bereit und erfreut auf sein Eindringen, Eintauchen, Einsickern in die Blase, die Tinte, das Fass. Aber warum fühlte er sich provoziert? Warum so ungnädig, ja herablassend behandelt, vom Schicksal, wo er doch alles erreicht hatte, was er sich jemals erträumt hatte? Die Geister der Vergangenheit würden ihn dennoch auf ewig jagen? Die alten Schmerzen nie nachlassen, alte Wunden nie verheilen? War das sein ihm unabwendbar zugeteilte Schicksal, das er gläubig zu ertragen habe? Doch wo waren die Zibeben, die Nuss-Splitter und Zimtschälchen, wo die dicke Zuckerglasur, die ihm doch bestimmt ebenso zustand wie allen andren Kindern in der Nachbarschaft, ehe der grimmige Schnitter so reiche Ernte gehalten hatte, in seiner Familie. Kurz vor dem Ziel brach er fast zusammen. Immer weiter schraubten sich die Drähte ins Filigran hinein, näherten sich mit spitzen Fingern den fummelnden Fungi und heliotropen Enden, bis sie schließlich wieder den Zilpzalp hören konnten, den kleinen Waldschwirl seiner Jugend.
Siebenunddreißig Jahre später hatte ihn die Vergangenheit zum ersten Mal eingeholt, mit dem leisen Klirren zweier zu nahe beieinander stehender leerer Flaschen. Was für ein Irrgarten war es gewesen, aus dem er sich herauswinden hatte müssen! Die klebrigen Tentakel, die ihn zu ersticken, die scharfe Säure, die ihn zu zerfressen, der ewig hungrige Schlund, der ihn zu verschlingen drohten, tausende kläffende Höllenköter, eine Legion scharf geschrieener Schmerzlaute, das ganze Gehör umbrodelt von knallenden Warnpeitschen, was für ein Alb! Vierzigundeinundvierzighundert Gedanken später verspürte er einen sachten Stich in der Brust. Projektive Gestaltungstests bemächtigten sich seiner, ein ungeheurer Ekel vor ihnen erfüllte ihn, wie vor Fangschrecken und Schaben, peinlich wie Kalauer über die armen kleinen Zorillas. Einer der süßkranken Zornnattern zertrat er willig den spitzen Kopf. Duftendes Grindkraut überzog die Mauern.
Doch schneller als ein Drachenfunkeln wirkte der Zauber. Das war die Hauptsache. Trotzdem fühlte sich der Goldene nicht behaglich. Ganz im Gegenteil, große Unlust, ähnlich schmerzhaft wie vom Luftzug entzündete Nerven, hatte ihn befallen, ließ nicht locker, weste vor sich hin, lästig wie die Fleischreste zwischen den Raubtierzähnen. Bei all seinen Makeln war er doch kein im Grunde schlechter Mensch. Merket auf! Schrieen seine Augen, ich bin nicht bloß einskalter Mörder, sondern auch gefühlvoller Künstler! Ich, der mir gebadete Weiber bringen lasse, war einst unglücklich verliebt, ich, Kommandant höllischer Legionen, besaß zwei kleine Meerschweinchen, die tot gebissen wurden, ich, Lügner, Scharlatan und Betrüger, habe einst meinen Eltern vertraut, ehe ich sie kennen lernte.
Nun war er bloß noch müde.
Seine Schar saß um ihn herum, ihr Nachtlager war gerichtet. Wachen wachten, Poliere polierten, Esser aßen. Alles hielt sich die Waage, weil er in deren Mittelpunkt hockte. Es war alles so schwer, manchmal. Er hatte gerade erst die Ninja-Wolke entdeckt, die knapp außerhalb des Lichtscheins über einer Baumkrone hing. Vermutlich würde sie warten, bis alles schlief, um die Wachen zu töten und dann das ganze Lager mit einem Blitzinferno auszulöschen. Es gab nur wenige Schutzmöglichkeiten gegen Ninja-Wolke- Attacken. Eine einzige, um genau zu sein, und das war die Zauberei. Der Goldene war ein großer unter den Zauberern. Was die Wolke natürlich nicht wissen konnte. Also fror diese plötzlich zu einem spröde knisternden Kristallklumpen ein, der nun auch noch von einem Blitz getroffen wurde und in einem bunten Konfettiregen aus elektrischer Energie explodierte.
Der Goldene zuckte mit den Achseln, als ihm die Kameraden bewundernd auf die Schultern klopften und angedeutet, sie sollten froh sein, dass es bloß eine Ninja-Wolke gewesen war und nichts Ärgeres, etwa ein gefürchteter Schildkröten-Mutant, der Männern mit einem Prankenhieb das Gesicht wegfetzen konnte, oder eine Tanz-Spinnen-Königin, eine flinke und präzise Giftspuckerin, die Liste war endlos. Jeder träumte von einer freundlicheren Umwelt, dem Seligen Etwas, außerhalb des Königreichs der Dämonen, ob sie jemals den Weg zurück dorthin jemals wieder fänden.
Eine gute Aufgabe, das war alles, was der Goldene noch tun wollte, ehe er sterben konnte, eine, vielleicht die erste Gute Gabe, plus Zutaten, in seiner Diktatoren-Karriere, er würde nicht drauf spucken können. Und siehe! Ihm fiel es ein! Ich könnte meine Männer wieder aus dieser Scheiße heil und ganz herausführen, wenn ich es nur wollte. Aber will ich es denn? Warum folgen sie mir denn? Weil ich sie von Sieg zu Sieg führe. Darum! Und er grollte ihnen fast dafür, niemals verlieren zu dürfen, aber ihre Anbetung treibt mich ja immer weiter, aber du weißt doch auch, diesmal führst du sie in den Tod. JA, du ahnst es, nicht wahr, deine Stunde rückt näher, und dir ist es nicht einmal so unangenehm, nach all diesen Jahrtausenden, also lass es, und zieh deine Männer nicht da mit rein. Da war er nun, der Zweifel, und er hallte wieder und wieder, im goldenen Geist, ob er es denn wollte, oder nicht. Er hasste sich selbst.
Ebenso, wie er seine Männer hasste für deren gierige Liebe. Dabei lieben die noch gar nicht mich, sondern das Gold, die Macht und die Weiber, all dies ich ihnen gebe. Wenn ich ihnen sagen würde, die Sache ist vorbei, Jungs, die Bande gelaufen, wird die Meute versuchen, mich umzubringen.
Bin ich eigentlich noch deren Chef, oder bin ich schon deren Gefangener?`
Und diese Männer soll ich auch noch in die Welt zurückführen, damit sie noch möglichst viele Menschen terrorisieren können? Nein! Ich weiß was Besseres! Ich werde sie nun ganz bewusst in den Tod führen, und wenn ich selber dabei draufgeh’, ach was, das willst du doch ohnehin, na eben, umso besser! Auf alten Spuren wandeln, sagte er sich. Ist alles bloß Sache der Übung! Die depressivste Flötenmusik, die ein geistig gesunder Mensch sich noch vorstellen konnte, drang, von irgendwo im Lager her, an sein goldenes Ohr. Das machte ihn wieder froh. Ein Zeichen von Menschlichkeit mitten in diesem dämonischen Durst! Er durfte wieder hoffen! Er fummelte eine kleine Holzpfeife aus seinem Hüftgurt, die er mit einer Art von Gewürzkraut voll stopfte. Der Goldene erhob sich und ging, einem weiten Bogen ums Lager herum, schließlich auf das große Feuer in der Mitte ihres Lagers zu. Im unruhigen Flackern der Flammen konnte er Umrisse, vage Gestalten erkennen, Schlafende Krieger; in ihre Schlummerrollen gehüllt, die Waffen in Reichweite, Pferde; die, von der grausigen Umgebung ängstlich gemacht, unruhig schnaubten und von den Pferdeknechten beruhigt werden wollten, grimmige Wachposten; in deren Blick sofort Respekt trat, wenn sie den Goldenen erkannten. Eine der üblichen Runden, die er ums Lager drehte, ehe er in sein Zelt, schlafen ging, wo Maky, ein dressierter Wickelbär, schon auf seine Ration Honigbananen wartete. Der Goldene hockte sich ans Feuer, suchte sich einen Span zwischen dem Brennholz hervor, hielt ihn ins Feuer. Sobald das Hölzchen aufglimmte, hielt er es an seine Pfeife und paffte ausgiebig. Würzig duftende Wolken stiegen rund um seinen Kopf auf. Selig sog er den Rauch ein Seine Männer, lauter harte Kerle, die wie das aussahen, was sie waren, nämlich eiskalte Killer, waren nie hinter diese Eigenart des Goldenen gekommen. Einer oder zwei hatten das Kraut auch ausprobiert, sich danach aber so elend und verfolgt gefühlt, dass sie es niemals mehr anrührten. Ihren Kameraden war das Warnung genug. Sie, die das Vergessen im Schnaps und den Armen käuflicher Weiber suchten, konnten eine Störung der Psyche gar nicht brauchen. Insgeheim bewunderten sie ihren Anführer dafür, dass er sich freiwillig, und, so schien es, sogar mit Genuss, ungewöhnlich heftigen seelischen Grausamkeiten aussetzte, die einem gewöhnlichen Söldner den Beruf zur Hölle oder ganz und gar unmöglich machen konnten. Was für ein Narr ich doch war, diesen grausamen Haufen solange von Sieg zu Sieg geführt zu haben, zu Schande und zu Unrecht, zu Reichtum und Gemetzeln jenseits jeglichen Pflichtbedürfnissen. Jetzt überkommt dich aus heiterem Himmel die Reue und die Bereitschaft zur Buße. Was soll das? Warum willst du das tun? Nicht, dass ich an deiner Entschlusskraft zweifeln würde, beeilte er sich zu versichern, aber musst du dabei wirklich selber draufgehen? Das ist doch nur gut und billig. Ich werde das Schicksal meiner Männer teilen. Das gehört sich so. Gut, gut, da magst du ja Recht haben. Aber? Er zögerte. Nun, wenn du erst mal tot bist, wer macht dann all die Schäden wieder gut, die du und deine Horde im Leben angerichtet haben? Ja, das ist eine gute Frage. Du hast sie dir auch schon gestellt. Aber das Leben ist keine simple Schachpartie, mein feiner junger Freund. Genau. Also beiß’ ich in die Zitrone und blicke mir selbst ins Gesicht. Das klappt ja hervorragend, meldete sich eine tiefere Schicht zu Worte. Ich zwinge mich jetzt selbst. Oder auch nicht, sagte die Dritte Instanz. Blitzartig duckte er sich nach rechts und vorne weg, schleuderte mit der Linken sein Wurfmesser. Der Pfeil zischte knapp an ihm vorüber. Er bohrte sich ins Gesicht des Speerträger-Leutnants, der einzige seiner Truppe, der eigentlich noch zu retten wert gewesen wäre, tötete den jungen Mann im Schlaf. Das goldene Geschoß hingegen beendete die Existenz eines der Untoten Bogenschützen dritten Grades, bereits mit Bajonetten und Stahlspangen auf der lackierten Rüstung versehen, eine der exzellentesten Schützen-Klassen, die es gab, auf der Stelle. Eigentlich empfand er das immer als einen Akt der Gnade, Untote zu töten, grimmiger Prediger göttlicher Gesetze. Aber einen Menschen dafür zu verlieren, war jedes Mal ein viel zu hoher Preis. Just in ein Nest voller solcher Legionen der Hölle führte er seine Männern, nun definitiv dazu entschlossen, diesem kranken Treiben ein ebenso krankes Ende zu bereiten. Auf Wiedersehen, Schwester, rief er dem zusammen sackenden Etwas nach. Voller Grimm zog er sein Messer aus der Gurgel des gefällten Zombies, wischte die klebrige Klinge an dessen Stofffetzen ab. Der Goldene erhob sich und spuckte dem Kadaver auf die Stirne. Als er sich beim jungen Toten hinkniete, war sein Gesicht jedoch voller Wärme, und Mitleid, vielleicht sogar schlechtem Gewissen. Er sägte den Pfeilschaft dicht über der Eintrittswunde in der Stirne ab und warf den Schaft weg. Mit dem linken Zeigefinger drückte er die mit einem Widerhaken versehene Pfeilspitze hingegen ganz in den Kopf hinein. Anschließend wickelte er ein Banner, zur Bandage gerollt, um den Kopf des Gefallenen. Der Goldene ließ wie Männer wecken. Sie mussten einen Scheiterhaufen aufschichten, legten den Leutnant mit allen militärischen Ehren zuoberst drauf, beförderten ihn posthum zum General und verbrannten ihn. Was für ein Schwachsinn, was für eine Verschwendung. Und der Rückweg erst, allein durch diese Hölle, bar jeglicher Behaglichkeit menschlicher Begleitung, na Mahlzeit, wer singt denn hier draußen für mich ein Hohelied des Schutzes? Mein kleiner Wickelbär vielleicht? Ja, das wäre schon mal was, wurde ihm beigepflichtet. Das könnte ja sogar Spaß machen. Spaß machen? Du machst mir Spaß! Ich werde wohl wieder die ganze Zeit über Dünnschiss haben, wie immer, wenn ich unter extremen Stress leide. Das kann ich gut verstehen, nickte er sich zu. Ich muss unbedingt genug Obst für Maky mitnehmen, das arme putzige Kerlchen, meine kleine Marotte, soll nicht Hungers leiden müssen. Von dem verseuchten Zeug, das hier so wächst fällt ihm höchstens das dicke Braune Fell ab.
Die ganze Kompanie stand stramm, glotzte gebührenfrei in die Flammen, die ihren Kameraden verzehrten, wer wollte, durfte beten. Die Nacht näherte sich mit den jungen Knochen dem Ende hin, und die Männer mussten sich für den Dienst des Tagens zusammenreißen. Formieren, in Reh und Kleid abmarschieren, immer die Straße zum Ruhm hinunter, auf Geheiß ihres Führers. Vierhundert gegen eine Million, das war einfach! Sie waren schließlich die Besten. So dehnten sich im Laufe der kommenden Tage und Wochen die Überfälle, Nadelstiche und Scharmützel zu wahrhaft schweren Gefechten aus. Der rote Tribut. So nannten die Veteranen diesen Zustand. Am Ende wären entweder sie oder alle Feinde tot. Das Gebot des Kodex. Die unterwegs starben, wurden von den Überlebenden am Ende der jeweiligen Kampagne gebührend gefeiert. Nun. Bislang gab es zumindest immer ein paar Überlebende. Einige der Männer murrten, fielen aber bald. Die Reihen wurden dicht geschlossen, Gefechten wenn möglich ausgewichen. Natürlich wussten sie, dass einer von ihnen mindestens tausend Gegner wert waren, das wusste jeder, das war der offizielle Umrechungskurs. Aber all diese Massen, das war etwas Neues. Männer, die rasten mussten, sich schichtweise ablösen, so viele Untote mussten sie metzeln. Doch die Feinde nahmen kein Ende. Nach drei Monaten trafen sie endlich auf die Hauptarmee des Toten-Königs. Dreihunderttausend Soldaten gegen knapp zweihundert Söldner. Längst fochten sie nicht mehr um eine imaginäre Beute, sondern um ihr Leben. Wehe, wenn sie erkannten, wem sie ihre aussichtslose Lage verdankten. Wenigstens verrichteten sie einen geheimen Dienst am Nächsten, säuberten die Lande von den Untoten. Sie würden später mit ihrem Boss abrechnen. Doch am Ende der Großen Schlacht lebte nur noch der Goldene. Während des gesamten Gemetzels im privaten Zelt zurückgezogen, arbeitete er an einer Liste aller Reparationen, die er zu leisten gedachte. Er kalkulierte bis zum Schluss alles durch. Danach trat er mit einem heiteren Lächeln im Gesicht das Schlachtfeld.
Er konnte gerade noch sehen, wie sich die zwei letzten Koma-Kombattanten gegenseitig den Kopf vom Rumpfe trennten. Sie sanken lautlos hin. Er sah sich um. Berge von Kadavern türmten sich um sein Zelt auf. Die ersten seltsamen fliegenden Kreaturen krochen bereits auf ihnen herum. Sie begannen, sich von den Ludern zu nähren. Der Goldene schulterte seinen Ranzen. Er nahm sein Haustier in den Arm und streichelte es. Mit dem Bambus-Kampfstock in der anderen Hand holte er weit aus und setzte den ersten Schritt seiner Heimreise.
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