Der Gemeine Katzenpanda

Mittwoch

Nummer 349

STUMPY & FUCHIKATO

Eine Art Weihnachtsmann-Geschichte




Stumpy seufzte. Er war gar nicht gut drauf, da sich einer der für die Jahreszeit üblichen, plötzlichen Wetterumschwünge durch Phantomschmerzen ankündigte. Die Monsunzeit war für unseren Stumpy, der eigentlich Harold „Harry“ Mueller hieß, ein einziger Alptraum. Normalerweise verbrachte er die Zeit zwischen Mai und Oktober im klimatisch wesentlich stabileren, heimatlichen Kanada, wo er die Dependance der Detektei leitete, die ihm zu gleichen Teilen wie seinem Partner Akira Fuchikato gehörte. Nicht, dass Saskatchewan kriminell ein heißes Pflaster wäre, aber es reichte für die Umkosten. Dieses Gentlemen’s Agreement erstreckte sich auch auf die sonstige Arbeitsteilung. 
Musste es ja auch.
Stumpy war nämlich nicht von ungefähr zu seinem Spitznamen gekommen. Und er war eine Legende in den weltweit agierenden Kreisen der Privatdetektive. Kein Kongress, zu dem er nicht als Ehrengast eingeladen wurde, ja, manche meinen sogar, ohne sein gleißendes Vorbild wäre es gar nicht zur globalen Privat-Kriminalistenschwemme gekommen, die letztendlich auch zur Verhaftung von Ober-Terroristen Wosama bin Bladi geführt hatte.
Alle Welt stand in der Schuld des Kanadiers, der vor dem schrecklichen Dings mit seinen Haxen auch ein sehr talentierter Nachwuchs-Kanute gewesen war. Am Anfang seiner fulminanten Karriere war er einem Mafiaboss in Montreal in die Quere gekommen. Stumpy, oder vielmehr, damals noch Harry, arbeitete für einen korrupten Anwalt, der seinen Boss hasste, eben Jean Caputo, ein Korse und Bandit, eifersüchtig bis dorthinaus, unendlich grausam. Der Anwalt, Maitre Jacques Monpierre, hatte wiederum eine Tochter, Dalilah geheißen.
Kurzum, eines schönen Tages wurde sie von Jean Caputo vergewaltigt. Es war mehr die Angst vor einem Mafia-Massaker gewesen, als die Feststellung seines Mandanten, er habe sie ja nur in den Arsch gepimpert, aber dabei sicher nicht der Erste gewesen, der es getan hatte, die den Mafia-Anwalt überzeugte, erst mal die Füße still zuhalten. Caputo, ein typischer Nouveau Riche verstand das natürlich nicht, in seiner monströsen Eitelkeit. Seit damals waren schon sieben Jahre vergangen. Dalilah war die letzten fünf davon auf Tabletten gewesen und auf den Strich gegangen, lag aber seit drei Wochen auf der Intensivstation, weil sie sich auf einer Bahnhofstoilette ganz klassisch den Goldenen Schuss verpasst hatte.
Nun trat Harry Mueller in der Szene zum ersten Mal auf.
Er stammte aus dem eher rustikalen Hinterland um Moose Jaw, obwohl die ganze Gegend vielmehr wegen des ominösen abominable Bigfoot bekannt ist, auf Kanadisch eben der Saskatchewan, was in der Eingeborensprache Cree auch „stark behaarter Mensch“ heißen möge. JA, eine sehr, sehr ruhige Gegend. Harry hatte in seiner Kindheit sehr viele Kriminalromane gelesen, Schund ebenso wie hohe Literatur, Yellow Pulp und Raymond Chandler. Das hatte ihn tief beeindruckt. Als junger Erwachsener, groß und stark, mit weißen Zähnen, von Weizenbrot und Steaks gestählt, ein braver Bürger, aber herzlich naiv, hatte er in Regina, der Hauptstadt der Provinz Saskatchewan, eine Detektivschule besucht und auch erfolgreich abgeschlossen.
Ehe er den Sprung ins kanadische, na ja, Sündenbabel Montreal, wagte, ging er erst nach Saskatoon, ein Bahnknotenpunkt und Universitätsstadt in den Great Plains. Hier konnte er erste Punkte sammeln, indem er der Polizei entscheidende Tips zur Ergreifung einer Bande von drogensüchtigen Bankräubern aus Edmonton gab. In der Tat hatte das Gangstertrio in seinem Benzedrinrausch auf der Flucht, unterwegs mit einem gallegelben 1974er Toyota Corolla, die falsche Abzweigung erwischt. Sie waren solange weiter geradeaus gefahren, bis sie eine Autobahnzollstation passiert hatten, und annahmen, schon in Montana, USA, zu sein. Die hirnamputierten Jungs warfen mit Kanadischen Dollars um sich, und wunderten sich kaum, wie sie in den Vereinigten Staaten ohne Geld zu wechseln Autos kaufen, Nutten bezahlen und Lokalrunden schmeißen konnten.
Harry machte sich in bester Film Noir – Tradition an die Typen ran, und zog nach ein paar Tagen die richtigen Schlüsse. Eine Woche später saßen die Verbrecher im Knast, und Harry wurde im lokalen Fernsehen belobigt.
Doch leider war sein Ruhm in der Provinz sehr kurzlebig.
Als er sechs Monate später total lässig in den Detektivbüros von Montreal auftauchte, mit Trenchcoat, Schlapphut, filterloser Zigarette im Mundwinkel und zusammengekniffenen Augen in die Chefzimmer platzte, sich unaufgefordert hinsetzte, zackig die langen Beine auf die Tischplatte knallte und durch die auseinander geklappten Füße hindurchschnarrte:
„Ich bin der Typ aus den Nachrichten!“
Flog er ohne viel Federlesens wieder hinaus, sobald die Ober-Schnüffler spitz hatten, dass Harry kein exzentrischer Kunde war, der einen Job hatte, sondern Arbeit suchte.
Seine mageren Ersparnisse schmolzen dahin, sein Französisch war grauenvoll, und am Ende reichte es nicht mal für einen lausigen Hamburger-Job. Da kam er auf die Idee, ein üppiges Inserat in die berühmte englischsprachige Zeitung „The Gazette“ zu setzen, in welchem er sich als super Geheimdetektiv mit Fernseh-Auftritten rühmte und seine Dienste anbot.
„Herrlich!“, dachte sämig Maître Monpierre, als er die Kleinanzeigen nach einem jener Versager durchsiebte, die es nötig hatten, für sich Werbung zu machen. Ausgiebig hatte er schon Kontakte zur kanadischen Staatsanwaltschaft geknüpft, die ihm Straffreiheit garantiert hatte, falls er ihnen seinen Boss als Kronzeuge ans Messer lieferte.
Um sich Racheakte seitens der Korsen zu ersparen, suchte der Winkeladvokat nun einen solchen Sündenbock. Er schickte flugs an das angegebene Brieffach (noch ein Hinweis auf die totale Unbrauchbarkeit: Nicht mal ein eigenes Büro hatte der!) ein dickes Kuvert mit zweitausend Dollar in kleinen Scheinen und der Instruktion, sich zur Verfügung zu halten für einen großen Fall, der ihm noch weitere acht Tausender einbrächte. Der gewiefte Jurist hatte richtig getippt: Unser armer Harry hatte noch nie so viel Geld auf einen Haufen gesehen, sogar die Bankräuber in Saskatoon waren ja von den Bullen verhaftet worden.
Eine Woche später, die Harry praktisch auf dem Postamt verbrachte, kam schließlich der zweite anonyme Brief, der ihm genügend Angaben zu Jean Caputo lieferte, samt Photos, um auch das dümmste Landei auf die richtige Spur zu bringen. Monpierre schilderte ihm den Mafioso als harmlosen Ehebrecher, den Harry bloß beschatten sollte. Harry machte sich also auf die nicht mehr frischen Socken, taperte unbeholfen durch halb Montreal, auf den Fersen Caputos, und war dabei so unauffällig wie ein Blaubart im Nonnenkloster. Die Ganoven hatten es schon am zweiten Tag spitz, daß dieser Trottel definitiv kein Landei-Cop war, OK?!

Die Handlanger des Bandenführers, brutale Halsabschneider aus allen Häfen der Welt, Narbengesichter von Papeete bis Pearl Harbor, kidnappten unseren tumben Toren und fuhren mit ihrer Beute in eine abgelegene Garage. Jean Caputo wollte sich das Verhör partout nicht entgehen lassen. Von der Anwesenheit ihres Patrons inspiriert, legten sich Tom und Dick und Harry besonders ins Zeug. Erst wurde Harry nach Strich und Faden verdroschen. Spätestens dann, als sie ihm den ersten Finger brachen, und ihm mit der Kneifzange die Nägel stutzten, erkannte Harry den ganzen Schwindel um den Weihnachtsmann, Bambi oder Lassie und teilte dies auch mit. Die Jungs waren ziemlich effektiv. Mehr konnte er bald ohne Zähne nicht sagen. Caputo wurde langsam aber sicher sauer. Er griff persönlich in die Befragung ein. Doch Harry wollte den Namen seines Auftragsgebers um offensichtlich keinen Preis verraten. So felsenfest stand er zu den ethischen Prinzipien seines Berufs, so was hatte selbst Caputo nicht erlebt. Es sei Harry verziehen. Der Privatschnüffler ließ sich lieber mit einer Säge die Beine abschneiden als Verräter zu werden. Denn Harry, nunmehr Stumpy, hatte den Namen des Anwalts niemals erfahren, konnte ihn also gar nicht preisgeben, was er ja sonst sofort getan hätte (aber das hatte er später niemandem erzählt). So aber schrie er sich die Lunge aus dem Leib. Den hartgesottenen Schurken ging es durch und durch.
Même Caputo wurde es beim Anblick der zuckenden Stümpfe schlecht. Er musste kotzen. Mittendrauf. Wenigstens versiegelte die Magensäure die blutenden Stümpfe. Bei dieser Gelegenheit brach jedoch ein altes Caputo-Magengeschwür auf, und der korsische Killer röchelte bald nur noch vor sich hin. Seine Schläger hatte natürlich keine Ahnung, was mit ihrem Chef los war, also brachten sie ihn stante pede ins nächste Krankenhaus. Das Gebrüll hatte aber auch ein paar Penner in ihrem gemütlichen Barackenlager ganz in der Nähe alarmiert. Einer von ihnen, der Ex-Marine Old Gunny Bill, hatte noch ein wenig Mumm in den Knochen. Aber selbst der Veteran von Peleliu und Okinawa prallte entsetzt zurück, als er zuerst die Beine und dann den Rest von Stumpy sah. Er besaß noch genügend Verstand, die Stümpfe mit Schnaps zu begießen, ehe er sein Zippo hervorkramte. Das Sturmfeuerzeug hatte ihn noch nie im Stich gelassen. Er konnte sich an die Mollies in Bloody Nose erinnern, an den Flammenwerfer-Hünen Stan, aus Brooklyn, die lebende Fackel, und zündete den Schnaps an. Das Fleisch brutzelte. Harry brüllte. Aber es stoppte die Blutungen. Anschließend verband er die ausgebrannten Verletzungen notdürftig mit Lumpen. Old Bill brüllte:
„HOLT EINE AMBULANZ, SCHNELL!“
Einer der Kumpane, der Dünne mit Hasenscharte, aus Okinawa, wetzte los, zum nächsten Krankenhaus. Im sozial sehr warmen Kanada war es kein Problem, zwei Veteranen aus dem Nachbarland wie Menschen zu behandeln. Die Ambulanz würde selbstverständlich dem vermutlich Obdachlosen zu Hilfe eilen, der sich wohl besoffen ein wenig ins Bein geschnitten hatte, was sein genauso besoffener Kumpel natürlich wild ausgeschmückt haben musste. War doch immer dasselbe, mit diesen Pennern, dachte der Chauffeur und raste zum Ort des Geschehens. Hinter ihm, im Krankenwagen, saß mit klopfendem Herzen Harry The Scary Marks, der entstellte Penner. Er war im Krankenhaus in die Notaufnahme gestürmt, und den diensthabenden Arzt ÜBERZEUGEND vorgestammelt, wie DRINGEND es war. Er war praktisch die ganze Familie des alten Marine. Sie kannten einander seit dem Bootcamp. Die Ambulanzfahrer, die selber schon einiges mitgemacht hatten, behielten einen professionell kühlen Kopf, verfrachteten Stumpy samt Einzelteilen ins Auto und flitzten zur Notaufnahme. Die Stadtstreicher wurden am Rande dieser Existenz schnell wieder vergessen. Doch die hervorragenden kanadischen Ärzte konnten Harrys schwer verstümmeltes Leben mit Leichtigkeit retten. Als er wieder ansprechbar war, fragte ihn ein kanadischer Kriminal-Polizist kultursensibel, wie das kleine Malheur denn geschehen war. Da wusste unser völlig schockierter Krüppel nur einen Namen:
„Jean Caputo!“
Praktischerweise lag der ja gleich im Nebenraum. Total groggy von Seconal und Morphium, dämmerte der Boss nach der Not-OP auf der Gastrischen seiner Heilung entgegen. Er konnte gegen seine Verhaftung kaum aufmucken.
Aus Harry hingegen wurde eine internationale Berühmtheit.
Sein Heldenmut wurde sogar von und in Hollywood verfilmt, der Film ein Box Office Hit, und Stumpy konnte sich vor Arbeitsangeboten kaum retten.
Sogar seine Eltern waren endlich stolz auf ihren Sohn.
Alle zufrieden.
Bis auf Caputo. Aber ein paar Jahre später schlitzte ihn jemand im Knast wegen einer Dose Ölsardinen mit einem Dosenöffner von oben bis unten auf. Harry Mueller hatte sich schlussendlich nach Abflauen der für ihn so vorteilhaften PR-Kampagne drauf konzentriert, richtig Cash zu machen. Jäh aus seinem Gutmenschenbewußtsein erwacht, war nunmehr Stumpy nur über den Glauben zu einem zufriedenen Menschen. Durch Werbeverträge und Filmlizenzen bereits schwerreich, hatte Stumpy sich entschieden, wie Nero Wolfe und andre Freizeitdetektive, einen Teil seines Reichtums ins Hobby zu investieren, das ihm bisher schon so viel gekostet, aber auch schon so viel gegeben hatte: Stumpy Mueller, PI.
Ein gutes Jahr war mit der Suche nach einem geeigneten Mitarbeiter vergangen, als Stumpy sich endlich für einen fleißigen Partner aus Asien entscheiden konnte. Für Akira Toyotomi, einen ehemaligen Kempetai-Sergeant. Er hatte sogar die berüchtigte Reservistenschule in Kudan absolviert. Der Ex-Feldpolizist der KJA hatte erstaunliche Referenzen. Das war wichtig, für den ganzen Laden. Denn Akria würde schuften müssen. Die ausführende Hand, sozusagen. Denn es war ja klar, Stumpy würde eher für den repräsentativ-kreativen Teil der Firmenleistung aufkommen.
„Wie soll ich denn ohne Beine Leute beschatten, Akira, häh?!Mit dem Fallschirm?“
Sein Neo-Mitinhaber hatte das sofort eingesehen. Abgesehen von solchen protokollarischen Finessen entwickelten die Männer Gefühle für einander. So ging alles einen Gang. Gemütlich.
Akira hingegen, der japanische Teilhaber, wühlte auch im Sommer weiterhin im niemals schwindenden Schmutz der High Society von Manila, ganz furchtloser Abkömmling einer Samurai-Familie. Er hätte sofort Seppuku begangen, wenn er jäh von der fundamentalen Lebenslüge seines Kompagnons erfahren hätte. Vor allem, weil er ja, erschüttert von der ganzen Treue-Story, knapp zwei Jahre zuvor mit seinem heiligen Sippen-Schwert sämtliche Genossen des Korsen niedergemetzelt hatte, aus Rache für seinen Partner.
Der Japaner und der Kanadier hatten sich für die Hauptstadt der Philippinen entschieden, um ein Büro einzurichten, weil die Filipinos erstens machohafte Gesten liebten und verstanden, zweitens Stumpy dort für einen der gehassten aber bewunderten Amerikaner gehalten wurde, und drittens jedermann noch genug Schiss vor den Methoden der Japse hatte. Der Veteran musste also weiter lügen, schon aus Rücksicht auf Akira, den er echt mochte.
Doch der war seit Wochen im tiefen Süden der Philippinen, unterwegs auf der Insel Cebu in einem sehr komplizierten Fall, eine üble Geschichte um Korruption, Erpressung und Mord. Seit einigen Tagen hatte sich Akira nicht mehr gemeldet. Harry machte sich langsam Sorgen. Denn nach der Angst vor den Japanern kam gleich der Hass auf sie, und die Filipinos waren nicht gerade zimperliche Waisenknaben, wenn es um Folter ging, schon gar nicht die Jungs der Mali-Mali-Milizen. Vor allem, seit die angeblichen Moslem-Rebellen von den Amerikanern völlig nieder gebombt worden waren. Abgesehen davon handelte es sich um Versprengte, die nun ganz ohne religiöses Brimborium zu ihrem angestammten Beruf als Piraten und Entführer in die Sümpfe und Lagunen zurückgewatet waren, gesuchte Gesetzlose, die nichts mehr zu verlieren hatten.
Die Amerikaner hatten Kopfgelder ausgesetzt.
Fuchikato-San wollte auch ein kleines Stückchen vom Belohnungskuchen erhaschen, was bei insgesamt einer halben Milliarde Dollar Belohnung immer noch ein erklecklicher Batzen Bares wäre.
Die ehemaligen Rebellen waren auch deswegen so leicht zu finden wie Diamantenstaub in Puderzucker, und ihre Laune entsprechend ätzend. Doch der Japaner kannte keine Angst.
„Akira ist also verschwunden, und solange er weg ist, kann ich den verdammten Laden nicht dichtmachen!“, räsonierte Stumpy, rieb sich wimmernd die Stümpfe, und spülte drei starke Schmerztabletten mit Brandy hinunter.
Aber er blieb hart, auf seinem Posten und besoffen, bis ihn eine Woche danach wieder einmal ein Poststück aus der Bahn warf.
Aufgrund des Verwesungszustandes konnte er schließen, dass Akira schon länger keine Schmerzen mehr litt. Der Kopf stank wie ein Haufen Scheiße und hätte samt den Maden als Requisite in jedem Zombiefilm dienen können.
Die Augen, die Lippen, Nase, Ohren und Zähne waren gewaltsam entfernt worden, und zwar nicht erst post mortem, wie Stumpys scharfer Blick sofort erkannte.
Abgesehen davon wussten Akiras Mörder, sie hatten es mit dem berühmten Duo Stumpy & Fuchikato zu tun, auch wenn dieses Gespann nun auf einen Mann, noch dazu bloß ein halber, reduziert war. Stumpy würde dennoch nicht weichen.
Die ganze Welt war noch von Akiras grausamem Tod geschockt, als die Öffentlichkeit ein zweites Mal unter einem fürchterlichen Magenhaken taumelte, es war das Coming out des Macho-Detektivs. Ja, Akira und er waren im wahrsten Sinne des Wortes Partner, teilten sich Schreibtisch und Wasserbett. Jetzt hatten ihn perfide Mordbuben grausam gemeuchelt.
Harry war in Rache gewandet.
Bei Nacht und Nebel zog er sich zur Recherche tief in die Slums von Manila zurück, umgeben von einer Schar aus treuen, stummen Dienern, und zog seine Fäden. Nach und nach gingen alle Ex-Terroristen ins Netz der Geheimdienste oder standen vor den Exekutionskommandos der philippinischen Armee. Lediglich der Obermacker lief irgendwann noch frei herum. Zu diesem Zeitpunkt ließ sich Stumpy in aller Öffentlichkeit im Triumphzug zurück in sein Büro tragen. Vor laufenden Kameras verhöhnte er den Kopf der Banditen als feiges Weichei, das nicht einmal die Traute hatte, sich mit dem schwulen Krüppel anzulegen, der seine gesamte Organisation aus dem Rollstuhl heraus im Alleingang auseinander genommen hatte.
Wie gesagt, manche Filipinos sind extrem heißblütige Menschen, und so kam es, als draußen gerade ein deftiger Monsunsturm tobte, dass Harry Besuch bekam.
Es war der große Unbekannte höchstpersönlich, Abu Abu-Abu El Abu, erster und letzter Vater der Aufrührer schlechthin, der wortlos aber mit glühenden Katzenaugen plötzlich in Harrys Büro stand und eine übel blitzende Machete aus dem Futteral zog, standesgemäß cool auf den Rücken geschnallt.
Aber er war erwartet worden.
Der Asiat vollführte noch ein paar Furcht einflößende Manöver mit dem Hackschwert, das die Luft im Büro zerschnetzelte, konnte aber den Detektiv damit nicht sonderlich beeindrucken, da dessen Hände ganz ruhig auf der Tischplatte liegen blieben. Erst als der Freibeuter einen markerschütternden Schrei ausstieß, und mit wild schwingender Machete auf Harry losstürzte, zuckte dessen Rechte in einer blitzschnellen Bewegung zum Abzug einer doppelläufigen Schrotflinte, die an der Unterseite der Tischplatte verborgen angebracht war. Er drückte den Abzug. Die schwere Waffe bellte. Stumpy hatte sie mit zweierlei Munition geladen: Eine Ladung 0/0-Schrot rasierte dem Mörder seines Partners die Eier und den Schwanz ab. Stumpy drückte noch mal ab: Ein Dumdum-Geschoss pürierte dem Gauner die Hände, die er vors Gemächt gekrampft hatte, und riss ihm anschließend den halben Arsch weg. Seine unteren Extremitäten verabschiedeten sich nach dieser radikalen Amputation.
„Siehste“, sagte Stumpy, „Jetzt sind DEINE Beine futsch, und du hast nicht mal mehr ein Arschloch, du Arschloch.“
Regungslos beobachtete Stumpy die Agonie des Rebellenführers, die heraus geplumpsten Eingeweide, grau-rosa Gummiwürste, auf den Teppich geklatscht. Er rief erst die Polizei an, als das letzte Zucken vorbei war.
Er machte seine Meldung und legte müde den Hörer auf.
Dann zog er sich das Einstecktuch aus der Brusttasche, was ihm Linkshänder mit der Rechten ein wenig Mühe bereitete, wischte sich die Blutspritzer aus dem Gesicht, machte sein Pult auf und nahm die Brandy-Flasche heraus. Harry spürte den nächsten Schmerzanfall kaum, biss die Zähne zusammen, jammerte, hob den Branntwein schnell an die Lippen. Er trank lange und gierig, und als er die Flasche wieder absetzte, konnte er in der Ferne die ersten Sirenen heulen hören. Harry massierte sich die Stümpfe und seufzte wieder. Die Rebellen-Machete hatte bei ihrem letzten, ungezielten Flug durchs Zimmer Stumpy getroffen und ihm den linken Arm abgehackt.
Bald wären sie da, samt ihren Kameras, dummen Fragen, fetten Schecks, und alles würde wieder von vorne losgehen.
„Nein, das wird es diesmal nicht!“
Er lallte:
„Ich werde der Versuchung nicht noch einmal erliegen!“
Er trank den Brandy aus und warf die leere Flasche verächtlich über die Schulter.
Stumpy öffnete die Schreibtischlade noch einmal, nahm seine geliebte Magnum heraus, steckte sie sich in den Mund und drückte ab.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen