Der Gemeine Katzenpanda

Montag

Nummer 344

ROCKER-BRÄUTE



VROOOM! VROOOM!
Klobige Bikerstiefel betätigen Kickstarter; schwere Motoren brüllen auf. Die Gang fährt los, donnert den Highway runter in Richtung Sonne, Sex und Speed. Lesen Rocker-Bräute Tageszeitung? Hören sie was anderes als Led Zeppelin? Trinken sie zum Frühstück auch mal Tee? VROOOM! VROOOM! Eng an ihren Hilfs-Wikinger geschmiegt, sitzt die Braut Lizzy auf der Maschine, hält sich am Gemächte ihres Jonny fest, nicht zu fest, aber doch. Sie fasst ihn sicher, sie hält ihn warm. Der Fahrtwind zerzaust ihre Haare. Wimpel, Fuchsschwänze und andere Glücksbringer flattern. Outlaws, Hell’s Angels, die berittenen Rebellen des Mittelwestens und die von der Ostküste, sie alle fahren einen heißen Reifen. Harte Brüder braten Beeren. Lustig sieht das aus, wenn beim Biertrinken im kopfüber gehaltenen Flaschenhals dieses wild-golden schäumende Gewirr aus feinen Bläschen sich mit den nach oben schießenden Luftschlucken vermischt. Der Erlkönig mag das auch. Im Lexikon steht, Rocker sind Mitglieder von Jugendbanden, die in einheitlichem, martialischem Lederlook auftreten, Motorräder fahren und sich aggressiv gegenüber ihren Mitmenschen verhalten.
Das gilt selbstverständlich nicht nur für Rocker, das gleiche kann auch über die Bereitschaftspolizei, militante Tierschützer und muslimische Spitzenpolitiker im Allgemeinen gesagt werden. Da sind mir persönlich die Rocker lieber. Deren Ehrenbegriffe werden zwar rigoros durchgesetzt, sind aber archaisch, sprich, jedermann mit mittelalterlich-altrömischen Kriegerehre-Phantasien leicht erschließbar. Warum auch nicht? In einer zunehmend komplexer werdenden Welt, die ausschließlich von modernistischem Profitdenken bestimmt wird, tun altmodische Ansichten wie Selbstverleugnung, Respekt und Eskapismus herrlich gut. Pfefferminztee setzt sich geruchsmäßig selbst in einem gerade alkoholisch benutzten Bierglas durch. Am Ende aller Euphorie wartet der Semmelkater. Dafür werden die meisten Rocker älter als Rockstars, die jung sterben. Insofern sind Rocker konservativ. Nun ist Konservativismus, normalerweise vertreten von den Kräften der Beharrung unter nachdrücklicher Anerkennung und Apologie der überkommenen sozial-politischen Ordnung, geprägt von treuer Anhänglichkeit an gewisse Herrschergeschlechter, patriarchalisch-herrschaftlicher Gewissheit und dem Geist der Unterordnung von Schwächeren, in unserem Westen der Welt normalerweise Sache der „Elite“. Wer schon im Glashaus sitzt, mag keine, die mit Steinen werfen. Aber dennoch gibt es Konservative auch außerhalb dieses erlauchten Kreises: Anarchos mit E-Gitarren zum Beispiel, oder Maler, die seit zwanzig Jahren immer dieselbe Masche abziehen. Aber auch die Typen, die sich diese Platten oder Bilder kaufen. Und auch jene, die eine liberale oder sozialistische Regierung immer wieder wählen, verhalten sich auf ihre Weise konservativ. Die Rocker, von denen der Volksmund annimmt, hope you guess my name, sie gehen nicht so oft wählen, sind dennoch politisch. Im Sinne von Max Weber, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen. Ob das auch Gewalt mit einschließt, ist unbekannt, wird jedoch aufgrund empirischer Tatsachen so angenommen. Rocker blasen wahrlich den Blues. Die gerne zitierte Neigung der Rocker zu mediäval-imperialen Strukturen, geprägt von Gefolgschaftstreue; Heldentod, Patriarchat und ähnlichen Simplizismen ist wahr. Sie ist aber auch sehr verlockend. Und deswegen schwer zu widerlegen, vor allem durch Syllogismen.
Danke, Danke, Danke-Danke.
Aber wenn die Spuren der Verlockung wertfrei verfolgt werden, bis zu ihrem unmittelbaren Ursprung hin, so muss auch ein wertfreies Auge das lockende Glitzern der Kristalle wohlwollend prüfend wahrnehmen. Sometimes you find, you just get what you need. Die Urväter nehmen Aufstellung, intonieren einen Gospel, klatschen dazu rhythmisch in die Hände und freuen sich ihres Lebens. Nichts dagegen einzuwenden, dachte Gott und wandte sich wieder seinen Amtgeschäften zu, die unter anderem darin bestanden, die wichtigsten irdischen Tageszeitungen zu lesen. Gott war einiges gewohnt. Zum Beispiel wartete Er bereits seit Wochen auf einen Internet-Highspeed-Anschluss, für den er sogar bereit war, zu zahlen. Gott hatte persönlich ein paar Male angerufen, nachgefragt, was mit dem Vertrag wäre, die Firma wäre seit acht Wochen mit der Lieferung im Rückstand, trotz abgeschlossenen Vertrages und anders lautenden Versprechens, da dürfe Er wohl mal nachfragen. Aber wenn selbst der Herrgott im demokratischen Spiel von Angebot und Nachfrage so schnöde behandelt wird, wo Er doch Super-Hyper-Mega-VIP-Status haben sollte, und was für sich bereits ein philosophisches Rätsel darstellt, wie soll sich erst der Verfasser dieser dünnen Despotenzeilen fühlen? Brave Dinge entfalten virtuose Streichquintettexegesen. Rockstars brüllen sich im Aufnahmestudio die Seele einmal aus dem Laib, dem Leid, dem Leib. Dieses eingevaste Exsudat bringt weltweit die Verheerten zum ekstatischen Überkochen. Saltimbocca oder Saltimbanco? Freiheit kann nicht verboten werden. Der Hampelmann wird irgendeinmal zurückschlagen. Das lässt sich nicht verhindern. Er steckt im Fleische. Er kommt jeden Tag zum Vorschein, er wartet auf den Sonnenuntergang, auf die Blaue Stunde. Unsere Rockstars erwartet am Ende jeder dieser Entwicklungsschritte unweigerlich ein Blowjob. Cum grano salis. Blowing Dandelion. Löwen zahnen früh. Dafür bleiben ihnen mehr Möglichkeiten zur Auswahl als Spätberufenen. Die nämlich müssen einsam durch das Weltall reisen. Ganz allein. Unvorstellbar. Hunderte Lichtjahre von Zuhause entfernt. It’s so very lonely, you’re six two thousand light-years from home. Wir treffen uns später auf Aldebaran. Nicht wahr? Das Nichts kreiselte um sich selbst. Manchmal scheint es, als ob das, was Übervorsicht genannt wird, schlichte Notwendigkeit darstellt. Der Rocker machte die Musik leiser und die Fenster zu. Genug der Fremdbelehrung. Genug der Fehlbelehrung. Genug der Belehrung im Gesamten. Gottes rechtes Lid zuckte. Was besangen sie? Was gab’s da zu feiern? Die Liebe? Ja! Die Liebe. Die einen Menschen, den viele als einen Einsamen bezeichnet hätten, zu einem Glücklichen macht. Liebe, die es immer und überall zu feiern gilt. Liebe, das Einzige, was im Universum stärker ist als Zeit. So einfach ist sie Gleichung, die verstehen kann, wer sie empfunden hat. Ehe Pflicht in Vergnügen überwechselt. Verbrennungsmotoren fordern ihren Tribut. Sie wollen mit Treibstoff gefüttert werden. Das versteht jeder. Wünschen sich Rocker, daheim zu sein? An Weihnachten? Zum Geburtstag? Nie? Können sie darüber reden? Sind alle Membranen zu ledernen Schwingen mutiert? Gibt es das? Nein. Fleisch ist Fleisch. Herz Trumpf. Schmacht Fetz. Baby, Baby. Sexy Ray Ban. Hinter solchen superlässigen Sonnenbrillen verbergen sich nur noch altmodische Porno-Freaks, levantinische Taxifahrer und ich. YEAH. Cool! Krächzen! Ficken! Oder so. Der Rockstar las die Morgenzeitung, schlürfte dabei seinen heißen, süßen Tee m.m. Mit Milch. Gegen die handelüblichen Kopfschmerzen half immer noch Acetylsalicylsäure. Gegen Liebe nur mehr Sex. Ozeanisch, nicht wahr? Das alles vermöge der reproduktiven Organe. Dafür, dass diese ganze Anlage so dermaßen kompliziert wurde, ist nur der simple menschliche Geist verantwortlich, dem Tiere nah verwandt. Um sich seiner animalischen Instinkte zu entblößen sucht seine Majestät, der Geist, nach den Trieben seiner Vorfahren. Damit er so richtig Gas geben kann, im alten Vexierspiel von Denotation/Konnotation. Lizzy streichelt durch die Lederhose hindurch Jonnys dick wachsende Erektion und freut sich auf den Sonnenuntergang. Noch Fragen?
Eben.
VROOOM! VROOOM!

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