POMPO, DER ELEPHANT
Ein Märchen für Mäuse
Pompo.
Liebling der Zirkus-Massen, dickhäutiger Titan, afrikanischer Pachiderma und gutmütiger grauer Mäusefreund, ist tot. Unheilbar romantisch, vergaß sein Herz in sechzig Jahren Gefangenschaft weder die Sehnsucht nach der geliebten Savanne. Noch die Liebe zu seiner Lieblingskuh Kiki. Sie hatten keine Junge haben können, keine kleinen Riesen, die aussehen, als trügen sie Großvaters viel zu großen Hosen. Pompo und Kiki hatten einander sehr, sehr lieb gehabt, geduldig hatte ihr Gedächtnis nichts vergessen, was ihre klugen Augen je gesehen. Pompos geliebte Gefährtin war dennoch vor kurzem gestorben. Kiki hatte schließlich den Lebensmut verloren, aller Zärtlichkeiten ihres Gefährten zum Trotz. Sie war tagelang beharrlich im Kreis gestampft, bis sie am Friedhof ihrer Ahnen angelangt war. Dann legte sie sich auf die Seite und starb.
Pompos Herz war doppelt gebrochen. Außer der geliebten Heimat würde er auch Kiki erst im Himmel wieder sehen. Poverer Pompo!
Bleischwer geworden, wollte er bloß noch schlafen, alles vergessen, aber es gelang ihm nicht. Er war so unglaublich allein. Nicht mal die Mäuse, die sonst zahlreich auf dem breiten Rücken herum huschten, ihn aufheiterten, ihn mit quirligen Eskapaden kitzelten, konnten ihn ablenken. Pompo pustete nur ein paar schwache Töne aus dem schaffen Rüssel…
Doch tief in seinem Innersten leuchtete der erste Keim jener Idee auf, die schließlich für Schlagzeilen sorgte.
Jahre später.
Die Saison ist grade vorbei. Der Zirkus lagert in seinem Winterquartier.
Der Tierpfleger der Elefanten, oder besser, ihr Wärter, war ein Mister Biscot, Brite aus Ascot. Er war ein launischer Mensch, der sich oft betrank und selten wusch.
Zwar schlug er die Tiere nicht, da er sich zu sehr vor deren Dompteur fürchtete, Uzanga Ewogobo, der hünenhafte Schwarze aus dem Kongo. Denn Uzanga liebte alle seine afrikanischen Brüder und Schwestern. Und die Tiere liebten ihn. Gemeinsam vom Heimweh verzehrt, fristeten sie in der kalten Fremde ein kümmerliches Dasein. Ewo, wie sie ihn alle nannten, hätte Biscot niemals erlaubt, den Tieren weh zu tun. Da dieser böse Brite Biscot aber auch fürs leibliche Wohl der grauen Kolosse verantwortlich war, konnte er ihnen unbemerkt Niespulver ins Grünfutter streuen, salzte ihr Trinkwasser, vergaß tagelang, ihr Stroh zu wechseln, oder er holte den Tierarzt nicht gleich, wenn den Tieren etwas fehlte, wollte aus einer Mücke keinen Elefanten machen, wie er hämisch in sich hinein griente.
Auch Herr Ewo, der sich wenigstens freiwillig zur Zirkuskarriere zwingen hatte lassen, ist schließlich in die Lage der geraubten Wildtiere geraten: Als er erkennen musste, wie keineswegs golden der Westen war. Allein, Uzanga konnte nie das Geld für eine Rückkehr nach Afrika sparen. Seine Sehnsucht hatte ihn langsam aufgefressen. Der Schmerz war zu groß für ihn. So rutschte er langsam in die Sucht ab, nahm Heroin.
Das wusste natürlich niemand.
Mr. Biscot, dieser schmierige Rassist, hasste den Schwarzen ebenso wie die Tiere. Alldieweil lag Uzanga in seinem Wohnwagen, im wahrsten Sinne des Wortes in Morpheus’ Armen. Er verpasste Biscots Schweinereien. Doch Pompo, Jumbo, Dumbo und Ellie, merkten sich alles. Sie warteten nur auf eine Gelegenheit, dem Wurm die Gemeinheiten heimzuzahlen. Doch stets auf der Hut war ihr Plagegeist, wie alle großen Feiglinge, auf Distanz bedacht. Außerdem war immer seine Holzstange in Reichweite, die mit dem rasiermesserscharfen Metallhaken. Der konnte ihre empfindlichen, dünnen Ohren mühelos zerfetzen, falls die Elefanten Ärger machen sollten. Alle großen Zirkustiere haben im Laufe ihres Lebens schon schmerzliche Bekanntschaft mit diesem Folterinstrument geschlossen, also mussten unsere Vier ausharren. Die kleine Herde war eine der Hauptattraktionen des Circus Vegas, einer altehrwürdigen Institution, in der bereits der Hollywood-Star Kurd Handfaster sein Artisten-Handwerk erlernt hatte, bevor er nach Hollywood ging. Nichts Menschliches war hier fremd, Toleranz wurde von den Eigentümern, der Familie Rodriguez, groß geschrieben. Denn sie vergaß niemals, wem sie ihren Wohlstand verdankte, und Julio, der aktuelle Direktor, hatte niemals Ärger mit der Gewerkschaft oder den Tierschutzbehörden. Persönlich war ein großer Fan von Mary-Anne Sagan, die sogar einmal in New York bei einer zirkuseigenen Benefiz-Veranstaltung zu Gunsten armer Hispano-Amerikaner gratis aufgetreten war. Sie hatte ihre tollsten Lieder zum Besten gegeben, und die Dickhäuter in der Manege leise und traurig ihre Zustimmung trompetet.
Julio Rodriguez war verheiratet, liebte Mary-Anne aus der Ferne, und glaubte neben dem Heiland an das Schicksal als etwas Gottgewolltes.
Uzanga, der nur an die Savanne glaubte, schämte sich fürs Heroin und fühlte sich wie der feige Löwe aus dem „Zauberer von Oz“. Denn die Fehler blinkten auf der glänzenden Nadelspitze immer wieder auf. Zum Glück hatte das Gift ihn noch nicht völlig vernichtet, auch wenn er den Kampf jedes Mal aufs Neue verlor, er kämpfte noch wenigstens mit sich und dem H.
Alffred Biscot hingegen, diese moralische Amöbe, stolz auf das dämliche zweite „F“ in seinem Vornamen, glaubte nur seiner Schnapsflasche, seinen trunkenen Grimmassen und dem Grundsatz. Er mauschelte weiter, murmelte seine Flüche auf alles Gute, fischte im Trüben, und schmiedete mickrige Ränke gegen die, die sich nicht verteidigen konnten. Beim Essen saß er immer mit dem Rücken zu den anderen, ein Bild von einem Misanthropen, stinkend, voller Neid und Gin.
Alles in Allem war die Belegschaft des Circus Vegas ein Sammelsurium aus Sozialfällen, Freaks, gesunden Arbeiterkindern und Artisten, die schon seit Generationen on the road lebten. Sie, diese modernen Zigeuner, the Travelling Show, waren eben wie Kinder. Wie sie alle gerne zusammen lachten, wenn sie in der Kantine nach der letzten Vorstellung Suppe löffelten, Bier tranken und „Monty Python’s Flying Circus“ guckten! Bloß der olle Biscot musste immer meckern! Dieser miese Kinderschreck! Eigentlich schon eine Dickenssche Gestalt, unendlich traurig, aber auch so unendlich unerreichbar in seinen bösartigen Bissen. Andererseits, wenn man den auf die Straße setzte, war der glatt imstande, in der Kneipe die letzten Dollars zu versaufen und sich dann am nächsten Brückengeländer aufzuknüpfen.
Das wollte niemand!
Also schleppte sich der ganze Tross weiterhin in voller Stärke lärmend und hupend den Highway entlang: Pompo mit gebrochenem Herzen, Julio sinnierend und Bücher lesend, Uzanga mit einer Spritze im Arm, Alffred besoffen an der Zellophanhülle der immer nächsten Flasche fummelnd. Der Rest der coolen Gang lebte, werkelte und liebte weiter, mal oben, mal unten.
What a trip!
Gut ein Jahr lang ging es nach Kuokos Ableben hin und her, verdienten sie ihre Dollars im Schweiße des Angesichts. Es ging kreuz und quer durch die Staaten, bis sie schließlich wieder in Birmingham, der Hauptstadt Alabamas, eintrafen.
Der arme Pompo war inzwischen fast schon autistisch geworden. Auf ein für ihn klägliches Gewicht zusammengeschrumpft, bot er ein jämmerliches Bild, doch selbst im Niedergang war er noch imposant und Ehrfurcht einflößend.
Hier war vor einem Jahr seine Gefährtin gestorben, alles war wieder ganz frisch, unmittelbar. Er war reif.
Der Zirkus wurde langsam aufgebaut. In drei Tagen, am Sonntag, war die große, bereits ausverkaufte Gala geplant. Sogar der Governor des Staates, eine Frau namens Ana-Paula Haskins, samt ihrer Familie wollte kommen. Peter, ihr Mann, und die Söhne Richard, Thomas und Harold. Die drei Rabauken liebten den Zirkus!
Der Bulle wusste, in den Südstaaten wurden die Brüder und Schwestern von seinem Freund Uzanga von den fetten Sheriffs schlecht behandelt und manchmal sogar erschossen, bloß weil sie eine schwarze Haut hatten. Das konnte Pompo nicht verstehen! Wenn die weißen Cops die Schwarzen so sehr hassten, dann konnten sie die Grauen auch nicht lieben, sie hatten alle solche Eisenstangen, die knallten und taten in den Ohren furchtbar weh! So wie der verhasste Biscot! Dessen Stange knallte zwar nicht, aber sie war sehr scharf! Außerdem hatte Biscot ein Hühnerherz! Der Bulle Pompo wusste, er könnte dieses mickrige Männchen mit einem einzigen Rüsselhieb, Fußstampfer oder Kackhaufen erledigen, aber diese Laus wagte sich nie ganz heran! Aber wenn er in der Arena war, wo diese grellen Scheinwerfer brannten, schärfer als die Sonne zu Hause, war er frei, es gab keine Fußfesseln oder Gitterstäbe! Da war er FREI!
Der gute Schwarze aber, Uzanga, der andere unglückliche Afrikaner, das andere Alpha-Männchen, war immer sanft zu ihnen, seine Haut so kalt und verschwitzt! Aber sie liebkosten ihn dennoch mit ihren sanften Rüsseln, und die starken Muskelschlangen, die sich um ihn wanden, würden ihn nie verletzen! Pompo spürte, wenn er und seine Gefährten sich um den Dompteur drängten, war er immer so glücklich, und so wach! Ja, sie waren eine Familie, ihm zuliebe machten sie all die entwürdigenden Mätzchen, über welche die kleinen Menschlein so gerne frohlockten! Aber die Kinder! Die Kleinen, ihre Jungtiere, die lachten noch so unschuldig. Und viele von ihnen hatten Angst, oder waren traurig, dass sie, die Elefanten, nicht so frei waren wie in all den tollen Filmen auf dem Discovery-Channel. Jumbo, Dumbo und Ellie wussten, es gab noch ein paar anständige Menschen! Außer BISCOT! Pompo würde ihn mit seinem Rüssel wie ein trockenes fünfzig-Kilo-Keks zerbröseln, das war klar.
Endlich! Es war Sonntag, das große Zirkuszelt festlich geschmückt, die Band spielte laut und falsch ihre burlesken Märsche! Bunte Fähnchen flatterten im Wind! Überall Menschen! Große und kleine, Betrunkene, fröhliche, mürrische, mehr Weiße als Schwarze. Das Programm begann, die Menge klatschte und johlte, die Clowns purzelten durch die Sägespäne, die Artisten wirbelten mathematische Formeln in die Luft, die wilden Katzen fauchten böse, und der Zauberer verspottete alle und jeden. Dann wurden sie, die große Sensation, angesagt, diesmal als Maestro Fantoni mit den Vierlingen, also Uzanga samt Dickhäuter, und es wurde ganz still unter der Zirkuskuppel.
Die Grauhäuter marschierten in einer Kette hintereinander, hielten sich per Rüssel und Schwänzchen aneinander fest, bis sie im Zirkusrund anlangten. Ein lächerliches Spektakel. Sie, imstande auf einer Fläche von der Größe Belgiens nur anhand uralter Markierungen sich zu orientieren! Sie trompeteten LAUT!
Nun war die Musik aus.
Ein Engel ging vorüber.
Pompo machte seinen Frieden mit dem Großen Ahnen.
Er trottete los.
Draußen, vor dem Zelt, hatten die Bullen dunkle Sonnenbrillen im Gesicht.
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