Der Gemeine Katzenpanda

Freitag

Nummer 338

PASSACAGLIA






Teil Eins: WHITE WHORES



Das Jahr war so zu Ende gegangen, wie ich es größtenteils verbracht hatte: Unspektakulär, zuhause und allein. Ähnlich unspektakulär waren meine Vorsätze: Ein bisschen mehr Vitamine, ein bisschen weniger Fett, wieder an Literatur-Wettbewerben teilnehmen und das Jahr so zu organisieren, dass ich möglichst wenige Enttäuschungen selbst erleben und anderen bereiten müsste. Nein, mein Leben gab schon seit längerem kein Romanstoff mehr her. Wenn ich morgens in den Spiegel blickte, so sah ich einen Fremden, den ich zwar als meine stoffliche Hülle akzeptiert hatte, mit dem ich mich aber nicht so recht identifizieren wollte. Ich hatte von mir selbst ganz andere Bilder im Kopf. Bald wäre ich 35 und hatte kaum eines der Ziele erreicht, die ich mir gestellt hatte. Klar, ich lebte in der Stadt, in der ich leben wollte, hatte den Job, den ich wollte und studierte, was ich wollte, aber, wollte ich das wirklich? Sogar meine Gefühle waren mir sonderbar fern: Ich hatte keine Freundin und mir einige Male eingebildet, in die eine oder andere Studienkollegin verliebt zu sein, aber ich wusste im Grunde, auch das war nicht das, was ich wollte. War das die Midlife-Crisis? Warum war mir alles so egal? Warum war es so schwer, einen Funken Begeisterung zu zünden? Ich wusste es nicht.
Es war gegen halb Elf, als es klingelte. Erstmal guckte ich beim Fenster raus, um zu sehen, wer da geläutet hatte. Aha, die Post. Paketdienst. Ich ging zur Gegensprechanlage, drückte den Knopf und sagte guten Tag. Dann schlüpfte ich in meine Badelatschen und den neuen, schwarzen Bademantel, hastete mit dem Schlüssel in der Hand die drei Stockwerke runter, in der Erwartung, den Briefträger mit einem an mich adressierten Päckchen und einem strahlenden Lächeln im Gesicht anzutreffen. Aber im Parterre angekommen war niemand außer einer Benachrichtigung, die mir sagte, nicht angetroffen worden zu sein, weswegen ich die Paketsendung erst ab morgen im Postamt XY abholen könne. Fuchsteufelswild trat ich auf die Straße und sah den gelben Laster gerade noch um die Ecke biegen. Dieses Arschloch. Wie immer.
Mit Ausnahme einer neuen Zeitungsabo-Mahnung und der Bücherrückgabe an die Universitätsbibliothek forderte der Briefkasten lediglich den üblichen Reklameramsch zutage. Ungelesen in den Eimer, schade ums Papier. Verärgert stapfte ich die 178 Treppenstufen wieder hoch. Ich schlug die Tür hinter mir. Verärgert ging in die Küche. Während ich ein paar Orangen auf einer improvisierten Presse zu süßem Blut verarbeitete, gluckerte in der Kasse der Espresso hoch. Mein Groll verflog. Denn der Postler hatte mir gezeigt: ich war nicht der einzige Mensch, dem ein wenig guter Wille fehlte. Ich trank den Saft aus, goss Milch in den heißen Kaffee, schlurfte ins Schlafzimmer, wo ich auch arbeitete und schlief. Ich schaltete den Rechner ein, und riss die Fenster auf.
Es war der zweite Januar, sonnig und saukalt. Soweit mein Auge reichte, waren die Strassen mit Sylvester-Müll, zerbrochenen Flaschen, Papierfetzen, den ersten Christbaum-Leichen und wie üblich mit Hundescheiße übersät. In meiner Stadt ist das nichts Neues. Wir leben darin. Nach einer Weile machte ich das Fenster wieder zu und setzte mich an den Tisch.

Glotzte auf den Bildschirm.
Nichts passierte.
Eigentlich hätte ich mich mit dem Mediävistik–Referat beschäftigen sollen, das am kommenden Montag auf dem Programm stand. Aber anstatt herum zu tüfteln, wo denn bei der Übersetzung zweier ganz bestimmter Textstellen im Eneasroman eines gewissen Herrn Veldeke die Tücken liegen, fing ich an, eine schlechte Kurzgeschichte zu schreiben.
So war es schon seit ewigen Zeiten:
Wenn ich schreiben hätte sollen, machte ich etwas anderes, und wenn ich Pflichten zu erfüllen hatte, schrieb ich lieber. Ich seufzte. Dann spürte ich, wie die Orangensaft-Milchkaffee-Kombination ihre peristaltische Arbeit verrichtete, zuckte mit den Achseln, ging ins Bad, zog einen herrlichen, geformten Schiss ab, wischte mir den Arsch, ließ runter und stellte mich unter die Dusche. Mit geschlossenen Augen legte ich den Kopf in den Nacken, ließ mir das heiße Wasser übers Gesicht rinnen.
Pflichten.
Das alte Thema.
Das alte Problem.
Wie so viele andere Idioten auch schob ich die Dinge gerne auf die lange Bank. Ich wartete bin ultimo, um sie zu erledigen. Am Besten kann ich unter Druck arbeiten. Am Ende gelang mir das meist zufrieden stellend, aber das nagende Gefühl, mich wieder einmal nur durchgemogelt zu haben, das blieb, ebenso wie das Wissen, viel mehr leisten zu können, wenn ich es bloß wollte. Nein, Ehrgeiz war keine Krankheit, mit der ich geschlagen war. Aber wussten das auch die anderen? So führte ich eine Scheinexistenz, stets bereit, mich in die Schatten zurückzuziehen, falls es mal brenzlig wurde.
Das konnte mich nicht wirklich befriedigen. Ich wusste das. Wovor hatte ich denn solche Angst? Mich hinzustellen und zu sagen: Leute, ich glaube, ich bin ein Versager?! Oder davor, mich zu überwinden, und endlich Vollgas zu geben? Eine Mischung aus beiden. Noch stellte ich an mich im Geheimen die Forderung, eines Tages groß raus zu kommen, eine tolle Frau zu kriegen und Geld im Überfluss zu verdienen, aber es bröckelte mir dieses Ziel langsam unter dem eigenen Blick weg. Bald, so fühlte ich, wäre mir auch das egal, und ich bereit, mich mit einem Rest-Leben in mickriger Durchschnittlichkeit zufrieden zu geben. Es war eine schreckliche Vorstellung, wie das Wissen um den Tod und vielleicht genauso unausweichlich. Aber ich bäumte mich auf, wollte noch nicht aufgeben, ich durfte es auch gar nicht, schon aus Rücksicht auf die Menschen, die mich liebten. Aber es war ein qualvoller, tagtäglicher Kampf mit mir selber. Warum sollte es mir anders ergehen als allen anderen?
Die Antwort war ganz einfach:
Solange ich noch ein wenig Mumm und Geilheit in den Knochen verspürte, wollte ich mich gegen die große Gleichmacherei stemmen und versuchen, mein Leben gemäß meiner Natur zu gestalten. Wirklich paradox war nur eines: Dass mich der Erfolg meiner paar echten Freunde entmutigte, anstatt anzustacheln. Früher war immer ich es gewesen, der die Standards gesetzt hatte, heute hinkte ich ihnen nur noch hinten nach. Wie war das passiert? Wann und warum? Bis Dreißig ein Superstar, jetzt nur noch eine harmlose Pfeife, die sich an die Bruchstücke der glorreichen Vergangenheit klammerte, um nicht abzusaufen. Es wäre besser, wenn ich die morschen Planken der Neunziger losließe, um aus eigener Kraft ans Land des neuen Jahrtausends zu schwimmen oder, noch besser, zu waten. Indes würde ich gute Miene zum bösen Spiel machen. Warum sollte ich jemanden mit meinen lächerlichen, privaten Nöten belasten? Es war doch geistlos, was für ein Theater ich um mich selbst machte. Halt das Maul und tu was! So ging es ständig hin und her, up and down, links und rechts, dazwischen kam die eine oder andere Geschichte, der eine oder andere Fick. Und, trotz allem wünschte ich mir nicht, jemand anders zu sein, no, Sir, ganz im Gegenteil. Wenn ich an all die traurigen Würste dachte, die auf den Straßen herumschlichen, größere Idioten als ich waren, mit noch weniger Erwartungen und noch weniger Phantasie, beschlich mich das Gefühl, noch ganz gut weggekommen zu sein, in der großen Geburts-Lotterie.
Darauf onanierte ich und ejakulierte in die Duschtasse. Ich drehte das Wasser ab und schlüpfte zum zweiten Mal in meinen dicken Frottee-Bademantel. Zeit für ein Bier, schätzte ich, latschte in die Küche, guckte in den Kühlschrank, entdeckte zwei über gebliebene Flaschen, nahm eine raus und öffnete sie, gleich in meinen kaputten Sandalen und im Bademantel. Gluck, gluck. Lecker Bierchen.
Die Kälte flutete durch meinen Magen in den Darm, der kulanterweise gleich damit loslegte, zu kontrahieren. Die Peristaltik! Noch mal aufs Klo! Ächzend ließ ich es in die Muschel plumpsen. Mief stieg mir in die Nase. Ich konnte auf Anhieb das erkennen, was ich zwei Tage zuvor gegessen hatte: Scharfe Kartoffelsuppe mit derben Knoblauchwürstchen. Deckel drauf, Spülung ziehen, Hände waschen. Der zeitverzögerte Luftabsaugventilator sprang an. Das Geräusch nervte. Köstlich wäre es hingegen, alle Zeit der Welt zu haben, um sogar meine uninteressantesten Beobachtungen und Erlebnisse für die Nachwelt festzuhalten, aus dem Leben ein selbstreflexives Sein zu machen, das sich selbst beschreibt, ich bloß der Federhalter, unter völliger Ausschaltung meiner Persönlichkeit. Das hat zwar schon vor mir eine Legion von Schreibern so gemacht, würde aber auch mich einiger Probleme entheben: Ich könnte jegliche Aktivität einstellen um passiv zu verharren, erfüllt von der hochmütigen Bescheidenheit, auch in den abgeschmacktesten Vorgängen den Willen des Herrn zu erfüllen oder gar zu ergänzen, wenn nicht zu verbessern, indem ich diesen Vorgängen Namen gäbe, eigene Worte dazu verwendete, den Gott eines stierenden Bauern zu ersetzen durch den einer hoch gebildeten, völlig dekadenten hochartifiziellen Sprache.
Des Weiteren müsste ich nicht mehr daran zweifeln, ob das, was ich schreibe, gut ist oder nicht, ob das, was ich tue anspruchsvoll ist, oder niveaulos, ob meine Form der Wahrnehmung geschärft ist oder schlicht verrückt. Ich könnte in einem abgedunkelten Elfenbeinturm sitzen und nach Innen gucken, den lieben langen Tag. Oder den Pflanzen beim Wachsen zusehen, jede Blütenrippe einzeln abzählen, jeder feinsten Nuance im Äderwerk der Blätter mit einer Lust nachspüren, deren Qualität körperlich wird: Dünne gräuliche Luftwurzeln, die aus dem Herzen des Anthuriums wachsen, mit den Rüsseln magischer Elefanten vergleichen, die gerade Erde tranken. Jeden Gedanken, ganz egal wie klein, würde ich aufknäueln bis zum Ursprung seiner Dinge, um am Ende hunderte, wenn nicht tausende Seiten Papier voll gefüllt zu haben mit dem Mosaik meiner Innenperspektive. Ich trocknete meine Hände. Nein, das könnte unmöglich funktionieren, oder? Die Uhr würde ihre Zeit ohnehin verticken, ob sie nun mit Sinn angefüllt wäre, oder nicht. Eine Uhr mit vier Zeigern. Tick-tack, tick-tack. Ich ging in die Küche zurück und machte mir ein Gabelfrühstück...

Damit sei die Untersuchung über das Wesen von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, desgleichen über das Gerechte und das Ungerechte im Allgemeinen, abgeschlossen. Nun ist es aber möglich, ein bestimmtes Unrecht zu tun, ohne deshalb schon ungerecht (schlechthin) zu sein…

Du kannst sagen, was du willst, Bruder, aber diese verrückten alten Griechen waren verfluchte Genies. Haben nachgedacht, sich Jahrhunderte lang die Köpfe zerbrochen, über die abstraktesten und abstrusesten Dinge, ihre Gedanken unter dem gleißenden Lichte der Ägäis formuliert, durch dieses Licht erst dazu stimuliert und der Nebendepression entzogen, sie in Worte gegossen, die in ebenso wunderbaren Übersetzungen auf uns gekommen. Teleologe, eine SUPER Beruf im Fernsehzeitalter. Tatadadaratatatam, dara-tata, darada-tata, tam, tadaratatam, sie ziehen ein, die Phäaken, die Sybariten, freuen sich auf Fleisch und Wein und Weiber. Sag, wer will es ihnen verübeln? Manche einer trägt Schönheitsflecken im Gesicht, sie haben Kränze im Haar und Schärpen um den Bauch, Gaukler und Diebe, Gauner und Huren. Alles, woran der Mensch glaubt, hat seine eigene Kraft, birgt seine eigene Realität. Daher kommt er auf den Gedanken einer Ethik, wendet er Zeit auf für Philosophie und Kunst, wobei die zwei nicht voneinander trennbar sind und aus einem gemeinsamen, tieferen Urgrund stammen: Der als Wissenschaft getarnten Ehrfurcht vor der Natur, dem Leben selbst. Daher gehen Menschen in Philo-Seminare, tun sich Studenten immer wieder die Mühe an, diese Texte zu beackern. Nicht jeder ist dafür von Natur aus beschaffen, kann es aber lernen, wenn er das Glück hat, auf gute Pädagogen zu stoßen: Mit den Erziehern, die unsere Vorbilder sein sollten, fängt alles an. Zuerst sind es die Eltern, dann die Lehrer auf den Schulen.

Indem wir uns daran gewöhnen, Gefahren zu verachten und sie zu meistern, werden wir tapfer, und sobald wir es sind, können wir ihrer am sichersten Herr werden.

Die Graupensuppe war endlich fertig. Als Kind versetzte mich dieses Wort in nacktes Grauen: Ich stellte mir eine Suppe aus grauen Raupen vor. Die armen Raupen! Als Kind liebte ich Raupen. Vor denen mit den langen Haaren hatte ich Respekt, die kitzelte ich aus Vorsicht nur aus der Distanz, mit einem Grashalm. Aber die nackten, die sich so lustig krümmten, mit ihren kleinen Stummelfüßchen! Ich nahm sie ohne Angst zu haben mit den Fingern von den Blättern und Stielen und setzte sie mir auf die Handfläche. Das Kribbeln der kleinen Beinchen war zauberhaft. Besonders putzig fand ich es, wenn sich die Raupen zu Loopings zusammenkrümmten, um anschließend umzufallen, und wie kleine Omegas liegen blieben.
Die Raupen, die ich in den verschiedenen Wiesen so anfand, waren grün, haarig, mit Pünktchen und ohne, gemusterte und einfärbige, es gab braune, schwarze mit gelben Streifen, und die berühmten grauen. Aber die allergeilsten Raupen waren die Grauweißen. Die waren meine Lieblinge. Und dann kamen als nächste bereits die Grün-Grünen. Die waren sehr lustig, wenngleich sie ein wenig schneller waren, als ihre grau-weißen Cousinen. Schlanker, und obwohl sie giftig wirkten wegen ihrer Signalfarbe, so stellte ich doch fest, dass auch ihre Haut weich war, und prall. Kleine, lebende ausgestopfte Würstchen. Wenn nun jemand diese armen Raupen in eine Suppe geschmissen hätte! Die armen! Lebendig gekocht! Wer konnte so gemein sein, und das auch noch im Supermarkt verkaufen? Es hat sehr lange gedauert, ehe ich den Unterschied kapiert habe, schließlich war ich ein Ausländerkind.

Ich rührte ein wenig Ölivönöl in die Suppe und geriebenen Parmesan, fügte klein gehackte Chilischoten dazu, vermengte die ganze Sache zu einer duftenden Körnerpampe und machte den Deckel drauf. Ich nahm den Topf von der heißen Herdplatte und stellte ihn auf ihrer freundlich erkalteten, linken Nachbarin zum Nachziehen ab. Lecker. Was würde ich an diesem freien Tag unternehmen? Die Zeitung hatte ich schon vor dem Kaffee heraufgeholt. Ein dienstbarer Geist steckte sie jeden Morgen in Allerherrgottsfrühe in meinen Postkasten im Parterre. Ein guter Kaffee zur Morgenzeitung, so viel Zeit muss sein. Ein paar kleine Einkäufe, der eine Gang zu erledigen, und noch ein zweiter, nichts wirklich Unaufschiebbares, aber doch, später Lektüre, ein wenig Klavierspielen, das Pferd wollte geritten, der Hund bewegt, die Frau befriedigt werden und die Vernunft auch nicht zu kurz kommen. Die lästigen Pflichten eben des Herrschers eines kleinen Königreiches, mehr mit Landwirtschaft beschäftigt, denn mit Landnahme. Ich war ja ein Idealbild! Die alten Griechen krümmten sich vor lachen. Ich könnte die Gelegenheit nützen, und die Pflanzen umtopfen. Den Wedel zu schwingen, die Verhältnisse reorganisieren, solange es noch ging all die kleinen lästigen Dinge erledigen die in Wirklichkeit gar nicht lästig sind sondern Freude machen können.
Ich setzte mich an den Rechner, fuhr ihn hoch, holte die Unterlagen aus dem Regal und machte mich missmutig an die Arbeit. Ich hatte keine Wahl. Ja, gewiss, wäre ich in einem andren Jahrhundert geboren, und so weiter, oder bloß fünfzig Jahre früher, so wäre mir gemäß meiner sozialen Stellung ein glattes, angenehmes Durchrutschen im Leben bestimmt gewesen. Als Viertgeborener einer adligen Familie kommt vor allem die Diplomatie in Frage. Ich muss nicht erben, nicht Soldat oder Priester werden, sondern darf das bunte Nesthäkchen bleiben. Eine musische Erziehung, Verwandtenbesuche im Ausland, eine Apanage, Studium, Eintritt in den Staatsdienst, und vor allem das tun, was ich am Besten kann: Parlieren, repräsentieren, charmant galante Beziehungen mit höheren Töchtern pflegen. Heutzutage konnte ich mir die automatische Zugehörigkeit zur Elite aus einem Geburtsrecht quasi in die Haare schmieren. Wäre auch fatal, wenn die Gesellschaft auf Typen wie mich angewiesen wäre.
Nachdem ich nicht Diplomat werden konnte, mein Berufsabschluss mich im arbeitsmarktlichen Nichts enden lassen würde und die Schreiberei nicht mehr schien als ein besseres Hobby, war guter Rat teuer. Meine Schwächen kannte ich, meine Stärken auch, es waren ja nicht viele. Ich beherrsche vier Sprachen perfekt, eine fünfte gut und eine sechste so lala, konnte erstklassige Manieren an den Tag legen, hatte in meinem bisherigen Leben neunzehn verschiedene Länder bereist, ungefähr viertausend Bücher gelesen (Klasse und Schund inklusive) sowie eine Kohorte an Frauen gefickt. Ich interessierte mich für Kunst, Politik, Literatur, Geschichte und Musik. Wem zum Teufel könnte ich dieses Paket gewinnbringend verkaufen? Dem Pornobusiness? Dem Fernsehen, Radio, Theater? Internet? Für wen könnte ich mein Wissen und meine Erfahrung einsetzen?
Vielleicht für eine Enzyklopädie, ein Auktionshaus, eine Schule oder andere Besserungsanstalt? Wer wäre bereit mir dafür ein angemessen erkleckliches Salär zu überweisen, Monat für Monat? Schwierig, schwierig, popierig.
Zitat Ende.
Erst einmal mit Uronkel Heini fertig werden.
Das musste ja zu schaffen sein! Ich sprang auf und latschte hektisch durch die Bude. Ich kann dann besser denken, und spreche dabei mit mir. Wie pathetisch! Wie peripatetisch! Der olle Typ! Aber illoyal war der nie! No, Sir! Eher schon ein Phänotyp seiner selbst. Ein Muster an dem andere gemessen werden. Zweifelsohne ein Wanderer zwischen zwei Welten. Ein kühner Kerl. Handbücher wurden zu seinen Ehren verfasst, und schon hat sich eine glitzernde Panade des Ruhmes am Namen festgebacken. Nieder mit den verrückten Pennern! Oder so. Aber Prinzipien haben auch eine gute, konstruktive Seite. Sie zwingen zu Konsequenz. Ich hasste und bekämpfte meinen inneren Schweinehund mit brutalem Hass. Marihuanazigaretten. Bremer Bier. Bluesgitarren. Elektromagnetische Frequenzresonanzen. Flammeri am frühen Nachmittag.
Die unsympathische Yugo-Verrückte mit den kleinen Dreckstölen, die seit Monaten immer in derselben Kombination aus beige Jacke und schwarzen Jogginghosen das Haus verlässt, ja, die ist es, die mit den knallenden Fenstern und Türen. Bei allem Verständnis dafür, dass es Menschen gibt, denen die Sicherungen durchgeknallt sind, ist es dennoch unverantwortlich und rücksichtslos Verhaltensgestörte auf Normalsterbliche loszulassen, die in der täglichen Verhaltenspsychologie davon ausgehen, dass ihre Mitmenschen intentionale Systeme sind, die ihre durch den Zeitpfeil unabdingbar teleologisch ausgerichtete Existenz vernunftgemäß einrichten. Wie soll ich einer Verrückten erklären, dass ihr Verhalten bei den Nachbarn Irritationen auslöst? Mit Worten? Wurstsalat? Einem saftigen Handkantenschlag auf die Nase? Bliebe nur noch Verständnis, und seufzend begebe auch ich mich jedes Mal wieder unter dieses Joch der Nächstenliebe. Als Gesinnungschrist muss ich Selbstdisziplin üben.
Jetzt wumsten auch noch die Türen im Hinterhof. Die versoffenen Sozialhilfe-Penner von nebenan!
….Jumping Jack Flash, it’s a gas, gas, gas!
Ich wollte lieber Votze lecken. Mit V wie „Vagina“. Ich hatte noch nie Angst vor einem bissigen Exemplar. Die dentata, Deo gratias in Denver, war vorerst an mir vorübergegangen. Schlussendlich musste ich Büßer bald baden gehen. Dringende Düfte dräuten. Lässige Lesben leckten. Ächzend kehrte ich an den Ort meiner Marter zurück.

Wild, wild horses couldn’t drag me away…. .





Teil Zwei
PRAWN SIGAR



Ein Jahr später.
Bravourös war das mittelalterliche Abschneiden nicht gewesen, aber vermutlich fair. Ich hatte eine weitere Klippe umschifft, steuerte munter auf die nächst folgenden zu. Meine Bude stank nach Abdecker und kalten Bauern. Die Eisheiligen ließen sich nicht bitten, endlich abzuhauen. Ich konnte nur hoffen, dass meine Dosen an psychedelischer Musik auch der verhaltensgestörten Flüchtlingstante aus dem ehemaligen Jugoslawien ein wenig Linderung verschafften. Für mich war laute Musik an Tagen, wo es ziemlich schlimm war mit ihr der einzige Weg, inkohärente Schreie und periodisch wiederkehrendes, zwanghaftes Aufreißen und Zuschlagen der Fenster und Türen phonetisch zu überlagern. Andernfalls wäre mir nur der Weg der Selbstjustiz geblieben, und jeder weiß, ich bin seit meinem Eintritt ins Mannesalter kein Freund mehr von roher Gewalt. Eine meiner Lieblingsbands aus den Sechzigern sind The Tea-Tales. Die verursachen bei mir weitgehend gute Gedanken, selbst, als die Jungs zur Imagekorrektur nur noch gegen den Wind pissen konnten, um überhaupt anders wahrgenommen zu werden, also warum nicht bei einer psychisch Kranken? Immerhin war sie nicht bösartig, was bei einer potentiell missliebigen FRAU einen großen Schutz vor Verfolgung, Denunziation und heimtückischen Messerstichen ins Abdomen bot. Aber drifte nicht ab, Bruder Seemann, drifte nicht ab!
Fünfundneunzig Wegstunden müssen wir noch zurücklegen, ehe wir das Ziel des Tages fehlerfrei überqueren können! Das ist unsere Pflicht! Patronin der reuigen Dirnen und der blinden Kinder, gegen Halsschmerzen und Infektionen. Die katholische Kirche als Quelle der anthropomorphen Naturheilkunde? Zu drollig! Ich setzte die Gitarre an, spielte ein paar Akkorde, ließ es bleiben und stellte die alten Langlaufskier zurück in den Kadaverkasten. Aber aus einer anderen Quelle sprudelten Energien. Sie bahnten sich voller Wärme einen Weg durch neblige Novemberfahnen, ritten auf den Schultern von eisigen Tigern, teigigen Heiligen, feucht glänzenden weiblichen Geschlechtsöffnungen.
And it really doesn’t matter if I’m wrong or right.
Und wie war das mit den Dingen, die gestern noch so bedeutungslos schienen? Messerscharfe Analysen der Zukunft? Ein Arpeggio zu Ehren ehrlich angetretener Ruhestände? Fröhliche Abschiedsbriefe inmitten frühsommerlicher Ruhestörungen? Die Babyboomer werden alt. Das kennen die nicht, trotz Holzstäbe und alter Berge. Sex und Drogen nehmen in einem modernen Leben eben einen festen Teil ein. Drauf die Pauke! Wir verwirklichen eure Versäumnisse! Wir lassen andere dafür arbeiten! Mister H! Zwei Jahre später jagte der Prophet kalten Truthähnen nach.
Äggädy!
Äggädy!
Äggädy!
Der Gebieter hat gesprochen.
Ließ es rumpeln, entzog Schmieden und Stieren kurz die übliche wohlwollende Unterstützung. Da krachte es! Es flogen die Balken in Splittern umher! Unbeabsichtigt Ziel gerichtete Argumente verstiegen sich zu radikalen Amputationen! Wie gehabt! Im Krisenfall! Lauter AUSRUFEZEICHEN VERDERBEN DEN SCHREI!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Banzai.
Das können wir nicht schreiben.
Banzai.
Noch können wir nicht alle Kobolde austricksen.
Einige sind und werden vifer bleiben.
Was für ein Wunsch:
„Zehntausend Jahre sollst du leben!“
Ein empirisch tangibler Dank für den Eintritt in die wunschlose Ewigkeit.
Manche andere fügten sich bereits vor der biologischen Zeitenwende ins Joch und sahen daher auch vor ihrer Zeit danach aus. Der Kranich schlägt die Schwingen. Er wirbelt einiges auf. Süße Düfte und grimmige Jauchen. Flugs pingt der Schmied auf dem Amboss eine flotte Melodei, da gehen auch schon alle Bombenschäden vorbei! Hosianna in der Höh’! Rumpta-bumpta, die Angelsachsen rollen zur Feier vorsichtshalber Bierfässer und Ballen unvorteilhaft kleidsamer Uniformen auf die Bühne. Das wunderbare daran ist, diese Klamotten sind so unschick und daneben, wie es nur Engländer können, mit diesem anglo-römischen Witz, der Pathos nicht zulässt und Fetische in den ihnen angestammten Bereich der Perversionen verweist.
Guter Witz kann mit Selbstbesudelung einhergehen, bedingt sie allerdings nicht. Feldwebel Pfeffers Orchester der Vereinigung Einsamer Herzen. Deswegen erkannte sie auch keiner als Solche. Die Dramaturgie griff in die Vollen. Bedrohliche Gebirge türmten sich vor dem geistigen Auge auf, ehe sie durch das Läuten eines Weckers verscheucht wurden. Aber der Schutz ist nur vorübergehend, das Drama greift um sich, spitzt sich zu einer lokalen Götterdämmerung zu, ehe die Gemeinschaft der Übrigen zur Tagesordnung übergehen darf. Das Zuschlagen von Türen, ein Zeichen der Rebellion. Und einer hartnäckigen Verkühlung. Fleisch lebe wohl! Für vierzig Tage! Andere Leute sahen so was ein ganzes Leben lang nicht. Das war sozusagen außerirdisch. Das Leib-Seele-Problem! Wiener Würstchen? Karotten im Arschloch? Alles kein Problem! Der schärfste Senf, der teuerste Essig der Welt. Fett täuscht. Gärung fault. Gangrän tut weh, OK? Selbst Gebirge zerbröseln unter dem nagenden Zahn der Zeit. Warum nicht auch Liebe oder Anstand? Andererseits, wenn das Wetter besser wäre, fiele meine Beurteilung der momentanen Gesamtsituation vermutlich ein wenig milder aus.
Ein völlig verregneter, kalter Mai. Schicke Schnupftücher, kalte Füße und heißer Kamillentee, trübe Stimmung, rauer Hals und endemische Auswanderungswünsche allenthalben, das ist meine Stadt im Wonnemonat 2005. Inselkoller? Ja, bitte! Ab auf die Insel! Kollernde Auerhähne kullern Abhänge kühn abwärts. Eine kleine Darmspülung verschafft ebenfalls Erleichterung. Aber ob das Heil siegen wird, bleibt mehr als unklar. Egal. Hauptsache, immer feste druff! Gluck, gluck! Und noch mal GLUCK! Dagobert Duck und Dussel und Donald und Gustav Gans und Daisy und Oma, oh Dannyboy, this is a show-down, und die ganze restliche Pappnasen-Bande aus Entenhausen, Qui, Quo, Qua, Tick, Trick und Track, und so weiter, eine gelbschnäblige Querulantentruppe die nur unsinnige Abenteuer erlebt mit an den Haaren herbeigezogenen Gags, zumindest seit Ende der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts. Schwachsinn de luxe.
Mehr war von mir nicht zu erwarten, an so einem Tagebuchtag, an dem sporadische Lichtfünkchen auftreten, jeder kleine Splitter eine Erinnerung, ein Partikel mehr, das mich mit mir selbst verband, nichts vergessen, alles archiviert, auf Abruf bereit. Aber im Großen und Ganzen stimmt die Stimmung mit der Grundmelodie meines Lebens überein, gewisse Anlagen und Vorlieben lassen sich wie ein roter Faden zurückverfolgen. Dreihundertsiebzig Worte mit einer halben Flasche Bier. Geht sich das aus? Es muss. Eine ewige, eine eilige und eine heilige Stadt. Drei Stationen, dazwischen purzeln den Blick verstellende Ersthände vor die Linse, drängen sich plusternd auf, tun so, als wären sie die einzigen oder wichtigsten, dabei markieren sie nur die bislang am häufigsten genützten Schneisen in den dunkeln Wald. Rauschstrafe. Knisterpelle. Platzkapseln.
Lässig schnippen würzig duftende Piniennadeln und Pignole quer durch einen weichen, warmen, Sommernachmittag, ehe es zur Siesta ging, eine unwillkommene Unterbrechung meiner Spiele, aber immerhin fühlten sich die kühlen Laken im verschatteten Schlafzimmer hypnotisch an, sie erzeugten in mir den fast Speichel treibenden Wunsch nach Schlummer, eine nicht lüsterne Lust nach dem zärtlichen Reiben der Wangen am flaumigen Polster. Die Zikaden zirpten ohne Unterlass. Sehr selten nur braute sich ein Unwetter schon um jene Tages- oder gar Jahreszeit zusammen, das blieb den Tagen vorbehalten, an denen wir am Abend bereits die ersten, dünnen Strickjäckchen oder gehäkelten Pullover angezogen bekamen, meine kleinen Vettern, Basen und ich.
Am Ende eines jeden Meeressommers musste ich voller Schmerz das Land der mütterlichen Ahnen verlassen und in meine ungeliebte transalpine Diaspora zurückkehren, in der sich alles gegen mich zu wenden schien, sobald wir, meist im Auto, oder im Zug die Grenze zum nördlichen Nachbarland passierten. Meine Mutter hatte mir zwar Jahre zuvor erklärt, warum es notwendig war, die geliebte Heimat zu verlassen und meinem Vater zu folgen, aber ich hatte es nicht verstanden. Und doch bildete auch dieser Eingriff mit allen seinen Nebeneffekten den schier uneinschätzbarsten Hintergrund meiner geistigen Entwicklung, ich bin im Rückblick sogar davon überzeugt, diese Übersiedlung war der springende Punkt. Wären wir im Süden geblieben, ich wäre das Wonne strahlende Kind geblieben, dessen Ernüchterung schleichend, also unbemerkt vonstatten gegangen wäre, und auf diese Weise der Kindheit samt ihrer Unschuld für immer verlustig geworden. So aber kam die Ernüchterung schlagartig, aus dem erstgeborenen Prinz wurde der Prügelknabe, das unwillkommene Mitbringsel aus erster Ehe. Alleluja. Und Good-bye. Struktur, Struktur, Struktur.
Das Außergewöhnliche war die Gestaltung, amorph nennbar, im Vergleich zu dem, was ich später kennen lernte, wunderbar in der Freiheit, die es meiner Phantasie gönnte, frei von Furcht und Zweifel. Die Unfähigkeit zu verstehen, was passiert war, paarte sich mit der Weigerung, diese grobe Wendung zum Schlechteren hin einfach so hinzunehmen. Je mehr Druck und Willkür ich zu spüren bekam, umso schneller lernte ich, mich zu wehren. Menschen in Bedrängnis entwickeln eine große Phantasie. Die Strategie besteht darin, dem Gegner immer eine Nasenlänge voraus oder zumindest gewappnet zu sein gegen das unvorsehbare Diktum schlechter stiefväterlicher Laune. Die war nämlich ärger als der Ekel vor Spinnen oder die Angst vor den Monstern im Kohlenkeller. Heute ist damit vorbei. Und so weiter. Auch das gehörte dazu, zum Erinnerungspotpourri mit Poularde und Pottasche. Wenigstens gab es damals keine Kochbücher für Die neue Armut.
Hinter jedem freundlichen Riss im Himmel, der blausonnig klaffte dräute schon ein dunkler, buckliger Wolkenhorst. Beim besten Willen konnte ich mich nicht daran erinnern, dass es im Jahr davor auch so gewesen wäre. Es hätte auch keinen Unterschied gemacht. Heuer standen ohnehin mit Aristoteles und Derrida schwere Zeitfresser auf dem Programm. Ein typischer Fall von Selbstüberwindung. Derrida. So ein Dekonstruktivist! Böser Junge! Hat der Welt Flöhe ins Ohr gesetzt, die sie nimmer loskriegt. Ich ging in die Küche und schälte zwei dicke Karotten. Ich liebe sie. Vitamine und Naschen. Der alte Tuberer klebte also auch noch immer an seiner erstickenden Existenz, dabei hatte ich ihn schon im vergangenen Herbst abgeschrieben. Die arme Schwalbe die ich bereits vor Tagen das erste Mal gehört hatte war wohl wieder weggeflogen. Richtung Sonne und Blumen und leckere Samenkörner. Weiße Mythologie eben. Aber ich muss zugeben, dass dieser Ausdruck nicht von mir stammt. Ist nur geborgt. Ich bin ja kein oller Schwindler.
Anders der gute, alte Nikomachos, der knallt einfach seinen Namen auf die nachgelassenen Werke vom Herrn Papa und zack! Kommt damit groß raus. Und einer meiner Professoren, der sich aus dem Fundus eines berühmten Berufsrevoluzzers bediente. Oder der amerikanische Schriftsteller, der sich die Erfolgsromane von der Ehefrau schreiben ließ die er zum Dank dafür regelmäßig verprügelte. Und der dumme Habakuk, der fremde Pfauenclown. Schwatzgräber in gefüllten Westen. Landpomeranzen mit großem Ehrgeiz und kleinem Talent. Strichjungen aus Faulheit. Mittelmäßigkeit in schicken Klamotten und modischen Posen. Wetterfeste Arschlöcher, die für den Durchbruch alles geben, rücksichtslose Karrieristen mit dümmlichen Visagen. Es ist eine ganze Menge, was der heutige Philosoph besoffen wie nüchtern ertragen können muss. Das trifft vor allem Leute wie mich, die nicht im Geringsten auch nur in die Nähe des Begriffs geraten. Trotzdem machen wir uns alle vor, auf der Welt unersetzlich zu sein. Aber einfach nur spitzfindig Dagegenreden ist nicht genug. Unreife offenbart sich selbst ebenso wie Hast und Prahlerei. Dabei Angst vor Blamage. Ich gehöre dazu. Nur ganz wenige Kommilitonen sind souverän. Ja, wie machen die des denn? Ehre, wem Ehre gebührt. Denn damit verhält es sich anders, als mit Telefonanschlüssen. Nussig schmeckender naturbelassener Langkorn-Spitzenreis, mit dem blumigen Bouquet echter Alpenbutter plus Safran und geriebener Parmesan, ein Gedicht von einem Gericht am Deich gequalmt. Kater Krater hinterlassende Spelzenbeuge Rolle rückwärts! Läuse in Haupt- und Nebenhaar! Es stank nach ungewaschenen Körpern und Abfall und Armut. Zehn Zoll lange Penisse stecken in klaffenden Körperlöchern. Magnesiumbrausepulver ist gut für Nerven, Herz und Muskeln. Runter damit! Eine unbändige Lust sich mit abstrakten Inhalten zu beschäftigen löst das bei mir dennoch nicht aus. Ablenkungsprogramm. Müdigkeit überkam mich. Gähnende Langeweile und Leistungsverweigerung. Bis ins kleinste Fitzelchen meiner Abgründe hinab zwang mich die Fluchtanalyse zu dringen, schonungslos Fackeln in die von Salpeterwasser triefenden Höhlen zu halten, um herauszufinden, was schief lief. Aber außer Müll und Gerümpel fand ich nichts außer dem hastig verwischten Spuren vergangener Exzesse. Ich würde auch weiter darauf warten, dass die Erleuchtung von oben auf mich herab käme wie Manna. Müssen. Mögen. Mösen.
Von der aristotelischen Gerechtigkeit nichts zu sehen. Von Dekonstruktion à la Derrida dito nichts zu sehen. Item fühlte ich mich von allen guten Geistern verlassen. Räudiger Katarr-Geschmack nistete zwischen meinen Zähnen. Ich war krank, krank, so krank, oh, oh, ohh ja. SOO krank. Was für ein geiles Wort, krank. Klingt nach Krake und dem Geräusch zersplitternder Schienbeinknochen, nach Eiter, Karbol und tief verschleimten Schleimhäuten, nach käsigen Nekrosen, ungesunden Sexualpraktiken und unmöglich verkrümmten Gelenken. Allein, das würde mich nicht davor schützen können, endlich dieses verdammte Metapherntheorie-Referat auf die Reihe zu kriegen.
Insgeheim näherte ich mich ja diesem Thema, kreiste es vorsichtig tastend ein, umrundete es mit den Fingerspitzen wie einen unreifen aber dennoch schmerzenden Pickel an Hals oder Stirne, war bereit, die Festung zu stürmen, wenn auch erst im letzten Moment. Unzufriedenheit ist ein Pamphlet wider die Harmonie. Sie legt sich gerne mit Neid und Faulheit und Disziplinlosigkeit ins Bett. Sie ist der schlimmste Feind des Menschen und manchmal der einzige Weg aus misslichen Situationen, aber nur, wenn es gelingt, sie aufzuzäumen und den Karren vorwärts ziehen zu lassen wie eine Naturkraft. Aber sie ist auch ein schlechter Berater in der Not aus Gründen der anvisierten schnellen Unlustvermeidung durch Flucht. Waren das noch Zeiten, als Frauen in Samthosen verrückt durch die Luft flogen und so was Tanztheater nannten! Abgesehen davon fand ich die lautstarke Schreibweise von Monsieur Derrida schlichtweg übertrieben. Ich hatte üble Blähungen, die schmerzten. Es lag wieder einmal an mir, aus einem schier unüberblickbaren Wust von Informationen die paar Goldkörnchen herauszusieben, ohne deren Hilfe ein Verständnis unmöglich war.

Ich hasse alle Autoren, die sich nicht unumständlich auszudrücken vermögen. Ja, gewiss, viele Fachausdrücke bilden ein Jargon, aber kompliziert zu schreiben ist kein Zeichen wahrer Geistesgröße. Das kann jeder eitle Depp. Wenn dich niemand versteht kannst du dich zwar als brillant durchmogeln, aber nur solange es niemanden gibt, der das überprüfen kann. Das will ich Frère Jacques nicht unterstellen, aber ein wenig Rücksichtnahme auf den implizierten Leser muss auch der durchgeistigtste Intellektuelle aufbringen können. Sonst ist er ein eitler Stutzer. Und verglichen damit war große Aristoteles, der unbesiegte Welt-Meister des syllogistischen Voranschreitens, obwohl kognitiv nicht weniger fordernd, ein wahres Labsal: Klar, konzis, kompetent. Aber auch das war egal, es würde niemand mir zuliebe die Uhr zurückdrehen und dem in Algerien geborenen Philosophen bei der Niederschrift der „Randgänge“ in den Arm fallen und ihm sagen: „Halt! Du schreibst zu kompliziert! Lerne, dich verständlicher auszudrücken!“
Schließlich ist die Uni eine freiwillige Veranstaltung, gefordert zu werden gehört dazu. Und ein bisschen Förderung. Aber das war eine ganz andere Geschichte. Erschöpft vom Abwehrkampf gegen die Weiße Mythologie resignierte ich, holte die Unterlagen hervor, spitzte Stifte, legte bunte Filzschreiber bereit, furzte, ging noch mal aufs Klo und begann endlich mit meiner Arbeit. So schlimm war es gar nicht. Es gab Dümmere, die das auch schafften. Alles was ich alter Faulpelz brauchte, war ein wenig clevere Motivation.

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