DEN LETZTEN BEISSEN DIE HUNDE
Innerer Monolog. Für Arthur Schnitzler
Wie lange wird das denn noch dauern? Ich muss auf die Uhr schauen…mein Gott, was bin ich auf den Hund gekommen. Das habe ich mich auch ganz anders vorgestellt, das mit dem „Aussteigen“. Das Paradies unter Palmen, haben sie mir gesagt, Luxus am Sandstrand, haben sie mir gesagt, leicht verdientes Geld, haben sie mir gesagt. Und, was ist gewesen? Nix davon wahr! Der Strand ist voller Sandflöhe, die einen bei lebendigem Leib auffressen. Und das Postkarten-Wasser? Gibt es sicher. Aber am Privat-Beach. Abgeriegelt. Drei Meter Zaun und jede Menge Elektrizität. Bei mir ist es eine braune Suppe. So schaut’s aus, meine Herren, und das ist ein dicker Hund! Ohne Geld bist du hier einen Dreck wert. Ja, daheim auch nicht, aber daheim klatschen sie dir die Verachtung nicht so ins Gesicht, wenn du pleite bist. Und Sozialamt gibt es hier auch keins, da kannst verhungern, unter Palmen. Hätt‘ ich mir das nur gründlich überlegt! Der Bankraub ist ja noch gut gegangen, das stimmt. Der depperte Schalterheini! Blöd hat er geschaut, wie ich ihm die Knarre unter die Nase gehalten hab‘! Aber was machen Sie denn da, Herr Kubitschek? Am End‘ ein Überfall? Machen Sie sich doch nicht unglücklich, hat er gesagt, der feine Herr Bankbeamte. Hab‘ ich ihn halt ein bisserl unters Naserl g’haut, mit dem Lauf. Des bisserl Nasenbluten, ich bitt‘ dich! Da haben die Hunde gebellt, was sie wollten, und die Karawane ist trotzdem weitergezogen! Scheiß-Banker! Von denen nimmt ja ohne Not kein Hund ein Stückerl Brot! Ja, hätt‘ ich vielleicht mit einer Strumpfmaske auftauchen sollen? Oder in eine andre Bank gehen? Blödsinn! Das hätt‘ ich mich ja nicht so gut aus’kannt! Außerdem war mir eh klar, nach einem Bankraub, Gustl, kannst dich schleichen, aus Österreich. Eh klar! Ha, ha! Das soll mir erst einer nachmachen! Gleich nach dem Überfall untergetaucht! Junge Hunde hat’s geregnet, wie ich die Marie im Wienerwald vergraben hab‘! Mir war das alles Wurscht! Dann ein halbes Jahr lang Sandler g’spielt! G’schwitzt hab‘ ich, g’stunken hab‘ ich, bettelt hab‘ ich, alles Leinwand! Keiner hat mich erkannt, unter meiner Pelzgoschen! Und unsere Kieberer musst‘ ja schon wie den Hund zum Jagen tragen, da passiert sonst nix! Na ja, dann hat keiner mehr sich geschert, um mich und meine Beute. War ja auch nicht allzu viel, leider. Dreihunderttausend Mücken. Dabei habe ich gehofft, ich mach‘ mein Milliönchen. Da scheißt der Hund ins Feuerzeug! War eh froh, wie ich weggekommen bin, zuerst nach Kroatien, dann übers Meer, Italien, weiter mit der Fähre nach Barcelona. Die Spanier! Lässige Leut‘! Feiern tun’s gern, lachen auch, nur mit dem Arbeiten, da sind’s ein bisserl zurückhaltend. Recht haben’s! Mit dem kargen Mindestlohn kannst ja wirklich keinen Hund hinterm Ofen hervorlocken. Und die Frauen! Jessasmarandjosef! Ich hätt‘ in Spanien bleiben sollen! Da hätt‘ ich wirklich eine Zeitlang leben können wie Rothschild sein Hund! Aber nein, da hab‘ ich zu viel Muffensausen g’habt, daß mich am End‘ noch wer erkennt. Aber nein, Südamerika hat’s sein müssen! Mir ist ja schon in Portugal alles vergangen. Schirche Menschen, schirche Sprache, schirches Essen, Umständ‘, daß es einen Hund erbarmen muss. Und die armen Viecher, die ich gesehen habe, waren dürr wie Bohnenstangen. Und scheu! Wie scheu! Schad‘, daß hier nicht so scheu sind, die Leut‘, vor allem die Einbrecher. Scheiß‘ der Hund drauf! Bin ich halt reingefallen, auf den Peitscherlbuben! Beweisen kann ich’s ihm halt nicht, aber auch das tät‘ nix nützen. Die wirklich gemeinen Menschen tun ja am allerfreundlichsten, das hast du ja immer wieder gelesen. Na, da schau her, wie viel das Lesen mit dem wirklichen Leben zu tun hat! War mir sympathisch, der Kerl. Hat ja auch Deutsch gesprochen, na, was heißt, er ist ja ein Deutscher. So ein richtiger Piefke, der feine Herr Saupreuss! Da liegt der Knüppel beim Hund! Hab ich mich halt überreden lassen, zum Saufen Koksen Kiffen Huren Zocken und von vorn. Vier Tage lang! Irgendwann ist mir rausgerutscht, was mit mir…aber, das weiß ich nicht mehr so genau…ist eher verschwommen, die Erinnerung. Na ja, war schon blöd, wie ich heimkomm‘, in meinem Zustand, völlig zerfasert, geistig, körperlich, seelisch. Auf dem Hund sein! So ein Witz. War alles weg! Das ganze Geld weg. Kaum was ausgeben, hab ich g’habt! So drauf aufpassen, wollt‘ ich! Sparen, sparen, sparen! Es ist zum Junge-Hunde-kriegen! Ein Cocktail-Hütterl am Strand, das war mein Traum. Selber dein bester Kunde, aber eh Wurscht, Saufen als Fassade…von dem ganzen Geld, ich darf ja gar nicht dran denken, wie lang hätt‘ ich hier leben können, am richtigen Strand, nicht wahr. Wie einen Hund haben’s mich behandelt, wie ich dem Hotelbesitzer gesagt habe, hören Sie, es tut mir leid, mich haben’s ausgeraubt, ich hab‘ kein Geld mehr. Das Gepäck haben’s mir g’stessen, die Schuh‘, Handy, Sonnenbrille, alles weg. Dann haben sie mich hinausgetreten, bei der Tür, die G’frisser! So, als hätten die alle nur auf so einen weißen Trottel wie mich gewartet, damit sie sich können abreagieren! Das ganze Leben daheim vor die Hunde geworfen, und wofür? Zwei Wochen hab‘ ich am Strand zugebracht, am schirchen End‘ von der Insel. Von Kokosnüssen hab‘ ich g’lebt, und geschnorrten Sandwiches, und gefladerten Bieren, das ist nicht sehr romantisch. Wenn ich nur vorher aufgepasst hätte! Wenn, wenn, wenn! Wenn der Hund nicht g‘schissen hätt‘, hätte er den Hasen kriegt, lieber Freund. Mir war dann schon klar, der Saupreuss ist mit allen Hunden gehetzt, wie er auftaucht, am Strand, kurz, bevor ich komplett vor die Hund‘ geh‘, und lädt mich auf ein Essen ein, nicht wahr, wegen der guten alten Zeiten. Abknallen hätt‘ ich ihn können, wie einen tollwütigen Hund! Aber am End‘ hab‘ ich zugestimmt. Im Feriendorf soll ich arbeiten, und als Animateur dem Saupreussen die Kunden vermitteln oder gleich selber bedienen und solche Sachen halt. Heut‘ krieg‘ ich ja die erste Ladung. Na, wohl ist mir nicht, bei der G’schicht‘! Bin ja hier mittlerweile bekannt wie ein bunter Hund. Der Trottel, dem’s das Geld gestohlen haben. Kein gutes Image, aber deshalb genial, als Tarnung. Wer erwartet von einem Trottel wie mir schon kriminelle Intelligenz? Na ja, den Job im Hotel hab‘ ich ja auch schon. Kommt man über den Hund, kommt man auch über den Schwanz. Vielleicht kann ich mir ja was wegsparen. Sicherlich! Ich gebe nicht so schnell auf. Wann kommt er denn jetzt endlich, der Saupreuss? Ist schon spät in der Nacht! Ohne Vollmond würde ich ja die Hand nicht vor Augen sehen können. Wer sich da aller anschleichen könnt, ich will’s mir gar nicht vorstellen! Direkt fürchten könnt‘ ich mich!
„Warten Sie auf jemand bestimmtes?“
Jessasna, der Saupreuss! Was tust mich denn so erschrecken! Müd‘ wie ein Hund bin ich, und du schleichst dich an mich heran wie weiland Winnetou! Schlimmer als die Polizei bist! Sauerei, über einand‘!
„Na, na, na! Jetzt mal halblang, Kumpel. Keine schlafenden Hunde wecken!“
Und, hast du das Zeug dabei?
„Nee, lass man. Kleine Programmänderung. Viel gemütlicher für dich, Kumpel! Und ihr Ösis liebt ja die Gemütlichkeit über alles, nicht?“
Was hat jetzt die Gemütlichkeit damit zu tun?
„Ganz einfach: Dein Kunde sitzt mit Bodyguard bei dir im Hotel. Zimmer 1234.“
Ah, die Suite!
„Genau. Da holste dir die Ware. Den Rest machste wie besprochen.“
Und weg ist er. Ein kummer Hund, der Saupreuss! Aber ich kann nix dagegen unternehmen. Muss ich die Krot‘ halt schlucken. Na ja, wenigstens ein schöner Spaziergang im Mondlicht. Und diese Sternbilder! Direkt exotisch! Und so friedlich! Jetzt kann mir eh nix passieren, ich habe nichts eingesteckt. Wie das Wasser schön rauscht! So warm, und weich! Da könnt‘ ich mir ja direkt die engen Schuh‘ ausziehen, und ein bisserl am Strand entlang marschieren. Nasse Füß‘ kriegen…Genießen…Aufpassen muss ich halt, wo ich draufsteig‘, auf die Stachel-Viecher und die ganzen Scherben. Na, am End‘ lass‘ ich die Schuh‘ lieber an. Ist ja nicht mehr weit. Einen Scherben im Fuß brauch‘ ich wie einen Kropf. Das Krankenhaus? Ich sag‘ dir! Das ist irgendwo dort, wo die Hund‘ mit dem Schwanz bellen. Und die Apparate dort? Vorsintflutlich! Ich sag’s ja immer: Was hat dich da nur für ein Teufel geritten, ausgerechnet hierher zu kommen. Saupreuss, dreckiger! Kalt wie eine Hundeschnauze! So, jetzt sind wir fast da. Sperrzaun, Türlsteher, Herrgott, tut’s doch weiter, Bagage!
Ein bisserl aufgeregt bin ich schon, nicht wahr. Puhh, wenn da nix schiefgeht. Hat eh blöd g’schaut, der blade Herr Nachtportier, wie ich da frech durchmarschier‘, durch seine feine Lobby! Nix mehr mit Personaleingang! Wurscht! Hauptsach‘, drin! Aufzug, Penthouse. Net schlecht. Penthouse. Das hab‘ ich bisher nur aus der Trafik gekannt. Neunte, zehnte, elfte Etage…wie der zischt, mein Lieber. So. Oben. Wo ist…ja, hier ist der Aufgang. Wie war die depperte Parole? Ah ja. Klingeln nicht vergessen.
„Ich bin gestern im Theater gewesen.“
„Und ich geh‘ morgen ins Kino.“
So, das hat geklappt. Reinkommen soll ich. Aha. Da sitzt der Bodyguard vom Chef. So hab‘ ich mir das vorgestellt. Ein riesiger Glatzkopf mit Muskeln und kein Hirn drin. Wurscht, geht mich nix an. Jaja, lassen Sie uns nur zur Sache kommen, werter Herr. Soso, das ist also ein Kilo Kokain. Sehr interessant, wie das ausschaut. Wie weicher Kandiszucker. Und stinken tut das! Grauslich! Ja, ich nehm‘ das jetzt an mich, und der Rest wie besprochen. Gut, ich geh‘ schon. Nix wie heim. Wundert mich ein bisserl, wie gut das gelaufen ist. Na, warum soll ich nicht auch einmal Glück haben. Ich weiß ja eh schon, wo ich das Packerl verstecken werde. Das geht dann rumpel di pumpel, furt ist der Kumpel, depperter Saupreuss! Wo die uns Animateure einquartiert haben, diese Hund‘! Gleich neben der Kläranlag‘! Na, dafür stinkt’s halt nicht nach dem andren Glumpert. Ob ich das probieren soll? Weil wenn du die Ware nicht kennst, die du vertschepperst, können dir die Kunden am End‘ deppert daherkommen. Qualitätskontrolle, dann weißt du, wo der Hund begraben liegt. So, drin sind wir. Hmmhmhmm, muahahaha. Geht ja. Schnell weg mit dem ganzen Werkel…ja, wer klingelt denn jetzt? Ein depperter Kolleg‘ am End‘? Nein, die traun‘ sich nicht. Ein depperter Tourist sicher! So eine Frechheit, ja wissen die nicht, daß unsereins seinen Schlaf braucht? Na, dem wird‘ ich was erzählen! Die Tür aufgerissen… JA BITTE??? Was ist denn das für ein grauslicher Typ. Lederjacke, Schnurrbart, Vokuhila. Sicher ein Österreicher! Was hält der mir für eine Plakette hin? Mit einem Adler drauf? Ist das ein Nazi? Bei mir??? Was steht da?...I..M…I ..N. AL .PO… Was sagt er?
„Habe d’Ehre, Herr Kubitschek! Den Letzten beißen die Hund‘!“
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