NEOLITHIKUM
Ein Schallbild
Plastron
Wunderbare Ruhe liegt über dem See. Der Wind lauscht in den Bäumen. Ab und zu springt ein Fisch, lässt ein Raubvogel seinen Ruf vernehmen. Zeit spielt keine Rolle. Soweit das Auge reicht keine Spur menschlicher Zivilisation. Primordiale Entspannung, dem Zustand völliger Unschuld nahe. Also: Derrida lesen oder lieber knallharte Action für kernige Typen kucken?
Das Zeichen wird durchs Abbild verstanden.
Ein Abbild ist dadurch charakterisiert, dass es von dem Abgebildeten verschieden ist, von ihm abhängig ist und mit ihm übereinstimmt.
Dieses Abbild aber ist im Gehirn auf den Kopf gestellt worden, damit es der Wirklichkeit entspricht.
Was wäre, wenn wir wirklich wüssten, was wirklich ist.
AION.
Das Ei der Schlange.
Die Zeit dehnte sich übern ihren Schlund hinaus.
Zuviel des Guten, dachte sie, und musste kotzen.
Vom Abbild zur Krätze.
She’s got the Jack!
Aber Gott würfelt nicht, er spielt Canasta.
Eigentlich müsste jemand den Metatron fragen, ob Er denn immer gewinnt. Es wäre ja verständlich, wenn die Karten sich aus reiner Liebe in korrekter Reihenfolge in Seine Hand hinein schmiegten. Aber ich bin sicher, Er ist auch ein Gentleman, der auf so ein Handicap verzichtet. Denn selbst die Punkte gehen ein in ihr ewiges Reich der Ruhe, wenn sie verbraucht sind: Wie AC/DC in Las Vegas, zum Beispiel.
Auf dem Hochweg in die Hölle…!
Da bleibt dir glatt der Schrei im Halse stecken. Wurks. So zwingt sich der Schrieber zu den Schrieben. Und der Schreiber zum Schreiben. Kleine flinke Affenfinger flitzen über die Klaviatur. Sie fegen wie damaszierte Klingen, sie pfeifen wie Orgeln im Winde, ach, was sage ich, die Entourage eines Rockstars ist ein Dreck, pardon, Scheissss-Dreck dagegen: „Woo-hoo-hoo, yeppee - yayoyyy! Ghost riders in the Sky“.
Horrido! Junge Künstler auf Herointabletten. Das ergibt in Wirklichkeit nicht mal ein negatives Feedback, im Rock-Verstärker, eher ein offizielles Feet-Kack, sich selber in aller Öffentlichkeit auf die Schuhe gemacht, und etwas davon bleibt einfach für immer an allen Beteiligten haften. Aber immerhin, das ist schon was, wenn’s zu mehr nicht reicht.
Da!
Der Startschuss!
„Well I woke up this morning and I got myself a beer!”
Der Mensch ist das einzige Lebewesen, dem die Aussicht auf den zukünftigen Hunger/Durst/Gerichtstermin schon jetzt Sorgen macht. Das Salz rieselte wie schwerer Staub von meiner trockenen Handfläche ins durch Zuhilfenahme von Mehlschwitze bereits bröcklig gewordene Kartoffelgulasch.
Ich rührte die Pampe um und schmeckte nach. Ja, das ging sich aus. Und träufelte gleich goldfarbenes Olivenöl aus erster Kaltpressung in den dampfenden Kessel, mischte es sorgfältig unter, was für eine schöne Farbe, Gold und Silber und Weiß und Violett, das waren als Kind meine liebsten Ölkreiden, wenn ich etwa die Prinzessin auf der Erbse malte, und am Allerliebsten hatte ich jene teuren und daher seltenen Stifte, die beim Auftragen aufs Papier mürbe nachgaben und eine zart abblätternde Pigmentspur hinterließen, die mich an die Flügel von Tagpfauenaugen erinnerte oder an jenes zarte Pulver, das frisch geschlüpfte Pinienkerne umhüllt. Die große Hitze der Sommernachmittage in Latium nahm ich als einen lästigen Mantel wahr, der sich auf mich legte, sobald ich aus dem dunkel gekühlten Haus trat, und den ich erst abwerfen konnte, wenn ich aus Brombeerhecken und von Spielen mit Bauernkindern und Hunden wieder nach Hause kam. Noch heute liebe ich den Gesang der Zikaden und fühle mich unangenehm berührt, wenn in germanischen Sommern dieser Laut konstant ausbleibt.
Schön aber auch die asozialen Trinker-Nachbarn, die sich aus Schrott, leeren Bierkisten, undefinierbaren Holztrümmern, dreckigen Plastikplanen, einem abgeschnittenen Ölfass und ähnlichem Gerümpel im Hinterhof eine gemütliche Sauf-Ecke zusammengezimmert haben. Dort hocken sie, fünf Mann hoch, und krakeelen besoffen rum. Da haben die Leute doch mal tatsächlich Bürgersinn bewiesen, nicht wahr, Eigeninitiative, so etwas wie gemeinschaftliches Engagement, schließlich will niemand seinen Nachbarn bloß am Stützeamt treffen oder in der halbschattigen Fuselabteilung bei Getränke Schmittke. Und was ist? Nu? Was hat der Mensch davon? Zustimmendes Nicken. Das! Allgemeines Staunen. Was? Na, das! Die trüben Blicke tasten sich entlang eines vorwurfsvoll nach oben gereckten Armes langsam bis über die krumme Zeigefingerspitze: Da! Der Schnösel aus dem vierten Stock oben, der immer nur olle Geigenmucke hört oder dieses kranke Drogenzeug, der glotzt schon wieder so giftig runter, während er die beschissenen Fenster putzt, der soll sich mal zu uns runter trauen, dem pusten wir schon was, was? Da hau’n sich die Kerle aufs Knie, grölen, harharhar, wenn der im Parterre wär’, ich tät ihm die Fenster gleich wieder voll pissen, ja, ja, da wird sich in die Seite geknufft, und besonders ordinär gellt das Gackern der weiblichen, alkoholbedingten Hirnkranken herauf, doch deren nähere Einlassungen sollen hier nicht wiedergegeben werden, es soll reichen, wenn bekannt wird, dass der Schnösel seine Fenster artig weiterputzen konnte, obwohl er sich gerade erst übergeben hatte und ein dicker, heißer Strahl zufälliger Weise mitten unter die Schar munterer Zecher spritzte.
Skandalrocker, was soll denn das für eine Berufsbezeichnung sein? Mein Gott, diese dünnen Kerlchen, die hätten in den 80ern in keiner anständigen Rockerkneipe auch nur fünf Minuten überlebt! Unglaublich! Und solche Bubi-Fratzen bedienen heute das Medieninteresse. Eigentlich nur fair, dieses Publikum und solche Stars, die verdienen und bedingen doch einander. Der etwas Gelassene sieht darin nur einen der vielen Kurzzeitzyklen, keines weiteren Blickes würdig, andere hingegen einen Grund, sich von der nächsten Brücke zu stürzen, aber aus unerwiderter Liebe, wohlgemerkt, nicht aus Wut. Inzwischen kann der Fensterputzer live beobachten, was in gewissen Kreisen mit Solidarität gemeint ist: Niemand der es noch nicht ist, will in Kontakt mit meinem Erbrochenen geraten, und das anfänglich harmlos-freundliche Geschubse mündet bald in einer handfesten Schlägerei. Gegen Ende prügeln die vier Männer dann gemeinsam auf die arme Frau ein, und der Fensterputzer sieht sich genötigt, schlichtend einzugreifen. Er greift zum extra bereitgestellten schwarzen Kunststoffeimer voller Eigenurin, den er in einer Woche emsigen Biertrinkens beiseite geschafft hat. Zielsicher schwallt die grüngelbe Brühe über die Streithähne, und der Mief erwischt sogar den Putzer, der sich nun veranlasst sieht, blitzartig die Fenster zu schließen und im Zimmer Parfum zu versprühen.
Jessas Maria! Dank der verdammten Sommerzeit blieb es jetzt eine Stunde länger hell! Peinlich für alle Beteiligten? Ja, natürlich, und durchaus so beabsichtigt! Außer dem atemberaubenden Miasma gemahnt im Hof unten vorläufig nichts mehr an die menschlichen Globalisierungsschäden, und an die Unumkehrbarkeit dieser Prozesse. Da hatte es der Fensterputzer vergleichsweise einfach: Er brauchte nur ein paar Eimer Wasser mit Zitronengeist aus dem Fenster zu schütten, um einen ersten Erfolg zu erzielen. Gegen das Sodbrennen würden die Kautabletten helfen.
Scuta
Stick to the Fours!
SttF!
Bleibt bei den Vierern!
Ja, ich wage es, das zu behaupten. Die Bären hupten. Warum sollte nicht Literatur nicht genauso gut konzeptionell angelegt werden können? Die Zinsen ernten die Dorfgassen. Unverzichtbar dabei, das Bleifüßchen nicht ganz außer Kontrolle geraten zu lassen. Sie strickten in der Stube. Sie waren so strikt, dass sie dabei stritten. Der Frühling kündigte sich mit der Einführung der Sommerzeit, einem Regenschauer und dem Duft von Kartoffelgulasch an. In den Nachbarswohnungen wurden umgehend Heimarbeiten begonnen, die vorzugsweise den morgendlichen Sonntags-Einsatz von Hammer und Bohrmaschine verlangten. Ich wollte mich auch nützlich machen und beschloss, neben den obligaten zwei Sonntags-Wäschen die Bohlen zu wienern. Der Junkie pirscht sich an die Dealer heran. Etwas flattert im Gebüsch. Jene Parkwege, die nicht geteert sind, bilden nach dem harten Winter im ersten wirklichen Tauwetter eine derartige sandig-schaumig-morastige Straße des Elends, sodass ich mir gar nicht vorstellen will, was die Jungs an der Ostfront so an freudigen Erinnerungen sammeln durften. Schließlich erreiche ich den lange zuvor angepeilten Punkt in der Landschaft. Ein rasch angebahntes Geschäft geht ebenso rasch zu meiner völligen Zufriedenheit ab. Korrekterweise leistet mir der Dienstleister noch den unbezahlten Extradienst, und weist drauf hin, heute lieber den und den Ausgang zu nehmen, an den anderen wäre copmäßig die Hölle los. Dankend folge ich den Anweisungen, schlage aufgrund meiner hervorragenden Kenntnis des Geländes den richtigen Haken, rolle knapp an einer Streife vorbei, werde aufgrund meiner Tarnkleidung nicht erkannt und kann schließlich, an einer ganz bestimmten Kreuzung beobachten, wie tatsächlich eine gute Hundertschaft Polizisten in ihren grün-weißen Bullen-Schüsseln an den hinteren Parkeingang gekarrt werden. Ich erreichte mit lehmbespritzten Hosenbeinen den sicheren Hafen der Heimat. Dafür soll mich nun einer strafen!
Der Mindbender!
Der Soulrocker!
Der Arschficker!
Mit dünnen Rattenzähnen am harten Brot der Zukunft nagen. Ob es viel Provolone dazu geben wird, weiß leider keiner. Ein leise weinerlicher Ton kommt auf, noch als leicht süffisanter Humor maskiert, aber in Wirklichkeit ganz anders geartet, nicht wahr?
Ach ja, wunderbar, all diese jungen intellektuellen Menschen, die Bildungselite, die “I’m not a madam, I’m a concierge!“ von morgen. Damm-damm, da-damm, damm-damm.
VERRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRY STRAAAAAAAAAAAAAAANGGGE!!!
Wait and bait. Eine neue Taktik. Wahrlich genial erfolgreich. Die Kinder wurden mit Schokolade und süßem Likör gefügig gemacht. Und, hier bitte, das Ergebnis: Wie viele Kinder hat ein Belgier? Fünf! Zwei im Keller und drei auf DVD.
Ich, die Stimme des Volkes, habe das schon immer angeprangert.
Vielleicht wollen deswegen fast alle Kinder anfangs immer vernünftige oder auch gerne helfende bzw. potentiell beschützende Berufe ergreifen, wie Krankenschwester/Polizist, oder eben Action-Held. Aber auch die guten alten Klassiker wie Cowboy/Feuerwehrmann sind neben dem tollen, megageilen Paket Kapitän/Lokomotivführer/Raketenpilot (und neuerdings auch Zuhälter/Nutte/Porno/Popstar) doch alles coole Broterwerbe, bei denen sich Menschen freiwillig und sehr intensiv miteinander beschäftigen. Denn Koch, Kellner, Bäcker, Konditor, Wurstfachverkäufer, Grill-Walker und McDonalds-Verkäufer, das wollen nur die dicken, fressgeilen Sprösslinge der Bordellwirtin werden.
Verwirrt?
Weird.
Grobe Müdigkeit breitet sich aus.
Kommt das vom Fett fressen? Die Kinder sehen aus, als hätten sie rosa Schaumgummianzüge an. So was von obszön! Und obendrauf, auf dem Mumpsköpfchen, eine knallrote Schirmmütze, verziert mit dem Logo des überreichlichen, international agierenden Kalorien-Spenders.
Der steht derweil hinter einer Klotür, sieht sich heimlich die dicken Dackeldecken an und masturbiert dabei. Er ist spindeldürr, ungefähr einen Meter Neunzig groß, hat straff nach hinten gekämmtes Salz-Pfeffer-Haar, gelbe, ausgesprochen prononcierte Hasenzähne und blutunterlaufene Glubschaugen. Ein Speed- Junkie mit Basedow sähe nicht besser aus. Aber er freut sich. Denn längst hat er neben seinem Weichmacher-Imperium ein Netz sündteurer Spezialkliniken über den Globus gelegt, die an den Spätfolgen verdienen. Die perfekte Dealer-Strategie: Erst anfixen und dann ausbeuten. Als dritte Einnahmequelle dient das abgesaugte Fett, und leider, leider, die Inspiration dazu hatte der Weltanbieter aus einem Film, der genau seine eignen Geschäftspraktiken anprangert, woraus der Kalorien-Spender beim Ejakulieren schloss, sicher sein zu können, die richtige Seite gewählt zu haben.
Aber diese sexuellen Aberrationen waren nichts als kleine Fingerübungen, ehe es ans richtig wilde Scheffeln ging. In seinem Anteilsscheinbesitzerwert rechnete sich schließlich immer alles. Und wirklich gute Platten, die will sich der Konsument immer wieder reinziehen, nicht wahr? Der lange dünne Mann dachte noch, während er seine Wurst wieder einpackte: Was andres kommt bei mit gar nicht in die Tüte. Der Dünne hasste alle Kinder, die so verwöhnt wurden, und die in zarten Jahren derart fett waren, dass sie als Alterskunden bereits im Grundschulalter ausschieden. Viel lieber waren ihm die anderen, die erst später, als junge Erwachsene in die Falle gingen und die schließlich in einem perversen Impuls aus dem Überdruss eine Tugend machten. Der leichte Küchendunst, der ihn ständig umwehte, war zu seinem geschätzten Markenzeichen geworden. Und wenn er bei einer der üblichen, anonymen Betriebskontrollen irgendeinen seiner armen Hascher bei einer Unregelmäßigkeit (Regelmäßigkeit war für ihn das höchste aller geistigen Güter) erwischte, pflegte er bei der Entlassung zu sagen: „Sie haben wohl den Braten nicht gerochen!!“, und er lachte dabei auf eine trocken-süße Weise, die an vergifteten Staubzucker gemahnte. Aber all die Träume von Glorie, die er in seinem angsterfüllten Kinderzimmer gehegt hatte, sie waren in Erfüllung gegangen.
Anregungen suchte das aufgeweckte, aber stets wie ein verprügelter Köter wirkende Kind in der Literatur, und da es Zugang zu einer reich furnierten Bibliothek hatte, lernte es schnell. (Wer nun als Pädagoge dazu sein Wörtchen sagen möchte, der möge ein wenig warten, ehe er sein Bücherwissen zum Besten gibt.) Denn Zweifel scheinen angebracht, ob es tatsächlich nur die Lektüre der im Übrigen ganz ausgezeichneten Lambrecht-Übersetzung von Suetons Biographie des Gaius Caesar Augustus Germanicus, der Allgemeinheit besser bekannt als Caligula, oder etwas später die Begeisterung des Knaben über die klaren taktischen Anweisungen des „Fürsten“, die im unreifen Burschen eine Art Cäsarenwahn auslösten oder ob dieses Hirngespinst einer Abwehrreaktion gegen seinen irrational strafend agierenden Stiefvater entspross. Andererseits, wer kann schon die geistige Angemessenheit einer Lektüre feststellen? Pädagogen? Sozialarbeiter? Bewährungshelfer? Henker?
Denn es war ja nicht nur klassische Literatur dabei, der Knabe las kreuz und quer und gierig, ganze Schulbuchsammlungen fielen dem unzähmbaren Lesehunger zum OPFER. Immer wieder musste Mutter das karge Taschengeld konfiszieren, um Säumnisgebühren öffentlicher Bibliotheken zu befriedigen. Da pfiff ihm ein kalter Wind entgegen, bei der Informationsaufnahme, und niemand will behaupten, er habe vor Ort sofort alles verstanden, was er da gelesen habe, aber immerhin waren die Daten eingegeben worden. Und sie arbeiteten im Arbeitsspeicher gewiss weiter, unabhängig von seinem Einfluss vor sich hin. Am Ende aller humanistisch gemeinten Absichten, die außer viel Rigor nur wenig Calor verspüren hatten lassen, standen eine früh genarbte Seele und ein nacktes Bedürfnis nach Ausgleich dafür. Der dünne Mann am Klo, nickte, wischte sich mit dem nicht zu teuren, aber auch nicht zu billigen Papierhandtuch (wie es Konzernbrauch war) die Hände trocken, ließ hinunter und trat aus der Kabine.
Carapax
„I am he as you are he as you are me and we are all together…”
Wie aber, den Neuronenschauer in die Realität mit hinüber nehmen? Im Falle des Johann L. geschah das zumindest eine Zeit lang mit der Hilfe einer Heroinspritze. Andere greifen lieber zur Flasche oder in den Kühlschrank, da steht eine Schüssel mit lecker Ursuppe. Aber eines haben sie alle gemeinsam: Den Blues.
Zweihundertneunzehn Paragraphen weiter ist das Etappenziel erreicht:
„Well I just got into town about an hour ago, took a look around, see which way the wind blow…”
Ist sie nun eine glückliche kleine Lady oder nur ein weiterer, gefallener Engel? Der Rock-Star kann keine Antwort geben, denn wieder einmal sorgt der schmatzend saugende Schlick hinter
seiner Stirn für ein zwar angenehmes Gefühl der Entrücktheit, andererseits auch für komplette Orientierungslosigkeit. Also kann er nur eine einfache Lösung anbieten und schwenkt diese vor den großen, erstaunt blickenden Augen seiner Diotima. Alles andere wäre bloß prä-sokratische Sophisterei. Unter Grunzen und Ächzen stimmt dem auch Diotima zu.
Einhundertsiebzehn… . Ja, was? Kartoffeln? Takte? Hyazinthen? Wohin soll die Reise gehen? Hektische Betriebsamkeit allein wird nicht reichen. Eine Entscheidung ist überfällig! Da kann ich ja sonst die selbst zubereitete, geklärte Rindersuppe (aus Markknochen, Suppengrün, Rinderhesse, Gelbwurz, einer Chilischote, dem Saft einer halben Zitrone, eine rote Zwiebel samt Schale, drei Lorbeerblätter und eine ordentliche Prise Salz) vier Tage geklärt im Kühlschrank stehen lassen, bis das ehemals mitgekochte Gemüse im Sud jene Darm-Qualität entstehen lässt, die so herrlich abführend wirkt. Abgesehen davon stelle ich fest, dass sich auf meiner Oberlippe ein Fieberbläschen bildet. Das habe ich gar nicht gerne, und Klytämnestra kann das noch viel, viel weniger leiden.
„I was warned about you baby, but my feelings gote a little bit too strong”, davon sang später der arme Agamemnon sein düsteres Lied. Mein Tip wäre gewesen: trau Keiner unter Dreißig, die sind alle gestört. Eine Zumutung übrigens, dass die alten Mono-Aufnahmen trotz modernster HiFi-Stereoanlagen immer noch wie durch die Socke klingen. Anno 1039 ist unter anderem und Historikern nicht nur dafür bekannt, dass der Führer der Hudiden, genauer genommen Sulaiman ibn Muhammad, nach der Loslösung vom Kalifat von Córdoba, in Saragossa an die Macht kommt und es bis 1110 auch bleibt, ehe die Hudiden ihrerseits von den Almoraviden hinweggefegt werden. Auch der arme alte Abu Ali al-Hasan Ibn Al-Haitham, genannt Alhazen, geht im zarten Alter von vierundsiebzig Jahren in Kairo für immer in die Jagdgründe der Mathematiker ein, nachdem er die Welt der Wissenschaft um hoch gelehrte Traktate zur Lichtbrechung und Lichtreflexion bereichert, das Brechungsgesetz auch für die Lufthülle der Erde bestätigt, gewölbte Glasoberflächen untersucht und nebenher die induktiv-experimentelle Herangehensweise an Probleme entwickelt hat. Ja, Berühmtheiten geben sich hier die Klinke in die Hand, das kann wohl niemand abstreiten, das müssten besonders Sie neiderfüllt zugeben. Aber stattdessen stopfen Sie sich das Maul mit Drogen voll und ich kann’s hintennach wieder wegwischen, ja? Wie lange soll denn das noch so weitergehen? Bis Ihr Name endlich in der Zeitung steht? Die Nachbarn mit der Axt die Tür einschlagen?
„Land in Sicht!“
Dieser Ruf des Ausgucks hat vielen Kapitänen die nackte Haut gerettet. Na ja. Sagen wir halt. Ein berühmter, extrem harter Seemann bekam angesichts seiner Erlösung sogar einen Nervenzusammenbruch, er weinte und heulte wie ein Kind beim Gedanken an die Malereien in der Höhle, daheim im fernen Kantabrien, die er mit seinen kindlichen Spießgesellen übermalt und verschmiert hatte, ihrer ursprünglichen Würde aber nichts anhaben hatte können, er empfand tiefste Reue, auch der Tod seiner Mutter trieb ihm weitere Tränen in die Augen, aber dazu die Wut darüber, dass es immer erst die extremen Situationen sein müssen, damit er den Wert der wichtigen Dinge erkannte. Aus der Wut wurde Demut und aus dieser erwuchs Kraft und alsbald riss er das Kommando wieder an sich. Er ließ die VERRÄTER, die an seine Autorität Hand gelegt hatten, an den Rahnocken aufknüpfen.
„He loves life, he hates life…“
Nach einer vollen Umkreisung kehrt der Reisende an den Ausgangspunkt zurück.
Höchst erstaunt und unwillkürlich von niederschmetternder Langeweile ergriffen zuckt er zusammen. Das also, soll die Erkenntnis gewesen sein? Ich weigere mich, das zu akzeptieren! In diesem Augenblick fing es aber wieder von vorne von vorne an, schließlich schraubte sich doch eine Plattform fest, von der losgestartet werden konnte. Ofenschrubber wurden bei der Jobverteilung bevorzugt, was in der übrigen Bevölkerung zwar zu gewissen Irritationen führte, der Obrigkeit aber nach einigen wenigen, straff durchgeführten Einsätzen berittener Polizei kein Problem mehr bereitete. Küchenfenster wurden fürderhin wieder geschlossen gehalten, Kinder erhielten als Schuljause unauffällige Artikel in die Hand gedrückt, Butterbrot mit Salz und Kümmel etwa stand plötzlich wieder hoch im Kurs. Nun, die offiziellen Läden hatten ja nicht mehr zu bieten, und wer wollte sich schon freiwillig als Ess-Esser offenbaren! Niemand! Nicht einmal die Jungs der FF! Die neue Bescheidenheit, entblödete sich ein Boulevardblatt nicht als Gegen-Trend zur obgenannten Neuen Armut auszurufen, und Scharen junger Frauen mit Putzfrauenkittel über den Hosen (waren das eigentlich nur die Dicklichen, die das als Chance begriffen, ihre Ärsche zu cachieren, oder warum wollen die Mädels wirklich freiwillig aussehen wie die Klofrau am Hauptbahnhof?) betraten die Szene, leider fehlte ihren Waden der aufgemalte Nahtstreifen wahrer Warennot. Soviel Zeugs konnte sich niemand in die Bude stellen, um damit die gesamte Krise sicher zu überbrücken!
Nachdem ich die Dielen in der Küche und im Schlafzimmer fertig hatte, war außerdem auch die erste Ladung Wäsche zum Aufhängen bereit. Was für eine Freude! Vorsichtshalber betupfte ich das frisch gewaschene weiße Hemd mit Splittern der 70%-Bitterschokolade. So musste ich nach dem Trocknen nicht mehr drauf achten, ob es schmutzig würde. Der arme Lorbeer zum Beispiel! Früher, da wurden ihm Kränze geflochten, und heute? Als Küchengewürz für Suppen und Eintöpfe, zur Gewinnung von Rheuma-Öl und zur Veredlung von Essig dienst du! Was würden die Cäsaren sagen! In Fünfzigerschritten würde da vorgegangen, ratsch, fatsch, es rollen die Köpfe. Ich überlegte, ob Thymian gut zu einem Schweineschnitzel passen würde, mit Knoblauch und Öl. Sonst nicht viel dazu, einen kleinen Tomatensalat mit weißer Zwiebel.
Ja, definitiv, ich würde dem Thymian eine Chance geben.
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