Das Freak-Format
Ceteris paribus
Tagelang stand schon im Hof ein klappriges, kleines Einkaufswägelchen herum, in blauem Kunststoff gehalten, eins jener Teile, mit denen normalerweise alte Frauen oder junge Schwule ihre Vorräte vom Supermarkt nach Hause karren. Es war bis oben hin voll gepackt mit ranzigen Klamotten, löchrigen Plastiktüten, angeknackstem Leergut und anderem Kram, sogar eine Garbe vertrockneten Rosmarins lugte aus der linken Seitentasche hervor. Irgendeine vergessene Pennerin hatte ihn wohl dort verlassen, denn von einer Frau ging ich aus, wer weiß, womöglich hatte sie vor dem Bösen Watz weglaufen oder sogar wegwanken müssen, in finsteren Hinterhöfen ist alles möglich. Nun stand das Gefährt einsam und verlassen in der Nähe der Fahrrad-Abstellplätze. Noch hatte niemand das Wägelchen in den Müll entsorgt. Entweder aus christlicher Nächstenliebe oder Ekel oder Angst vor einer Ansteckung mit dem Virus Armut. Wenigstens stank das Ding nicht, es war ja Mitte November und schon bitter kalt, der Moder hatte, von der Witterung dazu gezwungen, widerwillig damit begonnen, seine zersetzende Aktivität zurückzufahren. Und obwohl ich mich seit Tagen jedes Mal erschreckte, wenn ich im Halbdunkel des früh hereingebrochenen Spätherbstabends meinen Drahtesel im Durchgang zwischen den Hinterhöfen mit meinem siebzig-Euro-Sicherheitsschloss an den hierzu im Fußboden eingelassenen Metallbügeln sturmfest vertäute und mich danach wieder aufrichtete, wobei mein Blick auf das Wägelchen fiel und dieses mir den Streich spielte, dort hocke jemand Finsteres in meuchelmörderischer Absicht, ein Inkubus vielleicht, ein Ghoul oder blutgieriger Wechselbalg, so vermittelte mir das sitzen gelassene Gefährt doch vor allem einen total trostlosen Zustand. Vielleicht bin ich aber auch bloß ein romantischer Schwachkopf, der Mitleid mit jemandem hat, dem es wirklich dreckig geht. Aber vielleicht machte ich mir das nur vor. Womöglich war ich nur eine leere Hülle, eine jener Oberflächen, die sich wunderbar dafür eignen, die Inhalte der Anderen lediglich zu reflektierten, ohne eigene Gestalt annehmen zu müssen. Der Griffel Gottes stichelte mich.
Es war aber ebenso möglich, dass einer der Bewohner unseres Hauses zu faul gewesen war, sein Klumpert wegzuschmeißen und, auf die helfende Hand der Hausbesorgerin hoffend, den ganzen Plunder einfach dort abgestellt hatte. Obwohl ich das nach einer Woche nicht mehr wirklich glaubte. Was war mit der Hausbesorgerin los? Ich zahlte ja deren Gehalt mit. Und eigentlich grenzte es an ein Wunder, dass ich in meiner eigenen Situation überhaupt Gedanken an so einen Schwachsinn verschwendete. Gut, ich musste mich zwar nicht prostituieren, nicht zur Fremdenlegion gehen, mich nicht gegen Bezahlung für medizinische Experimente hergeben, (wobei ich das schon einmal gemacht habe und mir einfiel, eine Geschichte zu schreiben, über einen unheilbar Schwerkranken, der sich für medizinische Tests freiwillig meldet und im weiteren Handlungsverlauf zum fast selbstlosen Retter der Menschheit wird) noch musste ich in polnischen Plattenbauten peinliche Piss-Pornos drehen, auch nicht aufs Stützeamt gehen, um über die Runden zu kommen, aber ich fühlte mich manchmal dennoch so unheimlich wehrlos wertlos, überflüssig, fast parasitär und daher todgeweiht.
Die Dinge schienen aus der Kontrolle zu geraten, aber ich mochte es. Ich hockte in meiner Bude, starrte die Wände an, bis die Blasen warfen, rauchte zuviel Gras, schüttete Bier in mich rein, sammelte zwanghaft Internetschweinereien, und versuchte, dabei nicht verrückt zu werden. Es war nicht leicht. Und wen könnte das schon interessieren? Niemand. Es ist ja auch nicht weiter wichtig. Was aber kein Wunder ist, lebe ich doch in einer Gesellschaft, in der die Werbung aus Millionen westlicher Frauen statussüchtige Huren-Monster gemacht hat, in der eine mickrige Packung chemieverseuchter Istant-Abfall-Kartoffelpüree mehr kostet als ein ganzes anderthalb Kilo-Netz voll echter, lebender Knollen, eine Gesellschaft in der abgedroschene Klatschgeschichten fünftklassiger Prominenter als spaltenfüllende Top-Meldungen gehandelt werden, Kinder nicht mehr gezeugt, sondern gefickt und freigiebige Milliardäre von der eigenen Verwandtschaft wegen der wohltätigen Geldverschwendung gekillt werden.
So betrachtet war meine zurückgezogene Haltung vielleicht gar nicht so verkehrt, inklusive der Kadenz aus Zweifel, Entkräftung und freiwilliger Selbstverbannung. Oder? Aber dennoch.
Ich hatte das Gefühl, ich…ich sollte…ich sollte wohl besser die Klappe halten. So geschliffen sind meine Worte nicht, als dass sie ein Recht besitzen würden, an der Pforte der Literatur Einlass zu begehren. Aber meine Klappe halten, genau das habe ich noch nie gekonnt. Denn die Geschichte der vom Mammon verführten Frauen führt weiter dazu, dass wir nicht wohlhabenden Männer fast dazu gezwungen sind, vor dem PC zu masturbieren, statt raus zu gehen und die Weiber zu erobern. Und was die zweite Chance des Mannes betraf, Frauen an Land zu ziehen, nämlich durch die eigene Persönlichkeit, so schien diese momentan bei meinen Angebeteten keinen tiefer gehenden Reiz auszulösen als den nach einer Freundschaft. Das konnte ich doch nicht einfach so hinnehmen, es mit dem traurigen Blöken eines doofen Schafes auf der Schlachtbank quittieren. Also mühte ich mich nach Kräften, dem ganzen verfickten Geschlechter-Kampf-Drecks-Materialismus wenigstens privat Widerstand zu leisten. Ich hörte Klavierkonzerte von Brahms, Dvorak, Tschaikowski und Beethoven, pflegte meine juckende, schrundige Haut, räumte meinen Kram von einer Ecke in die andere, wusch Wäsche, saugte Staub, putzte die Fenster, um die Tage pro forma ins Plus zu bringen, und versuchte ansonsten, einigermaßen gute Kurzgeschichten zusammenzuzimmern. Was mir nur selten gelang. Wenn überhaupt? Nun. Was ich nicht konnte, das wollte ich, und was ich nicht wollte, das sollte ich. Na ja. Mein ganz persönliches Problem lag darin, dass mir nichts Literarisches einfallen wollte, was weder an den Haaren herbeigezogen war, noch zu abgedroschen klang. Als Schreiber kannst du nur über eigene Erfahrungen wirklich schreiben. Aber andererseits empfand ich meine kümmerliche schreibende Tätigkeit als den einzigen Berechtigungsgrund für mein Dasein. Ich taumelte zwischen Skylla und Charybdis, auf einem schwankenden Schiff, ständig den süßen Sirenengesang im Ohr. Aber zum Glück hatte ich auch eine treue Mannschaft, eine untreue Muse und einen winzigen Leitstern, die alle gemeinsam es mich auf Messers Schneide aushalten ließen, sie hielten mich auf ihr wie das Eis den Schlittschuh führt.
Inwieweit meine innere Entwicklung auch für andere unterhaltsam sein konnte, blieb der springende Punkt. Und der Zweifel bleibt mir als ständiger Begleiter ohnehin erhalten. Aber ich darf mich nicht von missgünstigen Arschlöchern hemmen lassen, weder vom malignen Narzissmus noch von der Vermeidenden Persönlichkeitsstörung. Ich muss allen Neidern kräftig in den Arsch treten. Prösterchen! Auf den Vernichtungsschmerz! Auf weitere zweitausendfünfhundert Jahre Schrifttum!
„Aufs Imperium!“
Die arme schöne Chinesin! Dieses tragische Gesicht! Die müsste eigentlich auch weglaufen, denn ihr Böser Watz ist ein schwarzer Lude mit einem riesigen, dicken Schwanz, und er wedelt mit seinem erigierten Glied vor ihrem Gesicht hin und her, ziemlich provozierend, das Ganze. Die Chinesin weiß nicht, was tun. Soll sie sich ekeln? Fürchten? Soll sie der natürlichen Gier nachgeben? Denn eigentlich hat Rudy, der schwarze Typ, ja eine Frittenbude bei der Tanke, und er packt immer ordentlich Mayonnaise gratis auf die Pommes. Die arme schöne Chinesin, Jade mit Namen, sie ist in diese ganze Sache nur unwillentlich hineingerutscht, sie musste für ihre Mutti eine hohe Krankenhausrechnung bezahlen und war wegen der aufopfernden Pflege arbeitslos, pleite, die Anwälte schienen nicht zu scherzen, da gab ihr jemand den Hinweis auf die Filmstudios der Stadt Pulver Pity, und aus ihr selbst unerfindlichen Gründen war Jade über die notwendigen 30.000 Dollar hinaus in der Szene hängen geblieben. Video-Prostitution ist ja bekanntlich nicht Jedermanns Sache, besonders nicht für zart besaitete Asiatinnen, mit ihrer Ästhetik des Ebenmäßigen und ihrer Freunde an der Harmonie richtiger Proportionen, doch unvermutet fällt den eben noch so harten Luden ein brutaler Kopfschmerz an. Die Erektion klingt merklich ab. Die Seriosität der ganzen Branche steht nun auf dem Spiel! Das Ansehen, die Treue und der Fleiß eines ganzen Hurenstalls! Aber jetzt ergreift das asiatische Mädchen die Initiative, massiert mit vorsichtiger Hand den Hodensack ihres Meisters, küsst zärtlich seine Glans, sieht ihm in die Augen und beginnt mit freundlicher Gelassenheit ein virtuoses Stück traditioneller Fellatiokunst. Und während dessen führt sie dem Herrn ein Stück frischen Ingwer fast wie nebenbei rektal ein. Das freut ihn! Hei! Und wie ihn das freut! Hai! Hoi! Hui! Und das Leben kehrt feurig in seinen welken Leib zurück!
„Wissen Sie, ich mach das immer so“, sagte ich zur superniedlichen Wurstfachverkäuferin. Sie managte die Fleischtheke des Supermarkts, an der XYZ-Kreuzung, wo ich ein gutes Jahr lang regelmäßig einkaufen gegangen war. Sie war eine leckere blonde Vierzigjährige, noch gut beisammen, wie es so schön heißt, knackig, ging wohl ins Fitnesscenter, ein herb-anziehendes Lächeln, ihre Augen brannten hingegen, und sie färbte sich die Haare nicht all zu oft. Sie war mir ziemlich sympathisch.
„Das hat aber nichts mit IHNEN zu tun“, fügte ich hinzu.
Sie lachte sozial. Nach meinem Sommerurlaub hatte ich keine Lust mehr gehabt auf die muffigen Visagen einiger ihrer Kollegen, erklärte ich ihr weiter, und außerdem hätte ich die Macke, mein Geld möglichst breit unters Händler-Volk zu streuen, da kann ich nicht eine Hegemonialmacht allein unterstützen. Außerdem, appellierte ich an ihren gesunden Hausfrauenverstand, gibt es im neuen Supermarkt neben dem Stammkundenrabatt von 2% auch diese tollen Treuepunkte, das ist zusätzlich schon was wert.
„Puh“, antwortete sie, „Sie haben es aber gut! 2% Rabatt! Die hätte jeder gerne! Ich krieg nicht mal am eigenen Arbeitsplatz Diskont, sogar die Mittagspause-Wurstsemmeln muss ich voll bezahlen! Sie Tausendsassa!!! Na, gehen Sie mal mit mir zum Kegeln, oder so?“
„Wie bitte?“
Das kam zwar etwas überraschend, aber wenn ich die Gelegenheiten Revue passieren ließ, bei denen wir, die Wurstfachverkäuferin und ich, freundschaftlichen Kontakt gehabt hatten, fiel mir auf, dass sie eigentlich jedes Mal mit mir verhältnismäßig lieb und offen geschäkert hatte. „Tauschen wir Telefonnummern?“, fragte sie keck.
Die Tomaten auf meinen Augen rollten hin und her. Stand da wirklich FICK MICH auf ihrer Stirne geschrieben? Aber wollte ich denn das dinglich? Grübel, grübel. Sexuell jedoch willigte ich sofort ein und bekam langsam einen Harten. Aber irgendwas stimmte hier trotzdem nicht. DAS KONNTE ICH IN MEINER WURST SPÜREN. Nur, stimmte eventuell etwas nicht? Wollte die Mieze mich vielleicht nur heiß machen, um mich anschließend zu verarschen, oder weil sie wirklich scharf auf mich war? Ich mein’, ich fahr ja U-Bahn auch. Aber der zweite Gedanke schmeichelte mir, nicht war, herrlich, die Eitelkeit, des Teufels liebste Sünde, sie hieß mich aber trotzdem, lieber Vorsicht walten zu lassen. Die Lady redete unterdessen weiter buhlerisch auf mich ein und es gelang ihr dabei durchaus, mich zu manipulieren. Eigentlich hasse ich das ja.
„Oder lieber Schnitzelfrühstück?“
Fleischbeladene Bilder erfüllten meinen Horizont. Alle Dämme brachen. Ich musste zusagen:
„Aber gerne!“
„Und wann?“
„Na, ich weiß nicht. Sag du!“
„Sonntags? Nach dem Kegeln? Oder besser vorher?“
„Au ja! Vorher! Ich bring Senf mit!“
„Ja, mein Schatz. Und viel gute Laune!“
Sie küsste mich hauchzart auf die Lippen, streichelte andeutungsweise meine Wangen, zwinkerte und verschwand mit ihren langen, honigfarben flatternden Haaren im bereits andeutungsweise vorweihnachtlichen Menschengewühl am Südstern. Das stand ich und guckte erstaunt aus der Wäsche. Was war denn das gewesen? Ein Mirakel? Oder Debakel gar? Und was jetzt? Wie hieß denn die Mieze überhaupt? Ich ging erstmal heim und putzte mir die Zähne. Anschließend machte ich ein Bier auf. Hörte Beethoven. Denn es gibt fast nichts besseres, als zu Hause zu hocken und zu saufen, während der Rest der Welt arbeiten muss. Ahhharhhharrharhhhrrhaahahharrr!
Um dem Tag dann doch noch den Mehrwert zu entnreißen, bosselte ich an einem neuen Bücherregal herum. Meine stets wachsende Bibliothek, die sich ein einziges Kartoffelregal mit sämtlichen Uni-Skripten, meiner Filmsammlung, den ausgedruckten Texten verschiedenster Art, zweihundertfünfzig Musik-CDs, allen Dokumenten, sonstigen Unterlagen, den Ordnern und der wissenschaftlichen Sammlung auf insgesamt sechs Abstellebenen teilen musste, von denen sich allerdings nur die obersten drei als praktikabel erwiesen, und entsprechend überladen waren, schrie richtiggehend danach, endlich Entlastung zu erfahren.
EINFÜGEN ERLEBNIS REGALKAUF BEI OBI
Meine handwerkliche Befähigung überstieg meine handwerklichen Willen bei Weitem, was wiederum das Grundproblem des Leidensdrucks ansprach, dem ich ebenfalls erlegen bin, birgt aber in sich stets die Gewissheit, bei passender Gelegenheit erstklassige Arbeit abzuliefern, in ihrer Qualität gereift in den Jahren der dürren Fron, in denen die Anstachelung zu besserer Leistung sich zu einem quasi sadistischen Zeitdruckproblem auswuchsen, und mir damals unvorstellbare Qualen bereitete, von deren Früchten ich allerdings heute erst richtig zu zehren anfange, und das mit Genuss. Diene, bevor du herrschen kannst, so wurde ich erzogen, mit Zuckerbrot und Peitsche. So bin ich denn ein anerkannter Könner des Cunnilingus, ein echter Frauen-Versteher, in dem Sinne, zumindest. Die genormten Bestandteile des Werkstücks erleichtern es überdies, dass wirklich jeder Mensch so ein Regal richtig zusammenbauen kann, nebst einem bescheidenen Mindestmaß an intellektueller Abstraktionsfähigkeit, sodass die Grenzen verschwimmen, wie bei wirklich gutem Sex, wo höre ich auf, wo fängst du an, nahe den wahrlich ekstatischen Zuständen, einer geht im andren auf, und nach welchen suchen, wenn nicht nach diesen, und die Arbeit war mir flott von der Hand gegangen. Ich räumte mit dem körperlichen Naschtrieb des Geilen das Regal grade ein, als die Türglocke klingelte. Ich legte den Stapel Bücher zurück auf den Schreibtisch und ging, ausgestattet mit der Zielstrebigkeit eines Kaperfahrers, die Tür zu öffnen. Ich verzichtete auf den Blick durch den Spion und machte auf. Es war mein Freund Piet. Er trug, winters bei ihm so üblich, seine Bomberjacke mit prangendem orange Innenleben und Fellkapuze, sowie verbeulte Eisenbahnerhosen. Die Füße steckten in dicken, wasserfesten Gesundheitslatschen. Die Haare hingen in wirren Strähnen ins schmale, hübsch kaukasische Gesicht, das die Last der zweiundvierzig Jahre mit Unbeschwertheit trug. Er war in seiner zwischenmenschlichen Konsequenz das humane Äquivalent eines frischen Salats aus Radicchio, reifen Herztomaten, einer klein gehackten Zierschalotte, Meersalz, einer Prise getrockneten Dill, einem Schuss Balsamico, etwas Olivenöl und gut fünfundzwanzig Gramm drüber gehobeltem, drunter gehobenem, sechzehn Monate altem Parmesan. Piet schnaufte schwer.
„Uumpph, ooff, Jesses, hmmm, hamm, pfff, warum wohnst du bloß so weit oben, Mann?“
„Damit die Menschen mir weniger auf den Wecker gehen und umgekehrt.“
Puffen und keuchen: „Hast auch wieder Recht.“
Ich trat zurück und bat meinen Kumpel herein:
„Come in, Alter.“
Piet trat über die Schwelle, langsam kriegte er sich wieder ein.
„Es soll ja Leute geben, die sind schlechte Verlierer.“
„Weiß Gott“, pflichtete ich bei und ließ hinter ihm die Tür ins Schloss fallen.
„Bierchen?“, wollte ich wissen.
„Warum nicht.“
„Gute Antwort. Geh mal vor, du kennst dich hier ja aus.“
Während Piet nickend ins Wohnzimmer ging -
„Hei, du hörst ja Beethoven!“
Holte ich ihm aus der Küche ein Bier. Mein Freund hatte inzwischen seine Jacke ausgezogen und stand, zur Musik wippend, am Fenster. Er dirigierte mit Furtwängler Beethovens Fünfte. Ich gab ihm die Flasche, holte mein eigenes Bier vom Tisch und stieß mit ihm an.
„Die Töle und der Teufel!“
Piet ist Sprachwissenschafter. Altphilologe. Genauer genommen hat er Anthropologie, Sanskrit und Aramäisch studiert. Jetzt ist er arbeitslos und würde lieber die Straßen fegen als daheim die Wände anzustarren. Ich habe ihn als einen der anständigsten und großzügigsten Menschen kennen gelernt, ein Wohlfühlidealist, der sich von nichts und niemandem unterkriegen lässt. Am besten hätte er in ein großes Museum mit Forschungsabteilung gepasst, um über den Veden zu brüten und dabei heißen Ingwertee zu süffeln. In der Zwischenzeit jedoch schlug er sich eben so durch, zum einen als Fahrradbote für einen Zeitungsverlags, wobei es seine Aufgabe war, vergessenen Abonnenten das Frühstücksblatt nachzureichen, und zum anderen war Piet Hilfsmasseur einer Fußball-Unterligamannschaft. Piet ist nie richtig erwachsen geworden, wenn ich den Maßstab unserer Eltern, den dankbaren Nutznießern der Nazigeneration, anlege, der da hieß tüchtig werden, tüchtig sein, tüchtig bleiben. Wie ich und alle meine Kumpels haben wir uns für einen anderen Weg entschieden. Eine Generation von Enddreißigern ist aus uns geworden, Frauen und Männer, die noch immer Kind spielen wollen, süchtig, sarkastisch und schlau. Na ja, nicht alle. Aber trotzdem beste Voraussetzungen dafür, um auf die Schnauze zu fliegen. PENG! Und spätestens beim zweiten Schnitzel muss nachgesalzen werden. Alles hat einen Eigengeschmack. Fleisch fressen ist etwas anderes als Schokolade naschen.
„Wir lassen uns doch nicht von Hülsenfrüchten fertig machen!“
Piet kuckte mich an:
„Hör mal, Alter, ich hab dir, hmmm, einen Vorschlag zu machen.“
„Na, was?“
„Zunächst: Es gibt kein Entkommen.“
„Sag mir doch mal was Neues.“
„Ich mein’ das ernst.“
„Ich auch.“
„Also.“
„Ja?“
„Du bist doch ein zutiefst frustrierter Mensch, oder?“
Ich lachte.
„Ja, so wie die meisten Arschlöcher auf diesem Scheißplaneten. Anwesende vielleicht ausgeschlossen.“
Piet schien nicht einverstanden: „Ja, schon, aber…hmmm“
„Was, aber?“
„Die meisten Jungs sind doch nur aus idiotischen Gründen frustriert; hmmm, weil sie entweder keine Knete haben, ohne kein schickes Auto oder hmmm keine Pornobraut zum Herzeigen, nicht wahr?“
„Na ja. Ist es echt so simpel? OK. Yeah. Hast Recht. Alles schwachsinnige Arschlöcher und blöde Nutten. Fertig.“
„Du bist also auf Liebe und Partnerschaft aus, wie in alten Zeiten?“
„Ja. Kein Bock auf geldgeile Schlampen.“
„Suchst also nach Frauen, die was in der Birne haben und über Herzensbildung verfügen?“
„Korrekt, aber worauf willst du hinaus? Auch an solche kommen wir beide nicht ran!“
Piet kicherte: „Und warum nicht?“
„Wettbewerbsnachteile?“
„Blödsinn! Jetzt such keine Ausred’!“
„Jaaa. Wir sind ja selbst schuld, oder was?“
„Das ist immer alles selbst mitverursacht, lieber Freund!“
„Natürlich! Wir geraten in beschissene Situationen nur um aus ihnen zu lernen? Wunderbar!“
„Mach dich nicht drüber lustig, mein Freund!“
„Aber ist es nicht so? Wir sind diesbezüglich angeschissen!“
„Hmmm, aber wir haben zusätzlich eine Möglichkeit, hmmm, damit fertig zu werden.“
„Ah so? Und welche?“
„KREATIVITÄT, MANN! KREATIVITÄT!!!“, Piet brüllte es geradezu heraus.
„Meine Fresse! Grade damit ist es bei mir nicht weit her.“
Das hätte ich nicht sagen sollen. Piet brauste mich aus dem Kaltstart heraus an wie ein Berserker zu Neumond.
„DU DYNOKLAST! DU ZEITTOTSCHLÄGER ! DU WEINERLING!!!“
Ich versuchte zaghaft aufzubegehren, kam aber nicht weiter als zum Heben der Hand, da brüllte er weiter:
„JETZT HALT DIE SCHNAUZE!!! HALT DIE SCHNAUZE! UND SEI KREATIV!!!“
Und jetzt brach mein lieber, lieber, völlig verrückter Gefährte in ein hysterisches Lachen aus. Ich fiel immer wieder drauf rein. Ich reagierte säuerlich:
„Spar dir deinen Download Update und komm endlich zur Sache.“
„Was ich sagen will ist, dass wir die Beschaffenheit haben, um die ganze Kacke gewinnbringend zu sublimieren: Schöpferkraft und Eingebung.“
„Ja, besonders ich. Ich kann einen Rodin nicht von einer Nähmaschine unterscheiden.“
„Quatsch. Du hast doch früher mal Kurz-ge-schich-ten geschrieben, nicht?“
Er betonte jede Silbe einzeln. Ich bejahte.
„Das war, ehe mir der Rechner ex ging, samt allen Texten der letzten Jahre. Und ich Idiot hatte nur eine einzige Kopie gezogen.“
„Die du der Mieze geschenkt hast, die spurlos in Chile verschollen ist.“
„Und seitdem habe ich kein Wort mehr geschrieben. Aus.“
„Ja, schade, nicht wahr, ich hab gehört, du sollst so was wie Talent gehabt haben.“
„Mag sein.“
„Und hast dann alles hingeschmissen, wie üblich.“
„Das habe ich nun wirklich jedermann hunderttausend Mal erzählt, bis zum Abwinken.“
„Winke-Winke! Und Grüßgott!“
„Sehr witzig.“
Ich trank mein Bier aus, stand von der gelben Couch auf, ging zur Musikanlage und drehte Beethoven auf.
„Das ist wahre Genialität!“
Piet lachte.
„Phantasie und Protest! Genau darum geht es!“
„Aber ja!“
Ich winkte ab und stellte die Musik noch lauter.
Piet nieste.
„Halleluja! Kann ich noch ein Bier haben?“
“Aber sicher!! Und bring mir eins mit!“
Der Dritte Satz brauste gerade, als Piet wiederkam. Um nicht gänzlich asozial zu wirken, und weil ich merkte, das Piet was sagen wollte, drehte ich Ludwig auf Zimmerlautstärke zurück. Piet gab mir die Flasche.
„Wem gehört denn übrigens das komische vergammelte Einkaufswägelchen dort unten?“
„Mir natürlich, wem sonst? Muss ja irgendwie mein Bier nach Hause bringen.“
„Na dann! Prost.“
„Auf Dick und Doof.“
„Phantasie und Protest also.“
„Ja. Cui prodest?“
„Und was stellst du dir darunter vor? Verpackungsdesign bei einem Möbel-Multi? Bankraub mit Fremdsprachen und in lustiger Maskerade? Luftballons, mit Scheiße gefüllt, und aufs Kanzleramt geschmissen? Oder was?“
Piet griente über beide Ohren.
„Sehr gut, sehr gut. Ich seh’ schon, bei dir muss ich nur die richtigen Knöpfe drücken und schon geht’s los.“
„Und ob. Wobei es ja schon eine nicht unerhebliche kreative Leistung deinerseits darstellt, dass du heute deine Bude überhaupt verlassen hast, um meine bescheidene Hütte mit deiner Anwesenheit zu beehren.“
„Autsch. Eins zu eins. Es geht aber in erster Linie um den verdammten Krach, den der Cityairport macht, seitdem dort auch ziemlich dicke Brummer wieder starten und landen dürfen.“
Der Skandal war Stadtgespräch gewesen. Ich ärgerte mich:
„Und das, obwohl das ganze Gelände eigentlich stillgelegt werden sollte.“
„Aber die geldgeilen Flughafenbetreiber haben beim Verwaltungsgericht einen Eilantrag gestellt, wegen besonderer wirtschaftlicher Relevanz.“
„Und die Richter haben das durchgehen lassen.“
„Mit dem bekannten Ergebnis.“
„Und das ist schlichtweg eine Sauerei.“
„Da sind wir uns einig.“
„Korrekt.“
„Und was unternimmst du gegen den Krach?“
„Ich dreh mich auf die andere Seite oder stehe eben auf.“
„Na dann.“
„Was wolltest du mir denn vorschlagen?“
„Hast du Bock, mit uns einen Film zu machen?“
„Was für einen Film? Über den Flughafen? Und wer ist uns?“
„Isabella, Conny und ich.“
„Interessante Combo.“
Ich holte das Rauchzeug und drehte uns noch einen.
Isabella und Conny gehörten zu den Ladies, die sporadisch bei Piet auftauchten. Isabella war eine humorvolle, resolute und ziemlich scharfe Braut, blond, mit slawisch hohen Backenknochen, grauen Augen und hübschen Titten. Sie arbeitete als Cutterin beim Film und wirkte ungemein präsent. Conny hingegen war eine äußerlich eher Unscheinbare, dafür besaß sie einen wachen Geist und eine spitze Zunge sowie einen behaarten Freund, der zweihundert Kilo wog und ehemaliger Profi-Catcher war. Sie studierte Theaterwissenschaften und finanzierte sich das Studium, indem sie nebenbei Taxi fuhr und sonst wenig aß.
Ich mochte beide Mädels gern.
Zugegeben, an Isabella wäre ich intimer interessiert gewesen, aber sie war auch eine Frau, bei der ich mir keine Schwachheiten erlaubt hätte. An dieser Stelle muss ich ein Satzzeichen machen: Ich habe mir schon zu viele weibliche Sympathien verkackt, indem ich meinen natürlichen Trieben nachgegeben und die Miezen angebraten habe. Manchmal musste eben auf Nummer sicher gehen, ehe du dich vorwagst. Was Piet nicht wusste, war die Tatsache, dass mein ganz privater Frust hauptsächlich daran lag, meine körperliche Faulheit nicht überwinden zu können, und endlich in ein Fitnesscenter zu gehen. Ich hatte einen Schwimmgürtel aus Fett um die Hüften geschnallt, und das machte mich fertig. Aber andererseits war der Leidensdruck noch nicht groß genug, sonst hätte ich schon längst reagiert. Ich kam immerhin immer wieder mal dazu, die Wurst einzufädeln. Wieder andererseits, wie groß müsste der Druck denn noch werden? Hatte ich denn meine angebetete Trapezkünstlerin nicht genau aus diesem ästhetischen Grund nicht gewonnen? Ich vermutete es stark. Und dennoch. Keine Reaktion meinerseits.
Da hatte ich einen schönen, dicken Schwanz und einige ganz gute Tricks auf Lager, kam aber nicht und nicht dazu. Zumindest nicht bei den Ladies, bei denen ich es gerne gehabt hätte. Aber ich trug ja meine Schwäche ohnehin als Aushängeschild vor mir her. Und da saß jemand, dem das völlig Wurscht war. Guter alter Piet! Ich rauchte den Joint an.
„Gibt es schon eine Idee, oder wollt ihr mich genialen Autor nur deswegen dabei haben, ihr Schweine, um mich körperlich und geistig auszubeuten?“
Piet lachte: „Darüber sind wir doch längst hinaus.“
„Wie Heinz Rühmann übers Dritte Reich.“
„So isses. Brich dir also ein Stück Herz heraus und mach mit.“
„Na klar, mein Freund. Alles für Preußen! Und seine Flughäfen!“
„Nee! Wir wollen ein Krimi-Drehbuch schreiben. Und verkaufen. Na?“
„Prima! Ein Hauptstadt-Tatort?“
„Mit ein bisschen liebevoller Unterstützung ließe sich schon was machen.“
Ich schüttelte den Kopf:
„Nee, du. Machen wir lieber einen Vogelgrippe-Film draus.“
„Mit anti- Chinesischer Verschwörungstheorie?“
„Na klar! Ein Porno-Mahjongg!“
„Was soll das sein?“
„Ein Brettspiel, bei dem in ganz Asien gezockt wird, teils um riesige Summen.“
„Also Glücksspiel-Chinesen, Ostbräute im Pornopuff, die Triaden, ein Hongkonger Aufklärungsjournalist, der, sagen wir, umgelegt wird, weil er über eine Vogelgrippe-Vertuschung im Handelsministerium berichtet!“
Piet begleitete mich, angeregt gestikulierend, in die Küche, wo wir im Kühlschrank mit traumwandlerischer Sicherheit jeder ein weiteres Bierchen vorfanden. Ich machte meins auf und reichte den Öffner an Piet weiter:
„Genau! Einer der Schwippschwager des fraglichen Ministers ist der größte Billigsdorfer-Hühner-Nuggets-Hersteller der Welt. Doch die EU droht mit Sanktionen!“
„Super! Und eine kleine internationale Liebesaffäre?“
„Fahnenjunker Fastmann vortreten!“
„Jawohl!“
„Die Asiatin und der Germane.“
„Ausgezeichnete Idee.“
„Und wer ist wer?“
„Muss mal kurz nachdenken.“
Ich unterbrach ihn. Mein Ehrgeiz war angestachelt:
„Lass das meine Sorge sein!“
Piet lächelte:
„Hab ich dich!“
„Sieht ganz so aus.“
„Piet und Pan!“
„Und was, mein Freund, werden die Girls beitragen?“, fragte ich Piet.
„Sie klauen Kat-Kartoffeln!“
„Die sollten sie lieber kauen!“
„Stehst du also auf Kat?“
„Nö, keine Ahnung, hab ich noch nie probiert.“
„Ah so. Ich dachte nur.“
„War als Witz gemeint.“
Piet stimmte zu: „OK.“
„War aber nicht so gut, was?“
„Nein.“
„Damit kann ich leben.“
„Hauptsache, das Skript wird gut.“
„Also, die männliche Hauptfigur, der deutsche Bulle, ermittelt in alle Richtungen. Eine chinesische Dolmetscherin wird ihm beigestellt. In die verknallt er sich.“
„Die eigene Frau hat ihn verlassen!“
„Weil…“
„Sie einem Konzertpianisten verfallen ist!“
„Und der Piano-Typ ist reich und schön!“
„Kommissar Lehmann hingegen ist arm und hässlich.“
„Was will der Klavier-Heini also von Lehmann seiner Alten?“
„Das ist eine gute Frage.“
Ich grinste: „Die ist mütterlich, attraktiv, sie kann halt gut blasen und kochen.“
„Außerdem kriegt sie im Verlauf der Handlung vom Pianisten den Laufpass und kommt wieder angekrochen, beim Kommissar…“
„Aber der…“
„Nimmt der sie zurück oder geht was mit der Chinesin?“
„Wie passt die denn überhaupt noch in die Geschichte rein?“
„Auch eine gute Frage.“
„Nennen wir sie Liu, das ist kurz und prägnant, ist Liu also mit dem Mordopfer verwandt?“
„Nee, zu kitschig.“
„Warum wird der Journalist ausgerechnet in Berlin gekillt?“
„Vielleicht ein Kongress, auf dem er sprechen soll?“
„Und wie wird er umgebracht?“
Piet wusste die Lösung: „Mit dem Auto.“
„Ein Klassiker. Schwere schwarze Limousine, Typ Nazikarre, überfährt ihn, anschließend rücksichtslose Fahrerflucht.“
„Und während dieser Flucht fährt der Killer auf dem Gehsteig auch noch einen Radfahrer über den Haufen.“
„Einen alten Knacker, ein Ex-Streifenpolizist, mit Schnurrbart, Bierbauch, kurz nach dem Eintritt in den Ruhestand.“
„Der mit der ganzen Sache eigentlich nichts zu tun hat.“
„Das ist gut.“
„Der Killer ist natürlich Botschaftsangehöriger, einer dieser Geheimdiensttypen, Marke Türsteherszene, muskulös und mit Sonnenbrille, nur eben asiatisch.“
„Bleibt die Frage nach der Dolmetscherin.“
Piet improvisierte: „Außerdem ist das Mordopfer auch noch bei Falun Gong.“
Ich musste lachen und präzisierte: „War.“
„Gut. War bei Falun Gong. Seine Freundin ist jedenfalls aus Hongkong, lebt aber in Berlin.“
„Kann die denn kein Deutsch?“
„Hmm. Doch, ja, muss sie können.“
„Eben. Also kippen wir die Chinesin, und wir machen aus der die englische Freundin oder besser die englische Ehefrau, die Ehe besteht aber nur auf dem Papier, der Journalist ist nämlich schwul und braucht bloß die englische Staatsbürgerschaft und er ist eben nicht aus Hongkong sondern Peking.“
„Und so kann sich der Kommissar in die Engländerin verkucken, und die Übersetzerin wird gekippt.“
„Los geht’s!“
„Ich wiederhole: Ein schwuler chinesischer Enthüllungsjournalist, der einer dreckigen Geschichte im Pekinger Handelministerium draufgekommen ist. Ein Vogelgrippeskandal, der wegen wirtschaftlicher Interessen am ungefährdeten globalen Geflügelhandel vertuscht werden soll. Auf einem Berliner Kongress will der Journailleist dafür harte Beweise vorlegen. Auf dem Weg dorthin wir er aber in aller Öffentlichkeit abgemurkst. Ein weiteres Kollateral-Opfer ist zu beklagen, in der tragikomischen Figur des Kontaktbereichsbeamten Karl-Heinz Zympanski. Seine Vorgeschichte könnten wir ja übrigens auch einblenden, etwa die letzte Fahrt des K.H.S.: Schnitt, Gegenschnitt, er gurkt auf dem Rad friedlich durch die Gegend, mit dem Einkaufskorb hinten darauf, winkt noch seinen alten Bekannten zu, den feisten Schnurrbart unter der Nase, radelt ein paar Straßen weiter und wird vom Chinesen gekillt: Das Fluchtauto in Großaufnahme, von vorn und plötzlich – BÄNG!- fliegt der alte Mann wie eine Puppe durch die Luft, schlägt wie als Fleischbombe im Schaufenster eines Metzgers ein oder meinetwegen auch einer Milchbar. Der Berliner Kommissar, der auf den Fall angesetzt wird, ist ein Antiheld, beruflich nicht besonders erfolgreich, sogar die Frau hat ihn verlassen, wegen des litauischen Konzertpianisten. Der Bulle hingegen verliebt sich in die englische Witwe des toten chinesischen Journalisten.“
Piet nickte. „OK. Und wie weiter?“
„Um Ansatzpunkte zu finden ermittelt Bert Lehmann, unser Bulle, unter anderem auch in der Berliner Falun Gong-Szene.“
„Also kommt die Dolmetscherin doch wieder ins Spiel.“
„Ja. Denn mit einem Mal muss Lehmann alte Asiaten befragen, die kaum ein Wort Deutsch verstehen können oder wollen, sie leben in den abgeschotteten Verhältnissen ins Land geschleuster Flüchtlingssippen. Doch die Dolmetscherin ist in Wirklichkeit eine getarnte Agentin, sie überwacht quasi Lehmanns Kunden, damit der nix Falsches zu hören kriegt, sie schüchtert die Befragten ein, bis Lehmann das endlich bemerkt und sich Tricks ausdenken muss, wie er die Spitzelfotze wieder loswird.“
„Ab da geht’s dann?“
„Möglicherweise… es soll die Agentin Liu ihrerseits die Engländerin, nennen wir sie Angela, ausspionieren, und sagen wir, später einen Brand in Angelas Wohnung legen, sie bekommt heraus, was zwischen Angela und Bertybaby läuft, klaut ihm unbemerkt den Schlüssel, macht sofort einen Abdruck, ihr Auftrag lautet, nachts Angela zu chloroformieren und sie samt ihrer Bude und den Beweisen abzufackeln.“
„Sicher ist sicher, n’est pas?“
Ich nickte.
„Und der Kommissar spielt zur geistigen Entspannung im Internet Mah Jongg. Weil er dabei ganz besonders gut sein Ego wegdrücken kann, das ihm sonst die freie Sicht auf die Dinge verstellt.“
„In Wirklichkeit ist er aber - nein, kein Araber, sondern spielsüchtig und verzockt die halbe Kohle. Das hat seiner Gattin die Entscheidung, abzuhauen, doch etwas erleichtert.“
Mir war das recht: „Ja, so können wir das stehen lassen.“
„Und außerdem braucht der Kommissar einen Sidekick. Die Assistenzfigur.“
„Ja, bei Dumbo, der Elefant, kriegen selbst harte Kerle in spröden Lederjacken feuchte Augen, in der Szene, als das graue Schlappohr seine Mutti verlässt. Und, ich gebe zu, ich krieg nicht nur feuchte Augen, ich heule ganz jämmerlich!“
„Ja, ja, Beethoven oder Black Sabbath, das ist hier die Frage.“
„Nein.“
„Sondern?“
„Keine Frage: Beethoven UND Black Sabbath!“
„Ach, schmier dir doch ein Käsebrot in die Haare!“
„Gerne! Mit Butter und Pfeffer!“
„Und der Leichtigkeit einer Beethoven-Sonate.“
„BÄNG, BÄNG, YOU’RE DEAD, HOLE IN YOUR HEAD!!!“
Piet griff sich an den Kopf, und sank, dramatisch gekrümmt, auf den Küchenboden nieder:
„Aaargh! Hot metal and ephedrine!“
„Ja, ja und ich muss mal pissen!”
Ohne weiter schlechtes Gewissen zu haben stieg ich über den Sterbenden hinweg und ging aufs Klo. Dort packte ich meine Wurst aus und schlug im Halbdunkel einer Provinz-Märchengrottenbahn meinen heißen Harn ab. Ich schloss genießerisch die Augen und schwelgte in der Wirkung von in meinem Hirn rotierenden Substanzen. Meine Gedanken glitten auf verschlungenen Wegen in ihre eigentliche Domäne, die Vergangenheit. Erinnerte mich heftig an meine erste Spielzeugeisenbahn, wie sie unter dem sanften Glitzern der bunten Weihnachtslichter dalag, mit einem Tunnel und Bahnhof und dem Teich, ein winziges, perfektes künstliches Feuchtbiotop, in Rom, 1973 oder 1974, am Morgen des fünfundzwanzigsten Dezember, dem Tag der Bescherung. Ich hatte im Kinderzimmer klopfenden Herzens gewartet, bis die Christkindglocke bimmelte. Schließlich war das feine Geräusch zu vernehmen gewesen, jenes Signal zum Sturm ins Wohnzimmer. Damals war alles in einen goldenen Schimmer getaucht, und dort, in der Erinnerung, ist es auch so geblieben, dort wartet dieses Licht auf mich. Hier und heute muss ich dafür schon einer schönen Frau tief in die Augen sehen, um auch nur in die Nähe jenes verwehten Glückes zu kommen.
Dann wollte ich einen Dokumentarfilm zu drehen über das Schicksal der Hunderttausende von Arm- und Beinamputierten des Ersten Weltkrieges - die Strassen voller junger Männer mit fehlenden Gliedmaßen - wie traurig. Und die Freikorpsleute verspotten sie, ehe sie den Krüppeln die Krücken wegkicken und die am Boden liegenden Hilflosen verprügeln. Aber diese armen entstellten Kerle dienten wenigstens noch als Vorlage für expressionistische Beschreibungen verdrehter Körper und Gesichter im Sinne eines Mementos. Was natürlich niemanden daran gehindert hat, zwanzig Jahre drauf den nächsten Weltkrieg anzuzetteln. Diesmal immerhin mit Stukas und Jagdpanzern, um im Blitzkrieg die Schlammorgie des langsamen Gemetzels zu vermeiden, was der deutschen Wehrmacht anfangs auch gelungen ist. Der Rest der ganzen Angelegenheit sollte ebenfalls hinreichend bekannt sein. WRAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAOOOMMMMMM! BOOM! BOOM! BOOM!
Gleichzeitig erkannte ich, dass zwar ohne Liebe alles Scheiße ist, aber Liebe komplett überbewertet wird. In jungen Jahren heißt Liebe Eltern, später Sex, dann Freundschaft. Meine Haare stanken nach Schweiß, mein Urin nach Tod, mein ganzes Leben nach Hochrisiko und möglichem Totalabsturz. Weder im Rausch noch im Spießertum lag die Lösung. Ich grinste in mich hinein. Auch eine süße kleine Brasilianerin, schlank, mit dunklen Locken und kleinen Brüsten hätte vermutlich nicht das Ende meiner Probleme bedeutet, die Inangriffnahme von Gegenmaßnahmen jedoch erheblich erleichtert. Glaubte ich fast fest. Regelmäßiger Geschlechtsverkehr sollte als der Einunddreißigste Artikel in die Deklaration der Menschenrechte aufgenommen werden. Der allgemeine Fick ist wie alle Körperfunktionen holistisch am Zustandekommen des Gesamtbilds jeglicher Zufriedenheit beteiligt. Ein Mann, eine Frau, gegenseitige Sympathie, nichts zu tun und Zeit an der Hand- warum sollten sie nicht ficken, vögeln, bumsen? Weil ansonsten die bunte Warenwelt zusammenbräche, und die Konsum-Kommandeure auf ihrem Schrott sitzen bleiben. Mir konnte das eh Wurst sein: Keine Knete, kein Job, keine Mieze. Nur Maulsperre und Hämorrhoiden und auf den Boden geklatschtes Sperma.
Auf der Partnerschaftshitparade rangierte ich auf der gleichen Ebene wie Penner und Asylanten. Da konnte die Sängerin einer halblustigen Studentenband desgleichen behaupten, so gut zu sein wie Janis Joplin, das Resultat bliebe das mickrige Aufbegehren gegen die harsche Realität…
Unergründlich sind die Wege des Herrn Geistes. Zwingend wie ein schlechter Schüttelreim, wie der Befehl „Schau mich an!“.
Auf eine Vollmondnacht mit einer hübschen garota, freute ich mich schon, egal ob sie nun carioca, paolista, sertanjera oder gaúcha wäre. Diese erotischen Nymphen der Ordnung und des Fortschritts!!! Mit ihren kleinen Brüsten, dunklen Locken, und so viele Wege führen zu ihnen, manche verworren und kraus wie ihr Schamhaar, andere geradezu prall in ihrer gradlinigen Eindeutigkeit, wie mein Phallus. Es geht nichts als der Anblick einer nackten Frau, die sich einem Mann, möglichst mir, in Liebe hingeben will. Dazu erklingt Musik, die vor Eros trieft und nach schneller Reaktionsfähigkeit verlangt. Und ebenso schnell, wie aus einem Witz ein Drama wird, fing ich im Scheißhaus an, hemmungslos zu heulen. Verdammt! Ich lieb dich so! Und ebenso unvermittelt musste ich lachen, schüttelte ich mich vor vulgärem Vergnügen, denn ich hatte an jenem Tag zum ersten Mal den Kerl gesehen, der neuerdings mit meiner Angebeteten das Bett teilen durfte. Ein blasses Bürschlein, das aussah, als wäre er ein beschissener Wuppertaler Tocotronic-Fan, so ein halbschwuler Mitte-Boy, einer jener verklemmten Typen, die Slawistik und Kommunikationswissenschaften studieren, die politisch korrekt sind und total langweilig. Er war keineswegs der Krieger, den ich mir vorgestellt hatte, kein langhaariger Biker oder braungebrannter Weltenbummler mit dicken Klöten, nein, er war ein richtiger Spießer, Vati subalterner Beamter, Mutti Hausfrau. Was wollte eine Powerlady von so einer mickrigen Type? Vermutlich die Gewissheit, dass der Pimmel nicht fremdgeht, sich kontrollieren lässt, einer, der seiner Herrin dankt für jeden Blowjob, pflegeleicht wie ein dressiertes Hündchen, und, und, und. Kann sein, sie war einfach nur verliebt in ihn und ich total neidig. Grrr.
Im Endeffekt war ich froh drüber. Es machte die Niederlage einfacher, ließ mir für eine Revanche Hoffung und rückte mein Idealbild von der Angebeteten ein wenig zurecht- war diese Frau an Ende kein brasilianischer Regenbogen, sondern bloß ein ganz normaler, sogar banaler Mensch, eine Frau, die zielstrebig ihren Weg geht, mit klaren Vorstellungen und Lebensabschnitten, jemand, der mit meinen romantischen Überfrachtungen gar nichts am Hut haben konnte und ja, vermutlich genau wegen meiner, ehm, massiven Präsenz auf mich verzichtet hatte?
Gut, da glitt ich bereits wieder ins Spekulieren ab, was wäre wenn, um, dois, feijao com arroz, das bringt nichts, also ließ ich es bleiben, wusch mir die Hände und schloss mich wieder meinem Freund an. Der war in der Zwischenzeit von den Toten auferstanden und drehte im Wohnzimmer eine fette Tüte. Im Endeffekt musste mir der süße kleine brasilianische Kolibri, portugiesisch beija-flor, Blumenküsser, zukünftig Wurst sein, aus reinen Selbsterhaltungsgründen. Wenn sie mich nicht wollte, machte es auch keinen Sinn, sie mit meinen Gefühlen zu verfolgen. Aus mit den Kämpfen. Ich hatte, trotz auftretender Krisen, akzeptiert, ihr völlig egal zu sein. Seufz. Ächz. Und bei aller Rationalität…liebte ich sie trotzdem. Und ich würde nicht so schnell damit aufhören. Liebe! Was für ein Beautiful Blitzkrieg!
Eigentlich fühlte ich mich an dem Tag ziemlich matt und erschöpft. Die Nacht zuvor war ich auf einem überbordenden Geburtstagsfest gewesen, ein alter Kumpel, vierzigster Geburtstag, volles Programm inklusive leckeres Essen, kalte Drinks, gute Musik und schöne Frauen.
Nach den für mich üblichen sechs Stunden Auftauzeit war ich doch noch in die Gänge gekommen und hatte mich an die prachtvollste aller Anwesenden gemacht, an eine superbe Blondine mit hohen Brüsten und einem wunderbar scheu- herausforderndem Lächeln. Und das Ganze spulte ich ab mit der Leichtigkeit einer Beethoven-Sonate, mit der schlafwandlerischen Sicherheit eines Jesuitenmissionars im Amazonasgebiet.
Ich war in meinem Element gewesen. Herrlich! Und dann, bei der Heimfahrt, halb fünf in der Früh, legte ich mich ganze drei Mal auf die Fresse- gefrierender Nieselregen. Wunderbar! Beim ersten Mal war ich erschrocken, bei zweiten wurde ich wütend, bei dritten Mal fühlte ich mich wie ein supercooler Stuntman und lachte mich schief. Was für ein Elch ich doch war!
Und mein lieber Freund Piet, der natürlich von meiner unglücklichen Situation wusste, und der sie gleich von Anfang an mit der notwendigen Portion Gelassenheit bewertet hatte, ohne mich zu hätscheln, die harte Sau, war hellauf begeistert (oder so), dass ich mich in seine Bekannte verkuckt hatte.
„Endlich mal ein gutes deutsches Mädchen!“, scherzte er süffisant, „Und keine kleine Wilde aus dem Mato Grosso!“
„Heult Hitler?“, entgegnete ich, riss Piet die Tröte aus der Hand und zündete sie an.
Jetzt war Schluss mit Ludwig!
Um meinen Kumpel zu nerven legte ich eine Goa-Trance-CD auf, hervor, drehte voll auf und hopste besoffen und peinlich lächerlich umher, machte mich zum Affen:
„YU-HU! LIEBLING! AHI-HI-HI! KUCK DOCH MAL, WIE DOOF ICH BIN!““
Piet lachte schallend:
„Du verrücktes altes Huhn! So wirst du niemals eine Frau finden!“
“Das weiß ich, Tim!“
„Worauf du einen lassen kannst, Struppi!“
Worauf sich auch mein Freund von der Welle des Moments mitreißen ließ und die Wand hinab rutschte. Wir wälzten uns, Halbdebilen gleich, auf dem Fußboden und spielten, völlig unpassend, Luftgitarre zu Syntheziser-Sitar-Klängen. Ach, wie toll und lustig und wie spontan! Eine Stunde später trollte sich Peter, müde und stoned, aber ohne, dass von unserem großen Drehbuch-Plan auch nur eine Spur über geblieben wäre.
Aber, es war kein Rausch der Freude. Es war ein Delirium aus Routine, der Ersatz fürs Dasein, für die Euphorie, für die Auseinadersetzung mit der Wirklichkeit, der ich nach wie vor am Liebsten in Form von Projektionen entgegentrat, das war meine Angst vorm Leben. So soff ich mich wieder nüchtern, innerlich erschlaffend, ein Ölfleck auf wilder See, hatte ich schon längst begriffen, welches der Weg war, den einzuschlagen ich hatte, doch der Deibel, er klopfte mir auf die falsche Schulter und meinte, für alles gäbe es die rechte Zeit, bloß keine Eile, ich könne ja sonst was versäumen, und, Gottes Wege sind unergründlich, wer könne das sagen, was ist richtig, was falsch. Es sah so aus, als befände ich mich in der Midlife-Crisis. Und sie nahm kein Ende:
„Cada vez que te veo, me acuerdo del tiempo, con la cerveza al litro, mirando la puesta del sol…“
Und, hinter all der bugiganga, dem Firlefanz, besorgte sich meine allfällige Karriere nun mal nicht von alleine. Da war endlich Selbstmanagement gefragt, die viel zitierte Ich-AG, da konnte ich mich nicht auf die Hilfe von Rintintin verlassen, oder auf den Heiligen Geist, oder auf sonst wen. Romantik blieb eine Domäne der reichen Nichtsnutze, die es sich leisten konnten, darauf zu warten, ob ihr Dilettantenstatus sich auszahlte oder nicht. Ich gehörte nicht dazu. Meine Wenigkeit wälzte sich im Staub der imminenten pekuniären Katastrophe, da konnte ich Küsse bekommen, wie viele ich wollte, und falls meine nächste Braut keine millionenschwere brasilianische Popsängerin wäre, und genau danach sah es nicht aus, käme ich um die Tretmühle nicht herum. Abgesehen davon, dass Popstars nichts sind als die gut bezahlten Chronisten des ganz normalen Seins, diese eingängige Wohlklänge hüllend, die ganze dreckige Plackerei melodisch verbrämend, sie sublimierend, ins Reich rosaroter Wolken versetzt.
Ein Dutzend verlorener Jahre, zum Beispiel, in eine hübsche drei Minuten-Arie verpackt, das kommt besser an als ein Achthundertseitenwälzer und überfordert das Publikum nicht zu sehr. Nüchtern betrachtet ergab sich folgende Perspektive: Eigener Fleiß, eigene Stärke, eigene Beharrlichkeit, und der Beschluss, Politiker zu werden, harhar, das war alles, was ich dem Großen Vergessenwerden entgegenzusetzen hatte und, viel schlimmer, entgegenzusetzen brauchte. Das verhieß jede Menge Arbeit, Selbstdisziplin und Aufopferung, auch lauter Dinge, in denen ich noch nie besonders gut gewesen war. Und obwohl mich wirklich niemand danach fragte, ob ich denn bereit wäre, für den entscheidenden Waffengang, so ging jedermann davon aus, dass ich’s wäre. Außer mir.
Mich konnten sie doch echt alle am Arsch lecken. Ich war damit fertig, Vertrauensvorschüsse zu erbringen, die Eitelkeit anderer mit meinem Interesse zu polstern, als wäre es meine Pflicht und zum Dank nur blöde Antworten zu kassieren. Ein radikaler Schnitt war nötig, die Dinge auf eine Basis zu stellen, auf der nur ich die Regeln bestimmte, und niemand anders. Das Privatleben war das erste Opfer. Ich hatte keine Verarsche vergessen, die mir zugefügt worden war. Jetzt war Schluss mit jedwedem sexuellen Opportunismus, jetzt war die Zeit gekommen für einen Rigorismus, der mir vielleicht keine Sympathien einbringen mochte, aber Erniedrigungen weitgehend ausschließen konnte. Ein Rigorismus, der sicherlich morsche Bindungen kappen und der Selbstbedienungsmentalität so genannter Freundschaften hoffentlich ein Ende bereiten würde. Die Anklage „Warum nicht ich?“ war zu ersetzen durch die Feststellung „Zum Glück nicht du!“. Der schweflige Duft hart gekochter Eier durchzog meine Bude. Hunger und Durst und Rauschsucht riefen gleichzeitig meinen Namen. Ich schüttelte meinen Kopf, um klar zu werden. Was hörte ich? Tausend Worte am Tag! Wie leicht war das! Tausend Worte am Tag! Wie schwer zu gewichten! Tausend Worte am Tag! Alles zu seiner Zeit! Tausend Worte am Tag! Den Teufel wirst du tun!
Ein paar Tage später, ich hatte die Geschichte mit der Wurstfachverkäuferin schon längst als dummen Scherz abgetan, war es besonders kalt. Der Dauerschnupfen wollte wieder einmal mit heißer Suppe behandelt werden, und meine Zähne freuten sich schon über die grauen und weißlichen Fasern, von Huhn, Rind, Kalb. Das Suppenfleisch, schwer und nass und sich den Schmelz schmiegend, zwingt es die Kinnladen zu einem zähen Kuss, ehe es, mürbe Samtigkeit verbreitend, heiß die Speiseröhre hinab glitt. Der Jahreswechsel hatte doch einiges bewirkt, etliches an Daten komprimiert. So ähnlich empfand ich zwar nicht nach jedem Sylvester, aber dieses Jahr fühlte es sich ganz anders an:
Der Breistift lag in ihren Händen wie eine viel zu weiche Wurst.
Sie kämpfte um jedes Wort wie um gerinnendes Blut.
Dennoch sah alles nach einem Misserfolg aus.
Einhundertzweiunddreißig Pumpschwengelbewegungen später akzeptierte sie das schlappe Ergebnis. Dabei war das erst der Anfang der mühseligen Geschichte.
Donald Duck und Moby Dick.
Was für ein Gespann.
Ich war trotzdem ziemlich überrascht, als ein das Telefon klingelte und eine elektronisch unbekannte Stimme in den Hörer gurrte:
„Na, mein Süßer, was macht die Wurst?“
Es war SIE: Die Fachkraft in Sachen Fleischstangen.
„Sie ist dick, rund und hart.“
„Mmmh. Lecker!“
„Ich weiß ja nicht einmal, wie du heißt!“
„Jessica.“
„Oh, das ist aber ein schöner Name.“
„Und du?“
„Ulysses“, scherzte ich.
„Aha“, antwortete sie, „Doch eher ungewöhnlich. Aber hübsch, passt.“
„Nenn mich ja nicht Uli.“
Harledon Chilbe. Essighändler aus Malta.
„Ich werde aber immer dran denken müssen, jetzt, wo du es gesagt hast.“
„Selber Schuld, ich weiß.“
„Jetzt sei nicht bockig, Schatzi, gell!“
„Sag mal, seit wann sind wir überhaupt auf der Schatzi-Ebene?“
„Na ja, weil, ich mein, du hast ja gesagt, du kommst zum Schnitzelfrühstück, am Sonntag, vor dem Kegeln, nicht wahr und du wolltest Senf mitbringen…“
„Und viel gute Laune, ja, ich weiß, und?“
„NA, hör mal, ich bitte dich?! SCHNITZELFRÜHSTÜCK? Am SONNTAG? Vor dem KEGELN!? Und? Da klingelt gar nix bei dir?“
„Also bitte…“
„Was? BITTE? Was ist mit dir los?“
„Ähmmm…“
„Ist denn das so schlimm? Ich möcht halt mit dir ficken! Bist du schwul oder was?“
„He, krieg dich bitte wieder ein, ja?“
„Das ist ja wohl die Höhe! Ich soll mich wieder einkriegen? Was glaubst du Bürschchen eigentlich? Denkst du wirklich, ich bin auf einen wie dich angewiesen?“
Ich lachte sie aus:
„Was willst du dann von mir?“
„Ich bin doch nicht blöd! Mir ist aufgefallen, dass du immer zu 'ner Zeit einkaufen warst, bei der anständige Leute arbeiten! Außerdem bist du viel zu dick für dein Alter!“
„Ja und?“
„Was bist’n du für einer? So’n Sozialhilfepenner? Nee, dazu biste zu gut angezogen, und du hast auch immer nur das gute, teure Rindfleisch gekauft, die Assis nehmen immer nur das fette, billige Schweine-Zeug. Aber, du hattest auch wirklich JEDESMAL zwei oder drei Bier im Wagen! Oder bist du so ein reicher Nichtsnutz? Wäre mir persönlich ja lieber, du könntest dann mal was springen lassen!“
„Ja“, entgegnete ich, „Am Besten hundert Kilo Pommes mit viel Mayo!“
„Meinst du die von Rudy?“
„Herrgott! Was kennst du denn für Typen?“
„Wenn du frech wirst, mein Junge, dann pass mal lieber auf! Das sag ich dem Rudi aber! Er kennt da ein paar Ludenschläger, ganz privat sind die voll lieb, glaube mir, und die essen auch alle gerne mein Gulasch, die können mir keine Bitte abschlagen, die Jungs, und die verpassen dir eine Abreibung, dass dir hören und staunen vergeht!“
„Mir? Ja weshalb denn?!“
„ZUR STRAFE FÜR DEINE ABWEISUNG!!! DU FERKEL! Und außerdem, ich fick auch mit ALLEN Postboten hier im Rayon, verlass dich drauf, ich FINDE DICH! UND DANN MACH ICH DICH FERTIG, DU ALTE POTTSAU!!!“
„Schatzi, schätze, Schnitzelfrühstück ist erstmal gestrichen.“
Ich legte auf.
Dann lieber Canasta spielen. Oder Wagner.
Seine Vorspiele sind eh recht symphonisch, das gefällt mir.
Zeit als Waffe, diese Schiene eben.
Wie das Internet auch als weltweiter Wartesaal fungieren kann, wenn es das grade so will.
In diesem Sinne: Fickt nicht mit euren Nachbarn!
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