Der Gemeine Katzenpanda

Freitag

Nummer 355

Lustig: ''Ich bin nicht speziell kinderlieb.'' Zitat Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger zum 75. Geburtstag.
Traurig: Der geschasste Kunst-Dandy und Korruptions-Master Gerald Matt jammert über die Grünen-Mafia
Klassikaner: Die SPÖ-Ministerin Schmied will die auch wegen politischer Fehler finanziell angeschlagenen Universitäten im Rahmen der Verhandlungen der Finanzierungspläne politisch an die Kandare nehmen und sozialistische Planwirtschaft einführen, inklusive Mitspracherecht bei Forschungszielen, Ferien, Studienangebot etc. Die marxistische Hausmeister-Uni lässt grüßen: Proleten hinein in die Aula!  

Nummer 354

Das Wort der andren



Friend --

Early this morning, the last of our troops left Iraq.

As we honor and reflect on the sacrifices that millions of men and women made for this war, I wanted to make sure you heard the news.

Bringing this war to a responsible end was a cause that sparked many Americans to get involved in the political process for the first time. Today's outcome is a reminder that we all have a stake in our country's future, and a say in the direction we choose.

Thank you.

Barack

Donnerstag

Nummer 353

Lustig: Der neue Sherlock-Holmes. Robert Downey Jr. in Höchstform, mit Jude Law. Weihnachtsfilm 2011 !!!
Trauri:g: Ganz Nord-Korea. Cholera. Chor-Ära. Wegen des Heimgangs ihre "lieben Führers" Dschingis-Il.
Klassikaner: Frankreich und die Türkei streiten sich wegen der Armenier.

Nummer 352

DIE BALLADE VON SOAPY SMITH

Non olet







Das Frozen Hours kannte keine Sperrstunde. Die Goldgräber am Yukon verstanden da keinen Spaß. Sie waren es, mit ihren verfaulten Zähnen und dreckigen Seelen, welche die Service- Idee anstießen. Wer aus der Kälte kam, der wollte nicht warten, bis irgendwelche Läden oder Saloons und Puffs aufsperrten, der wollte HIER UND JETZT seinen mühsam erschufteten Goldstaub verprassen. So kam es, dass aus diesen kalten Dezembernächten, wenn die letzten Novembernebel zu Straßenglätte zerkrümeln, die ersten Shopping-Nights der amerikanischen Geschichte hervorgingen. Klar wurde da jeder über den Löffel barbiert, aber es war eine freiwillige Sache.
Anfangs.
Als dann auch die anderen Läden anfingen, rund um die Uhr geöffnet zu haben, rutschten die Preise in den Keller, die Goldgräber fanden keine Nuggets mehr, alle gingen in die Pleite und ganze Städte verschwanden von der Landkarte.
Puff!
Alles nichts gewesen!
Soapy Smith war einer dieser krummen Schatzsucher, Eigenbrötler, Waldschrate, mit vernarbten Mündern, und knorrigen Gesichtern aus denen unappetitliche Bartkakteen sprießen. Speisereste verrieten viel über ihren Verspritzer. Unser dreckiger Held war ein wilder Hund, der seine Huskys schon fest als Proviant einplante, um zu sparen und fit zu bleiben.
Die Indianer aßen schon seit Jahrtausenden ihre Hunde, die sie, ähnlich wie wir es mit den Hühnern tun, zu diesem Zwecke züchteten.
SUCH A GOOD DOG!
HMMM! LECKER MARK AUS OFFENEN SCHIENBEINKNOCHEN SAUGEN!
Ich denke, Sie merken schon, die Ballade von Soapy Smith ist so dermaßen grausig, allein die Bilderchen, die bunten, auf der Packung außen drauf, die reichen, um nicht alles vor Ihnen abspulen zu wollen.
Sorry.
Puuuh!
Hippocampus!
Ich streichle auch lieber mein neuestes Geschenk, ein allerliebstes Stoffkätzchen.
Er heißt Chester.
Ich muss mein Kätzchen bei mir haben.
Hauptsache weich und Streicheln.
OH YEEEAHH!
YEAH YOU'RE THE ONLY ONE
Hört nach bei MM.
Für Ablenkung wird gesorgt.

Und überhaupt, ist Hans Eichel ein Hochstapler?
Ein Tiefstapler?
Ein Baggerfahrer?
Trittbrett für Nitrite und Nitrate im Blut.
Auch er ein morsch gewordener, verzweifelnder Décadent? .
Einer, der DOCH BITTE NICHTS DAFÜR KANN!
Ein Finanzminister, der im Bundestag vor laufenden Kameras heulen kann, wo gibt es denn so was?
In Österreich etwa, oder in der Tschechei?
Ja, dieser Mann ist zerbrochen an seiner schweren Last, Staat zu machen.
Ja, der ekle Osama ist schuld am Versagen Hänschens, aber der ist so nobel, dies nicht aussprechen zu müssen.
Es weiß ja eh jeder, auf einer metaphysischen Ebene.
Aber dieser Blick, wie der einer 72 Jahre alten Frau, ein Ex-Hollywood-Star, die auf ihr Alter angesprochen, verzweifelt sagt:
"Ich bin 27, warum?".
Jeder weiß es, na und?
Unser Eiserner Hans, wie ihn die Presse anobstet, ist der DJ Bobo der Bundesregierung: Sauber, ehrlich, fleißig.
Großer Erfolg bei dem eher jugendlichen oder ehm, junggebliebenen Publikum.
Kinder und Rentner.
Zumindest der echte, der Schweizer.
Cleveres Sponsoring ist eben alles.
Und doch, irgendwie der Wahrheit verpflichtet.
Wie die Balance halten?
Schwierig schwierig popierig.
Informationsausfluss.
Ekelerregend.
Denn die ganze Nation badet mit, im Schlamm.
Ist ja auch egal, Sie sind ja sonst auch nicht so ein Korinthenkacker.
Oder, wie steht's mit Ihrer Steuererklärung, häh?
Meine war sauber, und ich habe sogar DM Siebenhundert zurückerhalten, YEAH!
OK, jeder will an die fette Beute, aber ich habe Skrupel.
Oder habe ich lediglich Skrupel?
Würde ich zum Beispiel Steuern hinterziehen, wenn ich sicher sein könnte, einer laxen Beamtenschaft entgegenzusehen?
Ich glaube, ja.
Aber jetzt, wo der Nikolo rot und weiß und fett und schokolebkuchenbraun im Fenster steht, wollen wir alles vergeben und vergessen, und möglichst viel Knete unters Volk bringen, n' est pas?
Sogar der Rudy Giuliani verlangt von den New Yorkern Konsum!
Herrlich!
Shoppen für die Freiheit!
Die Frage aber, oder Terence Hill wirklich echte blaue Farbelinsen trägt, ist für mich nicht ausreichend geklärt.
Und wenn irgendeinem Arschloch meine Texte zu sprunghaft sind, dann mag er oder sie bestimmt auch keine Musique Concrète.
Oder James Douglas Morrison.
Sonntagmorgenfrühstück ist cool.
Wobei wir saten Elitisten lieber Lanson Black Label trinken als etwa Moet-Chandon oder ähnliches Gesöff wie der prollige Mumm Cordon Rouge, und erst dieser schlabberige Roederer Cristal, dieses Russenzeug, wie unfein, pfui.
Dom Perignon, ja, der geht gerade, und Veuve Clicquot.
Aber sonst?
Zum Glück gibt es ja dafür Taschentücher.
Aber das ist ja schließlich kein besonderes Weihnachtsgeheimnis.
Was sich liebt, das leckt sich.
Das Leben ist ohnehin wie eine Mahjong-Partie. Du gerätst in Situationen, die auf den ersten Blick schon nach drei, vier Zügen hoffnungslos wirken, aber du nimmst die Herausforderung an.
Und siehe, genau dann, wenn du es am wenigsten erwartest, fallen dir die Steine wie Schuppen von den Augen, das Spiel geht auf!
Dann hast du einen Lauf, und alles sieht möglich aus!
Na, ich musste erst lernen, die Zähne zusammen zu beißen, bin aufs Neue überrascht, wenn sich meine Theorien zu "Meine Stärke ist Beharrlichkeit" selbst beweisen.
Das einzige, was jetzt mürrisch wirkt, ist mein Aberglaube.
Ein irrationaler Argwohn, Dinge zu verschreien:
Deshalb muss ich ein paar Monate die Klappe halten, ehe ich euch etwas erzählen werde.
Ja, ich muss ja die Spannung ein wenig am Köcheln halten, das gilt ja für mich genauso.
Herrlich, wieder einmal einen kryptischen Text schreiben zu dürfen, nachdem mir meine Konsequenz befohlen hat, zwecks der Übung einige kurze Geschichten zu erfinden, mit Sinn und Dialog.
Well, ich glaube, Sie können das am ehesten beurteilen, denn schließlich haben Sie diese Texte ja auch selbst gelesen.
Oder etwa nicht?
Na, das muss ich doch glatt nachholen!
Bis mir das Handgelenk wehtut!
"Wo ist der Schlüssel?"
Es war eine gezeichnete Figur, die das fragte. Ein großes, dünnes Fragezeichen, zwei horizontalen Strichen im obersten Viertel des Schwanenhalses, Nase unten, und zwei winzige Lippen, die sich fast wie Hämorrhoiden vorstülpen.
Der Hausmeister hatte vergessen, seinen Lagerschlüssel abzugeben.
Das Rechtschriebprogramm ist wirklich beschissen, es erkennt nicht die idiotischsten Tippfehler.
Na, obwohl doch.
BLABLABLA BLABLABLA BLABLABLA.
Da kannst du ja trübsinnig werden.
Der Sergeant hatte gekämpft wie ein Löwe. Er hatte sich erst ganz am Ende erschießen lassen, als die anderen schon alle weg waren.
Irgendwo in der Wüste.
Irgendwie, fand sein Gegner, war doch ein süßes Kerlchen gewesen.
Was für ein Schachzug, erkannten sie, rühre das Volk zu Tränen, und du hast das Herz auf deiner Seite.
Lohte es sich, dafür zu sterben?
Sie wusste es nicht.
Sie mästeten sich mit Poularden und fragten sich, ob es denn noch Sinn machte.
Es war krank und verlogen, dekadent und erfolgreich.
Denn Rest kann er sich klemmen.
Reine Gehirnwäsche.
Obwohl bloß eine Schicht auf einmal abgeht.
Die Szenen ähneln sich.
Hier ein nicht stubenreiner Hund, da ein ehemaliger Freund.
So ist es eben, wenn du einen Menschen gründlich verkennst.
Nach Jahren erkennst du es, und es ist dir peinlich.
In dem Alter noch?
Das kann doch bestenfalls nicht bös gemeint sein.
Schlimmstenfalls stinkt es nach Falschheit und Verrat.
Daran will ich mir allerdings nicht die Finger dreckig machen.
Zehn Jahre lang das Maul halten, und plötzlich, weil du die Wahrheit sagst, wird über dir ein stinkender Mistkübel ausgeleert, mit klebrigen Bodenstücken und eitrigem Salpeterwasser.
Da frage ich mich zu Recht, war der Typ jemals ein Freund, wenn er nie gesagt hat, was er wirklich von dem und dem hält?
SO ein Blödmann.
Wäre alles nicht notwendig.
Immer gleich den Mund aufmachen.
So eine Mönxerei.
Flimmerndes Neonlicht.
Ein Pissoir.
I have my hair put back together.
Lichtspiele am laufenden Meter.
Halleluja und Goodbye.

Nummer 351

Lustig: Bolivianisches Kokain kommt neuerdings in Hakenkreuz-Verpackung.*
Traurig: Türkische Rekruten können sich in Zukunft um 12.000 Euro vom Dienst an der Waffe freikaufen. Und die armen Schlucker? Traurig! Viel Spass mit den ganzen frustrierten Kalaschnikow-Habenichtsen!
Klassikaner:  Der "Kornspitz" keine geschützte Marke mehr. Dumm jeloofen für die Erfinder. Klagedrohung!


Böse Nazi-Drogen-Nazis!

Und weil's halt so schön ist: 
Böses Nazi-Weckerl! Mit Schweinsbraten!

Mittwoch

Nummer 350

Lustig: Fußball-Superstar Ronaldo im Fett-Kostüm.
Traurig: Wiener Gebühren-Sturm tobt auch 2012 ungemindert weiter.
Klassikaner: Deutscher Bundes-Präser Wulff tief in Korruptionssumpf verstrickt.

Nummer 349

STUMPY & FUCHIKATO

Eine Art Weihnachtsmann-Geschichte




Stumpy seufzte. Er war gar nicht gut drauf, da sich einer der für die Jahreszeit üblichen, plötzlichen Wetterumschwünge durch Phantomschmerzen ankündigte. Die Monsunzeit war für unseren Stumpy, der eigentlich Harold „Harry“ Mueller hieß, ein einziger Alptraum. Normalerweise verbrachte er die Zeit zwischen Mai und Oktober im klimatisch wesentlich stabileren, heimatlichen Kanada, wo er die Dependance der Detektei leitete, die ihm zu gleichen Teilen wie seinem Partner Akira Fuchikato gehörte. Nicht, dass Saskatchewan kriminell ein heißes Pflaster wäre, aber es reichte für die Umkosten. Dieses Gentlemen’s Agreement erstreckte sich auch auf die sonstige Arbeitsteilung. 
Musste es ja auch.
Stumpy war nämlich nicht von ungefähr zu seinem Spitznamen gekommen. Und er war eine Legende in den weltweit agierenden Kreisen der Privatdetektive. Kein Kongress, zu dem er nicht als Ehrengast eingeladen wurde, ja, manche meinen sogar, ohne sein gleißendes Vorbild wäre es gar nicht zur globalen Privat-Kriminalistenschwemme gekommen, die letztendlich auch zur Verhaftung von Ober-Terroristen Wosama bin Bladi geführt hatte.
Alle Welt stand in der Schuld des Kanadiers, der vor dem schrecklichen Dings mit seinen Haxen auch ein sehr talentierter Nachwuchs-Kanute gewesen war. Am Anfang seiner fulminanten Karriere war er einem Mafiaboss in Montreal in die Quere gekommen. Stumpy, oder vielmehr, damals noch Harry, arbeitete für einen korrupten Anwalt, der seinen Boss hasste, eben Jean Caputo, ein Korse und Bandit, eifersüchtig bis dorthinaus, unendlich grausam. Der Anwalt, Maitre Jacques Monpierre, hatte wiederum eine Tochter, Dalilah geheißen.
Kurzum, eines schönen Tages wurde sie von Jean Caputo vergewaltigt. Es war mehr die Angst vor einem Mafia-Massaker gewesen, als die Feststellung seines Mandanten, er habe sie ja nur in den Arsch gepimpert, aber dabei sicher nicht der Erste gewesen, der es getan hatte, die den Mafia-Anwalt überzeugte, erst mal die Füße still zuhalten. Caputo, ein typischer Nouveau Riche verstand das natürlich nicht, in seiner monströsen Eitelkeit. Seit damals waren schon sieben Jahre vergangen. Dalilah war die letzten fünf davon auf Tabletten gewesen und auf den Strich gegangen, lag aber seit drei Wochen auf der Intensivstation, weil sie sich auf einer Bahnhofstoilette ganz klassisch den Goldenen Schuss verpasst hatte.
Nun trat Harry Mueller in der Szene zum ersten Mal auf.
Er stammte aus dem eher rustikalen Hinterland um Moose Jaw, obwohl die ganze Gegend vielmehr wegen des ominösen abominable Bigfoot bekannt ist, auf Kanadisch eben der Saskatchewan, was in der Eingeborensprache Cree auch „stark behaarter Mensch“ heißen möge. JA, eine sehr, sehr ruhige Gegend. Harry hatte in seiner Kindheit sehr viele Kriminalromane gelesen, Schund ebenso wie hohe Literatur, Yellow Pulp und Raymond Chandler. Das hatte ihn tief beeindruckt. Als junger Erwachsener, groß und stark, mit weißen Zähnen, von Weizenbrot und Steaks gestählt, ein braver Bürger, aber herzlich naiv, hatte er in Regina, der Hauptstadt der Provinz Saskatchewan, eine Detektivschule besucht und auch erfolgreich abgeschlossen.
Ehe er den Sprung ins kanadische, na ja, Sündenbabel Montreal, wagte, ging er erst nach Saskatoon, ein Bahnknotenpunkt und Universitätsstadt in den Great Plains. Hier konnte er erste Punkte sammeln, indem er der Polizei entscheidende Tips zur Ergreifung einer Bande von drogensüchtigen Bankräubern aus Edmonton gab. In der Tat hatte das Gangstertrio in seinem Benzedrinrausch auf der Flucht, unterwegs mit einem gallegelben 1974er Toyota Corolla, die falsche Abzweigung erwischt. Sie waren solange weiter geradeaus gefahren, bis sie eine Autobahnzollstation passiert hatten, und annahmen, schon in Montana, USA, zu sein. Die hirnamputierten Jungs warfen mit Kanadischen Dollars um sich, und wunderten sich kaum, wie sie in den Vereinigten Staaten ohne Geld zu wechseln Autos kaufen, Nutten bezahlen und Lokalrunden schmeißen konnten.
Harry machte sich in bester Film Noir – Tradition an die Typen ran, und zog nach ein paar Tagen die richtigen Schlüsse. Eine Woche später saßen die Verbrecher im Knast, und Harry wurde im lokalen Fernsehen belobigt.
Doch leider war sein Ruhm in der Provinz sehr kurzlebig.
Als er sechs Monate später total lässig in den Detektivbüros von Montreal auftauchte, mit Trenchcoat, Schlapphut, filterloser Zigarette im Mundwinkel und zusammengekniffenen Augen in die Chefzimmer platzte, sich unaufgefordert hinsetzte, zackig die langen Beine auf die Tischplatte knallte und durch die auseinander geklappten Füße hindurchschnarrte:
„Ich bin der Typ aus den Nachrichten!“
Flog er ohne viel Federlesens wieder hinaus, sobald die Ober-Schnüffler spitz hatten, dass Harry kein exzentrischer Kunde war, der einen Job hatte, sondern Arbeit suchte.
Seine mageren Ersparnisse schmolzen dahin, sein Französisch war grauenvoll, und am Ende reichte es nicht mal für einen lausigen Hamburger-Job. Da kam er auf die Idee, ein üppiges Inserat in die berühmte englischsprachige Zeitung „The Gazette“ zu setzen, in welchem er sich als super Geheimdetektiv mit Fernseh-Auftritten rühmte und seine Dienste anbot.
„Herrlich!“, dachte sämig Maître Monpierre, als er die Kleinanzeigen nach einem jener Versager durchsiebte, die es nötig hatten, für sich Werbung zu machen. Ausgiebig hatte er schon Kontakte zur kanadischen Staatsanwaltschaft geknüpft, die ihm Straffreiheit garantiert hatte, falls er ihnen seinen Boss als Kronzeuge ans Messer lieferte.
Um sich Racheakte seitens der Korsen zu ersparen, suchte der Winkeladvokat nun einen solchen Sündenbock. Er schickte flugs an das angegebene Brieffach (noch ein Hinweis auf die totale Unbrauchbarkeit: Nicht mal ein eigenes Büro hatte der!) ein dickes Kuvert mit zweitausend Dollar in kleinen Scheinen und der Instruktion, sich zur Verfügung zu halten für einen großen Fall, der ihm noch weitere acht Tausender einbrächte. Der gewiefte Jurist hatte richtig getippt: Unser armer Harry hatte noch nie so viel Geld auf einen Haufen gesehen, sogar die Bankräuber in Saskatoon waren ja von den Bullen verhaftet worden.
Eine Woche später, die Harry praktisch auf dem Postamt verbrachte, kam schließlich der zweite anonyme Brief, der ihm genügend Angaben zu Jean Caputo lieferte, samt Photos, um auch das dümmste Landei auf die richtige Spur zu bringen. Monpierre schilderte ihm den Mafioso als harmlosen Ehebrecher, den Harry bloß beschatten sollte. Harry machte sich also auf die nicht mehr frischen Socken, taperte unbeholfen durch halb Montreal, auf den Fersen Caputos, und war dabei so unauffällig wie ein Blaubart im Nonnenkloster. Die Ganoven hatten es schon am zweiten Tag spitz, daß dieser Trottel definitiv kein Landei-Cop war, OK?!

Die Handlanger des Bandenführers, brutale Halsabschneider aus allen Häfen der Welt, Narbengesichter von Papeete bis Pearl Harbor, kidnappten unseren tumben Toren und fuhren mit ihrer Beute in eine abgelegene Garage. Jean Caputo wollte sich das Verhör partout nicht entgehen lassen. Von der Anwesenheit ihres Patrons inspiriert, legten sich Tom und Dick und Harry besonders ins Zeug. Erst wurde Harry nach Strich und Faden verdroschen. Spätestens dann, als sie ihm den ersten Finger brachen, und ihm mit der Kneifzange die Nägel stutzten, erkannte Harry den ganzen Schwindel um den Weihnachtsmann, Bambi oder Lassie und teilte dies auch mit. Die Jungs waren ziemlich effektiv. Mehr konnte er bald ohne Zähne nicht sagen. Caputo wurde langsam aber sicher sauer. Er griff persönlich in die Befragung ein. Doch Harry wollte den Namen seines Auftragsgebers um offensichtlich keinen Preis verraten. So felsenfest stand er zu den ethischen Prinzipien seines Berufs, so was hatte selbst Caputo nicht erlebt. Es sei Harry verziehen. Der Privatschnüffler ließ sich lieber mit einer Säge die Beine abschneiden als Verräter zu werden. Denn Harry, nunmehr Stumpy, hatte den Namen des Anwalts niemals erfahren, konnte ihn also gar nicht preisgeben, was er ja sonst sofort getan hätte (aber das hatte er später niemandem erzählt). So aber schrie er sich die Lunge aus dem Leib. Den hartgesottenen Schurken ging es durch und durch.
Même Caputo wurde es beim Anblick der zuckenden Stümpfe schlecht. Er musste kotzen. Mittendrauf. Wenigstens versiegelte die Magensäure die blutenden Stümpfe. Bei dieser Gelegenheit brach jedoch ein altes Caputo-Magengeschwür auf, und der korsische Killer röchelte bald nur noch vor sich hin. Seine Schläger hatte natürlich keine Ahnung, was mit ihrem Chef los war, also brachten sie ihn stante pede ins nächste Krankenhaus. Das Gebrüll hatte aber auch ein paar Penner in ihrem gemütlichen Barackenlager ganz in der Nähe alarmiert. Einer von ihnen, der Ex-Marine Old Gunny Bill, hatte noch ein wenig Mumm in den Knochen. Aber selbst der Veteran von Peleliu und Okinawa prallte entsetzt zurück, als er zuerst die Beine und dann den Rest von Stumpy sah. Er besaß noch genügend Verstand, die Stümpfe mit Schnaps zu begießen, ehe er sein Zippo hervorkramte. Das Sturmfeuerzeug hatte ihn noch nie im Stich gelassen. Er konnte sich an die Mollies in Bloody Nose erinnern, an den Flammenwerfer-Hünen Stan, aus Brooklyn, die lebende Fackel, und zündete den Schnaps an. Das Fleisch brutzelte. Harry brüllte. Aber es stoppte die Blutungen. Anschließend verband er die ausgebrannten Verletzungen notdürftig mit Lumpen. Old Bill brüllte:
„HOLT EINE AMBULANZ, SCHNELL!“
Einer der Kumpane, der Dünne mit Hasenscharte, aus Okinawa, wetzte los, zum nächsten Krankenhaus. Im sozial sehr warmen Kanada war es kein Problem, zwei Veteranen aus dem Nachbarland wie Menschen zu behandeln. Die Ambulanz würde selbstverständlich dem vermutlich Obdachlosen zu Hilfe eilen, der sich wohl besoffen ein wenig ins Bein geschnitten hatte, was sein genauso besoffener Kumpel natürlich wild ausgeschmückt haben musste. War doch immer dasselbe, mit diesen Pennern, dachte der Chauffeur und raste zum Ort des Geschehens. Hinter ihm, im Krankenwagen, saß mit klopfendem Herzen Harry The Scary Marks, der entstellte Penner. Er war im Krankenhaus in die Notaufnahme gestürmt, und den diensthabenden Arzt ÜBERZEUGEND vorgestammelt, wie DRINGEND es war. Er war praktisch die ganze Familie des alten Marine. Sie kannten einander seit dem Bootcamp. Die Ambulanzfahrer, die selber schon einiges mitgemacht hatten, behielten einen professionell kühlen Kopf, verfrachteten Stumpy samt Einzelteilen ins Auto und flitzten zur Notaufnahme. Die Stadtstreicher wurden am Rande dieser Existenz schnell wieder vergessen. Doch die hervorragenden kanadischen Ärzte konnten Harrys schwer verstümmeltes Leben mit Leichtigkeit retten. Als er wieder ansprechbar war, fragte ihn ein kanadischer Kriminal-Polizist kultursensibel, wie das kleine Malheur denn geschehen war. Da wusste unser völlig schockierter Krüppel nur einen Namen:
„Jean Caputo!“
Praktischerweise lag der ja gleich im Nebenraum. Total groggy von Seconal und Morphium, dämmerte der Boss nach der Not-OP auf der Gastrischen seiner Heilung entgegen. Er konnte gegen seine Verhaftung kaum aufmucken.
Aus Harry hingegen wurde eine internationale Berühmtheit.
Sein Heldenmut wurde sogar von und in Hollywood verfilmt, der Film ein Box Office Hit, und Stumpy konnte sich vor Arbeitsangeboten kaum retten.
Sogar seine Eltern waren endlich stolz auf ihren Sohn.
Alle zufrieden.
Bis auf Caputo. Aber ein paar Jahre später schlitzte ihn jemand im Knast wegen einer Dose Ölsardinen mit einem Dosenöffner von oben bis unten auf. Harry Mueller hatte sich schlussendlich nach Abflauen der für ihn so vorteilhaften PR-Kampagne drauf konzentriert, richtig Cash zu machen. Jäh aus seinem Gutmenschenbewußtsein erwacht, war nunmehr Stumpy nur über den Glauben zu einem zufriedenen Menschen. Durch Werbeverträge und Filmlizenzen bereits schwerreich, hatte Stumpy sich entschieden, wie Nero Wolfe und andre Freizeitdetektive, einen Teil seines Reichtums ins Hobby zu investieren, das ihm bisher schon so viel gekostet, aber auch schon so viel gegeben hatte: Stumpy Mueller, PI.
Ein gutes Jahr war mit der Suche nach einem geeigneten Mitarbeiter vergangen, als Stumpy sich endlich für einen fleißigen Partner aus Asien entscheiden konnte. Für Akira Toyotomi, einen ehemaligen Kempetai-Sergeant. Er hatte sogar die berüchtigte Reservistenschule in Kudan absolviert. Der Ex-Feldpolizist der KJA hatte erstaunliche Referenzen. Das war wichtig, für den ganzen Laden. Denn Akria würde schuften müssen. Die ausführende Hand, sozusagen. Denn es war ja klar, Stumpy würde eher für den repräsentativ-kreativen Teil der Firmenleistung aufkommen.
„Wie soll ich denn ohne Beine Leute beschatten, Akira, häh?!Mit dem Fallschirm?“
Sein Neo-Mitinhaber hatte das sofort eingesehen. Abgesehen von solchen protokollarischen Finessen entwickelten die Männer Gefühle für einander. So ging alles einen Gang. Gemütlich.
Akira hingegen, der japanische Teilhaber, wühlte auch im Sommer weiterhin im niemals schwindenden Schmutz der High Society von Manila, ganz furchtloser Abkömmling einer Samurai-Familie. Er hätte sofort Seppuku begangen, wenn er jäh von der fundamentalen Lebenslüge seines Kompagnons erfahren hätte. Vor allem, weil er ja, erschüttert von der ganzen Treue-Story, knapp zwei Jahre zuvor mit seinem heiligen Sippen-Schwert sämtliche Genossen des Korsen niedergemetzelt hatte, aus Rache für seinen Partner.
Der Japaner und der Kanadier hatten sich für die Hauptstadt der Philippinen entschieden, um ein Büro einzurichten, weil die Filipinos erstens machohafte Gesten liebten und verstanden, zweitens Stumpy dort für einen der gehassten aber bewunderten Amerikaner gehalten wurde, und drittens jedermann noch genug Schiss vor den Methoden der Japse hatte. Der Veteran musste also weiter lügen, schon aus Rücksicht auf Akira, den er echt mochte.
Doch der war seit Wochen im tiefen Süden der Philippinen, unterwegs auf der Insel Cebu in einem sehr komplizierten Fall, eine üble Geschichte um Korruption, Erpressung und Mord. Seit einigen Tagen hatte sich Akira nicht mehr gemeldet. Harry machte sich langsam Sorgen. Denn nach der Angst vor den Japanern kam gleich der Hass auf sie, und die Filipinos waren nicht gerade zimperliche Waisenknaben, wenn es um Folter ging, schon gar nicht die Jungs der Mali-Mali-Milizen. Vor allem, seit die angeblichen Moslem-Rebellen von den Amerikanern völlig nieder gebombt worden waren. Abgesehen davon handelte es sich um Versprengte, die nun ganz ohne religiöses Brimborium zu ihrem angestammten Beruf als Piraten und Entführer in die Sümpfe und Lagunen zurückgewatet waren, gesuchte Gesetzlose, die nichts mehr zu verlieren hatten.
Die Amerikaner hatten Kopfgelder ausgesetzt.
Fuchikato-San wollte auch ein kleines Stückchen vom Belohnungskuchen erhaschen, was bei insgesamt einer halben Milliarde Dollar Belohnung immer noch ein erklecklicher Batzen Bares wäre.
Die ehemaligen Rebellen waren auch deswegen so leicht zu finden wie Diamantenstaub in Puderzucker, und ihre Laune entsprechend ätzend. Doch der Japaner kannte keine Angst.
„Akira ist also verschwunden, und solange er weg ist, kann ich den verdammten Laden nicht dichtmachen!“, räsonierte Stumpy, rieb sich wimmernd die Stümpfe, und spülte drei starke Schmerztabletten mit Brandy hinunter.
Aber er blieb hart, auf seinem Posten und besoffen, bis ihn eine Woche danach wieder einmal ein Poststück aus der Bahn warf.
Aufgrund des Verwesungszustandes konnte er schließen, dass Akira schon länger keine Schmerzen mehr litt. Der Kopf stank wie ein Haufen Scheiße und hätte samt den Maden als Requisite in jedem Zombiefilm dienen können.
Die Augen, die Lippen, Nase, Ohren und Zähne waren gewaltsam entfernt worden, und zwar nicht erst post mortem, wie Stumpys scharfer Blick sofort erkannte.
Abgesehen davon wussten Akiras Mörder, sie hatten es mit dem berühmten Duo Stumpy & Fuchikato zu tun, auch wenn dieses Gespann nun auf einen Mann, noch dazu bloß ein halber, reduziert war. Stumpy würde dennoch nicht weichen.
Die ganze Welt war noch von Akiras grausamem Tod geschockt, als die Öffentlichkeit ein zweites Mal unter einem fürchterlichen Magenhaken taumelte, es war das Coming out des Macho-Detektivs. Ja, Akira und er waren im wahrsten Sinne des Wortes Partner, teilten sich Schreibtisch und Wasserbett. Jetzt hatten ihn perfide Mordbuben grausam gemeuchelt.
Harry war in Rache gewandet.
Bei Nacht und Nebel zog er sich zur Recherche tief in die Slums von Manila zurück, umgeben von einer Schar aus treuen, stummen Dienern, und zog seine Fäden. Nach und nach gingen alle Ex-Terroristen ins Netz der Geheimdienste oder standen vor den Exekutionskommandos der philippinischen Armee. Lediglich der Obermacker lief irgendwann noch frei herum. Zu diesem Zeitpunkt ließ sich Stumpy in aller Öffentlichkeit im Triumphzug zurück in sein Büro tragen. Vor laufenden Kameras verhöhnte er den Kopf der Banditen als feiges Weichei, das nicht einmal die Traute hatte, sich mit dem schwulen Krüppel anzulegen, der seine gesamte Organisation aus dem Rollstuhl heraus im Alleingang auseinander genommen hatte.
Wie gesagt, manche Filipinos sind extrem heißblütige Menschen, und so kam es, als draußen gerade ein deftiger Monsunsturm tobte, dass Harry Besuch bekam.
Es war der große Unbekannte höchstpersönlich, Abu Abu-Abu El Abu, erster und letzter Vater der Aufrührer schlechthin, der wortlos aber mit glühenden Katzenaugen plötzlich in Harrys Büro stand und eine übel blitzende Machete aus dem Futteral zog, standesgemäß cool auf den Rücken geschnallt.
Aber er war erwartet worden.
Der Asiat vollführte noch ein paar Furcht einflößende Manöver mit dem Hackschwert, das die Luft im Büro zerschnetzelte, konnte aber den Detektiv damit nicht sonderlich beeindrucken, da dessen Hände ganz ruhig auf der Tischplatte liegen blieben. Erst als der Freibeuter einen markerschütternden Schrei ausstieß, und mit wild schwingender Machete auf Harry losstürzte, zuckte dessen Rechte in einer blitzschnellen Bewegung zum Abzug einer doppelläufigen Schrotflinte, die an der Unterseite der Tischplatte verborgen angebracht war. Er drückte den Abzug. Die schwere Waffe bellte. Stumpy hatte sie mit zweierlei Munition geladen: Eine Ladung 0/0-Schrot rasierte dem Mörder seines Partners die Eier und den Schwanz ab. Stumpy drückte noch mal ab: Ein Dumdum-Geschoss pürierte dem Gauner die Hände, die er vors Gemächt gekrampft hatte, und riss ihm anschließend den halben Arsch weg. Seine unteren Extremitäten verabschiedeten sich nach dieser radikalen Amputation.
„Siehste“, sagte Stumpy, „Jetzt sind DEINE Beine futsch, und du hast nicht mal mehr ein Arschloch, du Arschloch.“
Regungslos beobachtete Stumpy die Agonie des Rebellenführers, die heraus geplumpsten Eingeweide, grau-rosa Gummiwürste, auf den Teppich geklatscht. Er rief erst die Polizei an, als das letzte Zucken vorbei war.
Er machte seine Meldung und legte müde den Hörer auf.
Dann zog er sich das Einstecktuch aus der Brusttasche, was ihm Linkshänder mit der Rechten ein wenig Mühe bereitete, wischte sich die Blutspritzer aus dem Gesicht, machte sein Pult auf und nahm die Brandy-Flasche heraus. Harry spürte den nächsten Schmerzanfall kaum, biss die Zähne zusammen, jammerte, hob den Branntwein schnell an die Lippen. Er trank lange und gierig, und als er die Flasche wieder absetzte, konnte er in der Ferne die ersten Sirenen heulen hören. Harry massierte sich die Stümpfe und seufzte wieder. Die Rebellen-Machete hatte bei ihrem letzten, ungezielten Flug durchs Zimmer Stumpy getroffen und ihm den linken Arm abgehackt.
Bald wären sie da, samt ihren Kameras, dummen Fragen, fetten Schecks, und alles würde wieder von vorne losgehen.
„Nein, das wird es diesmal nicht!“
Er lallte:
„Ich werde der Versuchung nicht noch einmal erliegen!“
Er trank den Brandy aus und warf die leere Flasche verächtlich über die Schulter.
Stumpy öffnete die Schreibtischlade noch einmal, nahm seine geliebte Magnum heraus, steckte sie sich in den Mund und drückte ab.

Nummer 348

Langsam aber sicher schrappt sich der Kalender dem kurzen Ende zu, liegen Hochnebel und Koksmief hartnäckig über dem Augarten und seiner näheren Umgebung. In den Medien läuft bereits der Countdown für die Unwörter und Rückblicke bzw. die Totenschauen des Jahres, dennoch wird hier, im Bunker, noch damit zugewartet, zu frisch sind die Erinnerungen an den Tsunami Ende Dezember 2006. Da setzte es eine ziemliche Blamage, für die ganze Spökenkieker-Zunft. Fein, daß ich damals nicht unter Thai-Palmen an einem Bier lutschte, kann ich nur sagen. Von der Vernunft gerettet, quasi. Denn alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei, die Wurst hat zwei, die Wurst hat zwei. Ohne Schreibfehler! Echt! Das Bier schmeckt immer. Politik ist immer Scheiße. Jeder kann Udo Jürgens-Fan werden. Immer wieder.
An den Stellschrauben der Grossen Schulden-Sause hat nach wie vor niemand richtig gedreht, im Gegenteil, es wird immer turbulenter, die Chefs nervöser, die Pannen häufen sich, die Hyänen lachen sich schief. Wenn dann auch noch zweitklassige Komiker sich tölpelhaft in der Politik versuchen, und dennoch rasenden Applaus ernten, wird die Sache erst richtig interessant. Wenn bloß keiner der "Künstler" auf die Idee kommt, Politiker zu werden. Ansonsten bleibt nur noch die Flucht, möglichst in die Realität. Prost!

Dienstag

Nummer 347

GENERATION PARANOIA

Wohlwollend herablassend








Schon seltsam, wenn deine Jugendhelden auf ihre alten Tage plötzlich schwach werden. Vor allem, wenn sie ihren Namen für etwas hergeben, was nicht einem guten Zweck dient, sondern primär und ganz banal dem eigenen pekuniären Nutz und Frommen. Ja, wieder einmal spreche ich von der Öffentlichkeitsarbeit. Wie ein Großteil der Menschheit weiß, dient mir die Reklame als gratis Inspirationsmaterial. Da ich selbst in meinem eignen Haushalt aus unterschiedlichen Gründen gerne und freiwillig nicht über ein TV-Gerät verfügen möchte, nütze ich allerdings sich einstellende Gelegenheiten wie Auslandsreisen und Besuche, um bei Fremden und Freunden Fernzusehen.
Prost Werbung!
Ich bin, wie schon an anderer Stelle festgehalten, der Ansicht, dass Werbespots mehr über die aktuellen Werte einer Gesellschaft aussagen, als die Lektüre deren Philosophie-Klassiker:
Ein Paar Bauernschuhe und nichts weiter. Und dennoch.
Es ist dies natürlich auch ein Spiel mit Vexierbildern, in welchem der potentielle Konsument den Part des Dummen August aufgedrückt bekommt. Denn, um zurück zum Eingangsthema zu gelangen, der Einsatz von altbekannten Hits zur musikalischen Untermalung der Botschaft ist nicht ohne Fallstricke. Der geneigte Leser kann davon ausgehen, dass die Werbefritzen in Slogans denken. Das ist einfach, kostet nix und erfüllt seinen Zweck. Da wird die geistige Aufrüstung mehr in die Breite denn die Tiefe betrieben. Strategisch eigentlich eine Katastrophe. Den Profis der Sehnsuchtserweckungsbranche kommt hierbei allerdings zugute, dass 99,5% der Bevölkerung genauso phrasenhaft denken wie sie selbst. Wichtig ist nicht der Inhalt, sondern die Form, der Impakt, der Reiz, der ausgelöst werden soll. Zusammenhänge werden, wenn sie denn unbedingt sein müssen, auch gerne an den krausen Haaren herbeigezogen.
Wie im Falle des Filmchens für eine neuartige Kapital-Versicherung. Von der Wiege bis zur Bahre ist mein Produkt das einzig WAHRE. Der portraitierte Modellfall ist weiß, männlich, und, honi soit qui mal y pense, er verfügt offenbar über genügend Überschuss an ökonomischen Gütern und Werten, dass er selbst schuld wäre, diesen Saldo nicht Gewinn bringend zu investieren und gerne sich dabei vor sich selbst zu versichern. Innert einer Dreiviertelminute wird das gesamte Lebens-Paket dieses nicht ganz unsympathischen Herrn abgehandelt. Das Ende wird pietätvoll ausgeklammert, versteht sich aber sowieso von selbst. Beachtlich auch die Kontinuität, mit der es in seinem Leben vorangeht, alles bleibt stabil und wird doch besser, das Vermögen größer. Wächst es mit den Ansprüchen oder passt es sich bloß der Inflation an? Ist mein hellgrauer Anzug nicht schnittig? Braune Stiefel dazu.
Bitte? Wie ist das zu verstehen? Das Leben als Metapher für die Entwicklung eines Zinsertrags? Die familiäre Stabilität als Hort angesammelter Glücks-Gewinne? Frevel-Haft! Eine schmunzelnd sonore Sprecherstimme übernimmt aus dem Off die Rolle von Geppettos Grille. Allerdings nicht als Pinocchios pingeliges Gewissen, sondern als eine Art milchmilder Daunenschraub-Diktator, der dem verhältnismäßig jungen (Ich als Jahrgang 1969 sollte mich vermutlich angesprochen fühlen) Möchtegern-Investor nicht viele Möglichkeiten lässt: Er hofft, zu sterben, ehe er alt wird. .
Aber alles mit dem gewissen Etwas in der Stimme, mit dem Schmelz, der nur so vor suggestiv geheuchelter Anteilnahme trieft, werden die wichtigen Marken der Lebens-Tombola einzeln ausgerufen: Mit Vierzehn sind Sie soundso so, mit Zwanzig wollen Sie dieses und jenes, mit Fünfunddreißig sind Sie anders als, dafür kommen Sie mit Vierzig endlich aus der Pubertät, haha, wie lustig, zehn Jahre später immer noch ein flotter Hirsch, und mit Siebzig, schließlich, fährt der sympathische, mittlerweile kalve Herr, Mönch oder Skinhead, Kokser oder Buddhist, gen Himmel, nein, nicht wie Sie zur Hetz wieder glauben, im Holzpyjama, sondern als Raum-Tourist mit Hirn-Haube und allem, der alte Furz tummelt sich beherzt in der Schwerelosigkeit, mit einer Selbstverständlich, die beachtlich ist, ja, wirklich, die Versicherung verarscht Sie nicht, Sie werden WIRKLICH in der Lage sein, um die zwanzig Millionen Dollar hinzublättern für ein extrem erhöhtes Herzinfarkt-Risiko, einfach so,
natürlich mit einem Zwinkern in Richtung Erbengeneration.
Oder habe ich da etwas missverstanden? Denn ich muss vermuten, dass im Jahre Zweitausendvierzig der Flug in den Orbit für jeden erschwinglich sein wird, der erstens bis dahin noch nicht verhungert ist oder erschossen wurde und der zweitens stattdessen heute schon Kunde jener ominösen Assekuranz ist, dass drittens dieser Raketenstart im vorgerückten Alter die Verwirklichung von Kindheitsträumen bedeutet, beziehungsweise die Garantie, diese nicht zu verlieren, oder gar ein Viertes, diesmal phallisches Blinzeln in Richtung der - wer? - wie? - was? – nein- halt, - nicht- jetzt, jetzt, jetzt kommt’s mir, oh-oh-aah, aarghh… ich vergaß die Viagra- Liga … wo bitte bleibt da das Altern in Würde?
Ich persönlich würde mit Siebzig lieber eine Kugel in den Kopf schießen, als mich so derart in meinen Wünschen und Vorstellungen vereinnahmen zu lassen wie dieser doofe alte Knacker. Und außerdem wäre mir die eine rotblonde Brasilianerin mit der dicken Kirschlippenpaarung viel lieber als so ein dämlicher Treibstoffverbrauchswahnsinn, die Mulattennutte kann ich ja dann später mit hoch nehmen, in den Orbit, wenn ich sie überlebe, n’est pas. Auf irgendwas muss der Mensch sich doch freuen, oder? Selbstverständlich werden dann meine krakeligen Manuskripte, die mir diverse Gefährtinnen angeknöpft haben, auf Auktionen zu Höchstpreisen verkauft, Generationen von Germanisten streiten sich um die weitere Exegese meiner unter Hochdruck entstandenen super leckeren Texte. Absurd wird das Ganze aber dadurch, dass keine Streichungen oder Abweichungen vorhergesehen sind, eine unerträgliche Bleischwere der totalen Vorherbestimmung lastet auf mir, ein Leben in eng gelenkten Bahnen, ständig den Kreditberater im Nacken. Und diese ganze Phantasmagorie wird unterlegt von einem Song des Jahres 1965, genauer genommen ein Hit, der zu gesicherten Verhältnissen so gut passt wie eine Tarantel auf der Bananentorte: My Generation von The Who. Das durchfuhr mich wie ein Blitz! ALARM! JA, ich gebe zu, damals, 1984, habe ich an einem schon seinerzeit antiquierten Instant-Jugenddrama teilgenommen, auch ich war ein Möchtegern-Mod.


EXKURS 1: DIE MODS - GESCHICHTEN GESCHEITERTER AUFSTÄNDE I


WE ARE MODS, WE ARE MODS, WE ARE WE ARE WE ARE MODS!!!
Wir, das waren zwei vertrottelte Vierzehnjährige, H. und L. Provinz-Schul-Kollegen, unter der Woche halbintern bei einem katholischen Männerorden untergebracht, in Stift R. Inklusive schwuler alter Pfaffen-Religionslehrer. Wir waren gegen Ende der ersten Hälfte der Mitte der Achtziger Jahre eines Novembernachmittags im Kino einer Provinz-Hauptstadt gewesen und total aufgekratzt. den Film „Quadrophenia“ gesehen hatten. Vor allem den Straßenschlachten und Apothekeneinbrüchen konnten wir was Positives abgewinnen, und auch der Hunger auf Drogenexperimente war geweckt, was wollten wir mehr? Unbedingt so aussehen wie die coolen Typen im Film, und bitte die gleichen Klamotten und Frisuren, am Besten alles kopiert, bis in die Unterhose hinein, obwohl unsre eignen Pornohefte härter waren als die zwanzig Jahre zuvor, womit wir doch was Gutes am Heute fanden, ich zumindest, sonst aber gerne in nicht selbst erlebter Vergangenheit schwelgten. Immerhin griff ich gerne und oft zum Schulwörterbuch, um einen Text zu übersetzen. Wir wollten auch eine Gang haben mit billig-willigen Bräuten, und dazu einen mit vielen Rückspiegeln bestückten italienischen Motorroller im Marienkäfer-Design. Stattdessen liefen wir murmelnd über die Gassen und Plätze, peinlich bemüht, kein Interesse zu erzeugen, unsichtbar zu werden, und erst kurz beim Durchlaufen des mittelalterlichen Stadttores, in dessen unmittelbarer Nähe das ehemalige Gestapo-Hauptquartier unserer schönen Heimatstadt stand (und wo seit Kriegsende nur noch Hauptquartier der ganz normalen Polizei untergebracht war, in der, wie es hieß, keinerlei personelle Verflechtungen bestanden, zwischen dem Gestern und dem Heute) wir trauten uns erst in den Gewölben des Burgtores aus vollem Pubertätshalse immer wieder zu brüllen: WE ARE MODS, WE ARE MODS, WE ARE WE ARE WE ARE MODS!!!
Einen feuchten Dreck waren wir, nicht einmal Arbeiterkinder, Büro-Lehrlinge, die sich die eigene Knete als Botenjunge verdienen, Bürgerskinder mit Flausen im Kopp. Aber Revoluzzer spielen war lustig, es tat gut, so gut, oh ja, so, so, so guuut, Sie wissen schon.
Aber jetzt, wo all die verdienten alten Ex-Mods der Achtziger Jahre aufschreien, und sagen, nein, die Who halt, die waren ja gar nicht die voll echt wichtigste Band von uns, da gab’s ganz andere echte Mod-Bands, ja, wir wissen alle wer, sollten es zumindest, wen wir uns über die Gruppe definieren, was ist dir lieber, Masse oder Masse, aber das können wir doch von einem Klon des Durchschnitts-Fernsehfamilien-Vaters nicht verlangen, dass er das gerne begreift und sein impliziertes Rebellenpotential jemals wirklich ausgelebt hat, das Tier soll ja bitte gefälligst gebändigt bleiben. Denn Straßenschlachten sind immer ein Schadensfall. Und die gab es auch im damaligen Österreich eher selten. JA, wir waren Mods. Im Laufe einer verspäteten Evolutions-Welle breitete sich in besagten Jahren parallel zu so genannten New Wave-Szene eine Nostalgieveranstaltung aus, es war eine Mode, sie lag plötzlich in der Luft, und nachdem mir die Popper mit ihrem properen Seitenscheitel verdächtig doof eitel vorkamen, und ich für Rocker noch zu klein war, war ich abwechselnd schwarz gekleideter Pseudo-Existentialist/ NDW-Fan, und ein Jahr später Teil einer der zwei Mod-Gangs in G. Dann gab es die anderen Spezialisten, die schließlich noch gebraucht wurden, die waren allerdings zuerst Scooter-Boys und anschließend gleich Skinheads, aber es gab eine gemeinsame Schnittmenge, in der auch zwei, drei lokale Kneipen lagen, in der wir Teenies unser Taschengeld vertranken, gut möglich, dass diese ganze Welle in Wirklichkeit von den Kneipen-Lords ausgelöst worden war, aber schließlich zerschellte sie, aus einem Retrokult entstand eine Nazibuben-Bewegung, die ihrerseits zehn Jahre später vom Heroin zermürbt wurde, aber hier würde ich der Zukunft vorgreifen, und das geht ja bekanntlich nicht, gelle? Echt war sowieso nur jemand, der schon in England an den bekannten Wallfahrtsorten gewesen und in eine Schlägerei verwickelt worden war, und so weiter, es gab also jede Menge Regeln, zu viele Vorschriften, Klamotten-Kodizes, Le Musts, Idioten-Matritzen, so dass es mir bald zu langweilig wurde und ich später zu den Rockern ging. Viel mehr ist zu meiner Mod-Karriere nicht zu sagen, sie war kurz und mickrig, immerhin hatte ich einen Parka gekauft, von einem anderen Mod aus G. gebraucht gekauft, aber das war es fast schon an vorgeschriebenen Paraphernalien. Noch zwei oder drei Aufnäher für die Kutte, ein paar Absteck-Buttons vielleicht, ein Union Jack über dem Rücken, aber dann basta.
Der zweite, aktuelle Fall von fehlgeschlagener Inhalts-Piraterie betrifft einen Mobilfunk-Anbieter, der eine Rundumlösung anbietet, für Internet, Festnetz, Kabel-TV und anderen, radikal wichtigen Werkzeugen, um das Heute zu bewältigen, und det Janze auch noch zu einem extrem günstigen SPARTARIF!!! Die Konkurrenz, pardon, die Mitbewerber, dem Euphemismus sei Dank, müssten sich ab jetzt wirklich warm anziehen. Schön und gut. Was das allerdings mit Black Sabbaths „Paranoid“ zu tun hat, der Eröffnungsnummer ihres gleichnamigen 1970er- Albums, ist mir ein Rätsel. Sie wissen schon, das mit dem genial kranken Cover, wo ein Typ im rosa Schweins-Kostüm ein blaues Plastikschwert schwingt. Der einzige mögliche Rückschluss wäre der auf die ungeheuer treibende Bass-Dynamik des Songs, eine Dynamik, die üblicherweise nicht in Verbindung mit Paranoia gebracht wird:
Wer möchte schon mit Elektroschocks behandelt werden?!

Und Ozzy Osbourne, Original-Sänger und Frontmann, wenn nicht sogar Symbol der Gruppe, obwohl mittlerweile zur MTV-Schießbudenfigur verkommen, steht für die Massen immer noch den durchgeknallten Drogenfreak dar, den tätowierten Fledermausmann, der auf der Bühne Mäusen, Tauben und kleinen Kindern den Kopf abbeißt. Vielleicht ist das ja die Masche: Komm zu uns, und werde dadurch ein Star-Wrack, das sich aber wenigstens um die Ist-Kosten keine Sorgen mehr machen muss. Aber auch hier klaffen Mythos und Glorie: Paranoid (Ein Stückchen Käse gefällig? Mit Senf rumkleckern? Oder lieber ein kaltes Bier?) ist eigentlich ein Loser-Lied: Über einen Typen, der immer griesgrämig bis finster dreinblickt, von der steilen Freundin verlassen, rastlos, unbefriedigt, komplett fickrig, lebensunfähig, depressiv, tot, total verpeilt, das Leben FAST schon wieder vorbei, ein einziger Hilferuf, aber trotzdem alles SUPER COOL und unter Kontrolle, was? Und ich soll die Dienste dieser abgefuckten Gesellschaft für meine Zwecke erkiesen? Muss jemand also psychisch krank sein, um eurer Kunde zu werden? Ja? Ich bin selbst totaler Black-Sabbath-Fan, und mag das Lied wirklich. Aber im Einsatz für eine Telefon-Firma? Das ist selbst mir endgültig zu blöd.

Der zweite Fall von fehlgeschlagenen Inhalts-Piraterie betrifft einen weiteren Mobilfunkanbieter, der auch eine Rundum-Lösung anbietet, alle IT-Möglichkeiten abdeckt, die nötig sind, das ziemlich komplizierte Heute zu bewältigen, wir sind ja alles Ich-AGs geworden: Aaaaahhgg! Aaaiieeee! Banzai! Luridi porci bianchi! Per Shinto! Dove sono? Das war alles, was die in Tusche gezeichneten japanischen Sadisten-Soldaten sagen konnten, bevor sie verdient im alliierten Maschinengewehrfeuer umkamen, von Bomben und Grananten, Torpedos und Flakgeschossen in Stücke gerissen wurden, in Panzern, Schiffen, Flugzeugen oder U-Booten krepierten, nein, halt, U-Boote besaßen die nicht, die hatten immer nur die Nazis, in den guten alten Weltkrieg-II-Bildgeschichten, diesen schwarz-weißen Erwachsencomics, in denen die Bösen immer Deutsche und Japse sind, die Guten natürlich Amis oder Briten, auch mal Australier, Neuseeländer oder (weiße) Südafrikaner, während die Franzosen alle in der Resistance sind, und die Deutschen sagen ständig Hein? wenn sie was nicht verstehen, und ansonsten solch alberne Sachen wie: Ach! Nein! Horror! Schwein! Alles kaputt! Mein Führer! Jawohl! Kamerad! und natürlich den Klassiker: Sieg Heil!
Alles klar, an der Front, und die paar Italiener, die vorkamen, waren meist ehemals überzeugte Pazifisten in schmuck sitzender Uniform, die schließlich sich eines Besseren bedenken und dem Faschismus abschwören, das geht natürlich nur mit Heldenmut, und gegen den Feind, die Italiener sterben dann auch, aber wenigstens als Männer der guten Helden-Tat. Wie gut, das es das in einer Ex-Bürgerkriegs-Nation wie Italien überhaupt gab, gibt, geben konnte, ja vielleicht sogar geben musste. Russen? Ja, aber nur ganz selten, und dann waren es keine echten russischen Kommunisten, sondern ukrainische oder georgische oder sonstige slawische Patrioten, deren Familien selbst unter der Knute stöhnen, und sich freudig des Moskowiter Jochs entledigen würden, aber die doofen Deutschen sind mal wieder selbst schuld, kapieren nix, machen lieber rassistische Mätzchen und verlieren darüber den Krieg.


EXKURS 2: ÜBER DAS UNWESEN DER COVER-VERSIONEN II


Nachdem das kollektive Pop-Langzeitgedächtnisgefängnis ungefähr dem eines Goldhamsters gleicht, jede Krot in ihr Terrarium, jedem Fischerl sein Flascherl, sind Vierzig Jahre in die Vergangenheit ein Zeitraum, der biblische Dimensionen erreicht. Im selben Atemzug bezweifle ich, dass derselbige Wert-Versicherungs-Konzern im angelsächsischen Sprachraum mit demselben Lied auf Kundenfang geht, was typisch Deutsches müsste her, wie wär’s mit Hildegard Knefs Rosenregen, der ist ja so schön romantisch-zuverlässig. Wieder kann ich mich geirrt, abermals kann ich Dorfdepp nichts kapiert haben. Natürlich soll der englische Rebellen-Song auf die vitale und kreative Persönlichkeit des Vertragskunden anspielen, die lieben Pauschal-Individualisten in zünftiger Sicherheit wiegen, diese Mümmelmänner mit vorausberechenbarem Verhalten und festen Gewohnheiten, ja, gerade das macht sie so besonders wertvoll, wie ein kleines Steak.
Bei mir jedenfalls ist die Absicht der Identitätsstiftung ungefähr so erfolgreich verlaufen wie der Versuch, mithilfe eines zitronenduftgeschwängerten Ameisensprays die Spuren heimlichen Kiffens in der elterlichen Wohnung zu verwischen, wenn sich die Sprühflasche als leer und der Abend als windstill erweisen. Genauso bedröppelt klingt der Versuch von gewissen „Künstlern“, sich durch lizenzierte Cover-Versionen was vom Ruhmkuchen abzunaschen. Es kann ja nicht immer nur ohne Ohm Geld gehen, oder? Was ist mit dem Einwand, auf dieser Weise auch dem verschütteten Original ne’ zweite Chance zu geben? OK, wenn’s denn eine ausgewiesene Reverenz darstellt. Aber sonst? Der eine total blauäugige Typ zum Beispiel, der so auf Speed steht, der hat doch eh ein derart großes weißes Elchgebiss, dass er gleich für eine Bluter-Zahnpasta in die Bresche springt. Aber ohne bitte vorher auf den Butterkeks zu wichsen, oder sonstige destruktive Glieder in Vernetzung zu bringen, dass es eine rechte Freude ist. Aber wem hilft das schon? Lieber eine schlechte Schlagzeile als gar keine? Gut, jenseits davor gäbe es noch die emotionale Variante zu bedenken, aber die ist nicht bedenklich. Wenn es dieselbe Emotion auslöst, ist alles Paletti, das Ziel erreicht, quasi über die Taufe gehoben, oder drunter? Ja, natürlich! Lecker Creme!
Frank Sinatra, die alte Granate, hingegen hat kaum eigene Lieder geschrieben sondern interpretiert. War ja auch was anderes bei ihm, denn er konnte schließlich romantisch singen, was aber außer Jungs nicht allzu viele Frauen toll finden. Aber diese anderen Schnapsnasen, die können ja nicht mal singen, die krähen und kreischen höchstens in die Mikros.



Das dritte Exempel aber muss an einer Automobilwerbung statuiert werden: Denn ebenso wenig, wie eine Flagge ohne Bleikügelchen auskommt, die in die Ecken eingenäht sind, damit sie nicht nur ziellos im Winde rumflattert oder sich gar um die Fahnenstange wickelt, kann es den Werbeblock zur besten Sendezeit ohne einen oder besser gleich mehrere Clips für kernige Personenkraftwagen geben. Autoreklamen sind das hierbei das männliche Pendant zur weiblich besetzten Waschmittelwerbung: Aber auch hier geht es um verdientes Vertrauen, gesteigertes Sicherheitsbedürfnis und die richtigen Entscheidungen. Danny, der geplagte Familienvater gebietet über eine hübsche Frau, zwei niedliche Kinder und einen stubenreinen Hund. Üblicherweise wird gerade auf Urlaub gefahren (wo der Opa und die Omi aus der übernächsten Werbung ihren gemütlichen Alterssitz genommen haben, ein familiärer Fels in der brodelnden Brandung garstiger Gezeiten), keiner wundert sich, warum sie ausgerechnet Richtung Mallorca nicht im Flugzeug sitzen, und wer meistert die dabei auftretenden Gefahren? Richtig! Ein himmelblauer Elefant oder ein lachsrosa Nilpferd, wuchtige Metapher für den stabilen Glücksbringer, der magischer Weise erschienen ist und auf der Rückbank mit Brüderlein Chris, Schwesterchen Anna und der bellenden semmelblonden Töle Emile Schabernack treibt, während Mutti Barbara in den Rückspiegel guckt, glücklich lächelt und Vati zärtlich die Hand streichelt, bis der den phallisch anmutenden Gangschaltungsknüppel mit sicherem Griff total männlich bedient und seine Frau mit einem lüsternen Seitenblick bedenkt.
Dazu eine hirnrissige Weichspülermusik, die mal romantisch, mal heroisch oder „irgendwie“ elegisch klingen soll, auf einer abgegriffenen Klaviatur vorgestanzter Motive. Ein Einheitsbrei, aus dem aufgrund der urgründlichen Motivation oder Eigenschaft des Beworbenen nur Details den Ausschlag geben können, die finanziellen Kräfte vorausgesetzt. Wie sollen solche Werbespots auch einen Nicht-Führerscheinbesitzer anturnen? Turn an, Herr Kaplan! Ein handelsübliches Durchschnittsauto verfügt über Motor, Karosserie, genormtes Innenleben etc, es muss auf einer handelsüblichen Asphaltstrasse geradeaus fahren können, auch um die Kurve und so weiter, einen gewissen Treibstoff-Verbrauch nicht überschreiten, um überhaupt interessant zu sein, und ja, auch der Beste seiner Klasse fährt auf immerhin vier Reifen. Drunter geht’s auch, ist aber nicht so gut. Dafür werden Kofferräume, Stoßstangen, Armaturenbretter und Rücklichter dramatisch ausgeleuchtet, überaus ins Bewusstsein gerückt, es wird das Letzte an Effekten rausgeholt, jede Saite bis zur Reiz-Grenze gespannt, Nerven-Enden krümmen sich wie unter der elektrischen Peitsche, der Stoß fährt in einen Haufen Goldzähne, da bleckt klappernd ein Grinsen, jeder Hinterhalt, der entdeckt und Umstellt wird, zahlt den intendierten Schaden mit Zinsen zurück, das wusste schon Vegetius. Nun, da waren auch Konzerne dabei, die noch heute für gute Laune bei ihren Aktionären sorgen, also kaufen Sie gefälligst „irgendeinen“ Mittelklassewagen Ihrer Wahl, aber schnell! Wurst welches!
Wie bei den Waschmitteln steht auch bei den Autos außen alles Mögliche drauf, es ist aber fast überall dasselbe drin. OK, drei oder vier verschiedene Großkotze gibt es, weltweit, die den Blechkuchen untereinander aufgeteilt halten, und wenn der geneigte Kunde auch noch während der Autofahrt zum zuvor beworbenen „Jausen-Snack“ oder zur „modernen Milchschnitte“ greift, der sich mit dem vorvorigen Shampoo auch in fremden Wässern das Haupthaar wäscht, und wem der nächste Cremespinat jetzt schon wie harter Käse im Magen liegt, der bei der Tankstelle den gewissen Sixpack und die bekannte Illustrierte kauft, der erkennt sich endlich rundum glücklich versorgt.
Warum da an den käuflichen Werten nicht teilhaben?
Das Schaufenster des Westens.
Slut Machine, you keep my loving strong!
Ihm werden sie einst noch Statuen errichten, sagte er voraus, große in den Parks und kleine in den Wohnzimmern, the right stuff, baby, the right stuff, the right thing, baby, the right stuff!
Wie ging das weiter, nachdem der letzte Cut gedreht war? Wie geht es im Urlaub mit der holden Vorzeigefamilie weiter? Wollen wir die Kameras jetzt wirklich noch verstecken? Nee, die haben sich schon zu sehr dran gewöhnt. Die sind süchtig danach. Da kommste nie wieder raus, Alter. Kicher. Ja, der Star-Urlaub, in der familienfreundlichen Ferienanlage, der war dann gar nicht mal so schlecht gewesen, alles wie erwartet, aber was hatte er schon erwartet? Nichts besonders. Was sollte er denn wollen können? Ein bisschen öfter Sex mit seiner liebenden Frau, mit der die Freuden der Ehe bis ins hohe Alter er garantiert teilen mochte? Ein Anrecht auf Krankenkassa? Dankbare Kinder, die ihn nicht ins Heim abschieben würden oder lieber gleich vergifteten? Wechselnde Vorgesetzte, die er immer FICKER nennen würde? Eine freudlose Fast-Karriere? Aber nein, sie mussten ja die Fähre nehmen, nicht wahr? Völlig vertrottelt. Und zwei Wochen, die flutschen vorbei, wie ein guter Schiss, und morgen geht’s dann auch schon wieder retour, in die ewige Tretmühle. Im Grunde hatte sich Danny noch nie durchsetzten können. Die bekloppten Spießer-Schwiegereltern würden ja auch ewig leben, wie es aussah, und der Alte, der hatte sicher Uniform getragen, im letzten Krieg, jede Wette, dass der ein Verbrecher war, mit fetter Pension. Und er? Er trank sein Glas aus, hielt es in der Hand, als ob es gewogen würde. Er betrachtete es für eine kurze Weile, stellte es schließlich neben die leere Flasche. Danny wuchtete seinen Körper aus der Hängematte, holte wortlos aus dem wie ein treuer Hund wartenden Auto das Abschleppseil und knüpfte sich im Sonnenuntergang am nächsten Baum auf.

Nummer 346

Nächstes Jahr auf Tournee: Le Grand Henri Pittoresque, der Meisenmann, a.k.a. Helge Schneider!!!

Tourneedaten: 

Montag

Nummer 345

Sämtliche eingestellten belletristischen Texte sind von mir, damit liegt deren Copyright ebenfalls bei mir. Jede böswillige Verletzung des Copyrights wird von mir geahndet.
Sämtliche Inhalte, die nicht von mir sind, werden ebenso kenntlich gemacht. Deren Copyright verbleibt natürlich beim Urheber.
Die grundsätzliche Haltung, die in diesem Blog zur Geltung kommt, heißt Ironie. Selbst krasse oder politisch unkorrekte Äußerungen sind unter diesem und dem Vorbehalt der künstlerischen Freiheit zu sehen. Das gilt vor allem für sarkastische Kritik an Personen des öffentlichen Lebens. Das ist eben deren "part of the game".

Nummer 344

ROCKER-BRÄUTE



VROOOM! VROOOM!
Klobige Bikerstiefel betätigen Kickstarter; schwere Motoren brüllen auf. Die Gang fährt los, donnert den Highway runter in Richtung Sonne, Sex und Speed. Lesen Rocker-Bräute Tageszeitung? Hören sie was anderes als Led Zeppelin? Trinken sie zum Frühstück auch mal Tee? VROOOM! VROOOM! Eng an ihren Hilfs-Wikinger geschmiegt, sitzt die Braut Lizzy auf der Maschine, hält sich am Gemächte ihres Jonny fest, nicht zu fest, aber doch. Sie fasst ihn sicher, sie hält ihn warm. Der Fahrtwind zerzaust ihre Haare. Wimpel, Fuchsschwänze und andere Glücksbringer flattern. Outlaws, Hell’s Angels, die berittenen Rebellen des Mittelwestens und die von der Ostküste, sie alle fahren einen heißen Reifen. Harte Brüder braten Beeren. Lustig sieht das aus, wenn beim Biertrinken im kopfüber gehaltenen Flaschenhals dieses wild-golden schäumende Gewirr aus feinen Bläschen sich mit den nach oben schießenden Luftschlucken vermischt. Der Erlkönig mag das auch. Im Lexikon steht, Rocker sind Mitglieder von Jugendbanden, die in einheitlichem, martialischem Lederlook auftreten, Motorräder fahren und sich aggressiv gegenüber ihren Mitmenschen verhalten.
Das gilt selbstverständlich nicht nur für Rocker, das gleiche kann auch über die Bereitschaftspolizei, militante Tierschützer und muslimische Spitzenpolitiker im Allgemeinen gesagt werden. Da sind mir persönlich die Rocker lieber. Deren Ehrenbegriffe werden zwar rigoros durchgesetzt, sind aber archaisch, sprich, jedermann mit mittelalterlich-altrömischen Kriegerehre-Phantasien leicht erschließbar. Warum auch nicht? In einer zunehmend komplexer werdenden Welt, die ausschließlich von modernistischem Profitdenken bestimmt wird, tun altmodische Ansichten wie Selbstverleugnung, Respekt und Eskapismus herrlich gut. Pfefferminztee setzt sich geruchsmäßig selbst in einem gerade alkoholisch benutzten Bierglas durch. Am Ende aller Euphorie wartet der Semmelkater. Dafür werden die meisten Rocker älter als Rockstars, die jung sterben. Insofern sind Rocker konservativ. Nun ist Konservativismus, normalerweise vertreten von den Kräften der Beharrung unter nachdrücklicher Anerkennung und Apologie der überkommenen sozial-politischen Ordnung, geprägt von treuer Anhänglichkeit an gewisse Herrschergeschlechter, patriarchalisch-herrschaftlicher Gewissheit und dem Geist der Unterordnung von Schwächeren, in unserem Westen der Welt normalerweise Sache der „Elite“. Wer schon im Glashaus sitzt, mag keine, die mit Steinen werfen. Aber dennoch gibt es Konservative auch außerhalb dieses erlauchten Kreises: Anarchos mit E-Gitarren zum Beispiel, oder Maler, die seit zwanzig Jahren immer dieselbe Masche abziehen. Aber auch die Typen, die sich diese Platten oder Bilder kaufen. Und auch jene, die eine liberale oder sozialistische Regierung immer wieder wählen, verhalten sich auf ihre Weise konservativ. Die Rocker, von denen der Volksmund annimmt, hope you guess my name, sie gehen nicht so oft wählen, sind dennoch politisch. Im Sinne von Max Weber, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen. Ob das auch Gewalt mit einschließt, ist unbekannt, wird jedoch aufgrund empirischer Tatsachen so angenommen. Rocker blasen wahrlich den Blues. Die gerne zitierte Neigung der Rocker zu mediäval-imperialen Strukturen, geprägt von Gefolgschaftstreue; Heldentod, Patriarchat und ähnlichen Simplizismen ist wahr. Sie ist aber auch sehr verlockend. Und deswegen schwer zu widerlegen, vor allem durch Syllogismen.
Danke, Danke, Danke-Danke.
Aber wenn die Spuren der Verlockung wertfrei verfolgt werden, bis zu ihrem unmittelbaren Ursprung hin, so muss auch ein wertfreies Auge das lockende Glitzern der Kristalle wohlwollend prüfend wahrnehmen. Sometimes you find, you just get what you need. Die Urväter nehmen Aufstellung, intonieren einen Gospel, klatschen dazu rhythmisch in die Hände und freuen sich ihres Lebens. Nichts dagegen einzuwenden, dachte Gott und wandte sich wieder seinen Amtgeschäften zu, die unter anderem darin bestanden, die wichtigsten irdischen Tageszeitungen zu lesen. Gott war einiges gewohnt. Zum Beispiel wartete Er bereits seit Wochen auf einen Internet-Highspeed-Anschluss, für den er sogar bereit war, zu zahlen. Gott hatte persönlich ein paar Male angerufen, nachgefragt, was mit dem Vertrag wäre, die Firma wäre seit acht Wochen mit der Lieferung im Rückstand, trotz abgeschlossenen Vertrages und anders lautenden Versprechens, da dürfe Er wohl mal nachfragen. Aber wenn selbst der Herrgott im demokratischen Spiel von Angebot und Nachfrage so schnöde behandelt wird, wo Er doch Super-Hyper-Mega-VIP-Status haben sollte, und was für sich bereits ein philosophisches Rätsel darstellt, wie soll sich erst der Verfasser dieser dünnen Despotenzeilen fühlen? Brave Dinge entfalten virtuose Streichquintettexegesen. Rockstars brüllen sich im Aufnahmestudio die Seele einmal aus dem Laib, dem Leid, dem Leib. Dieses eingevaste Exsudat bringt weltweit die Verheerten zum ekstatischen Überkochen. Saltimbocca oder Saltimbanco? Freiheit kann nicht verboten werden. Der Hampelmann wird irgendeinmal zurückschlagen. Das lässt sich nicht verhindern. Er steckt im Fleische. Er kommt jeden Tag zum Vorschein, er wartet auf den Sonnenuntergang, auf die Blaue Stunde. Unsere Rockstars erwartet am Ende jeder dieser Entwicklungsschritte unweigerlich ein Blowjob. Cum grano salis. Blowing Dandelion. Löwen zahnen früh. Dafür bleiben ihnen mehr Möglichkeiten zur Auswahl als Spätberufenen. Die nämlich müssen einsam durch das Weltall reisen. Ganz allein. Unvorstellbar. Hunderte Lichtjahre von Zuhause entfernt. It’s so very lonely, you’re six two thousand light-years from home. Wir treffen uns später auf Aldebaran. Nicht wahr? Das Nichts kreiselte um sich selbst. Manchmal scheint es, als ob das, was Übervorsicht genannt wird, schlichte Notwendigkeit darstellt. Der Rocker machte die Musik leiser und die Fenster zu. Genug der Fremdbelehrung. Genug der Fehlbelehrung. Genug der Belehrung im Gesamten. Gottes rechtes Lid zuckte. Was besangen sie? Was gab’s da zu feiern? Die Liebe? Ja! Die Liebe. Die einen Menschen, den viele als einen Einsamen bezeichnet hätten, zu einem Glücklichen macht. Liebe, die es immer und überall zu feiern gilt. Liebe, das Einzige, was im Universum stärker ist als Zeit. So einfach ist sie Gleichung, die verstehen kann, wer sie empfunden hat. Ehe Pflicht in Vergnügen überwechselt. Verbrennungsmotoren fordern ihren Tribut. Sie wollen mit Treibstoff gefüttert werden. Das versteht jeder. Wünschen sich Rocker, daheim zu sein? An Weihnachten? Zum Geburtstag? Nie? Können sie darüber reden? Sind alle Membranen zu ledernen Schwingen mutiert? Gibt es das? Nein. Fleisch ist Fleisch. Herz Trumpf. Schmacht Fetz. Baby, Baby. Sexy Ray Ban. Hinter solchen superlässigen Sonnenbrillen verbergen sich nur noch altmodische Porno-Freaks, levantinische Taxifahrer und ich. YEAH. Cool! Krächzen! Ficken! Oder so. Der Rockstar las die Morgenzeitung, schlürfte dabei seinen heißen, süßen Tee m.m. Mit Milch. Gegen die handelüblichen Kopfschmerzen half immer noch Acetylsalicylsäure. Gegen Liebe nur mehr Sex. Ozeanisch, nicht wahr? Das alles vermöge der reproduktiven Organe. Dafür, dass diese ganze Anlage so dermaßen kompliziert wurde, ist nur der simple menschliche Geist verantwortlich, dem Tiere nah verwandt. Um sich seiner animalischen Instinkte zu entblößen sucht seine Majestät, der Geist, nach den Trieben seiner Vorfahren. Damit er so richtig Gas geben kann, im alten Vexierspiel von Denotation/Konnotation. Lizzy streichelt durch die Lederhose hindurch Jonnys dick wachsende Erektion und freut sich auf den Sonnenuntergang. Noch Fragen?
Eben.
VROOOM! VROOOM!

Nummer 343

Lustig: Als Weihnachtsmänner verkleidete Schulden-Kassiere in Russland.
Traurig: Betrüger-Guttenberg wird EU-Berater für Internet-Freiheit.
Klassikaner: Tweet-Hoax führt in Lettland zu Bank-Run.

Nummer 342

POMPO, DER ELEPHANT  

Ein Märchen für Mäuse


Pompo.
Liebling der Zirkus-Massen, dickhäutiger Titan, afrikanischer Pachiderma und gutmütiger grauer Mäusefreund, ist tot. Unheilbar romantisch, vergaß sein Herz in sechzig Jahren Gefangenschaft weder die Sehnsucht nach der geliebten Savanne. Noch die Liebe zu seiner Lieblingskuh Kiki. Sie hatten keine Junge haben können, keine kleinen Riesen, die aussehen, als trügen sie Großvaters viel zu großen Hosen. Pompo und Kiki hatten einander sehr, sehr lieb gehabt, geduldig hatte ihr Gedächtnis nichts vergessen, was ihre klugen Augen je gesehen. Pompos geliebte Gefährtin war dennoch vor kurzem gestorben. Kiki hatte schließlich den Lebensmut verloren, aller Zärtlichkeiten ihres Gefährten zum Trotz. Sie war tagelang beharrlich im Kreis gestampft, bis sie am Friedhof ihrer Ahnen angelangt war. Dann legte sie sich auf die Seite und starb.
Pompos Herz war doppelt gebrochen. Außer der geliebten Heimat würde er auch Kiki erst im Himmel wieder sehen. Poverer Pompo!
Bleischwer geworden, wollte er bloß noch schlafen, alles vergessen, aber es gelang ihm nicht. Er war so unglaublich allein. Nicht mal die Mäuse, die sonst zahlreich auf dem breiten Rücken herum huschten, ihn aufheiterten, ihn mit quirligen Eskapaden kitzelten, konnten ihn ablenken. Pompo pustete nur ein paar schwache Töne aus dem schaffen Rüssel…
Doch tief in seinem Innersten leuchtete der erste Keim jener Idee auf, die schließlich für Schlagzeilen sorgte.

Jahre später.

Die Saison ist grade vorbei. Der Zirkus lagert in seinem Winterquartier.

Der Tierpfleger der Elefanten, oder besser, ihr Wärter, war ein Mister Biscot, Brite aus Ascot. Er war ein launischer Mensch, der sich oft betrank und selten wusch.
Zwar schlug er die Tiere nicht, da er sich zu sehr vor deren Dompteur fürchtete, Uzanga Ewogobo, der hünenhafte Schwarze aus dem Kongo. Denn Uzanga liebte alle seine afrikanischen Brüder und Schwestern. Und die Tiere liebten ihn. Gemeinsam vom Heimweh verzehrt, fristeten sie in der kalten Fremde ein kümmerliches Dasein. Ewo, wie sie ihn alle nannten, hätte Biscot niemals erlaubt, den Tieren weh zu tun. Da dieser böse Brite Biscot aber auch fürs leibliche Wohl der grauen Kolosse verantwortlich war, konnte er ihnen unbemerkt Niespulver ins Grünfutter streuen, salzte ihr Trinkwasser, vergaß tagelang, ihr Stroh zu wechseln, oder er holte den Tierarzt nicht gleich, wenn den Tieren etwas fehlte, wollte aus einer Mücke keinen Elefanten machen, wie er hämisch in sich hinein griente.

Auch Herr Ewo, der sich wenigstens freiwillig zur Zirkuskarriere zwingen hatte lassen, ist schließlich in die Lage der geraubten Wildtiere geraten: Als er erkennen musste, wie keineswegs golden der Westen war. Allein, Uzanga konnte nie das Geld für eine Rückkehr nach Afrika sparen. Seine Sehnsucht hatte ihn langsam aufgefressen. Der Schmerz war zu groß für ihn. So rutschte er langsam in die Sucht ab, nahm Heroin.
Das wusste natürlich niemand.
Mr. Biscot, dieser schmierige Rassist, hasste den Schwarzen ebenso wie die Tiere. Alldieweil lag Uzanga in seinem Wohnwagen, im wahrsten Sinne des Wortes in Morpheus’ Armen. Er verpasste Biscots Schweinereien. Doch Pompo, Jumbo, Dumbo und Ellie, merkten sich alles. Sie warteten nur auf eine Gelegenheit, dem Wurm die Gemeinheiten heimzuzahlen. Doch stets auf der Hut war ihr Plagegeist, wie alle großen Feiglinge, auf Distanz bedacht. Außerdem war immer seine Holzstange in Reichweite, die mit dem rasiermesserscharfen Metallhaken. Der konnte ihre empfindlichen, dünnen Ohren mühelos zerfetzen, falls die Elefanten Ärger machen sollten. Alle großen Zirkustiere haben im Laufe ihres Lebens schon schmerzliche Bekanntschaft mit diesem Folterinstrument geschlossen, also mussten unsere Vier ausharren. Die kleine Herde war eine der Hauptattraktionen des Circus Vegas, einer altehrwürdigen Institution, in der bereits der Hollywood-Star Kurd Handfaster sein Artisten-Handwerk erlernt hatte, bevor er nach Hollywood ging. Nichts Menschliches war hier fremd, Toleranz wurde von den Eigentümern, der Familie Rodriguez, groß geschrieben. Denn sie vergaß niemals, wem sie ihren Wohlstand verdankte, und Julio, der aktuelle Direktor, hatte niemals Ärger mit der Gewerkschaft oder den Tierschutzbehörden. Persönlich war ein großer Fan von Mary-Anne Sagan, die sogar einmal in New York bei einer zirkuseigenen Benefiz-Veranstaltung zu Gunsten armer Hispano-Amerikaner gratis aufgetreten war. Sie hatte ihre tollsten Lieder zum Besten gegeben, und die Dickhäuter in der Manege leise und traurig ihre Zustimmung trompetet.
Julio Rodriguez war verheiratet, liebte Mary-Anne aus der Ferne, und glaubte neben dem Heiland an das Schicksal als etwas Gottgewolltes.
Uzanga, der nur an die Savanne glaubte, schämte sich fürs Heroin und fühlte sich wie der feige Löwe aus dem „Zauberer von Oz“. Denn die Fehler blinkten auf der glänzenden Nadelspitze immer wieder auf. Zum Glück hatte das Gift ihn noch nicht völlig vernichtet, auch wenn er den Kampf jedes Mal aufs Neue verlor, er kämpfte noch wenigstens mit sich und dem H.
Alffred Biscot hingegen, diese moralische Amöbe, stolz auf das dämliche zweite „F“ in seinem Vornamen, glaubte nur seiner Schnapsflasche, seinen trunkenen Grimmassen und dem Grundsatz. Er mauschelte weiter, murmelte seine Flüche auf alles Gute, fischte im Trüben, und schmiedete mickrige Ränke gegen die, die sich nicht verteidigen konnten. Beim Essen saß er immer mit dem Rücken zu den anderen, ein Bild von einem Misanthropen, stinkend, voller Neid und Gin.

Alles in Allem war die Belegschaft des Circus Vegas ein Sammelsurium aus Sozialfällen, Freaks, gesunden Arbeiterkindern und Artisten, die schon seit Generationen on the road lebten. Sie, diese modernen Zigeuner, the Travelling Show, waren eben wie Kinder. Wie sie alle gerne zusammen lachten, wenn sie in der Kantine nach der letzten Vorstellung Suppe löffelten, Bier tranken und „Monty Python’s Flying Circus“ guckten! Bloß der olle Biscot musste immer meckern! Dieser miese Kinderschreck! Eigentlich schon eine Dickenssche Gestalt, unendlich traurig, aber auch so unendlich unerreichbar in seinen bösartigen Bissen. Andererseits, wenn man den auf die Straße setzte, war der glatt imstande, in der Kneipe die letzten Dollars zu versaufen und sich dann am nächsten Brückengeländer aufzuknüpfen.
Das wollte niemand!
Also schleppte sich der ganze Tross weiterhin in voller Stärke lärmend und hupend den Highway entlang: Pompo mit gebrochenem Herzen, Julio sinnierend und Bücher lesend, Uzanga mit einer Spritze im Arm, Alffred besoffen an der Zellophanhülle der immer nächsten Flasche fummelnd. Der Rest der coolen Gang lebte, werkelte und liebte weiter, mal oben, mal unten.
What a trip!
Gut ein Jahr lang ging es nach Kuokos Ableben hin und her, verdienten sie ihre Dollars im Schweiße des Angesichts. Es ging kreuz und quer durch die Staaten, bis sie schließlich wieder in Birmingham, der Hauptstadt Alabamas, eintrafen.
Der arme Pompo war inzwischen fast schon autistisch geworden. Auf ein für ihn klägliches Gewicht zusammengeschrumpft, bot er ein jämmerliches Bild, doch selbst im Niedergang war er noch imposant und Ehrfurcht einflößend.
Hier war vor einem Jahr seine Gefährtin gestorben, alles war wieder ganz frisch, unmittelbar. Er war reif.
Der Zirkus wurde langsam aufgebaut. In drei Tagen, am Sonntag, war die große, bereits ausverkaufte Gala geplant. Sogar der Governor des Staates, eine Frau namens Ana-Paula Haskins, samt ihrer Familie wollte kommen. Peter, ihr Mann, und die Söhne Richard, Thomas und Harold. Die drei Rabauken liebten den Zirkus!

Der Bulle wusste, in den Südstaaten wurden die Brüder und Schwestern von seinem Freund Uzanga von den fetten Sheriffs schlecht behandelt und manchmal sogar erschossen, bloß weil sie eine schwarze Haut hatten. Das konnte Pompo nicht verstehen! Wenn die weißen Cops die Schwarzen so sehr hassten, dann konnten sie die Grauen auch nicht lieben, sie hatten alle solche Eisenstangen, die knallten und taten in den Ohren furchtbar weh! So wie der verhasste Biscot! Dessen Stange knallte zwar nicht, aber sie war sehr scharf! Außerdem hatte Biscot ein Hühnerherz! Der Bulle Pompo wusste, er könnte dieses mickrige Männchen mit einem einzigen Rüsselhieb, Fußstampfer oder Kackhaufen erledigen, aber diese Laus wagte sich nie ganz heran! Aber wenn er in der Arena war, wo diese grellen Scheinwerfer brannten, schärfer als die Sonne zu Hause, war er frei, es gab keine Fußfesseln oder Gitterstäbe! Da war er FREI!

Der gute Schwarze aber, Uzanga, der andere unglückliche Afrikaner, das andere Alpha-Männchen, war immer sanft zu ihnen, seine Haut so kalt und verschwitzt! Aber sie liebkosten ihn dennoch mit ihren sanften Rüsseln, und die starken Muskelschlangen, die sich um ihn wanden, würden ihn nie verletzen! Pompo spürte, wenn er und seine Gefährten sich um den Dompteur drängten, war er immer so glücklich, und so wach! Ja, sie waren eine Familie, ihm zuliebe machten sie all die entwürdigenden Mätzchen, über welche die kleinen Menschlein so gerne frohlockten! Aber die Kinder! Die Kleinen, ihre Jungtiere, die lachten noch so unschuldig. Und viele von ihnen hatten Angst, oder waren traurig, dass sie, die Elefanten, nicht so frei waren wie in all den tollen Filmen auf dem Discovery-Channel. Jumbo, Dumbo und Ellie wussten, es gab noch ein paar anständige Menschen! Außer BISCOT! Pompo würde ihn mit seinem Rüssel wie ein trockenes fünfzig-Kilo-Keks zerbröseln, das war klar.

Endlich! Es war Sonntag, das große Zirkuszelt festlich geschmückt, die Band spielte laut und falsch ihre burlesken Märsche! Bunte Fähnchen flatterten im Wind! Überall Menschen! Große und kleine, Betrunkene, fröhliche, mürrische, mehr Weiße als Schwarze. Das Programm begann, die Menge klatschte und johlte, die Clowns purzelten durch die Sägespäne, die Artisten wirbelten mathematische Formeln in die Luft, die wilden Katzen fauchten böse, und der Zauberer verspottete alle und jeden. Dann wurden sie, die große Sensation, angesagt, diesmal als Maestro Fantoni mit den Vierlingen, also Uzanga samt Dickhäuter, und es wurde ganz still unter der Zirkuskuppel.
Die Grauhäuter marschierten in einer Kette hintereinander, hielten sich per Rüssel und Schwänzchen aneinander fest, bis sie im Zirkusrund anlangten. Ein lächerliches Spektakel. Sie, imstande auf einer Fläche von der Größe Belgiens nur anhand uralter Markierungen sich zu orientieren! Sie trompeteten LAUT!
Nun war die Musik aus.
Ein Engel ging vorüber.
Pompo machte seinen Frieden mit dem Großen Ahnen.
Er trottete los.

Draußen, vor dem Zelt, hatten die Bullen dunkle Sonnenbrillen im Gesicht.


Nummer 341

Lustig:Vollgas-Pleitier Obama mahnt die Europäer, im Interesse seiner Wiederwahl ihren Kindergarten auf die Reihe zu kriegen.
Traurig: Durban-Gespräche wieder einmal quasi gescheitert. Minimalkonsens hilft nicht weiter. 
Klassikaner: Gladio oder Anarchisten? Wer verschickt in Italien Briefbomben?

Freitag

Nummer 340

                                                DEN LETZTEN BEISSEN DIE HUNDE
                                                                     Innerer Monolog. Für Arthur Schnitzler


Wie lange wird das denn noch dauern? Ich muss auf die Uhr schauen…mein Gott, was bin ich auf den Hund gekommen. Das habe ich mich auch ganz anders vorgestellt, das mit dem „Aussteigen“. Das Paradies unter Palmen, haben sie mir gesagt, Luxus am Sandstrand, haben sie mir gesagt, leicht verdientes Geld, haben sie mir gesagt. Und, was ist gewesen? Nix davon wahr! Der Strand ist voller Sandflöhe, die einen bei lebendigem Leib auffressen. Und das Postkarten-Wasser? Gibt es sicher. Aber am Privat-Beach. Abgeriegelt. Drei Meter Zaun und jede Menge Elektrizität. Bei mir ist es eine braune Suppe. So schaut’s aus, meine Herren, und das ist ein dicker Hund! Ohne Geld bist du hier einen Dreck wert. Ja, daheim auch nicht, aber daheim klatschen sie dir die Verachtung nicht so ins Gesicht, wenn du pleite bist. Und Sozialamt gibt es hier auch keins, da kannst verhungern, unter Palmen. Hätt‘ ich mir das nur gründlich überlegt! Der Bankraub ist ja noch gut gegangen, das stimmt. Der depperte Schalterheini! Blöd hat er geschaut, wie ich ihm die Knarre unter die Nase gehalten hab‘! Aber was machen Sie denn da, Herr Kubitschek? Am End‘ ein Überfall? Machen Sie sich doch nicht unglücklich, hat er gesagt, der feine Herr Bankbeamte. Hab‘ ich ihn halt ein bisserl unters Naserl g’haut, mit dem Lauf. Des bisserl Nasenbluten, ich bitt‘ dich! Da haben die Hunde gebellt, was sie wollten, und die Karawane ist trotzdem weitergezogen! Scheiß-Banker! Von denen nimmt ja ohne Not kein Hund ein Stückerl Brot! Ja, hätt‘ ich vielleicht mit einer Strumpfmaske auftauchen sollen? Oder in eine andre Bank gehen? Blödsinn! Das hätt‘ ich mich ja nicht so gut aus’kannt! Außerdem war mir eh klar, nach einem Bankraub, Gustl, kannst dich schleichen, aus Österreich. Eh klar! Ha, ha! Das soll mir erst einer nachmachen! Gleich nach dem Überfall untergetaucht! Junge Hunde hat’s geregnet, wie ich die Marie im Wienerwald vergraben hab‘! Mir war das alles Wurscht! Dann ein halbes Jahr lang Sandler g’spielt! G’schwitzt hab‘ ich, g’stunken hab‘ ich, bettelt hab‘ ich, alles Leinwand! Keiner hat mich erkannt, unter meiner Pelzgoschen! Und unsere Kieberer musst‘ ja schon wie den Hund zum Jagen tragen, da passiert sonst nix! Na ja, dann hat keiner mehr sich geschert, um mich und meine Beute. War ja auch nicht allzu viel, leider. Dreihunderttausend Mücken. Dabei habe ich gehofft, ich mach‘ mein Milliönchen. Da scheißt der Hund ins Feuerzeug! War eh froh, wie ich weggekommen bin, zuerst nach Kroatien, dann übers Meer, Italien, weiter mit der Fähre nach Barcelona. Die Spanier! Lässige Leut‘! Feiern tun’s gern, lachen auch, nur mit dem Arbeiten, da sind’s ein bisserl zurückhaltend. Recht haben’s! Mit dem kargen Mindestlohn kannst ja wirklich keinen Hund hinterm Ofen hervorlocken. Und die Frauen! Jessasmarandjosef! Ich hätt‘ in Spanien bleiben sollen! Da hätt‘ ich wirklich eine Zeitlang leben können wie Rothschild sein Hund! Aber nein, da hab‘ ich zu viel Muffensausen g’habt, daß mich am End‘ noch wer erkennt. Aber nein, Südamerika hat’s sein müssen! Mir ist ja schon in Portugal alles vergangen. Schirche Menschen, schirche Sprache, schirches Essen, Umständ‘, daß es einen Hund erbarmen muss. Und die armen Viecher, die ich gesehen habe, waren dürr wie Bohnenstangen. Und scheu! Wie scheu! Schad‘, daß hier nicht so scheu sind, die Leut‘, vor allem die Einbrecher. Scheiß‘ der Hund drauf! Bin ich halt reingefallen, auf den Peitscherlbuben! Beweisen kann ich’s ihm halt nicht, aber auch das tät‘ nix nützen. Die wirklich gemeinen Menschen tun ja am allerfreundlichsten, das hast du ja immer wieder gelesen. Na, da schau her, wie viel das Lesen mit dem wirklichen Leben zu tun hat! War mir sympathisch, der Kerl. Hat ja auch Deutsch gesprochen, na, was heißt, er ist ja ein Deutscher. So ein richtiger Piefke, der feine Herr Saupreuss! Da liegt der Knüppel beim Hund! Hab ich mich halt überreden lassen, zum Saufen Koksen Kiffen Huren Zocken und von vorn. Vier Tage lang! Irgendwann ist mir rausgerutscht, was mit mir…aber, das weiß ich nicht mehr so genau…ist eher verschwommen, die Erinnerung. Na ja, war schon blöd, wie ich heimkomm‘, in meinem Zustand, völlig zerfasert, geistig, körperlich, seelisch. Auf dem Hund sein! So ein Witz. War alles weg! Das ganze Geld weg. Kaum was ausgeben, hab ich g’habt! So drauf aufpassen, wollt‘ ich! Sparen, sparen, sparen! Es ist zum Junge-Hunde-kriegen! Ein Cocktail-Hütterl am Strand, das war mein Traum. Selber dein bester Kunde, aber eh Wurscht, Saufen als Fassade…von dem ganzen Geld, ich darf ja gar nicht dran denken, wie lang hätt‘ ich hier leben können, am richtigen Strand, nicht wahr. Wie einen Hund haben’s mich behandelt, wie ich dem Hotelbesitzer gesagt habe, hören Sie, es tut mir leid, mich haben’s ausgeraubt, ich hab‘ kein Geld mehr. Das Gepäck haben’s mir g’stessen, die Schuh‘, Handy, Sonnenbrille, alles weg. Dann haben sie mich hinausgetreten, bei der Tür, die G’frisser! So, als hätten die alle nur auf so einen weißen Trottel wie mich gewartet, damit sie sich können abreagieren! Das ganze Leben daheim vor die Hunde geworfen, und wofür? Zwei Wochen hab‘ ich am Strand zugebracht, am schirchen End‘ von der Insel. Von Kokosnüssen hab‘ ich g’lebt, und geschnorrten Sandwiches, und gefladerten Bieren, das ist nicht sehr romantisch. Wenn ich nur vorher aufgepasst hätte! Wenn, wenn, wenn! Wenn der Hund nicht g‘schissen hätt‘, hätte er den Hasen kriegt, lieber Freund. Mir war dann schon klar, der Saupreuss ist mit allen Hunden gehetzt, wie er auftaucht, am Strand, kurz, bevor ich komplett vor die Hund‘ geh‘, und lädt mich auf ein Essen ein, nicht wahr, wegen der guten alten Zeiten. Abknallen hätt‘ ich ihn können, wie einen tollwütigen Hund! Aber am End‘ hab‘ ich zugestimmt. Im Feriendorf soll ich arbeiten, und als Animateur dem Saupreussen die Kunden vermitteln oder gleich selber bedienen und solche Sachen halt. Heut‘ krieg‘ ich ja die erste Ladung. Na, wohl ist mir nicht, bei der G’schicht‘! Bin ja hier mittlerweile bekannt wie ein bunter Hund. Der Trottel, dem’s das Geld gestohlen haben. Kein gutes Image, aber deshalb genial, als Tarnung. Wer erwartet von einem Trottel wie mir schon kriminelle Intelligenz? Na ja, den Job im Hotel hab‘ ich ja auch schon. Kommt man über den Hund, kommt man auch über den Schwanz. Vielleicht kann ich mir ja was wegsparen. Sicherlich! Ich gebe nicht so schnell auf. Wann kommt er denn jetzt endlich, der Saupreuss? Ist schon spät in der Nacht! Ohne Vollmond würde ich ja die Hand nicht vor Augen sehen können. Wer sich da aller anschleichen könnt, ich will’s mir gar nicht vorstellen! Direkt fürchten könnt‘ ich mich!
„Warten Sie auf jemand bestimmtes?“
Jessasna, der Saupreuss! Was tust mich denn so erschrecken! Müd‘ wie ein Hund bin ich, und du schleichst dich an mich heran wie weiland Winnetou! Schlimmer als die Polizei bist! Sauerei, über einand‘!
„Na, na, na! Jetzt mal halblang, Kumpel. Keine schlafenden Hunde wecken!“
Und, hast du das Zeug dabei?
„Nee, lass man. Kleine Programmänderung. Viel gemütlicher für dich, Kumpel! Und ihr Ösis liebt ja die Gemütlichkeit über alles, nicht?“
Was hat jetzt die Gemütlichkeit damit zu tun?
„Ganz einfach: Dein Kunde sitzt mit Bodyguard bei dir im Hotel. Zimmer 1234.“
Ah, die Suite!
„Genau. Da holste dir die Ware. Den Rest machste wie besprochen.“
Und weg ist er. Ein kummer Hund, der Saupreuss! Aber ich kann nix dagegen unternehmen. Muss ich die Krot‘ halt schlucken. Na ja, wenigstens ein schöner Spaziergang im Mondlicht. Und diese Sternbilder! Direkt exotisch! Und so friedlich! Jetzt kann mir eh nix passieren, ich habe nichts eingesteckt. Wie das Wasser schön rauscht! So warm, und weich! Da könnt‘ ich mir ja direkt die engen Schuh‘ ausziehen, und ein bisserl am Strand entlang marschieren. Nasse Füß‘ kriegen…Genießen…Aufpassen muss ich halt, wo ich draufsteig‘, auf die Stachel-Viecher und die ganzen Scherben. Na, am End‘ lass‘ ich die Schuh‘ lieber an. Ist ja nicht mehr weit. Einen Scherben im Fuß brauch‘ ich wie einen Kropf. Das Krankenhaus? Ich sag‘ dir! Das ist irgendwo dort, wo die Hund‘ mit dem Schwanz bellen. Und die Apparate dort? Vorsintflutlich! Ich sag’s ja immer: Was hat dich da nur für ein Teufel geritten, ausgerechnet hierher zu kommen. Saupreuss, dreckiger! Kalt wie eine Hundeschnauze! So, jetzt sind wir fast da. Sperrzaun, Türlsteher, Herrgott, tut’s doch weiter, Bagage!
Ein bisserl aufgeregt bin ich schon, nicht wahr. Puhh, wenn da nix schiefgeht. Hat eh blöd g’schaut, der blade Herr Nachtportier, wie ich da frech durchmarschier‘, durch seine feine Lobby! Nix mehr mit Personaleingang! Wurscht! Hauptsach‘, drin! Aufzug, Penthouse. Net schlecht. Penthouse. Das hab‘ ich bisher nur aus der Trafik gekannt. Neunte, zehnte, elfte Etage…wie der zischt, mein Lieber. So. Oben. Wo ist…ja, hier ist der Aufgang. Wie war die depperte Parole? Ah ja. Klingeln nicht vergessen.
„Ich bin gestern im Theater gewesen.“
„Und ich geh‘ morgen ins Kino.“
So, das hat geklappt. Reinkommen soll ich. Aha. Da sitzt der Bodyguard vom Chef. So hab‘ ich mir das vorgestellt. Ein riesiger Glatzkopf mit Muskeln und kein Hirn drin. Wurscht, geht mich nix an. Jaja, lassen Sie uns nur zur Sache kommen, werter Herr. Soso, das ist also ein Kilo Kokain. Sehr interessant, wie das ausschaut. Wie weicher Kandiszucker. Und stinken tut das! Grauslich! Ja, ich nehm‘ das jetzt an mich, und der Rest wie besprochen. Gut, ich geh‘ schon. Nix wie heim. Wundert mich ein bisserl, wie gut das gelaufen ist. Na, warum soll ich nicht auch einmal Glück haben. Ich weiß ja eh schon, wo ich das Packerl verstecken werde. Das geht dann rumpel di pumpel, furt ist der Kumpel, depperter Saupreuss! Wo die uns Animateure einquartiert haben, diese Hund‘! Gleich neben der Kläranlag‘! Na, dafür stinkt’s halt nicht nach dem andren Glumpert. Ob ich das probieren soll? Weil wenn du die Ware nicht kennst, die du vertschepperst, können dir die Kunden am End‘ deppert daherkommen. Qualitätskontrolle, dann weißt du, wo der Hund begraben liegt. So, drin sind wir. Hmmhmhmm, muahahaha. Geht ja. Schnell weg mit dem ganzen Werkel…ja, wer klingelt denn jetzt? Ein depperter Kolleg‘ am End‘? Nein, die traun‘ sich nicht. Ein depperter Tourist sicher! So eine Frechheit, ja wissen die nicht, daß unsereins seinen Schlaf braucht? Na, dem wird‘ ich was erzählen! Die Tür aufgerissen… JA BITTE??? Was ist denn das für ein grauslicher Typ. Lederjacke, Schnurrbart, Vokuhila. Sicher ein Österreicher! Was hält der mir für eine Plakette hin? Mit einem Adler drauf? Ist das ein Nazi? Bei mir??? Was steht da?...I..M…I ..N. AL .PO… Was sagt er?
„Habe d’Ehre, Herr Kubitschek! Den Letzten beißen die Hund‘!“