Der Gemeine Katzenpanda

Mittwoch

Nummer 277

Noch oder doch?
Egal! 
Denn all das gibt es wirklich, zumindest im Norden von Wien:
Die mürrisch-müden Polizisten, die am Milch-Kiosk leckere Molkedrinks und ekle Tageszeitungen verlangen.  
Kosher-Shops, die aussehen wie frisch aus der Altstadt von Jerusalem in den Zwanzigsten transplantiert.
Zierliche alte Frauen, mit bunten Sommerkleidchen und wuchtigem Vollkontakt-Toupet auf zeitiger Salat-Jagd.
Den vierköpfigen Straßenarbeiter-Trupp, wobei drei Typen zuschauen, wie einer arbeitet.
Schwatzende Schulschwänzer, die morgens im Augarten sitzen und sich einrauchen.
Die kugelrunden Straßenkehrer hinter der mobilen Mist-Tonne, wie sie in den orange Warnklamotten mit ihrem Frühstücksbier schwungvoll um die Ecke biegen, jovialen Bojen gleich.
Die graubärtigen Griesgrame, deren knotige Fäuste Radfahrern im Park mit der Polizei drohen.
Jene untersetzte Zocker oder Zuhälter (oder beides) vom Balkan, die Vis-à-vis dem Café Elegance ihren Kollegen (oder Konkurrenten) unverblümt dicke Geldbündel  in die öffentliche Hand drücken.
Die müde polnische Kastenschieber-Gang: Glimmstengel. Overalls, Zigarettenpause zwischen Klavier und Kommode. Drei verschwitzte Hooligans. Aufgerollte Hosenbeine, Overalls, extrem kurze Haare. Blaue Augen. Schlafentzug.  Skeptische Blicke. 
Das türkische dicke Damen-Trio, inklusive Kaftan, Schürze und Kopftuch (meinen italienischen Großtanten gar nicht so unähnlich), die mit ihren herrlichen Zahnlücken auf einer Haltestellenbank gemütlich beisammen sitzen, Sonnenblumenkerne kauen und dabei lachen, daß sich die Runzeln auf der Stirne biegen wie tolldreiste Raupen. 
Den einsamen schwarzbärtigen Juden, der im nicht-koscheren Diskont-Supermarkt seufzend jeden Pfirsich, jede Zucchini einzeln befingert, ehe er sie doch in den Einkaufswagen legt.
Den dünnen Mann, Brille, wenig Haare. Typ Taxifahrer mit Diplom. Dicker Schnurrbart, schwarze Klamotten, zwei Flaschen Jägermeister in der Hand.
Sympathische stiernackige Kampfhunde, die breit lächelnd (oder angestrengt drückend) grade ihr grosses Geschäftchen mitten auf den Gehsteig machen- was dem sympathischen russischen Herrchen dann doch ein bisserl peinlich ist.  
Die freundliche kleine Postbotin, die herüber winkt wie ein schmächtiger Fuchs.
Levantinische Gewürzhändler, die einen "Herr Doktor" hinterher rufen.
Wie? 
Ihr glaubt mir nicht?
Aber das alles gibt es wirklich, im Norden von Wien.
Ihr müsst nur früh genug aufstehen. 



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