Das Wurst-Käse-Szenario
TEIL 2
Die Welt im Jahre 2035: Jeder Programmpunkt wird mit einem kleinen Aufsatz erläutert, der durchaus etwas länger werden kann, falls es nötig ist, aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Das Verfassen und Veröffentlichen dieser Aufsätze folgt keinem Schema.
Weltpolitik
Europa - Flickenteppich wie eh und jeh
USA - Splendid Isolation reloaded?
China - Koloss auf tönernen Füßen
Naher Osten - Chaos deluxe
Afrika - Blut, Diamanten, Elfenbein?
BRICS - Geld, Macht, Korruption
Türkei - Abschied vom Bosporus
Gesellschaft
Islam - Das erzwungene Integrationswunder
Extremismus - von lechts, von rinks, uns stinkt's
Internet - Gutenberg vs. Facebook
Parteien - Was von Bismarck erhalten blieb
Konsum/Hunger - Kampf dem Dekubitus
Krankheiten - Die Macht der Implantate
Arbeit- Zwischen Luxus und Not
Wirtschaft
Banken - timeo Danaos et dona ferentes
Energie - der heiße Apfel
Transport - geht ja doch!
Nahrungsmittel - nicht Bocuse, nicht Penny-Markt
Umwelt / Klima
Atomstrom
Erwärmung
Wasser
Ackerland
Heute:
Naher Osten - Chaos deluxe
Tief in der Trickkiste der Neueren Kolonialgeschichte lauert ein Bündel Briefe aus dem Jahr 1915. Die Adressaten saßen in Mekka und Kairo. Sie hießen Hussein ibn Ali und Henry McMahon. In ihrer Funktion waren sie Sherif von Mekka und Britischer Hochkommissar in Ägypten. Ihr Briefwechsel heißt Hussein-McMahon-Korrespondenz. Ihr gemeinsames Interesse: Die politische Zukunft der arabischen Länder des Nahen Ostens. Der GROSSE IRRTUM daran: Die politische Zukunft der arabischen Länder des Nahen Ostens. Der wahre Grund: Koloniale Interessen. Das Ergebnis: Die Araber werten den soignierten Gedankenaustausch als handfeste Garantie ihrer Unabhängigkeit. Kreis geschlossen.
Es ist hart für einen gebildeten Europäer, der in den guten alten Zeiten (1980er-1990er Jahre) die Bildungstrias (Volksschule, Gymnasium, Universität) durchlaufen hat, festzustellen, daß ein Gutteil der Probleme und Sorgen, welche die Menschheit heute so bedrücken, der Ranküne und dem Egoismus seiner Urgroßväter geschuldet ist.
Als 1916 England und Frankreich im Sykes-Picot-Abkommen den lebenden Leichnam Osmanisches Reich zerstückelten, schufen sie dabei kaltschnäuzig und in klarer Abkehr ihrer öffentlichen Absichten des Vorjahres auf dem Kabinettstisch auch ein Gebilde namens Palästina.
Comb out the rusty fever, comb out the cute blonde girls!
Comb out the dusty feelings, comb out the busty whores!
Der erste Verrat von vielen, den die Araber vom Westen hinnehmen mussten. Bis aufs methodische Abknallen wie bei den USA kommt mir das vor die die Behandlung der Indianer. Verträge etc. gelten nur so lange, wie es den Kolonialherren passt. Was für eine Schande! Kein Wunder, wenn sie uns heute so hassen.
1917 folgt der nächste Face-Slap: Die Balfour-Deklaration verdankt ihr Entstehung der Pressure-Group WZO, für World Zionist Organisation. Die Ashkenazi und die Sephardim, ihrerseits die Schnauze voll hatten vom modernen europäischen Antisemitismus, ob der nun subtil-grauenhaft war wie im Westen (z.B. Affäre Dreyfuß 1895) oder eher proletarisch wie im Osten (Pogrom von Kischinjow 1903), ob dieser Judenhaß faustisch ausgelebt wurde (Protokolle der Weisen von Zion) oder zynisch, wie von Lueger war den Juden zu Recht egal. Doch der Wieder-Einzug der Juden ins Gelobte Land sollte sich nach dem Holocaust als eine der destruktivsten Zeitbomben der Geschichte erweisen.)
Der absurde rassische Gegensatz zwischen den zwei Semiten-Stämmen Juden und Araber wäre allein schon genug, um die Nahost-Region nachhaltig zu destabilisieren, grade, weil die USA gegenüber ihrem Verbündeten Israel eine wahre Nibelungentreue halten und die intrigante Rolle der alten Kolonialmächte E und Fr spielen.
Doch der Konflikt wird zusätzlich durch die Folgen des Kalten Krieges erschwert, in dem jede Partei in ihrem Einflussbereich jeden noch so schäbigen Diktator stützte bzw. installierte (oder zu stürzen versuchte), solange er nur dafür sorgte, sein Land auf Linie zu halten (Gewiss, Figuren wie Bokassa und Idi Amin waren extreme Spitzen, aber auch sie passten zum verrückten Tenor der Zeit).
Erstaunlich, wie lange sich zwischen Marokko und Bagdad einzelne Kleptokraten-Clans halten konnten:
Sie alle stopften sich mit amerikanischem oder russischen Segen die TASCHEN VOLL, ließen Tausende in Folterkellern verschwinden, hielten ihre Völker dank ihnen verpflichteten Armeen in Dummheit, Angst und Not.
Als ganz normaler Durchschnitts-Heini hast du damals von diesen Dingen nicht viel mitgekriegt, außer es wurde ein Bürgerkrieg besonders brutal (Libanon ab 1982) oder einer der Weltbosse erschossen, wie etwa Sadat im Jahre 1980. Sein Nachfolger, Hosni Mubarak, sog wie eine Laus als Statthalter der USA Ägypten unbehindert bis in Jahr 2011 hinein das Blut aus. Er hinterlässt ein zorniges, ausgepowertes Land mit Millionen Arbeitslosen und wenig Perspektiven. Hatte keine Lust auf Selbstmord und lässt sich lieber im Krankenbett in den Gerichtssaal rollen, derweilen draußen die Menge tobt und seinen Kopf fordert. In Marokko hingegen herrscht seit 1956 mit harter Hand die Alawiden-Dynastie über riesige Phosphat-Vorkommen und ihr kleines Volk. Sind seit 1783 (!) beste Freunde der USA. Menschenrechte eher mau. Hauptsache, es gibt CIA-Folterknäste.
In Tunesien fraß sich der Ben-Ali-Clan 24 Jahre lang milliardenschwere Bäuche an, ehe sie dito 2011 verjagt wurden. Der Diktator und seine vulgäre zweite Frau sitzen nun in Riad auf ihren Geldpölstern. Im Nachbarland Algerien hingegen herrschte seit dem Kolonialkrieg 1956-1962 und der offiziellen Unabhängigkeit ein chaotischer Schlingerkurs vor, der von sozialistischen Experimenten, Blockfreiheit und dem regelmäßigen Militärputsch in den Bürgerkrieg 1992-2002 mündete. Den gewann der Staat, dessen Obermeister seit 1999 Abd al-Aziz Bouteflika ist, der versucht, den Islamisten endgültig das Wasser abzugraben. Libyen war, wie jeder weiß, die Spielwiese des irrlichternden Obersten Muammar Gaddafi, der Machiavelli ein zumindest anerkennendes Nicken abgerungen hätte. Vater des Volkes und einer unsympathischen Groß-Brut (Hannibal, die Saifs, Mutassim etc.) hortete auch er ein Fafner-Vermögen an, das die 100 Milliarden Dollar wohl überschreitet. Ist im Gegensatz zu seinen Diktatoren-Kumpels noch in Freiheit, er hält sich irgendwo versteckt. Prognosen, er wird enden wie weiland Saddam Hussein, halte ich für verfrüht. Wird wohl in Caracas eine Gesichtsoperation absolvieren und danach die Puppen tanzen lassen. In Syrien gibt es auch wenig zum Lachen. Das Multikulti-Land schlechthin (Sunniten, Alawiten, Schiiten, Christen, Drusen, Juden) gehört seit 1970 der Familie Al-Assad. Nach dem Big Daddy Hafiz, der das Land im eisernen Handschuh hielt, den Libanon schluckte und erfolgreich in der Zweiten Liga führte, kam sein Sohn Baschar, in zweiter Wahl zum Zuge, als sein beliebter großer Bruder Basil einem jener mysteriösen "Autounfälle" zum Opfer fiel. Baschar, der Augenarzt aus London, wirkt seit jeher als Getriebener (der alten Eliten seines Vaters), er ist kein Macher. Was sich aktuell in Syrien abspielt, ist völlig undurchsichtig. Da einer der Hauptorte der Auseinandersetzung die Stadt Hama ist, scheint es sich um eine Art Abrechnung zwischen den Muslim-Brüdern und dem Regime zu handeln. Nachdem Aziz Al-Assad bereits 1982 in Hama einen Aufstand der Muslim-Brüder so gründlich niederschlug, daß die Muslim-Brüder 40 Jahre lang die Füße stillhielten, scheint die Terrorsekte im Windschatten der so genannten "Arabellion" einen neue Chance gegen den kaum für voll genommenen Baschar zu wittern. Der Ausgang darf als offen bezeichnet werden. Da Syrien mehr oder weniger mit dem Iran verbündet ist, und über nicht nennenswerten Ölvorräte verfügt, rechne ich nicht mit NATO-Eingriff oder ähnlichem Pro-Demokratie-Schnickschnack. Ob Baschar Al-Assad mittlerweile selber Lust an der Macht bekommen hat, oder über reichhaltige Depots in Schweizer Tresoren verfügt, ist mir unbekannt. Aber als Kenner der Szene bin ich sicher, falls nicht jemand Baschar gewaltsam ab serviert, und er aufpasst, zu wem er ins Auto steigt, wird er auch in einem möglichen Exil (Taiwan? Teheran?) nicht betteln müssen.
Abgesehen von den regionalen und klimatischen Unterschieden ist all den genannten Staaten gemein, daß sie
über eine Bevölkerung verfügen, die eher dürftig gebildet geschweige denn aufgeklärt ist. Da obendrein die meisten der Arabischen Länder als Republiken bzw. Volks-Demokratien getarnt sind/waren, hat die Freiheit einen doppelt schweren Stand. Die Menschen kamen mit dem (vom Westen gestützten) Staat vor allem in dessen drei Identifikationen in Berührung: Der korrupte Beamte, der grausame Geheimdienstler, der Prügelpolizist. Ich nehme an, die geknechtete Bevölkerung hat die Schnauze voll von all dem Gerede und es wendet sich dem zu, was es seit Urzeiten kennt: Der Islam. Meine Prognosen von West nach Ost für 2035:
Marokko bleibt eine Monarchie, dazu kommen wirtschaftsliberale Einsprengsel, Demokratie unerwünscht. Chemo-Agrar-Industrie.
Algerien: Islam-Sozialistischer Sowjet. Demokratie unerwünscht. Mangelwirtschaft.
Tunesien: Gaullistisch geprägter Präsidialstaat mit demokratieähnlichen Zügen. Tourismus, Phosphate, Photovoltaik.
Libyen: Erlahmender Schwung des Wiederaufbaus, Demokratie englischen Zuschnitts, Korruption. Erdöl, Photovoltaik, Dienstleistung, Tourismus.
Ägypten: Islamistische Diktatur, Armut, Hunger, Bürgerkrieg. Failed state.
Syrien: Chinesisch geprägte Militärdiktatur. Banken, Tourismus, Photovoltaik, Lebensmittel. Verarbeitende Industrie.