Der Gemeine Katzenpanda

Dienstag

Nummer 184

In tiefer Verehrung gewidmet meiner Frau und dem tiefsten Gefühl, dessen der Mensch fähig ist, der Liebe, zugleich gewidmet einem der größten Menschen, die je gelebt haben, sowie dem, meinem Geschmackswissen nach, tiefsten Tonsetzer aller Zeiten: Beethoven. 
Wie rührend, Worte zu lesen, die zeigen, auch der genialste Revolutionär ist nicht vor Schmerz gefeit. Aber anders als wir übrigen Würstchen, die bei Liebeskummer Gedichte abmalen und an die Angebetete schicken, schreit Ludwig den ersten und zugleich zartesten Liederzyklus der westlichen Musikgeschichte hinaus. Beethoven, der nicht wie der widerliche Kunst-Beamte, Nobelpreisträger Thomas Mann täglich von 10 bis 17 schreibt, sondern einer, wegen dessen die Polizei das Publikum nach fünf Ovationen hindern muss, weitere auszubringen, da dem Kaiser selbst maximal drei zugestanden waren, Beethoven, der aus seine Kunst aus dem Bauch bezieht, und über das Privileg des dazu gehörigen überragenden Geistes verfügt, um das Gefühl durch Intellekt zu Größe zu gelangen...seine Liebe ist Leiden.




am 6ten Juli Morgends. –
 



Mein Engel, mein alles, mein Ich. – nur einige Worte heute, und zwar mit Bleystift (mit deinem)
– erst bis morgen ist meine Wohnung sicher bestimmt1, welcher Nichtswürdiger Zeitverderb in
d.g. – warum dieser tiefe Gram, wo die Nothwendigkeit spricht – Kann unsre Liebe anders
bestehn als durch Aufopferungen, durch nicht alles verlangen, kannst du es ändern, daß du nicht
ganz mein, ich nicht ganz dein bin – Ach Gott blick in die schöne Natur und beruhige dein
Gemüth über das müßende – die Liebe fordert alles und ganz mit Recht, so ist es mir mit dir, dir
mit mir – nur vergißt du so leicht, daß ich für mich und für dich leben muß, wären wir ganz
vereinigt, du würdest dieses schmerzliche eben so wenig als ich empfinden2 – meine Reise war
schrecklich ich kam erst Morgens 4 uhr gestern hier an, da es an Pferde mangelte, wählte die Post
eine andre Reiseroute3, aber welch schrecklicher Weg, auf der vorlezten Station warnte man mich
bey nacht zu fahren, machte mich einen Wald fürchten, aber das Reizte mich nur – und ich hatte
Unrecht, der Wagen muste bey dem schrecklichen Wege brechen4, grundloß, bloßer Landweg,
[durchgestrichen: und di] ohne 2 solche Postillione, wie ich hatte, wäre ich liegen geblieben
Unterwegs. – Esterhazi5 hatte auf dem andern gewöhnlichen Wege hierhin dasselbe schicksaal,
mit 8 Pferden, was ich mit vier. – Jedoch hatte ich zum Theil wieder vergnügen, wie immer, wenn
ich was glücklich überstehe. – nun geschwind zum innern vom aüßern, wir werden unß wohl bald
sehn, auch heute kann ich dir meine Bemerkungen nicht mittheilen, welche ich während dieser
einigen Tage über mein Leben machte – wären unsre Herzen immer dichtan einander, ich machte
wohl keine d.g. die Brust ist voll dir viel zu sagen – Ach – Es gibt Momente, wo ich finde daß die
sprache noch gar nichts ist – erheitre dich – bleibe mein Treuer einziger schaz, mein alles, wie ich
dir das übrige müßen die Götter schicken, was für unß seyn muß und seyn soll. –
dein treuer ludwig. –
Abends Montags am 6ten Juli –
Du leidest du mein theuerstes Wesen – eben jezt nehme ich wahr daß die Briefe in aller Frühe
aufgegeben werden müßen. Montags – Donnerstags – die einzigen Täge wo die Post von hier
nach K. geht6 – du leidest – Ach, wo ich bin, bist du mit mir, mit mir und dir rede ich mache daß
ich mit dir leben kann, welches Leben!!!! so!!!! ohne dich – Verfolgt von der Güte der Menschen
hier und da, die ich meyne – eben so wenig verdienen zu wollen, als sie zu verdienen – Demuth
des Menschen gegen den Menschen – sie schmerzt mich – und wenn ich mich im
Zusammenhang des Universums betrachte, was bin ich und was ist der – den man den Größten
1 Beethoven hatte zum Zeitpunkt des Briefes noch keine feste Unterkunft. Er wohnte zunächst im Gasthof „Zur

nennt – und doch – ist wieder hierin das Göttliche des Menschen7 – ich weine wenn ich denke
daß du erst wahrscheinlich Sonnabends die erste Nachricht von mir erhältst – wie du mich auch
liebst – stärker liebe ich dich doch – doch nie verberge dich vor mir – gute Nacht – als Badender
muß ich schlafen gehen8 – [durchgestrichen: o geh mit, geh mit –] Ach gott – so nah! so weit! ist
es nicht ein wahres HimmelsGebaüde unsre Liebe – aber auch so fest, wie die Veste des
Himmels. –
guten Morgen am 7ten Juli –
schon im Bette drängen sich die Ideen zu dir meine Unsterbliche Geliebte, hier und da freudig,
dann wieder traurig, vom Schicksaale abwartend, ob es unß erhört – leben kann ich entweder nur
ganz mit dir oder gar nicht, ja ich habe beschlossen in der Ferne so lange herum zu irren, bis ich
in deine Arme fliegen kann, und mich ganz heymathlich bey dir nennen kann, meine Seele von
dir umgeben in’s Reich der Geister schicken kann – ja leider muß es seyn – du wirst dich fassen
um so mehr, da du meine Treue gegen dich kennst, nie eine andre kann mein Herz besizen, nie –
nie – O Gott warum sich entfernen müßen, was man so liebt, und doch ist mein Leben in V.[ien]
so wie jezt ein kümmerliches Leben – Deine Liebe macht mich zum glücklichsten und zum
unglücklichsten zugleich – in meinen Jahren jezt bedürfte ich einiger Einförmigkeit Gleichheit
des Lebens – kann diese bey unserm Verhältniße bestehn? – Engel, eben erfahre ich, daß die Post
alle Tage abgeht – und ich muß daher schließen, damit du den B. gleich erhältst – sey ruhig, nur
durch Ruhiges beschauen unsres Daseyns können wir unsern Zweck zusammen zu leben
erreichen – sey ruhig – liebe mich – heute – gestern – Welche Sehnsucht mit Thränen nach dir –
dir – dir – mein Leben – mein alles – leb wohl – o liebe mich fort – verken[ne] nie das treuste
Herz deines Geliebten
L.
ewig dein
ewig mein
ewig unß



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