Hier Bachmann, Bernhard, Freud, Kafka, Handke, Streeruwitz, Zweig.
Hinter den Bergen Borchert, T.Mann, H.Müller, Nietzsche.
Meine Leseliste für den Sommer 2010.
Fein säuberlich alphabetisch und nach Nationalitäten getrennt.
Hinter den Bergen Borchert, T.Mann, H.Müller, Nietzsche.
Meine Leseliste für den Sommer 2010.
Fein säuberlich alphabetisch und nach Nationalitäten getrennt.
Diese deutsche akademische Auswahl österreichischer Autoren aus dem Kanon deutschsprachiger Literatur unterstreicht die Tatsache, daß etliche Deutsche meiner Generation ihr Österreich-Bild hauptsächlich aus Hitler-Heimat, zeitgenössischer Literatur und Fernseh-Sprechern zusammengesetzt haben. Entsprechend war auch ihre Vorstellung von Österreichern kein Wunder.
Ich fange mit dem ersten Buch an, das ich gelesen habe.
Thomas Bernhard: Der Untergeher.
Zum Autor: Alles andre als charmanter Causeur - hier kommt T.B.'s penibler Pasquillant durch. Der Ekel ist echt. Ich kann verstehen, warum viele Österreicher Thomas Bernhard als einen Nestbeschmutzer empfinden, nachvollziehen kann ich es nicht. Was er schildert, hat vermutlich jeder Österreicher selbst erlebt.Warum genieren sich die Leute dafür, Opfer zu sein? Das hilft hier nicht weiter. Seine Hilferufe sind im Schleim erstickt, der Letzte Wille mutwillig mißachtet. Aber da ist er ja mit Kafka ja in guter Konjektur-Gesellschaft.
Zur Gattung: Der Untergeher kann mit Fug und Recht von sich behaupten, ein Künstlerroman zu sein. Aber anders als bei den homophil-gekünstleten Novellen Thomas Manns, die sich ebenso mit "Krankheit" befassen, ist hier die Krankheit nicht dem Zeitgeist vorgetäuscht: Bei Thomas Bernhard haben wir ja einen "echten" Rilke-Charakter vor uns, jemand, der vor sich hin siecht.
Zum Inhalt:
Wahnsinn, Weltekel, Virtuosentum, kaputte Freundschaften, Haß, eine tüchtige Portion Selbstmord.
Wahnsinn, Weltekel, Virtuosentum, kaputte Freundschaften, Haß, eine tüchtige Portion Selbstmord.
Mit diesen wenigen Schlagworten lässt sich der Inhalt des Buches in etwa subsumieren. Ein Ex-Klavierspieler, der zum Klavier-Kritiker wird, erzählt anlässlich des Selbstmordes seines besten Freundes rückblickend, aus einem Leben, das ihm seit seiner ersten Begegnung mit einem echten Künstler-Genie, Glenn Gould, völlig verschalt ist. Erst hier geht der Roman in eine Meditation über Scheitern, Eitelkeit, Inzucht übergeht. Zwei bürgerliche Bubis die aus Trotz Künstler werden wollen, um die "spießigen" Eltern zu ärgern. Sie erlernen das Handwerkliche am Künstler-Sein, nennen aber keine Inspiration ihr Eigen. Der Kleinbürgerliche Künstlertraum kommt hier durch, der ebensogut zum Faschismus führen kann, wie zum Kunsthandwerkertum im besten Fall, Lehrer etwa. Die Nächstenliebe wird als mögliche Motivation wird Nächstenliebe ins Spiel gebracht, sie ist vermutlich das Einzige, das den Erzähler vom Selbstmord abhält. Selbstmord wird im Roman als unausweichlicher Lifestyle verankert. Selbstmord wird nicht besonders negativ konnotiert. Besonders der Selbstmord des seelisch schon Kranken. Der großbürgerliche Intellektuelle, ein Spät-Décadent, der vermutlich keine Zahnpasta benutzt. Aber Feuchtigkeit ist ein fest wiederkehrendes Bild, vor allem von feuchten Mauern. Aber auch Münder könnten feuchte Mauern sein, mit zugebissenen Zähnen, die kein Wort hinüberlassen. Sprachlosigkeit tritt ein, wenn das Genie erstmal begriffen hat, also alles ausgeleuchtet hat, schlagartig. Wenn er nur so schnell sprechen könnte, um das mitzuteilen, was er denken muss, sich mitteilen, den Druck ja ablassen können, er würde es ja tun! Aber es geht nicht! Die Zeit würde stillstehen müssen! Da STAUEN so viele WORTE! So aber bleibt nur das lange Leid- und nach der Stoa der Suizid.
Wird finden uns wieder im Myzel der Jugend, wo bei virilen Jugendlichen der unerfüllte Wunsch nach dem Zusammenwohnen mit dem besten Freund, in einer sauberen Junggesellen-WG, aus Liebeskummer asketisch geworden, zu einer Idée fixe, die beim Ableben beider bester Freunde zu einer Folter wird, jener nicht unähnlich der ungesprochenen Worte der Selbstanklage...
Zum Stil: Selbst der Virtuosität nachgehend, die er im Roman bekrittelt, die manchmal an Selbstverliebtheit grenzt und die ganz genau weiß, wo sie die Kunstgriffe unauffällig platzieren muss, damit sie umso auffälliger wirken, changiert der Autor zwischen indirekter Rede, innerem Monolog und epischem Präteritum. Zuweilen eird es sogar redundant in seiner Larmoyanz. Aber das sei jedem guten Leidens-Künstler verziehen. Das musst du erstmal fehlerfrei schaffen, oder du hast einen guten Lektor. Des Weiteren gibt es im ganzen Buch auf immerhin 240 Seiten keinen einzigen Absatz und kein einziges Mal direkte Rede.
Durch eine starke Ich-Erzählerposition geschützt, kann der Autor autobiographische Züge fast völlig unbemerkt einfließen lassen. Die schräggestellten Textstellen markieren Zitate, bei Hauptsätzen ist hier der Einsatz von "quasi" Präsens.
Eine Nebenwirkung der indirekten Rede ohne Absatzzeichen ist das Gefühl großer Enge. Jemand hat Angst vor dieser Enge. Die Grenzen der Bewußtseine verschwinden, es tritt ein Lesesog ein. Nach und nach konsumiert der Leser die Synchronitäten des Autors, des Textes und der Reflexion, ihm ist es aber erlaubt, jederzeit wieder aus dem Fluß zu steigen. Die Worte perlen trocken ab. Sie stammen notabene ja aus dem Penizillin-Alter. An simpler Lungenentzündung muss keiner mehr sterben, auch nicht an TB oder Syphilis. Die moderne Medizin hat dem Leben ja schon so manchen Reiz als schädlich rausoperiert. Nur der freiwillige Gang in die Sepsis birgt noch die Möglichkeit, das eigene Sterben zu dokumentieren, vor allem, wenn dabei auch die Füße stinken.