Der Gemeine Katzenpanda

Donnerstag

Nummer 16

Wer im Norden Wiens lebt, etwa am Wallensteinplatz, hat's nicht weit ins Grüne. Gleich ist der Donaukanal erreicht, dann kommt die Mehlmützen-Müllverbrennung (das Hundertwasser-Design passt zum Mist) und von dort geht es weiter auf der Heiligenstädter Strasse immer geradeaus über das Wiener Gemeindegebiet hinaus. Die Donau stromaufwärts, gleich hinter Klosterneuburg, wird der Fluß breiter und die Straße schmal. Ein warmer Wind wirbelt den Staub auf, der seit Monaten unter dem Schnee gefangen war. In der Luft auch eine Spur der ebenfalls befreiten Hundstrümmerl-Mumien. Wir kommen durch kleine Ortschaften mit großartigen Namen: Kritzendorf, Höflein an der Donau, Greifenstein. Wahlplakate säumen die Wände. Frühlingsbeginn? Sieht es schon danach aus? Wäre schön, wenn auch recht früh, heuer.
Erster März, bei 14°C.

Die Ortschaft Altenberg ist unser Ziel, bzw. deren Wasserschutzgebiet. Ein Stausee stromaufwärts hält die Auen zusätzlich naß. Hier ist der weltberühmte Forscher Konrad Lorenz mit seinen Graugänsen um die Wette gepaddelt. Hoffentlich im Sommer. Biber haben ihren Namen in viele Bäume genagt. Ich marschiere mit meinem alten Freund Jacky X. los. Eine Runde um den Altarm der Donau, eine Art Halb-See, der Marsch ist auf eine gute Stunde ausgelegt. Wir reden über Gott und die Welt. Der Schnee ist weg. Die Uferränder sind von gelbem toten Gras bedeckt, der dichte Urwald wirkt hingegen grau. Die Straße wird schließlich zum Weg, biegt in den Auwald ab. Ein paar hundert Meter weiter kommen wir zu einem wilden Schlammfeld, an dessen Stirnseite ein bizarres blaues Parkplatz-Zeichen prangt. Das ganze Gelände sieht aus wie von Panzerketten umgepflügt und der UNO geschützt. Udo Proksch-Phantasien kommen plötzlich ins Spiel: Dies war einst sein Privatpanzerparkplatz für pittoreske Kriegsspiele. Ein Memoriam-Rave auf eben diesem Parkplatz: Sommer (Gelsenalarm!), der DJ trohnt auf einem Panzer. Proksch-Plakate und Proksch-Lichtbeam-Bilder zeigen den kriminellen Hofnarren in seinen besten Halbseiden-Posen: Als Napoleon, als Schweinehirt, als Politiker, Banker, Reeder, Designer.
Die Junge Generation der SPÖ könnte das Ganze sponsern.

Aber die Politik hat mittlerweile ganz andere Sorgen.
Zumindest hier in der Gegend.
Bald werden in NÖ Gemeinderatswahlen abgehalten.
Die rotfleckigen Gesichter der Kandidaten für Zeiselmauer-Wolfpassing, sagt Jacky, zeigen offen, wie stark sie vom Wein geknechtet werden. Das gilt übrigens auch für die hemdsärmligen Herren der ÖVP Muckendorf-Wipfing. Der vollmundige Vertreter vom LF in St.Andrä-Wördern hingegen schaut aus wie ein Waldorf-Schüler mit chronischer Verstopfung (schicke Krawatte!). Zu meinem Erstaunen wirkt nur einer der Kandidaten nicht wie ein abgrundtiefer Blick in den Flaschen-Rückgaeautomat: Der alt gewordene 80er-Jahre Griechenland-Hippie von den Grünen sieht wenigstens aus wie ein Mensch. FPÖ-Plakate sind keine zu sehen. Und solchen Typen soll der Wähler seine Stimme geben? Diese Kerle könnten dir nicht einmal die richtige Uhrzeit sagen. Aber vielleicht sind die Leute hier eh selber so, oder es ist ihnen egal. Ich kann dazu nichts Fundiertes sagen, denn Eingeborene bekommen wir vorerst keine zu Gesicht.

Der Auwald zeigt seine Farben sehr bescheiden - Schneeglöckchen nur und zerdrückte Cola-Dosen. An stillen Plätzchen direkt am Wasser gehen Angler ihrem stummen Hobby nach. Jacky und ich knurren Flüche auf Politiker. Wunderschöne alte Eschen ragen wie silberne Riesen-Phalli weit über ihre niedriggeborenen Nachbarn hinaus. Zwei sportlich gewandete Radfahrer schießen von hinten kommend an uns vorbei, ihre zischende Geschwindigkeit wirkt unharmonisch an diesem Ort gluckernder Wässer und raunender Äste.

Gegen Ende der Wanderung kommen wir am Imbißstand "Fridel Gastro" vorbei, eine Art gemauerter Wurstwagen, der mit wildem Revolutions-Schaschlik, El-Comandante-Burgern und Che-Guevara-Hotdogs wirbt. Wunderbar, daß die Wiener Provinz noch Zufluchtsorte für unverbesserlich zur Schau gestellten Marxismus birgt...auch wenn dies nur der kapitalistischen Umsatzankurbelung dient. Aber wenn ich meine Augen ganz fest zumache, so fest, bis aus dem Schwarz ein rotes Orange wird und der Schädel schier platzen will, explodiert in mir der Wunsch, "Youth of America" von den Wipers in voller Lautstärke zu hören.
In Ermangelung einer portablen Stereo-Anlage kehre ich mit Mister X in ein skurriles Lokal ein. Es handelt sich um ein stillgelegtes Dampfschiff, im Altarm vor Anker liegend. Die Alu-Gangway federt merklich unter unseren Schritten. Die Schiffskneipe ist nur für Nichtraucher, ermahnt uns eine Papptafel! Mir wird wohlig ums Herz. Wir betreten die Schenke. Überfallsmäßig werden wir mit durchdringenden Pfeif-Lauten empfangen- prachtvolle Graupapageien heißen uns auf ihre Art willkommen.

Die Vögel beäugen uns schräg. Ebenso krängen Personal und Publikum. Unser munteres Grüßgott! lockt ähnliche Entgegnungen hervor. Nun erst schält sich ein dünner Mann aus der Menge. Mit starkem ungarischem Akzent erkundigt sich der Chef persönlich nach unseren Wünschen. Bierchen? Zwei Flaschen? Kein Problem. Dem Publikum fielen selbst der Verzehr von zwei Kisten Bier nicht schwer. Ich liebe Orte, an denen Zeit und Ort im Duett stehen geblieben sind. So wie diese Huckleberry-Finn-Nostalgiker-Pinte hart am Rande des Nichts. Jacky und ich verschwinden mit unseren Flaschen in der Hand im hintersten Teil der Kneipe. Der Wirt gesellt sich wieder zu seinen anderen Gästen. Die muntere Schar der Zecher weiß von eigenen Krankengeschichten und den Schicksalen Abwesender zu berichten.
Wir lauschen, lächeln, trinken aus, zahlen, dann geht es zurück nach Wien.
Sehr lehrreich, so ein Ausflug!