Ich sitze brav nach Erledigung meines Lernpensums (Erstellung der Fassungen E1 und H von Georg Trakls Gedicht "Frauensegen", mit Varianten-Apparat) bei offenem Fenster daheim am Schreibtisch. Ich schaue aus dem Fenster. Was für ein Lenz!! Schwellende Knospen, zarte Triebe, fröhliches Zwitschern. Da ist es leicht, Expressionist zu werden.
Es ist dies der erste Frühling in meiner Wohnung am Wiener Wallensteinplatz. Ich bin letzten Herbst hier eingezogen und fühle mich hier richtig wohl. Ruhig, hell, hoch oben. Rechts vor mir ragen zwei riesige Pappeln der Sonne entgegen- sie sind ein gutes Stück höher als die Häuser, von denen sie umgeben sind. Ein paar andre Bäume wetteifern mit den Pappeln um Licht und Aufmerksamkeit, schaffen es aber nicht, denn sie reichen ihnen nicht mal bis an die Gürtellinie: Eine dünne Hängebirke, eine Erle, eine Gruppe kleiner Eschen. Und drei winzige Rosskastanien, die Baum bloß spielen. Von der isländischen Killer-Aschen-Wolke, die seit Tagen den europäischen Luftraum lahmlegt, ist nichts zu sehen.
Die hübschen grünen Bäume werden von einer ebenso bunten Dachlandschaft gesäumt. Flachdächer mit gemauertem Kaminbewuchs mir gegenüber, zur Rechten ragt mir die pockennarbige Front des Abbruchhauses
ins Sichtfeld, links ein Satteldachensemble in vollmundiger Terrakotta.
Und hinter diesen ziegelroten Dächern ragt einsam, finster und fleckig der Feuerleitturm in den Himmel empor, rabenbekränzter einsamer Zwilling des Augarten-Flakbunkers.
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